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Randhemerhungert zur woche

Die Krise der Staatsvertragsverhandlungen verlangt von allen Verantwortlichen ein erhöhtes Maß von Geschicklichkeit und Ausdauer, von Be-harrungs- und Nervenkraft. Aber nicht nur von den Männern der Politik, sondern ebenso von jedem einzelnen Bürger dieses Landes. Gewiß ist, wie der Bundespräsident in. seiner Neujahrsbotschaft so deutlich und eindrucksvoll erklärte, das Schicksal Österreichs eng mit den Problemen der großen Politik verknüpft, so daß die letzte Entscheidung nicht in Wien, sondern im großen Spiel der Weltpolitik gefällt wird. Ist es doch überaus bezeichnend, daß eine der bedeutsamsten Erklärungen zum Problem des österreichischen Staatsvertrags in den letzten Wochen in Colombo, im jungen Dominion Ceylon durch Außenminister Bevin anläßlich der dortigen Commonwealth-Konferenz abgegeben wurde. Dennoch wäre es grund-ralseh; wenn sich der Österreicher mit dem Gedanken abfinden würde, daß er selbst zur Entscheidung nichts beitragen könne. Denn auch die. Haltung jedes einzelnen Bewohners dieses Landes ist in dem gtoßen Kräftespiel von Bedeutung. Uneinigkeit, leichtfertige Rechthaberei und Engstirnigkeit auf der einen, Panikstimmung und Gerüchtemacherei auf der “ anderen Seite könnten jenen Gewalten; die Österreich feindlich gesinnt sind, den Ansatzpunkt bieten, um das zu erreichen, was bisher durch die entschlossene und verständige Haltung des ganzen Volkes verhindert werden konnte.

' Erst; zwei Monate nach der Bischofskonferenz vom 17. November 1949 veröffentlichten die' österreichischen Bischöfe den auf dieser Konferenz beschlossenen Kommentar zum vatikanischen Dekret gegen den Kommunismus. Der Zeitpunkt ist trotzdem richtig gewählt und nur ein Beweis dafür, daß die österreichischen Bischöfe äußerste Sorge walten ließen, um auch nicht den geringsten Verdacht, sich in politische Dinge einzumischen, auf sich zu laden. Die Wahlen sind lang vorbei, die Regierung gebildet, das Parlament ist zusammengetreten, irgendwelche schwere innerpolitische Auseinandersetzungen stehen nicht vor der Tür. In solcher Situation läuft ein Hirtenwort weniger Gefahr, als politische Demonstration gewertet zu werden. Der Kommentar selbst ist ein schöner Beweis dafür, daß mit der Verteidigung der kirchlichen Rechte heute auch unzertrennbar die Verteidigung der Menschenrechte verknüpft ist: das Recht der Menschen auf Freiheit, auf Eigentum, auf Familie,' auf ein Leben in Kultur. Aber gerade die Verteidigung dieser Menschenrechte hat es mit sich gebracht, daß den Bischöfen dennoch der Vorwurf der Einmischung in die Politik angelastet wurde. Die Kirche ist eine Gemeinschaft deY Gläubigen. Ihr Zweck ist es, die Menschen zu ihrem übernatürlichen Leben zu führen. Dies kann nicht allein geschehen durch Vermittlung der geistigen Gaben, sondern auch durch Verteidigung der ewigen Menschenrechte. Wenn gegen die Verteidigung von Menschenrechten der Vorwurf „Einmengung in die Politik“ gemacht wird, dann beweist dies nur, daß in diesem Zeitpunkt — vielleicht nicht immer öffentlich sichtbar — nicht nur die Rechte der Kirche, sondern auch die Rechte der Menschen gefährdet sind. t

Der Streik der Bühnenarbeiter in den Bundestheatern ist in mehr als einer Hinsicht eine bedauerliche Episode; er gewinnt besonderes Interesse durch die Tatsache, daß die Streikenden Staatsangestellte sind, sie sich somit nicht gegen einen privaten, sondern gegen den Arbeitgeber Staat stellen. Dieser nun hat infolge der Sperre seiner vier Theater- und Opernhäuser bereits in den ersten Tagen einen Verlust von mehreren hunderttausend Schilling erlitten, der natürlich zu Lasten der sozialen Gemeinschaften geht. Der' Finanzminister hat die Forderungen der Streikenden unter dem Hinweis ablehnen müssen, daß ihre Erfüllung einen Präzedenzfall darstellen würde, der die anderen Staatsangestellten gleichfalls zur Erhebung von Ansprüchen veranlassen könnte. Dennoch und ohne Rücksicht auf den entstehenden materiellen und kulturellen Schaden geht der Streik weiter. Die Öffentlichkeit sympathisiert keineswegs mit den Streikenden, wie deutlich genug zu bemerken ist. Sie bemerkt mit Recht, daß angesichts der schwierigen Lage des Personals in den Privattheatern, der Staatsfinanzen und der Künstlerschaft ein solcher Streik unfruchtbar, ja in seinen weiteren Auswirkungen die Interessen der Streikenden selber schädigend sei.

Die Berichte der Tagespresse über die Invalidenfürsorge brachten interessante Aufschlüsse über die Verwaltungstätigkeit auf diesem menschlich so toichti-gen Gebiet. Man erfuhr, daß Verwaltungsarbeit durchaus nicht bürokratisch zu sein braucht und auch die sogenannten ungewöhnlichen Wege gehen kann, wenn ausreichende Initiative vorhanden ist. Vor allem in der beruflichen Unterbringung der Invaliden aus der ländlichen Bevölkerung waren große Schwierigkeiten zu überwinden, da meist nicht mehr die körperliche Eignung der Invaliden für die Landarbeit vorhanden und die Aufnahmeneigung in anderen Berufszweigen gering war. Mit besonderen „fliegenden“ Kommissionen wurde dieses Problem durch Prüfung jedes Einzelfalles an Ort und Stelle gelöst. Überhaupt zeigt sich, daß in diesem Fall nicht die vielgelästerte Bürokratie das Hindernis bildete, sondern die Wirtschaft. Man neigt hier oft noch zu der reichlich überholten Meinung, daß ein Invalider eine halbe Arbeitskraft ist, die voll bezahlt werden muß. Man übersieht bei dieser Einstellung, daß ein Körperbehinderter oft, ja sogar in den meisten Fällen, durch einseitige Konzentration auf die erhaltenen Glieder und durch die dem Beschädigten eigenen Willensantriebe in geeigneten, seinen körperlichen Fähigkeiten angepaßten Beschäftigungen mehr leistet als ein viel leichter ablenkbarer Gesunder. Es ist deshalb falsch, nur Portier- und Schreiberstellen für die Invaliden bereitzustellen. Es ist das Verdienst der betreuenden Behörden, daß sie durch Aufklärung und Umschulung die Hemmungen der Wirtschaft gegenüber dem Kriegsbeschädigten tatsächlich zum großen Teil aus dem Weg räumen konnten. Nicht gelang dies aber im Falle der Blinden. Man hat bei uns offenbar noch immer nicht die Erfahrung zum Beispiel der amerikanischen Industrie sich angeeignet, daß Blinde wegen ihres verfeinerten Tast- und Hörvermögens und ihrer durch keine optischen Eindrücke gestörten Konzentrationsfähigkeit geradezu unbezahlbare Spezialisten für viele technische Zweige, insbesondere für feinmechanische Arbeiten sind. Man sollte es wirklich einmal einer Überlegung wert finden, diesen so fürchterlich Geschlagenen die angemessene Berufstätigkeit zu ermöglichen und nicht auf einem Vorurteil beharren, das an Ortega y Gassets Wort von der Dummheit erinnert, die mehr Leid in der Welt schafft als alle körperliche Unbill zusammen.

Im Unterrichtsministerium wurde ein sogenannter Kunstbeirat in Funktion gesetzt; er besteht aus Museumsfachleuten, die mit der Sammlung und Pflege moderner Kunst betraut sind, und wird die Aufgabe haben, Ausstellungen moderner österreichischer Kunst auf die Beine zu stellen und ins Ausland zu schicken; mehrere solche Ausstellungen sind bereits in Vorbereitung — sie werden eine wertvolle Er--gänzung und Erweiterung der großen Schau österreichischer Kunstschätze - bilden, die im Ausland allerorten Aufsehen erregt hat und die allein in Washington nahezu eine Million Besucher verzeichnen konnte. Diese Meldung ist, man kann es nicht anders sagen, höchst erfreulich; sie bedeutet Gutes für unsere lebenden Künstler, die — unverdientermaßen — lange genug im Schatten gestanden sind, sie gibt der österreichischen' Kulturpolitik ein neues Arbeitsfeld. Es eröffnet sich die Möglichkeit, der Welt zu beweisen, daß unser Land auch in seiner Kunst durchaus nicht nur auf Erbstücke einer glanzvolleren Vergangenheit angewiesen ist. Es ist nur zu hoffen, daß die Wünsche größerer Künstlervereinigungen, in den Kunstbeirat Vertreter entsenden zu dürfen, nicht erfüllt werden. Denn es ist kein Geheimnis, daß gerade die größten dieser Künstlerverbände nicht immer auch zugleich die an Kunst gehaltvollsten sind; und nichts wäre falscher, als einen Proporzanteil zuzulassen, wo lediglich die Qualität des Einzelnen entscheidend wirken muß.

In dem Augenblick, da durch die Reise Schumans nach Bonn die deutschfranzösische Verständigung an einer hoffnungsvollen Wende zu stehen schien, ist als ein neuerlicher Zankapfel das Saarproblem in die Diskussion geworfen worden. Bedauerlich? Vielleicht, wenn das Gespräch dadurch unterbrochen oder empfindlich gestört wird. Gewiß nicht, wenn gerade durch die Lösung dieses dornigen Problems gezeigt wird, daß in der europäischen Politik wirklich ein neuer, das europäische Erbübel des Nationalismus überwindender Geist lebendig ist. Überzeugender als alle Abhandlungen über die Einigung Europas würde eine gerechte, beide Teile befriedigende Lösung des Saarproblems für eine neue europäische Politik Zeugnis ablegen. Das Saargebiet als verbindende Klammer zwischen Deutschland und Frankreich? Noch scheint es ein schöner Traum. Hier wäre aber jedenfalls einmal eine Gelegenheit, alle die schönen Worte, die in Straßburg, Lausanne und bei allen anderen europäischen Kongressen gesprochen wurden, auf ihren realpolitischen Wertgehalt zu überprüfen.

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