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RANDBEMERKUNGEN ZUR WOCHE

„SIE TASTEN SICH ERST AB...“ Diese Bemerkung kann man von den zünftigen Anhängern des Boxsports hören, wenn ihre Matadore sich in den ersten Runden gegenüberstehen. Ein solches gegenseitiges .Abtasten“ charakterisiert auch den gegenwärtigen Stand der Verhandlungen zur Bildung einer neuen Bundesregierung. Eines nur steht bereits fest: von beiden Seiten liegt die ernste Absicht vor, die Zusammenarbeit zwischen den beiden grofjen Parteien auch im neuen Kabinett tortzusetzen. Etwaigen Träumen von .bayrischen“ oder „belgischen“ Lösungen — das heißt von Arbeifsbündnissen zwischen der sozialistischen Minderheit und kleinen Parteien gegen die christlichdemokratische Mehrheit — hat der Wahlausgang jede reale Basis entzogen. Und auch die Volkspartei müßte der 6-Männer-Partei auf den rechten Bänken des Parlaments einen Tribut zahlen, der in keinem Einklang zu der Morgengabe steht Mehr noch: sie wäre ständigen Pressionen einer Minderheit ausgesetzt. Von der ideologischen staatspolitischen Aufweichung eines solchen „Rechtsblockes“ ganz zu schweigen . . . Also zurück zur alten vielgepriesenen, vielgelästerten „Koalition“! Der sozialistische Partner spielt im Moment noch Vogel Straufj. Er, der die vorzeitigen Neuwahlen vom Zaun gebrochen hat, steckt nun den Kopf in den Sand, tut so, als ob es keinen 13. Mai gegeben hätte. Alles soll beim alten bleiben ... Das ist unrealistisch. Und — wenn die Zeichen nicht trügen — so erkennt man dies allmählich auch im sozialistischen Lager. Die Unterhändler der ersten Regierungspartei werden guttun, nicht mit einem „Zettelkatalog“ von Wünschen und Forderungen der hohen, mittleren und unteren Parteiinsfanzen in die Regierungsverhandlungen zu gehen, sondern sich im Sinne ihrer Wahlparole auf die Zerstörung der ungewöhnlichen und ungebührlichen Machtposition eines bestimmten Ressortministers zu konzentrieren. Hier werden die Verhandlungen zweifelsohne hart sein — und langwierig. Es ist auch möglich, daß man von sozialistischer Seite zur Ablenkung plötzlich in der Frage eines ÖeVP-Heeres-ministers sehr nachgiebig wird. Achtung, Falle! Die Sozialisten, die selbst noch immer keine innere Beziehung zum neuen Bundesheer gewonnen haben, könnten dann alle Kinderkrankheiten der jungen Truppe bis zu dem mehr oder weniger robusten Betragen des letzten Korporals glücklich auf OeVP-Konto abschieben. Wenn also ein eigenes Landesverteidi-aungsminisferium, wie es aus begreiflichen Gründen vor allem die bewaffnete Macht selbst wünscht, dann ist dieses Ressort wie kein zweites für die Besetzung durch einen Fachmahn prädestiniert. — Der Wahlkampf ist also dem zähen Ringen am grünen Tisch gewichen. Es wird uns noch eine gute Weile beschäftigen...

GEWERKSCHAFTSIDEOLOGIE ODER GEWERKSCHAFTSREALISMUS. Die vom führenden christlich-sozialen (wissenschaftlichen) Institut für Sozialpolitik“ und Sozialreform veranstaltete Sondertaguhg über Gewerkschaftsprobleme (siehe Sonderbeilage, „Furche“, Nr. 22) nahm einen der Aktualität des Themas angemessenen Verlauf. Im jeweils überfüllten Saal der Niederösterreichischen Arbeiferkammer sprachen neben einem deutschen Gast, dem prominenten Arbeitsrechtler M ü I I n e r aus Kassel (Bericht über die innerchristlichen deutschen Auseinandersetzungen in der Gewerkschaftsfrage), am ersten Tag noch ein Praktiker, der Chefbuchhalfer eines Industriebetriebes, Karl R e i 11 e r, über die Grenzen, die Lohnsteigerungsforderungen durch die Kostenwirklichkeit gestellt sind. Der zweite Tag fand den Chef des Bildungswesens des OeGB, Franz Senghofe r, am Vortragspult. Der Referent vertrat, unterstützt von interessanten Argumentationen, die Ansicht, daß eine Art Gewerkschaftszwang je Betrieb eingeführt werden müsse und ging dann dazu über — im Interesse der Entparfeipolitisierung des OeGB—, die Abschaffung der politischen Fraktionen zu fordern. Der letzte Referent der Tagung, Professor Dr. B u r g h a r d t, befafjte sich mit den ökonomischen Bedingungen, die unabdingbar jeder Gewerkschaftsarbeit vorgegeben sind, und vertraf die Ansicht, dafj jedes Abweichen von einer realpolifischen Sicht der mit der Frage des Lohnes zusammenhängenden Probleme unweigerlich zu einer Schädiqung der Arbeitnehmer führen müsse. Daher Gewerkschaffspolitik ohne Ressentiment. Ganz hervorragend war die Diskussion, die bewies, wie sehr das soziale Gespräch zu einem legitimen Anliegen der Christen geworden ist und wie es möglich ist, auf dem Boden der Sachlichkeit das Gespräch von Christen und Sozialisten durchzusetzen. Das, was etwa der sozialistische Vizepräsident des OeGB zu sagen wufjfe, war von einer derartigen Objektivität, dafj die versammelten christlichen Sozialpraktiker, wie dies auch der Präsident des Institutes, Univ.-Prof. Dr. A. M. K n o I I, abschließend feststellen konnte, eindeutig zustimmen konnten. Wenn die Gewerkschaffs-fagung etwas ergeben hat, so die Tatsache, dar) es notwendig ist, das soziale Gespräch der Christen in voller Breite fortzuführen und darüber hinaus die vorhandenen Zentren, die der sozialen Diskussion und der Grundlagenforschung dienen, mehr zu beachten, als dies bisher geschehen ist. Wenn etwas den österreichischen Katholizismus vom westdeutschen heute zu seinem Nachfeil unterscheidet, ist es die Vernachlässigung der sozialen Fragen. Nun seheint aber der Bonn gebrochen iu sein. Die Arbeiten des Institutes für Sozialpolitik und Sozialreform (als einer der Verfretung Vogelsangscher Sozialideen gewidmeten Insfifufion) haben dazu beigetragen, dafj den sozialen Fragen neue Aufmerksamkeif gewidmet wird. So werden im Juni die verantwortlichen Führer der Katholischen Aktion sich treffen, um jene Fragen zu besprechen, die uns, als zum Teil noch ungelöst, aus der Enzyklika „Quadragesimo anno“ aufgegeben sind. Auch die vom Institut für Sozialpolitik usw. im Herbst veranstalfefe dritte Sozial Woche wird sich dem aktuell gewordenen Problemen der Automation und der Freizeifgestal-fung widmen. Daher besieh) berechtigter Anlafj zu der Annahme, dafj die bedenkliche Lethargie der österreichischen Christen in der Frage der Bewältigung der sozialen Probleme nun ein Ende gefunden hat und dafj die Christen sich ihrer auch-gesellschaftlichen Verantwortung bewurjf — neuerlich bewufjt — geworden sind.

MENDES-FRANCE TRAT ZURUCK. Der Rücktritt des Führers der Radikalsozialisfischen Partei von seinem Posten als Vizeminisferpräsi-dent, den er in der Regierung Guy Mollets bisher bekleidet hatte, rief grofje Debaffen und leidenschaftliche Stellungnahmen in ganz Frankreich hervor. Es ist in der Tat etwas Eigenartiges um diesen Schrift des einstigen grofjen PMFl In seinem Abschiedsbrief, den er an den Ministerpräsidenten gerichtet hat, spricht er diesem — sein Vertrauen aus. Seine Parteikol legen ersucht er, in der Regierung zu bleiben. Wie kann er aber ihnen zumuten, als Minister auf verantwortungsvollen Posten in einer Regierung mitzuarbeiten, der er ein gerütteltes Mafj Inkonsequenz, Unehrlichkeif, ja mehr noch, die Unfähigkeif zuschreibt, mit dem Algerienproblem fertig zu werden? Mögen jedoch diese kritischen Stimmen die Wahrheit treffen oder nicht, man tut gut daran, sich in Erinnerung zu rufen, dafj s immer die grofjen Widersprüche sind, die die kleineren, die etwa die persönliche Halfung eines Politikers kennzeichnen mögen, erzeugen. Der grofjen Widersprüche mangelf es aber heute in Frankreich nicht. Man erinnere sich: „Die Republikanische Front“ zog in die Wahlen im Zeichen einer Befriedungspolitik in Nordafrikä. Heute ist die Regierung der Republikanischen Front gezwungen, in Algerien gegen einen massakrierenden Feind, mit dem sie ja eigentlich ins Gespräch kommen wollte, einen blutigen Krieg zu führen. Dabei hat sich die Regierung bis heute noch auf kein Reformprogramm „für nachher“ einigen können, obwohl ein solches Programm selbst1 von den Verbündeten Frankreichs für politisch unaufschiebbar bezeichnet wird. Neben den vielen blutigen' Ereignisseh (wobei man liest, dafj die Regierung über alles, was die Terrortafen und die nicht minder schrecklichen Retorsionen befrifff, erst neuerlich wieder strenge Nachrichtensperre verfügt hat) fiel kürzlich besonders auf, dafj die Behörden drei katholische Priester, Mitglieder der „Mission des France“, aus dem Gebiet von Souk-Ahras (enqere Heimaf des hl. Augustinus) aus-aewiesen haben. Der Kardinal Lieharf hat gegen diesen Gewalfakt aegen Priester, „die nichts anderes taten, als dafj sie die priesferliche und menschliche Hilfe weder Europäern noch Arabern versagten“, bei der Regierung schärfsfens protestiert. In dieser Atmosphäre der wachsenden Kopflosiakeit und Hysterie mag der Rücktritt Mendes-France' nichts fruchten und wohl auch nicht schaden. Dafj er, um später als „der Friedensbringer von Algerien wieder auf die Bühne zu treten, iefzl nur eine schöpferische Pause einleqen will, isf wahrscheinlich — aber eine freiwillige Absaqe in der Polifik ist nie ohne Gefahren für den betreffenden Polifiker.

SOEKARNO IN WASHINGTON. Der Besuch des indonesischen Präsidenten Soekarno bei Präsident Eisenhower und seine anschließende Reise durch die Vereinigten Staaten wird in die Geschichte eingehen. Soekarno gelang es in überrgschend hohem Mähe, die führenden amerikanischen Politiker für die Neufralisten und Nationalisten Asiens positiv zu interessieren. Offen erklärte er: wir Asiaten werden wirtschaftliche Hilfe von jedem nehmen, der sie uns anbietet. Für die hungernden Völker und Massen Asiens kann die Demokratie so lange nur ein Schlagwort sein, als es nicht gelingt, ihnen das Leben, die Arbeit, und ein gewisses Mafj an Mufje zu sichern. Der Nationalismus bedeutet, so fuhr er fort, für die jungen, erwachenden Völker Asiens noch etwas durchaus Positives, da er ihnen die Selbstfindung ermögliche. — Dieser kluge indonesische Kopf verstand es sodann, an die alte amerikanische Tradition des Antikolonialismus geschickt zu appellieren und verglich den Kampf seines und anderer asiatischer Völker gegen die weihen Kolonialmächte mit dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. — Dulles, Eisenhower und ihre Berater haben Soekarno fast demonstrativ freundlich begrüfjt: Amerika Isf auf dem Wege, In Asien mächtig an Boden zu gewinnen, und sein Gesicht durch wirtschaftliche Hilfe und durch Verständnis zurückzugewinnen, das es durch Angsf, Unverständnis und allzu viele Anpeile an die Macht der Waffen einigermaßen in den Jahren des McCarfhysmus verloren hafte.

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