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An den Raud gesliriben

KLARE GRENZEN. So hart die beiden Koalitionspartner zu ringen pflegen, wenn es um aktuelle Streitprobleme geht (besonders, wenn personelle Fragen im Spiel sind und Namen sozusagen das Gespräch „würzen”), so wenig hat man Lust und Geduld, eine wirkliche Grundsatzfrage mit sachlicher Schärfe „durchzudiskutie- ren”. Dabei kann ©s freilich nicht zu einer begütigend-verschwimmenden Einheitsformel kommen. Definition (vom lateinischen „finis abgeleitet) schließt immer den Begriff der Grenzziehung ein. Eine solche grundsätzliche Grenzziehung schlug der Obmann des österreichischen Arbeiterund Angestelltenbundes, Dr. Maleta, in einer Ansprache vor der „Arbeitsgemeinschaft der verstaatlichten Industrie” vor. Was er verlangt, steht auf dem Boden moderner Interpretation der katholischen Sozial- und Eigentumslehre, wie sie auf mehreren deutschen Katholikentagen, aber auch in den Programmen heutiger christlich-demokratischer Parteien nach 1945 ihren Niederschlag fand: grundsätzliche (und nicht nur augenzwinkernde) Anerkennung der Verstaatlichung in der Grundstoff- und Energieindusfrie (freilich ohne übergriffige Ausdehnung in den Ferfi- gungsbereich hinein). Diese verfassungsmäßige Garantie der Grundlagenwirtschaft ist freilich kein Endpunkt, sondern die Basis einer weiteren Entwicklung: Eben jener neuen Eigentumsbildung, die der Königsgedanke der Volksparfei sein soll. Man sollte also eigentlich auf beiden Seiten sachliche Zustimmung zu Maletas Ideen erwarten. Statt dessen betretenes und mißmutiges Schweigen hüben und drüben: Bei denen, die der Verstaatlichung nur „auf Zeit’ zustimmen, weil sie im Herzen wirtschaftsliberal geblieben sind, und bei den anderen, die die Grundstoffverstaatlichung nur als „ersten Schritt” ansehen, weil sie im Herzen Marxisten und Totalplaner alter Schule geblieben sind.

„MIT BRENNENDER SORGE.” Kein förmlicher Konkardafsvertrag sichert die Rechte der katholischen Kirche in Polen. Aber die offenen und mehr noch die stillschweigenden Absprachen zwischen Gomulka und Kardinal Wyszynskl nach dem „polnischen Oktober waren zu Zeiten mehr wert als ein ‘-Paragraphendokument. Sie spllten Modellcharakter tragen für eine Form der Koexistenz in einer neuen Gesellschaftsordnung. Der offene, in der bevorstehenden Verkündigung eines Hirtenworts aller polnischen Bischöfe zu Ostern seinem Höhepunkt zustrebende Konflikt, in den der kommunistische Staat die zur loyalen Zusammenarbeit bereite Kirche zu treiben beginnt, hat mehr als nur polnische Eigenbedeutung, übereifrige kommunistische Wahlmanager, die um jeden Preis einen Propagandafeind suchen, haben noch Zeit, sich die möglichen Konsequenzen eines erneuerten Kirchenkampfes zu überlegen. Vorausgesetzt freilich, daf} dieser in Polen selbst vom Zaune gebrochen und nicht von einer weiter östlichen Zentrale als Teil einer Generaloffensive befohlen wurde.

TEST FÜR DEN BUNDESTAG. Die

Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen und in Niedersachsen riefen mit zehn Millionen Bürgern immerhin vierzig Prozent der deutschen Wählerschaft zu den Urnen. Rund drei Viertel von ihnen folgten dem Aufruf. Um die Analyse des Resultats streiten sich die Sekretariate der beiden Grofjparteien CDU und SPD. Rechnet man vom Datum der letzten Kommunalwahl von 1956 an, dann hat die CDU imponierend aufgeholt, vergleicht man mit den Bundestagsziffern 1957, dann war es immer noch .kein ü ber wä I ti ge nd er Aden auer-Triumph, dann können die Sozialdemokraten ein leichtes Ansteigen der Stimmen registrieren. Natürlich sind solche Globalrechnungen immer irreführend. In jeder Stadt fällt eben doch eine Einzelentscheidung. Und diese sahen für die CDU nicht schlecht aus. Sie hat immerhin eine ganze Reihe von „roten Rathäusern erobert und das mitten im industriellen Ruhrgebiet. Das unbestreitbare Phänomen der Gesamtwohl aber charakterisiert die Stimmung auf einem allgemeingültigen Gebiet: Es zeigt sich, daß die deutschen Wähler von Jahr zu Jahr stärker in Alternativen denken und daß alle Zwischenschattierungen verschwinden. Wohl konnten die Liberalen noch einen Achtungserfolg erringen. Flüchtlings-, Traditions- und Heimatgruppen aber sind in offener Auflösung begriffen, auch Fusionierungen werden diesen Prozeß nicht aufhalten. Sonderargumente, wie etwa das plötzlich von evangelischer Seite aufgeworfene konfessionelle Einflußproblem, erreichen den Wähler kaum mehr. Auch der „Fernsehstreit beeindruckte kaum. Man wählte im großen „trend . Bei der Bundestagswahl im Herbst wird sich dies noch verstärken. Die Politik ist zu einem Entweder-Oder geworden.

UBER DEN GRÄBERN. Man geht nicht fehl, wenn man hinter den etwas wortkargen Ankündigungen des französisch-algerischen Gespräches mehr vermutet, als mit dürren Worten ausgedrückt ist. Beide Partner haben den jeweils entscheidenden Schritt dem anderen entgegen wohl bereits im geheimen vollzogen. De Gaulle, indem er stillschweigend die ursprüngliche Vorbedingung für Gespräche, die Waffenniederlegung der Rebellen, fallen ließ, und Ferhat Abbas, der nicht mehr auf der Vorbedingung des französischen Truppenabzugs bestand. Dem französischen Staatschef gelang das, was man vor Jahresfrist noch für unmöglich gehalten hatte: die praktische Lahmlegung der rechtsextremistischen Ultras im Mutterland und in Algerien. Sein algerischer Gesprächspartner ist mit Erfolg bemüht, die etwas aufdringliche Bevormundung Nassers wie auch der Kommunisten abzuschütteln. Tunesiens Präsident Bourgiba, eine der wirklich positiven Schlüsselfiguren des kommenden Afrika, hat vorläufig noch in Umrissen die große Vision entworfen, um derentwillen man heute überholte Prestigestandpunkte zurüokzustellen beginnt. Den „Maghreb , die nord- afrikanische Föderation, als Partner eines modernen Frankreich. Für Europa, in dessen Kreis nun doch einmal ein nicht mehr an der Flanke gelähmtes Frankreich zurückkehren kann, ist der Verhandlungsbeginn am Schweizer Seeufer ein Termin großer Hoffnung geworden. Die Toten des algerischen Krieges werden freilich auch in diesem neuen Frühling nicht wieder lebendig werdenᾠ

KEINE ANGST VOR PROPAGANDAI

Präsident Kennedy hat angeordnef, daß ab sofort kommunistische Propagandasendungen aus Ländern hinter dem Eisernen Vorhang nichf mehr durch Regierungsstellen abgefangen werden sollen. Man hofft, dadurch den Kulturaustausch mit kommunistischen Staaten weiter zu verbessern, dem der Zensurerlaß im Wege stand. — Dieser Erlaß ist ein Zeichen des gestiegenen Selbstvertrauens der Regierung in Washington. Nicht zuletzt spricht sich hier ein gesunder, nüchterner politischer Sinn aus, und die praktische Erfahrung: die bereits von der Elsenhower- Regierung begonnene kulturelle Austauschbeziehung mit der Sowjetunion hat die USA keineswegs kommunistisch „verseucht”, wohl aber stark in Rußland gewirkt. Die in 50.000 Exemplaren dort verbreitete Zeitschrift „Amerika”, vielhundert- tausendmal gelesen, konnte ja nur im Kompensationswege eingeführt werden. Die neuesten Aufhebungen von Zensurbestimmungen für Ausländskorrespondenten in der Sowjetunion selbst tragen ihrerseits einer Tatsache Rechnung, die von den aufgeklärten Politikern nicht mehr übersehen werden konnte: ein Weltstaat und eine Großgesellschaft können einfach nicht, ohne schweren Schaden zu erleiden und ins Hintertreffen zu geraten, auf die Dauer und sozusagen „in alle Ewigkeit” von dem Denken und Meinen in der Welt ringsum abgeschlossen werden.

ANGOLA: Die kurzweilende Erbeutung der „Santa Maria” durch Hauptmann Galvao hat weltpolitische Folgen. Durch sie wurde bekanntlich in Angola eine Erhebung ausgelöst, die 41 Tote, 55 Verwundete und über 100 Verhaftungen zum traurigen Resultat hatte. Eine afrikanisch-asiatische Staatengruppe unter Führung Liberias stellte nun die Lage Angolas im Weltsicherheitsrat zur Debatte. Zur großen Bestürzung der Regierung in Lissabon fand dieser Beschluß die volle Unterstützung der USA. Die portugiesische Reqierung sieht Angola als Bestandteil Portugals an und lehnt dies als Einmischung in innere Staatsangelegenheiten ab. Lissabon droht mit dem Austritt aus der NATO, wenn seine westlichen Verbündeten sich in der UNO nicht hinter Portugal stellen. Die USA sehen unter der Regierung Kennedy die Verhältnisse in Angola als schwere Belastung einer neuen Afrika-Politik an, die jede Kompromittiert.] nq durch eine „kolonialisti- sche Politik vermeiden möchte. Lissabons Drohung mit einem Austritt aus der NATO wird nicht sehr ernst aenommen, da niemand an eine Möglichkeit einer Verständigung zwischen Salazar und Chruschtschow oder Mao Tse-tunq glaubt. Das gesoannte Verhältnis zwischen Washington und Lissabon wird aber höchst aufmerksam von Madrid aus beobachtet nicht die Interessen aller Familien, also auch der Familien mit einem oder zwei Kindern. Und Knaus verkennt die Absichten dieser Organisation vollständig, wenn er sie „Verfechter des Kinderreichtums” nennt, die „den Kinderreichtum laut propagieren” und „alle verfügbaren Kräfte für eine wesentliche Vermehrung der Kinderreichen lebhaft aktivieren”. Zehntausende von Besuchern der familienpolitischen Ausstellung des Österreichischen Familienbundes konnten es vor einigen Jahren in großen Lettern lesen:

„Möglichst viele Kinder? Nein! Ob jemand heiraten will, ob und wieviele Kinder er haben will, muß jedermanns persönlicher Entscheidung überlassen bleiben. Kinderlosigkeit darf nicht bestraft, Kinderreichtum nicht belohnt werden. Familienpolitik ist nicht Bevölkerungspolitik !”

Die Gefahr einer Übervölkerung der Länder westlicher Zivilisation ist also die letzte Sorge, die uns drücken könnte. Das Bevölkerungswachstum in den sogenannten Entwicklungsländern stellt dagegen ein echtes Problem dar. Man muß Prof. Knaus rechtgeben, wenn er erklärt dieses Problem sei nicht mit dem Hinweis zu lösen, daß die Erde erwiesenermaßen ein Vielfaches deT heutigen Weltbevölkerung ernähren könnte. Denn die dazu auch erforderliche Organisation der Produktion und Verteilung der Nahrungsmittel . wird es aus politischen Gründen nicht so schnell get>en und sie könnte auch nicht von heute auf morgen voll wirksam werden Dennoch aber müssen alle Anstrengungen in dieser Richtung unternommen werden.

Kann solches Bemühen aber überhaupt je zum Ziel führen, wenn die Weltbevölkerung lawinenartig immer weiterwachsen wird, wie uns neo- malthusianische Propagandisten versichern? Wenn es so wäre, gäbe es letzten Endes doch keinen anderen Ausweg als die zwangsweise Rationierung der menschlichen Fruchtbarkeit. Aber alle diese Annahmen gehen zweifellos in die Irre. Sie beruhen auf einer Verkennung des Bevölkerungsvorganges, der schon weiland Malthus zum Opfer fiel (weshalb auch seine Voraussagen nicht zutrafen), und der wir auch bei Prof Knaus begegnt, wie aus nachstehendem Bekenntnis hervorgeht:

„Da die Medizin ein Teil der Naturwissenschaft ist und insbesondere die Geburtshilfe sowie die Physiologie der Zeugung des Menschen der Vermehrung der Menschen sehr nahestehen, glaube ich, als Arzt und Naturforscher für die Beurteilung der Übervölkerung der Erde, die in erster Linie ein naturwissenschaftlich-medizinisches Problem darstellt, berufener zu sein als so mancher Vertreter anderer Fachgebiete.”

Darauf sei Prof. Knaus mit den Worten eines Vertreters eines anderen Fachgebietes geantwortet, der seine besondere Berufung nicht nachzuweisen braucht, nämlich des bahnbrechenden Bevölkerungstheoretikers, Soziologen und Statistikers Prof. Doktor Gerhard Mackenroth:

„Der Bevölkerungsvorgang ist ein Lebensvorgang, der, wie jeder andere Lebensvorgang, eine naturale Seite hat, ohne sich jedoch darin zu erschöpfen. Wo sich in der Physiologie des Zeugungsvorganges oder in der Absterbeordnung etwas ändert, wandelt sich damit doch immer nur ein äußerer physiologischer Rahmen, die entscheidenden Vorgänge vollziehen sich innerhalb dieses Rahmens. Die Physiologie wäre allein vollinhaltlich bestimmend, wenn dieser Rahmen immer voll ausgefüllt würde. Dann wäre der Bevölkerungsvorgang ein rein naturaler Vorgang, er könnte dann studiert werden wie etwa die Gezeiten des Meeres oder der Wechsel des Klimas. Dann kämen wir mit rein naturwissenschaftlich-biologischen Kategorien aus, dann gäbe es keine Bevölkerungslehre, sondern nur eine Bevölkerungsbiologie, dann hätten die Biologisten und Naturalisten recht.” Der Naturalismus verwechselt — katathym gesteuert vom Menschen- und Weltbild der Naturwissenschaft — den Zeugungsvorgang, also einen physiologischen Vorgang, mit dem generativen Verhalten, einem sozialen Vorgang.” ᾠ „Die Naturalisten sehen den Menschen gar nicht in seiner historischen und sozialen Einordnung, sonder.t sehen immer nur das menschliche

Tier und machen aus einem sozialen Vorgang wie dem Fortpflanzungsverhalten eine Angelegenheit des Menschlichen Tierreiches.” . . . „Nun ist aber der geschichtliche Mensch keine Fruchtfliege und keine Hefepilz, sondern ein geistig-seelisches Wesen, das nicht wie Fruchtfliegen und Hefepilze gegenüber äußeren Situationen invariant reagiertᾠ Innerhalb des physiologischen Rahmens baut sich ein unendlich differenziertes generatives Verhalten der Menschen auf. Diesem Phänomen gegenüber ist jede Naturwissenschaft hilflos . . . Man kann ihm nur mit typisch sozialwissenschaftlichen Kategorien beikommen. Eine solche Kategorie ist die des ,Sinns’. Die dem naturwissenschaftlichen Zugriff nicht mehr erreichbaren Differenzierungen des menschlichen Verhaltens sind näm- 4ich sinnhaft.”

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