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Die Fronten der Vergangenheit

der Liebe, den Sozialismus“, wie es 1890 in der „Arbeiter-Zeitung“ hieß.

Der Antiklerikalismus der Sozialdemokraten wurde durch die Erfolge der Christlichsozialen Partei wesentlich verschärft. Diese hatte ihren Aufstieg zweifellos weitgehend dem aktiven Einsatz der Kapläne und Pfarrer zu verdanken. In den Wahlkampf von 1896/97 griffen auch schon die Bischöfe mit einem eigenen Wahlaufruf ein, in dem sie die katholischen Arbeiter vor den „falschen Propheten“ und Verführern warnten, die ihnen vorspiegelten, „auf den Trümmern von Thron und Altar ein Paradies aufbauen zu können“. Daraufhin beschloß der Sozialdemokratische Parteitag von 1898 folgende Resolution: „Die Sozialdemokratie bekämpft — unbeschadet ihres Prinzips: ,Religion ist Privatsache' — die Vertreter aller Religionsgenossenschaften auf das entschiedenste mit allen zulässigen Mitteln, wann und wo immer dieselben unsere Partei und deren Angehörige verleumden sowie wenn ihre Lehren sich dem Befreiungskampf des Proletariats entgegenstellen.“

Nach dem Zusammenbruch der Monarchie rückte die Christlichsoziale Partei unter der Führung des Prälaten Seipel völlig in die Funktion der Habsburger als Schutzmacht und weltlicher Arm der Kirche ein. Bei den Sozialdemokraten nahm dagegen der Einfluß der Freidenker zu. Im Aufruf zu den ersten Wahlen in der Republik verlangten die Sozialdemokraten die Trennung der Kirche vom Staat und der Schule von der Kirche: „Der Unterricht soll von pfäffischer Unduldsamkeit und monarchistischer Legende befreit werden.“ Auf Grund von Äußerungen dieser Art und Maßnahmen des sozialdemokratischen Schulreformers Otto Glöckel glaubten die Bischöfe einen Schul- und Kulturkampf befürchten zu müssen, auf den sie 1922 die Gläubigen in einem eigenen Hirtenbrief vorbereiteten. Auch um die Ehegesetzgebung, die eine staatlich gültige Wiederverheiratung Geschiedener nicht zuließ, und die Besoldung des Klerus entspannen sich im Parlament und in der Presse heiße Auseinandersetzungen. Die „Arbeiter-Zeitung“ veröffentlichte Artikel über „Den Pfaffen als Staatspensionisten“ und 1923 rief die Partei zu einem Massenaustritt aus der Kirche auf: „Man kann nicht Sozialist und zugleich Kirchgänger sein! Darum: Heraus aus der Kirche! Werdet konfessionslos!“

Der Widerstand der Christlichsozialen Partei verhinderte trotzdem jede Veränderung der kulturpolitischen Gesetzgebung zu Ungunsten der Kirche. Außerdem besaß diese vor allem auf dem Land noch so viele überzeugte Anhänger, daß Otto Bauer und Karl Renner 1926 die von den Freidenkern geforderte Radikalisierung der die Religion betreffenden Punkte des neues Parteiprogrammes verhinderten, wenn Bauer persönlich auch nur Mitleid für die „noch Religiösen“ hatte. An konkreten Forderungen enthielt das Programm die Trennung von Kirche und Staat, konfessionslose Schule, einheitliches staatliches Eherecht mit Trennbarkeit auch der katholischen Ehen und Matrikelführung durch den Staat.

Nach dem Parteitag von 1926 konstituierte sich in der Partei sogar ein eigener „Bund religiöser Sozialisten“ unter der Führung des sogenannten „kleinen“ Otto Bauer. Von kirchlicher Seite hielt vor allem Michael Pfliegler Kontakt zu diesem Bund. Seine Entwicklung wurde jedoch durch zwei Ereignisse stark beeinträchtigt:

• Durch den 15. Juli 1927. Er gab dem Schlagwort vom „Prälaten ohne Milde“ solches Gewicht, daß allein 1927 in Wien 28.837 Katholiken aus der Kirche austraten, mehr als doppelt soviel als 1926.

• Durch die Enzyklika „Quadragesimo anno“ mit der schon erwähnten Unvereinbarkeitserklärung von Katholizismus und Soziallsmus.

Nach der Ausschaltung des Parlaments und der Errichtung eines autoritären Regimes durch den praktizierenden Katholiken Engelbert Dollfuß zogen die Bischöfe im Herbst 1933 die Priester aus der aktiven Politik zurück. Die Sozialdemokraten hofften kurze Zeit, diese Maßnahme sei eine Distanzierung der Kirche vom Kurs der Regierung. Ihre Hoffnung wurde jedoch durch den Weihnachtshirtenbrief 1933 der Bischöfe enttäuscht. Die Erinnerung an die sozialdemokratische Haltung in den zwanziger Jahren, die Furcht vor Bolschewismus und Nationalsozialismus ließen die Bischöfe, trotz schwerer Bedenken und Gewissenskonflikte einzelner, auch angesichts des Bürgerkrieges vom Februar 1934 und der Errichtung des christlichen Ständestaates schweigen. Die Erbitterung der illegalen „Arbeiter-Zeitung“ gegen den „klerikofaschi-stischen“ Staat, gegen das zwar schon seit 1931 ausgehandelte, aber erst 1933 von Dollfuß unterzeichnete Konkordat und gegen die Kirche ist daher verständlich. Otto Bauer nannte sie im Exil die „Bundesgenossin des Faschismus, der die Arbeiterklassen mit blutiger Gewalt niederwirft“. Daher werde ihr in kommenden Entscheidungen aus den „Massen des Proletariats das Wort Voltaires entgegendonnern: Zermalmt die Schändliche!“

Diese Fronten der Vergangenheit veränderten sich erst in der gemeinsamen Verfolgung von Sozialismus und Kirche durch den Nationalsozialismus. Im KZ lernten Anhänger beider Lager einander verstehen und schätzen. Trotzdem waren nach 1945 die Ressentiments einiger führender Sozialisten zumindest gegen das Konkordat noch so stark, daß sie dessen Gültigkeit bestritten, während die Volkspartei, die durch ihr Namenswahl ein neue

ra anzeigte, für sie eintrat. Die Kirche ihrer-;its hat die Konsequenzen aus der in der Ver->lgung gewonnenen Erkenntnis gezogen, daß e Ihren seelsorglichen Aufgaben ohne weltchen Arm weit besser gerecht werden kann. Le hat daher enge Bindungen zu einer Politiken Partei vermieden. In diesem neuen lima erklärte Bundespräsident Schärf am ag seiner Angelobung 1956, daß er alles aransetzen werde, daß das Verhältnis zwi-:hen Staat und Kirche geregelt werden 3nne, „ohne daß dabei Sentiments von einst

Die Regelung dieses Verhältnisses ist ja mittlerweile durch eine Reihe von Verträgen mit Rom so erfolgreich in Gang gebracht worden, daß heute von den Konkordatsmaterien nur noch die Ehefrage ungelöst ist. Das Programm der SPÖ von 1958 nimmt bekanntlich zum erstenmal in der Geschichte ihrer Programmatik positiv zu Religion und Christentum Stellung, die mit dem Sozialismus durchaus vereinbar seien. Die Beantwortung der Frage, inwieweit es seither in der Partei wirksam geworden ist, gehört jedoch nicht mehr zu den Aufgaben dieses Referates.

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wegschicken, daß ich nicht Angehöriger der katholischen Kirche bin, nicht deswegen, weil ich Sozialist bin, sondern deswegen, weil Verschiedenes, verschiedene Voraussetzungen, die eben zu einem Katholiken gehören, nicht zutreffen. Die Gespräche, die hier geführt werden, sind die Voraussetzung zu einem echten Verständnis dieser verschiedenartigen Standpunkte. Alle Menschen, die eine friedliche Entwicklung in der menschlichen Gesellschaft anstreben, die eine gewaltlose Lösung der offenen Probleme unter Berücksichtigung der derzeitigen Verhältnisse anstreben, setzen ihre Hoffnung in das Gespräch zwischen den verschiedenen Gruppen, um an Stelle der Gewalt das Argument und das gegenseitige Verstehen wirken zu lassen, das Argument zur Darlegung des eigenen Standpunktes und zum Verständnis des Standpunktes des anderen. Aus diesem Verständnis müßte sich zwangsläufig das friedliche Nebeneinander ergeben und die Erkenntnis, daß es immer verschiedene Gruppierungen geben wird, daß es immer verschiedene Auffassungen geben wird und daß man nicht die ganze Menschheit über einen Leisten schlagen kann. Dies gilt gleichermaßen für die Politik wie auch für die Religion.

Konsequenzen aus der Vergangenheit

Da sich aber Politik und Religion in der Vergangenheit immer wiederum berührt haben und zwangsläufig in der Zukunft immer wieder berühren werden, scheint ein Gespräch auf dieser Ebene besonders notwendig zu sein, dies besonders dann, wenn von beiden Seiten die Existenzberechtigung der anderen Seite anerkannt wird; diese Anerkennung wurde auch schon von Frau Prof. Weinzierl erwähnt und findet ihren Niederschlag in den letzten Stellungnahmen sowohl der Sozialistischen Partei Österreichs wie auch der katholischen Kirche. Wenn dieser Standpunkt anerkannt wird, und wenn wir uns darüber im klaren sind, daß das Unheil, das über die Menschen immer wieder hereingebrochen ist, wenn es sich nicht um Krankheit oder Hunger gehandelt hat, in erster Linie durch das Machtbestreben, geistig oder wirtschaftlich über andere Menschen zu herrschen, bedingt war, dann müssen wir versuchen, eben aus der Vergangenheit die Konsequenzen zu ziehen. Und es waren immer die Eiferer, die Fanatiker, ganz gleich auf welcher Seite, ganz gleich, ob es sich um nationale, um wirtschaftliche, um militärische, religiöse, oder politische Ziele

gehandelt hat, die sich nicht um das Argument gekümmert haben, sondern sich ihrer Sendung so bewußt waren, daß sie versucht haben, mit Gewalt ihre Ziele zu erreichen. Und ich bin der Meinung, wer heute das Gespräch ablehnt, gehört eben zu jenen Fanatikern, zu jenen Extremisten, die glauben, daß sie mit Anwendung der Machtmittel, die ihnen zur Verfügung stehen, die Probleme lösen können. Entweder sind diese Menschen Im Glauben an die eigene Sache zu schwach, oder sie sind im Glauben an Ihre eigene Sache zu überheblich.

Vergebliches Hoffen auf die Kirche

Die Sozialisten haben Gespräche nie abgelehnt, und die Geschichte der Sozialisten Österreichs ist die Geschichte der Diskussion, die Geschieht der Bemühungen, im Gespräch die

Menschen zu überzeugen. 100 Jahre Aufstieg einer Klasse sind Zeichen für die Richtigkeit der Ziele und der Methoden der Sozialisten in Österreich. Nie in der Vergangenheit haben die Sozialisten die Gewalt auf ihre Fahnen geschrieben, immer aber den Kampf gegen Unrecht und Unterdrückung. Damit mußte die sozialistische Bewegung zwangsläufig mit der katholischen Kirche in Berührung kommen, mit jener katholischen Kirche, von der sich die unterdrückten Proletarier, die unterdrückte Arbeiterschaft, die unterdrückte Menschheit überhaupt jahrhundertelang die Gerechtigkeit und die Gleichberechtigung hier auf Erden erhofft und erwartet hat. Die Hoffnung, die in der Vergangenheit nicht erfüllt wurde und die Frage offen läßt, ob sie in Zukunft erfüllt werden kann. Die irdische Gerechtigkeit kann zwangsläufig in erster Linie durch jene Kräfte herbeigeführt werden, die ihre Zielsetzung eben auf die Gerechtigkeit hier auf Erden aufgerichtet haben und sich nicht mit jenen Fragen befassen, die im Glauben, die im Leben nach dem Tode beinhaltet sind. Die katholische Kirche ist in den entscheidenden Auseinandersetzungen der arbeitenden Menschen, die wir, die Sozialistische Partei, vertreten, nie Vorkämpfer gewesen, sondern sie war höchstens Tröster bei Niederlagen, Tröster für die Verurteilten, Tröster für die um ihre Existenz Gekommenen, Tröster für die zum Tode Verurteilten; dieser Trost mag für den einzelnen Bedeutung gehabt haben, war aber keine Hilfe, keine Unterstützung für die sozialistische Bewegung in ihrem Kampf um die Gerechtigkeit hier auf Erden.

Dinge beim Namen nennen

Wenn das heutige Gespräch wirkliche Ergebnisse bringen soll, dann müssen wir eben auch den Versuch unternehmen, diese Dinge bei ihrem Namen zu nennen und die

rheorie und die Praxis einander gegenüberstellen. Für die Sozialistische Partei war und ist immer wieder das Parteiprogramm die Richtlinie gewesen, für die katholische Kirche zwangsläufig das Neue Testament und die Enzykliken, die Ergebnisse von Konzilen. Und hier wäre der Punkt, der im heutigen Gespräch eine Klippe darstellen kann, der aber auch zeigen kann, daß dieses Gespräch doch Möglichkeiten für die Gegenwart und für die Zukunft eröffnet. Ich habe vorhin davon gesprochen, daß die katholische Kirche in der Auseinandersetzung der arbeitenden Menschen gegenüber Unterdrückung und Ausbeutimg nicht Vorkämpfer, sondern höchstens Tröster bei Niederlagen war, und ich möchte diese Auffassung nun auch begründen: Die katholische Kirche hat sich immer dann, wenn sie nicht selbst verfolgt wurde, mit den Herrschenden, also mit den Mächtigen, verständigt, und damit ist sie zwangsläufig mit jenen in Gegensatz gekommen, die diese Unterdrückten, die diese Ausgebeuteten gegen die Mächtigen, gegen die Herrschenden, also auch gegen die Kirchenfürsten, gegen die weltlichen Kirchenfürsten vertreten haben. Dies gilt für jene Zeiten, da die Sozialisten Iii Österreich erstmals aufgetreten sind, ihre Ziele und Programme festgelegt haben. In der sicherlich erfolgreichen Geschichte der sozialistischen Bewegung finden wir kaum eine Periode, in der die Sozialisten im Kampf gegen diese Ungerechtigkeit und Ausbeutung aktiv von der katholischen Kirche unterstützt worden wären. Sicher hat es immer Menschen gegeben, die an die Lehren der katholischen Kirche angeknüpft haben, die die Menschen ermahnt haben, sich diesen Lehren zu fügen, die sie an die Gebote der Kirche gemahnt haben, die immer wieder auch jenen, die die Ausbeuter waren, vor Augen gehalten haben, daß es Unrecht ist, fremdes Gut zu verlangen, daß es Unrecht ist, auf Kosten anderer Menschen eigene Vorteile zu ziehen. Diese Predigten mögen dort und da vielleicht bei einzelnen Personen Eindruck gemacht haben. Insgesamt haben sie in der Auseinandersetzung der Sozialisten mit den Kräften, die sie bekämpft haben, kaum eine Rolle gespielt. Dazu kamen noch die Versuche, mit Hilfe der sogenannten christlichen Organisationen die sozialen Probleme zu lösen, die zwangsläufig wieder zu einem Gegensatz zwischen der sozialistischen Bewegung und der Kirche führen mußten, denn die Verbindung zwischen christlichen Organisationen und der katholischen Kirche waren so eng, daß eine Unterscheidung, ob hier die katholische Kirche als solche, oder Organisationen, die unter dem Namen der christlichen Bewegung agieren, kaum mehr möglich gewesen ist.

Hindernisse der Gegenwart

Und wir erleben diese Erscheinungen nicht nur aus der Vergangenheit, sondern wir erleben diese Erscheinung doch auch in der Gegenwart, in der immer wieder versucht wird, dem christlichen Arbeiter den zwangsläufig nichtchristlichen Arbeiter, der eben in diesen nichtchristlichen oder sich nicht als christlich bezeichnenden Organisationen tätig ist, gegenüberzustellen und aus dieser Gegenüberstellung letzten Endes — und darum geht es in diesen Organisationen im wesentlichen — politische Möglichkeiten herauszuschlagen. Wir haben es zum Beispiel bei der letzten Nationalratswahl erlebt, daß in einem anderen Bereich ebenfalls diese unterschwelligen Propagandamöglichkeiten vorhanden waren. In den verschiedenen Kirchen, auch im Dom von St. Pölten, wurde damals das sogenannte Gebet in Notzeiten aufgelegt, ein Gebet, in dem vom heiligen Klaus die Rede ist und ein Gebet, das nach der Nationalratswahl wieder spurlos von den Gebetbänken verschwunden ist. Natürlich haben wir alle gewußt, daß unser Bundeskanzler kein heiliger Bruder ist und daher nicht der Klaus sein konnte, der in diesem Gebet zitiert wurde, aber man merkt die Absicht und ist verstimmt, und diese Dinge sind es, die vielleicht in der jüngsten Vergangenheit sehr oft ein Hemmnis waren, um zu einem echten Gespräch zu kommen. Denn wehn diese Möglichkeiten der christlichen Vereinigungen als Bremse gegen die Bestrebungen der Sozialisten eingesetzt werden, wenn man versucht, mit Hilfe der christlichen Soziallehre ein Gegengewicht gegen die sozialistischen Ziele zu schaffen, dann wird dies zwangsläufig einen Gegensatz ergeben, dann wird zwangsläufig eine Auseinandersetzung notwendig sein. Man hat oft den Eindruck — ich persönlich hatte diesen Eindruck in der Vergangenheit sehr oft —, daß die christliche Soziallehre eigentlich als „Gegenmittel“ gegen die sozialistische Bewegung wirksam werden sollte, daß sie aber über eine Bitte um das Verständnis der Anliegen der Arbeiterschaft kaum hinausgegangen ist.

Bittere Almosen

Es wurde hier von Frau Prof, Weinzierl die Entwicklung in der Ersten Republik erwähnt und auch die Zeit, In der die dhristllchsozla-len allein die Macht im Staate hatten. In einer Zeit also, in der die Sozialisten weder der katholischen Soziallehre noch der katholischen Kirche noch der christlichen Bewegung als solche irgendein Hindernis entgegenstellen konnten.

Und gerade damals ist es uns als Kindern

besonders bitter gefallen, die Wohltaten, die Almosen, die man uns gegeben hat, als Ersatz für die Forderungen, die unsere Eltern gestellt haben, anzunehmen. Und ich erinnere mich noch, als die Alumnen, sicherlich in bester Absicht, sich ihre Frühstückssemmeln abgespart haben und sie an die Kinder der Arbeitslosen verteilt haben. Und ich erinnere mich, wie bitter diese Semmeln geschmeckt haben, obwohl sie für uns damals ein zum Teil unerreichbares Gut gewesen sind. Ich erinnere mich, wie bitter es für unsere Eltern gewesen ist, zusehen zu müssen, wie ihre Kinder mit Almosen beteilt wurden, obwohl sie selber bereit gewesen wären, für diese Kinder, für ihre Familien zu arbeiten, zu sorgen. Das Bewußtsein, daß hier die Gerechtigkeit auf keinen Fall zum Zuge kommen konnte, daß hier der Arme ausgeschlossen war, daß man hier versucht hat, ihn mit Almosen am Leben zu erhalten, hat manche Bitternis in dieser Zeit hervorgerufen. Diese Zeit, die wir damals erlebt haben, erinnert mich aber auch sehr stark an die Charakteristik, die Prof. Knoll von der katholischen Kirche gegeben hat, wenn er die kirchliche Soziallehre beleuchtet. Er schreibt am 15. März 1962 in einem von ihm herausgegebenen Buch:

„Die kirchliche Soziallehre steht ausschließlich im Dienste der Seelsorge, sie ist deswegen prinzipiell eine unvollkommene Lehre. Als Seelsorgelehre steht sie aber auch im Dienste des Klerus, nicht zuletzt seines kirchenpolitischen und ökonomischen Interesses, wodurch die kirchliche Soziallehre, besonders ihre Staats- und Eigentumslehre, mitbestimmt wird und vieles, was als ewige Sozialität der Kirche gilt, in Wahrheit ein politisches oder ökonomisches Engagement der Kirche ist. Aber diese ünvollkommenheit der kirchlichen Soziallehre ist zufällig und nicht notwendig. Notwendig aber ist die kirchliche Soziallehre unvollkommen, da ihr Mittelpunkt nicht die soziale und politische Freiheit ist und es auch nicht sein kann, sondern nur der gute Wille eines jeden auf dem Boden der gegebenen Ordnung. Und auf dieser Lehre ist der petrinische, vordringlich der pau-llnische Appell: .Herrn seid gute Herrn, Sklaven aber, seid gute Sklaven ...'zu verstehen. Aufgabe der Kirche ist es daher nicht, wie Augustinus lehrt, worauf mich Ignaz Seipel erstmalig verwies, aus Sklaven Freie zu machen, sondern aus schlechten Sklaven gute Sklaven, ebenso aus schlechten Herren gute Herren.“ Das ist die Grundsubstanz der kirchlichen

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