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Politische Aufforstung

SCHLOSS EICHBÜCHL — ein Name, der dem politisch durchschnittlich, das heißt wenig interessierten und durchschnittlich, das heißt schlecht informierten Österreicher wenig sagt. Allenfalls kennt man das acht Kilometer von Wiener Neustadt entfernt bei Katzelsdorf gelegene Schloß von Sonntagsausflügen.

Würde des Österreichers Sinn für Geschichte nicht um so geringer, je kürzer diese zurückliegt, würde der Geschichtsunterricht an österreichischen Schulen nicht weit vor der gefürchteten Schwelle zur Zeitgeschichte haltmachen, kurz, in einem seiner selbst bewußten und sicheren Österreich wäre der Name Eichbüchl jedem Maturanten ein Begriff. Hier fiel im April 1945 eine Entscheidung von historischer Bedeutung — Dr. Karl Renner nahm In Eichbüchl den Auftrag entgegen, die Republik Österreich wieder zu errichten, hier verbrachte er die Nacht vor der historischen Autofahrt in Richtung Wien. Wie leicht in jenen Tagen anders und für uns schlechter hätte entschieden werden können, sollten wir uns öfter klarmachen.

Möglicherweise geht Schloß Eichbüchl in den nächsten Tagen in den Besitz eines ausländischen Industriellen über. Ein neuer Fall von österreichischem Ausverkauf? Nicht darum geht es hier, Eichbüchl wurde bereits nach dem Abzug der Russen von einem Amerikaner erworben, der nun aus familiären Gründen verkaufen muß. Das Tragische an diesem Besitzwechsel wäre, daß er zwangsläufig das Ende einer vielversprechenden erzieherisch-politischen Aktivität mit sich brächte.

DURCH DIE GROSSZÜGIGKEIT seines Besitzers, der unserem Land sehr freundlich gesinnt ist, konnte Eichbüchl in den letzten Jahren zu einem Treffpunkt besonderer Art werden. Ein Schimmer von Hoffnung auf politische Erneuerung ging von hier aus. Der Mann, dem dies zu verdanken ist, hat um der von ihm geleiteten „Eichbüchler Seminare“ willen auf ausgezeichnet dotierte Professuren an amerikanischen Hochschulen verzichtet.

Der Vater, Ernst Karl Winter, geistiger Vater der großen Koalition in Österreich, ist vielen Lesern der „Furche“ noch als Mitarbeiter bekannt. Sein Sohn, Ernst Florian Winter, begann nun in Eichbüchl im Sinn seines Vaters über und zwischen den Lagern zu wirken und droht zu scheitern wie dieser. Politische Vernunft steht in Österreich noch immer nicht besonders hoch im Kurs. Die Schriften des Vaters wurden erst verboten, dann verbrannt. Das heute praktizierte System, unliebsame Außenseiter ohne Unterstützung zu lassen und zu warten, bis ihre Kraft erlahmt, hat einen ähnlichen Effekt.

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IN EICHBÜCHL GESCHAH NUR, was anderswo versäumt wurde. Schätzungsweise fünfzig Lehrstühle an österreichischen Hochschulen wären sofort zu besetzen. Professoren sind bekanntlich Mangelware, doch nicht immer liegt's daran. Gewisse Fächer stehen höheren Ortes nicht in Gunst und werden deshalb einfach nicht gelehrt. So ist es zum Beispiel nach wie vor unmöglich, Psychoanalyse an einer Universität ihres Geburtslandes zu studieren. Oder — um ein anderes Beispiel zu nennen und damit wieder zum Thema zurückzukommen — auch die Wissenschaft von der Politik, gemeinhin politische Wissenschaft genannt, wird in Österreich nicht unterrichtet.

Sie ist ein junger, aber heute allgemein anerkannter Wissenszweig. In Österreich aber werden die wichtigsten Veröffentlichungen auf diesem Gebiet oft nicht einmal dann beachtet, wenn sie sich mit Österreich befassen. Englische und japanische Teams zum Beispiel stellen wissenschaftliche Untersuchungen über Probleme der österreichischen Innenpolitik an, die manchen Österreichern noch nicht einmal ins Be-

wußtsein gedrungen sind. Nicht zuletzt deshalb, weil sich Österreich noch in einem nicht durch allzu gründliches Nachdenken über Politik beeinträchtigten politischen Urzustand befindet, wirkt die Politik dieses Landes so anziehend auf die Politologen. Sie kommen mit einem Interesse, das demjenigen ähnelt, welches Völkerkundler bestimmten, von der Zivilisation noch unberührten Völkerstämmen entgegenbringen.

Immerhin fand im Sommer 1963 zum erstenmal in Österreich ein „Seminar für öffentliches Recht und Politik“ statt. Ernst Florian Winter hielt es an der Innsbrucker Universität ab.

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FORSCHUNGSAUFGABEN UND BILDUNGSAUFGABEN hat die politische Wissenschaft zu erfüllen. Was erstere betrifft — auf diesem Gebiet geschieht in Österreich vorläufig nichts. Es fehlt an Geld, es fehlt an den entsprechend ausgestatteten Bibliotheken, und neue Lehrstühle sind in Österreich schwer zu etablieren.

In den Bildungsaufgaben der politischen Wissenschaften hingegen sieht Ernst Florian Winter ein dankbares Feld für Privatinitiative. Denn wer die Regeln, die Gesetzmäßigkeiten und die Problematik politischen Handelns jungen Menschen klarzumachen versucht, muß zuerst einmal selbst glaubwürdig sein. An dieser Glaubwürdigkeit fehlt es unseren etablierten Institutionen — warum, braucht hier nicht erklärt zu werden. Aber es fehlt ihnen auch jeder Antrieb, eine politische Bildungsarbeit unter Ausklammerung unmittelbarer Parteiinteressen in Angriff zu nehmen.

Eine solche Bildungsarbeit wird In den Seminaren auf Schloß Eich-büchl seit zwei Jahren versucht. Sie verschlingt langsam, aber sicher die Ersparnisse des Veranstalters, dessen Tätigkeit als Leiter der Diplomatischen Akademie alles andere als eine geeignete Basis für derartige „Extravaganzen“ darstellt, aber sie fällt auf einen fruchtbaren Boden.

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DREI TAGE JEWEILS dauern die Seminare, sie sind für die Teilnehmer fast kostenlos, manchem von ihnen hat der Veranstalter aus eigener Tasche die Reise ermöglicht. Immer geht es um Fragen, die im akademischen Betrieb zu kurz kommen, über die sich Studenten aber Gedanken machen sollten. Gleichzeitig lernen sie einen in

Österreich praktisch unbekannten Stil der Gruppenarbeit kennen. Hier einige der Themen, die bisher behandelt wurden:

• Massengesellschaft und Demokratie in Österreich.

• Anwendungsmögliohkeiten der Spieltheorie in der Politik.

• Ist das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert der Quantität?

• Die Charta der UNO nach 20 Jahren.

• Idee und Zukunft der Universitäten in Österreich.

• Begegnung zwischen Christentum und Islam.

Meistens nehmen 25.bis 30 Personen und zwei bis drei Referenten an den Arbeitstagungen teil, die jeweils am Nachmittag und Abend des Freitag mit grundsätzlichen Referaten beginnen. Sind die Grundpositionen festgelegt, werden zwei, drei oder vier Arbeitskreise gebildet, die sich eines der bei den einleitenden Referaten und Diskussionen herauskristallisierten Probleme zur Bearbeitung wählen. Den einzelnen Teams steht nicht nur die reichhaltige Bibliothek Winters zur Verfügung, sondern auch ein modernes Vervielfältigungsgerät, v t i. t'üfä&jikv.t''iy :/“,.t' '

ARBEIT WIRD HIER ZUM GEISTIGEN ABENTEUER. Was dabei herauskommt, ist zunächst völlig offen, für die Teilnehmer an der Arbeitstagung ebenso wie für den Leiter und die Referenten. Jedem steht das gleiche Material zur Verfügung, jeder kann sich in der Bibliothek die Werke holen, die er zu benötigen glaubt, in einem Fall wurden noch ganze Kisten mit Büchern im Kombiwagen aus Wien mitgebracht.

Als zusätzliche Informationsquelle nehmen nach angelsächsischem Muster sogenannte „resource persons“ an der Arbeit der Gruppen teil, Personen, die auf dem in Frage stehenden Gebiet mit Leistungen und Erfahrungen aufzuwarten haben, aber nicht in die Diskussion eingreifen, sondern nur auf Wunsch mit Auskünften zur Verfügung stehen.

Haben die Arbeitskreise ihre Arbeit abgeschlossen, was oft erst Sonntag nach dem Essen der Fall ist, wird Bericht erstattet und das Ergebnis der Arbeit von sämtlichen Teilnehmern des Seminars diskutiert. Ob über die Frage „Wird Europa amerikanisiert?“ oder über „Österreich im Jahre 1975“ debattiert wurde — was in Eichbüchl erarbeitet wird, ist immer wert, einem größeren Kreis vorgelegt zu werden. Ein umfangreicher Arbeitsbericht über die bisherigen Seminare soll in absehbarer Zeit erscheinen.

Eichbüchl hat sich außerdem zu

einem Treffpunkt von Persönlichkeiten entwickelt, die anderswo kaum Gelegenheit finden, einander kennenzulernen. Es waren hier nicht nur Maler und Dichter zu Gast, in Eichbüchl hat so mancher

im Panzer isolierten parteilichem Denkens eingekapselter junger Österreicher den Vertreter einer anderen Weltanschauung nicht nur als Menschen kennen-, sondern auch als politisch Engagierten schätzen gelernt.

Es gibt nur eine gemeinsame Voraussetzung, die jeder mitbringen muß, der hier willkommen sein will — eine humane, verständigungsbereite Grundhaltung und das Bekenntnis zu Österreich. Der Tag der österreichischen Fahne wird daher in Eichbüchl alljährlich besonders begangen — Ernst Florian Winter lädt aus diesem Anlaß Schuljugend und übrige Bevölkerung zu einem Volksfest ein. Der Jahrestag der Befreiung Österreichs im April jeden Jahres hingegen ist ausschließlich der Jugend gewidmet, an diesem Tag läßt Professor Winter junge Leute aus dem ganzen Land auf eigene Kosten nach Eichbüchl kommen, um sich mit ihnen über Österreichs Zukunft zu unterhalten.

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UND DIE ZINSEN des nicht nur im bildlichen Sinne hier investierten Kapitals? Verbesserung des

politischen und menschlichen Klimas, und sei es auch nur im kleinsten Kreis. Erziehung junger Menschen zu Verständigungsbereitschaft, zu sachlicher Diskussion. Mögen sie auch heute noch keinen Einfluß

haben — eines Tages wird sich die erste Garnitur unseres politischen Lebens möglicherweise aus ihrem Kreis rekrutieren. Es ist in den letzten 20 Jahren sehr viel versäumt und verpfuscht worden in Österreich. Zu retten, was noch zu retten ist — eine mühsame Arbeit! Da und dort wird sie in Angriff genommen — ohne Hoffnung auf einen schnellen Erfolg.

Einen der wertvollsten Beiträge leistet der einundvierzig jährige Professor der politischen Wissenschaft Ernst Florian Winter, der seine Professur im Stich gelassen, seine Farm verkauft und ein Land verlassen hat, das ihn kennt und schätzt, um in ein Land zurückzukehren, aus dem man seinen Vater vertrieben hat. In dem ihn nicht jeder kennen will und der Wille zur Verständigung und zur sachlichen Arbeit noch immer nicht selbstverständlich ist. In dem noch immer schief angesehen wird, wer seine Standort über und zwischen den Parteien gewählt hat. In ein Land, das Menschen wie ihn trotzdem oder besser gerade deshalb so notwendig braucht.

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ER KONNTE FÜR SEIN WIRKEN IN DIESEM LAND keinen besseren Platz finden als Schloß Eichbüchl. Dieses Schloß, dessen Geschichte sich im Dunkel des Mittelalters verliert, das vor dem Dreißigjährigen Krieg Sitz geadelter Bauerngeschlechter war, später von Hand zu Hand ging und dessen Kapelle im Krieg in ein Wachlokal für das deutsche Militär verwandelt wurde.

Eichbüchl wurde von fanatischen „Germanen“ noch verteidigt, als der Krieg längst verloren war. Einer der damaligen Verteidiger, ein „österreichischer“ Lehrer, brüstet sich noch heute vor seinen Schülern mit den Schüssen, die er bei dieser Gelegenheit abgegeben hat. Gnade Gott diesem Österreich, wenn nur Leute solchen Schlages seine Jugend erziehen. Gewiß, das ist nicht der Fall. Aber man fragt sich, wieso sie überhaupt möglich sind. Und man kann nicht umhin, die Schuld bei einem politischen Klima zu suchen, das sie gedeihen ließ.

Dieses Österreichs politisches Klima wird gerne mit dem eines Treibhauses verglichen. Doch wenn man an die Schwierigkeiten denkt, die sich hierzulande politischer Aufforstung entgegenstellen, Versuchen, gewisse krummgewachsene, auf dem Boden klebende Gewächse und das zwischen ihnen wuchernde Unkraut durch ungebeugt in die Höhe strebende zu ersetzen, kommt einem eher das Bild einer Karstlandschaft in den Sinn.

Sollte auch der Aufforstungsversuch von Eichbüchl am Nährstoffmangel scheitern, so hätte nur das Unkraut einen Vorteil davon. Das üppig gedeihende braune Unkraut — damit wir uns recht verstehen!

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