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Ist in den Ländern Zeitgeschichte entbehrlich?

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Der politisch-pädagogische Anspruch der Zeitgeschichte und das unpolitische Klima der Länder nach 1945

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Der politisch-pädagogische Anspruch der Zeitgeschichte und das unpolitische Klima der Länder nach 1945

Jedes Jahr unterziehen sich nicht wenige Erwachsene und viele Schüler in der Steiermark einer ziemlich ernsten Prüfung, um die Wartinger-Medaille zu »erwerben. Benannt nach einem um die steirische Landesgeschichte sehr verdienten Historiker und Archivar, bestätigt sie ihren Trägern ein hohes Niveau an Kenntnissen aus Landesgeschichte und historischer Landeskunde. Solche Kenntnis wird von Schülern durch Besuch eines Freigegenstandes, von Erwachsenen in vielstündigen Abendkursen erworben. Vor dem Preis ist manches Opfer erforderlich. Demgemäß genießt die Medaille hohe Reputation und ist doch njcht das Ziel weniger Spezialisten.

Freilich, auf das Land bezogene, besondere zeitgeschichtliche Kenntnis ist dabei kein akzentuiertes Anliegen. Landesgeschichte schließt „Zeitgeschichte“ als eigentümlichen Anspruch nicht ein. Das liegt nicht an einem Organisationsmangel, auch nicht an Kurzsichtigkeit oder naivem Desinteresse; es ist Symptom und hat allgemeinere Gründe.

„Zeitgeschichte“ ist als besonderes wissenschaftliches Anliegen eine recht neue Sache. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist der Ruf nach geschichtlicher Besinnung im Wege vertiefter und verläßlicher Kenntnis über die jüngste Geschichte dort öffentlich laut-geworden, wo die letzten Jahrzehnte in eine Katastrophe gemündet waren, in eine politische und - in unterschiedlichem Maße - auch in eine geistige und moralische: in Deutschland vor allem, weniger in Österreich und Italien. (In manchem anderen Land, das an sich kaum weniger betroffen sein durfte, konnte ein Ruf bald nicht mehr ertönen und an seine Stelle trat parteiamtlich eine Antwort.)

Die jüngste Geschichte, als die „Epoche der Mitlebenden“ definiert, galt es im Sinne dieses Rufes vorrangig aufzuschließen, rascher jedenfalls als die jeweils jüngste Geschichte vorher wissenschaftliche Behandlung erfah-ren hatte. Man wollte sie als jüngste Vergangenheit „bewältigen“, weil man von ihr, als säe noch Gegenwart gewesen war, überwältigt worden war oder doch immerhin behauptete, von ihr überwältigt worden zu sein.

Zweifellos war eigenes Erschrecken in einer Art „Stunde Null“, wie sie 1945 in Mitteleuropa erreicht schien, weithin tief und echt. Dazu kam die Konfrontation mit nun bekannt werdenden Meinungen des Auslandes, die in politisch-publizistischer, literarischer und wissenschaftlicher Gestalt Erklärungen für die mitteleuropäische Katastrophe vorlegten. Mußte es etwa anerkannt oder mußte es abgewehrt werden, wenn die nationale Tradition im ganzen als eine von Untertanenmentalität bestimmte gekennzeichnet und bis zu Luther und im katholischen Milieu noch weiter zurückgeführt wurde? Wenn eine Affinität zwischen solcher historischer Tradition und macchiavellistischem Stil in der Politik behauptet wurde? Wenn das Fehlen erfolgreicher Revolutionen oder wohl gar ernsthafter Revolutionsversuche in der Geschichte faschistisch gewordener Länder auf das Resultat von 1945 bezogen wurde? Erklärten solche Befunde strukturelle Schwächen in den 1918 errichteten mitteleuropäischen Demokratien? Gab die Geschichte vor allem Antworten auf die Frage, welche nationalen Ansprüche besonders die Deutschen legitimerweise noch stellen durften und welche sie verwirkt hatten, vielleicht den auf nationale, staatliche Selbstbestimmung?

„Zeitgeschichte“ als Forderung wurde geboren aus nationalen Katastrophen, aus der Versuchung, Abschied von der eigenen Geschichte zu nehmen, aus dem Geist „nationaler Pädagogik“. Sie mußte sofort inmitten zeitgenössischer Konfrontationen stehen und war bestimmt, sie zu klären, in ihnen Entscheidungshilfe zu sein, vor allem in Deutschland..

Demgegenüber trat sie in Österreich als Spätgeburt auf und im Grunde als Accessoire: Der internationale und der österreichische Konsensus über Österreichs staatliche Existenz und bald auch seine innere Struktur ersparte uns eine „nationale Frage“ (und die ^wenigen, für die es sie als Erbe alter Anschlußsehnsüchte noch gab, behielten sie für sich).

Das Österreich der Großen Koalition lebte zudem aus der Überzeugung, daß Österreich ganz und gar Opfer der Hit-lerschen Politik gewesen war. Damit unterblieben in der Hauptsache die denkbaren Fragen nach den demokratischen Qualitäten und Defiziten der Österreicher während der ausgehenden Monarchie und der Ersten Republik. Die autoritäre Wende von 1933/34 wurde und wird im Wesen als Funktion der Wahrung der staatlichen Unabhängigkeit Österreichs gesehen. Nur sekundär erkennt man sie als die Kristallisierung aller der in Österreich damals lebendigen pÖMttetiteeh Kräfte - der sozialdemokratischen, der christ-lichsoziäi'-konservativen7 der deutsch-nationalen - und zwar als Kristallisierung im Wege von gegenseitigem Ausschluß, an dem nach heutigem österreichischen Bewußtsein alle im großen und ganzen den gleichen ursächlichen Anteil hatten, gleiche „Schuld“ trugen. ' „Zeitgeschichte“ hatte in Österreich keinen Boden in existenziellen Bedürfnissen, jedenfalls nicht in massenhaft erlebten und massenhaft bewußten. Sie ist Accessoire geblieben, allenfalls aus modischen Motiven und aus etwas Neugier geschätzt, sie überschreitet kaum jemals den wissenschaftlichen Raum.

Und was für Österreich im ganzen gilt, wieviel mehr noch gilt es für seine Länder! Wenn im Staat nationale österreichische Identität ohne Konfrontation, ja durch absichtsvolle Nicht-Konfrontation mit der jüngeren Vergangenheit erwachsen ist, so erst recht in den Ländern. Noch weniger als im Staat ist in ihnen lebhaft die Notwendigkeit empfunden worden, Konflikte, Ungewißheiten und Orientierungsprobleme in der Gegenwart durch Befragung der jüngsten Geschichte zu klären und sie dadurch besser einsehbaren Entscheidungen näherzubringen.

Selbstverständigung der Steirer, Tiroler, Oberösterreicher usw. vollzieht sich auf anderen Wegen, nämlich nahezu konfliktlos im Medium des „Landesklimas“. Jedes Bundesland hat sein „Klima“, und wo es an ihm Mangel zu geben scheint, wird an solcher „Klimatisierung“ eifrig gearbeitet. Das jeweilige Klima integriert die Generationen und Traditionen. Es ermöglicht herkömmliche Brauchtumspflege und künstlerische Avantgarde, lokale Be-zogenheit und überregionale Offenheit, scheinbar noch herkömmliches agrarisches Wirtschaften und industrielles sowie postindustrielles gleichzeitig.

Im Wesen unpolitisch, weil die Unterschiede der politischen Richtungen einebnend, ermöglicht es denselben Wählern bei Gemeinderats-, Landtagsund Nationalratswahlen ein ganz verschiedenes Wahlverhalten. Graz ist dafür das markantesteBeispiel. Geschichte nimmt in diesen landesspezifischen Großwetterlagen zwar unvermeidlich einen erheblichen Rang ein, denn das Eigenartige jedes Landes ist Produkt seiner Geschichte. Aber es sind nicht Erinnerungen an die jüngere Geschichte, weder positive noch negative, nicht Auseinandersetzungen um diese jüngere Geschichte, sondern der jahrflüydertelange'Köntihuitätsstrom, das quasi Zeitlose, was vergegenwärtigt wird'. Über alle Umbrüche hinweg hat das „Land“ immer bestanden, wenigstens scheinbar.

Für „das Steierische“ ist die territoriale Amputation des Landes von 1918/19 kein Thema, noch weniger beschäftigt Kärnten der Verlust von Tarvis, Pontebba oder des Miesstales; nur Tirol macht da noch eine Ausnahme. Demgemäß fand so eingehende Beschäftigung mit den landesspezifischen nationalen Konflikten der Jahrhundertwende nicht statt, daß die Geschichtswissenschaft davon aufgerufen worden wäre. In dieser Beziehung ist Kärnten der Ausnahmefall, und gerade sein neuerdings aktualisiertes nationales Problem provozierte zeitgeschichtliche Betreuung, die allerdings nur zum Teil im und durch das Land betrieben wird.

In den neueren Ländesgeschichten Niederösterreichs von Karl Gutkas und der Steiermark von Ferdinand Tremel dagegen kommt die Zeit nach 1918 natürlich vor, aber relativ knapp und ohne besondere Betonung. Was zeitgeschichtliche Literatur anlangt, sind einstweilen Oberösterreich und Salzburg -allen anderen

Bundesländern deutlich voran, aber es ist wohl charakteristisch, daß es Länder von relativ geringerem zeitgeschichtlichen Konfliktpotential sind.

In Wahrheit sind die österreichischen Länder längst zu kleine Einheiten, als daß in ihrem Rahmen politisch-soziale Konflikte von den Dimensionen stattfinden könnten, die massenweise das Lebensschicksal von Menschen bestimmen. Aber sie sind Sozialisationsfaktoren erster Ordnung geblieben. Ihre Legitimität liegt weniger im Politischen als darin, daß sie in einer zur Anonymität tendierenden Welt „Heimat“ schaffen. „Heimat“ bedeutet u. a. das Erlebnis von Dauerhaftem im Wandel des persönlichen und kollektiven Lebens.

Ist „Zeitgeschichte“ darum in den österreichischen Ländern entbehrlich? Offenbar ist sie es, wenn sie die gesellschaftliche Verständigung vermittelnde Kraft im Lande sein soll, durch die dort neue Orientierung ermöglicht wird, wo Verwirrung herrscht. Ebenso offenbar aber ist sie nicht entbehrlich, insofern sie nicht auf Orientierung im Land, sondern im Staat und in dessen Beziehungen zur europäischen und außereuropäischen Welt abzielt.

In diesem Sinne gibt es österreichische Zeitgeschichte nicht nur in Wien, sondern ebenso in Salzburg, Linz, Klagenfurt, Innsbruck und in Graz. Sie vollzieht sich an den Universitäten im akademischen Lehr- und Forschungsgeschehen, aber auch in nicht wenigen Veranstaltungen, zu denen wissenschaftliche Gesellschaften und/oder Institutionen der Erwachsenenbildung internationale Gäste ins Land bringen. .

1967 stand im Rahmen des Steirischen Herbstes die „Steirische Akademie“ im Zeichen der Besinnung auf die Republikgründung. Mit Vorträgen von Ernst Nolte und Jürgen Kocka gab es in letzter Zeit in Graz einen Schwerpunkt in der Faschismus-Reflexion. Im Umkreis der versuchten Ideologiediskussion fand 1977 ein 'prominent besetztes ' Liberalismus-Symposion statt, dem 1978 eines über Konservativismus folgt. Im Herbst dieses Jahres wird im Büdungshaus des Landes in Schloß Retzhof wiederum das Jubiläum der iRepublikgründung zum Anlaß genommen; dassJÖstöHaeicW-i vdn 1918/19 mit der Kategorie „Revolution“ zu konfrontieren, um aus dieser Konfrontation vielleicht Einsichten für das Schicksal der Ersten Republik zu gewinnen.

Aber Zeitgeschichte sollte nun doch auch als landesgeschichtliche Forschung möglich werden - Zeitgeschichte ohne Anführungszeichen und ohne dem nach 1945 mit ihr verknüpften spezifischen Anspruch. Die traditionelle Landesgeschichte kann nun von ihr Besitz ergreifen und die Zeit der letzten hundert Jahre, und namentlich die seit 1918, so erforschen, wie sie das für ältere Epochen längst tut. Landesgeschichte wird - und muß nun -auf diesem Felde dasselbe leisten, was sie insgesamt leistet und was sie als nicht-provinziell seit langem legitimiert: Erforschung der Feinstruktur des geschichtlichen Lebens, auch als Geschichte von regionalen Mentalitäten, die überregional wirken. Der Vergleich der dabei gewonnenen Resultate hat seit langem die allgemeine Geschichte ungemein bereichert. Was z. B. die Arbeiten Otto Brunners vor Jahrzehnten für die ältere Verfas-Sungs- und Sozialgeschichte gezeigt haben, was seit ungefähr 15 Jahren in Bayern für das 20. Jahrhundert demonstriert wird, besonders auch für die Phänomenologie und Genese des Nationalsozialismus, aber auch für die „Entnazifizierung“: das steht für die österreichischen Länder weithin noch bevor, gerade auch für die Steiermark.

Hier wird, um das 20. Jahrhundert recht ins Bild zu bringen, wohl auf die Nationalitätenkonflikte im Land zurückgegriffen werden müssen und auf ihren Konnex mit dem Wandel von der agrarischen zur industriellen Welt und auf ihren Konnex mit dem traditionellen, monarchistisch-obrigkeitsstaatlichen Habitus der Steiermark einerseits, dem Demokratiebedarf anderseits. Anfänge sind gemacht worden oder sie sind im Gange. Das meiste steht noch bevor.

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