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Das Paradies der romanischen Illusionen

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Wie bereits in der Wahlkampagne zur Erneuerung des französischen Parlaments im März 1973, stellen sich auch anläßlich der Besetzung des ersten Amtes im Staat grundlegende Probleme, die weit über den Bereich einer Person oder Partei hinausgehen. Der Wähler muß in diesem Mai eine Entscheidung treffen, um die ihn kein Ausländer beneiden kann. Denn wiederum locken zwei diametral entgegengesetzte gesellschaftliche Ordnungen: Im Fall eines Sieges des Einheitskandidaten der Linken würden sich ähnliche Entwicklungen in Italien anbahnen und die bisherige, wohl schon brüchige Front der westlichen Welt endgültig auseinanderfallen. Mitterand, Chaban Delmas und Gis-card d'Estaing sind, bei aller Wertung ihrer eigenen Persönlichkeit, im letzton Symbole für den Willen, dem Staat eine bestimmte Form, dem Regime eine besondere Bedeutung zu geben.

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Wie bereits in der Wahlkampagne zur Erneuerung des französischen Parlaments im März 1973, stellen sich auch anläßlich der Besetzung des ersten Amtes im Staat grundlegende Probleme, die weit über den Bereich einer Person oder Partei hinausgehen. Der Wähler muß in diesem Mai eine Entscheidung treffen, um die ihn kein Ausländer beneiden kann. Denn wiederum locken zwei diametral entgegengesetzte gesellschaftliche Ordnungen: Im Fall eines Sieges des Einheitskandidaten der Linken würden sich ähnliche Entwicklungen in Italien anbahnen und die bisherige, wohl schon brüchige Front der westlichen Welt endgültig auseinanderfallen. Mitterand, Chaban Delmas und Gis-card d'Estaing sind, bei aller Wertung ihrer eigenen Persönlichkeit, im letzton Symbole für den Willen, dem Staat eine bestimmte Form, dem Regime eine besondere Bedeutung zu geben.

Dieser Prozeß spielt sich in einer Nation ab, die wesentlich die moderne Form der Demokratie mitgeprägt, aber auch das Antlitz des Aibendlandes in meisterhafter Weise ziseliert hat. Die würdigen Feiern zum Gedenken Charles de Gaulle und Georges Pompidous in der Pariser Kathedrale Notre-Dame bewiesen, daß die Mehrheit des Volkes diese Art der Gedenkfeier, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, akzeptiert hatte. Man muß länger in Frankreich leben, um — trotz der Welle der Gleichgültigkeit, die den modernen Atheismus vorbereitet —, die Verankerung mit der römischen Form des Christentums richtig einschätzen zu können. Es ist leicht, zu sagen, daß 85 Prozent der Bevölkerung sich weiterhin zum katholischen Glauben bekennen, aber es ist dies eine Bekräftigung, die noch heute dem täglichen Leben ein unauslöschliches Siegel aufdrückt. Es hängt in großem Ausmaß von der Haltung der Katholiken ab, wie die V. Republik — soweit dieser Begriff im Juni dieses Jahres noch Gültigkeit haben sollte — aus dieser erbitterten Wahlkampagne hervorgehen wird. Der Wille zu strukturellen Änderungen in großem Stil ist kaum zu verkennen. Wird jedoch die Mehrheit der Wähler den Mut aufbringen, einen Rubikon zu überschreiten, um nach dem gelobten Land des Sozialismus zu pilgern? Vorläufig können auch sorgsam ausgeführte Meinungsumfragen keinen endgültigen Schluß zulassen. Die linke Opposition hat es bisher gut verstanden, die letzten Konsequenzen der Zustimmung zum Gemeinsamen Programm des Juni 1972 zu verschleiern. Es wird eine Alternative zum neo-kapitalistisch-liberalen System angeboten und eine etappenweise Einführung des Sozialismus französischer Provenienz versprochen.

Der französische Sozialismus blickt auf eine lange Tradition zurück und hat wichtige Beiträge zur Theorie dieser politischen Bewegung geleistet, die Jim 20. Jahrhundert eine bedeutende Position im Leben der Völker einnimmt. Es sei auf den Umstand verwiesen, daß die marxistische Form des Sozialismus nur von der Kommunistischen Partei in orthodoxer Form angenommen wurde. Seit Beginn des Jahrhunderts haben die großen Denker des bodenständigen Soziaiiismus, wie Jean Jaures und Leon Blum, die Theorien Karl Marx' im wesentlichen zurückgewiesen. Auch Mitterand betonte mehrfach, daß er nicht als Marxist zu klassifizieren sei. Selbst der linke Flügel der erneuerten Sozialistischen Partei, die Studiengruppe CERES, hat sich zu den Prinzipien einer weitreichenden Selbstverwaltung bekannt, setzt sich mit den Thesen Karl Marx' auseinander, ohne sich jedoch mit ihnen zu identifizieren. Die Kommunistische Partei, die nach einer Spaltung der sozialistischen dm Jahr 1920 entstanden ist, wählte zielstrebig den Marxismus, wie er von Lenin interpretiert wurde.

Nicht unerhebliche Teile der Katholischen Aktion sind mittlerweile in das marxistische Fahrwasser gelangt und akzeptieren mit oft bestaunenswerter Naivität die Grundlagen des Dialektischen Materialismus. Ausländische Beobachter fragen sich, wie in einem Land, das wir eingangs als katholisch bezeichneten, die Kommunistische Partei eine so wichtige Rolle spielen kann, wie es ihr gelingt, 21 Prozent der wahlberechtigten Bürger organisatorisch zu erfassen. Und weiter: warum gerade in Italien und Frankreich die kommunistischen Parteien so einflußreich sind, während sie in mehrheitlich evangelischen Staaten wie Großbritannien, den USA, Skandinavien und auch Westdeutschland weitgehend unbedeutend bleiben. Was Frankreich betrifft, können die Wurzeln für diese Entwicklung bis 1789 zurückverfolgt werden. Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert erzwangen die geistigen Erben der Revolution die Trennung von Staat und Kirche, die 1905 juridisch besiegelt wurde. Die vielfach von Freimaurerei beeinflußte Bourgeoisie flüchtete sich dn einen vagen Fortschrittsglauben, während die entstehende Arbeiterklasse am Rande dieser Gesellschaft vegetierte und weder von Rom noch von Paris in ihren eigentlichen Aspirationen richtig erkannt wurde. Die Kirche begab sich in ein Ghetto und es dauerte Jahrzehnte, bis eine Versöhnung zwischen den beiden tragenden Elementen der Republik zustande kam. In diesen geistigen Hohlraum strömten zuerst liberale, dann sozialistische und schließlich extrem kommunistische Ideen ein. Der Kommunismus wurde vielfach als Ersatzreligion angesehen. Da die Tradition die staatliche und kirchliche Autorität stets betont hatte, war es nur zu verständlich, daß diese neuen laizistischen Organisationen Modelle übernahmen, die weit im Mittelalter ihre Form gefunden hatten; mit anderen Worten: eine Vermählung von Thron und Altar.

Es sind noch zwei weitere Momente, die die Anfälligkeit der französischen Katholiken für die sozialistischen Heiilslehren verständlich machen. Bei zahlreichen jungen Katholiken ist ein Schuldkomplex entstanden, der mit einem gesteigerten Sendebewußtsein verbunden ist. Man wirft den vergangenen Generationen vor, die Arbeiterklasse ausgebeutet und in ihren Freiheiten beschnitten zu haben.

Als der Verfasser dieser Zeilen 1972/73 eine umfassende Enquete über die französische extreme Linke abhielt, traf er auch mit Trotzkisten und Maoisten zusammen. Es war oft rührend zu sehen, wie sich hinter den Figuren eines Trotzki, eines Mao und sogar eines Stalin die Heilsbotschaft Christi profilierte. Die katholischen Eierschalen, wenn dieser Vergleich erlaubt ist, wurden nicht abgelegt.

Die geeinigte Linke verspricht in diesen Tagen mehr Freiheit, größere soziale Gerechtigkeit, eine Betonung der eigenen nationalen Werte und Reformen der Arbeitstechnik, die zu einer besseren Gestaltung des Lebens führen müssen. Mitterand hat in fast pathetischer Form versprochen, der Verfassung einen Kodex der persönlichen Freiheiten anzuhängen. Der Generalsekretär der KPF, Georges Marchais, hatte ebenfalls bei der ersten Großkundgebung seiner Partei zu Beginn der Kampagne den Zuhörern und über Rundfunk und Fernsehen der Nation gelobt, daß alle individuellen Freiheiten einschließlich jener des persönlichen Eigentums geschützt würden.

Diese Redeweisen müssen manchmal den Eindruck erwecken, das gaullistische Regime sei ein Gegner der individuellen Freiheit und die V. Republik ein mehr oder weniger großes Gefängnis. Es mögen dn den letzten 15 Jahren gewisse Übergriffe der Polizei vorgekommen sein. Der langjährige Innenminister Maorcellin war nicht gerade zimperlich, wenn die öffentliche Ordnung zu konsolidieren war. Dies blieben aber Einzelfälle, die in uneingeschränkter Form von der Presse aufgegriffen und diskutiert wurden. Unter Pom-pidou geschah es manchmal, daß einzelne Bücher verboten, einigen Filmen, meistens der Sexualaufklärung und pornographische Werke, die Zulassung verweigert wurde. Aber auch sie lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen. Der Freiheitsraum des Franzosen in politischer und geistiger Hinsicht ist weiterhin unangetastet. Frankreich kann für sich in Anspruch nehmen, bisher ein liberales System praktiziert zu haben, in dem die Entfaltungsmöglichkeit des einzelnen aufrechterhalten blieb. Die politischen Parteien konnten sich relativ ungestört betätigen und lediglich zwei extreme linke und eine extreme rechte Bewegung fielen einem Verbot zum Opfer, haben sich jedoch sehr schnell unter anderem Namen rekonstituiert.

Hingegen kann kaum erhofft werden, daß die Kommunistische Partei Frankreichs einen Pluralismus der Meinungen gestattet. Wer denkt nicht an die Tragödie Roger Garau-dys, der es gewagt hatte, anläßlich der tschechoslowakischen Krise den „Panzerkommunismus“, wie es Ernst Fischer nannte, zu verurteilen? Auch beim Fall Solschenizyn hat die Kommunistische Partei die im Staate aufflammende antisowjetische Regung auf das stärkste verurteilt. Greifen wir wieder auf ein Zitat Marchais' zurück, so hat der Generalsekretär der KPF gelobt, ein Solschenizyn könnte in Frankreich auch uniter einer Volksfrontregierung editiert werden. Es berührt mehr als eigenartig, daß die KPF in eine bittere Polemik zu der linksgerichteten Wochenzeitschrift „Le Nouvel Ob-servateur“ geriet, als diese den Versuch unternahm, die Bedeutung des russischen Dichters für die Reinigung des Sozialismus darzustellen. Kann man zugeben, daß die KPF eine echte politische Demokratie praktiziert? Das Zentralkomitee, oder besser, das Politische Büro, ist das einzige Forum der politischen Willensbildung. Die beste Kennerin der Geschichte der KPF, Professor Annie Kriegl, selbst früher Kommunistin, antwortete auf meine Frage, ob sich die Kommunistische Partei Frankreichs mutiert habe: „Sie ist in ihrer Struktur und Ideologie vollkommen gleich geblieben.“

Der Wunsch nach größerer sozialer Gerechtigkeit — artikuliert durch die Linke — fällt nun bei Katholiken auf fruchtbaren Boden. Der französische Neo-Kapitelismus hat Auswüchse gezeigt, die durch eine vernünftige Reform beschnitten werden müssen. Aber die Opfer der rasanten Technisierung und Industrialisierung sind nicht die französische Arbeiterklasse, sondern in erster Linie die Fremdarbeiter, die MilLionen Pensionisten und die Hunderttausende körperlich und geistig Behinderter. Mit den über 3,5 Millionen Fremdarbeitern, die meist aus nordafrikanischen Staaten stammen, ist dem Staat ein ernstes Problem erwachsen. Das gaullistische Regime hat in diesem Sektor vieles unterlassen und manche Anordnung gegeben, die die menschliche Würde dieser Leute kaum berücksichtigt. Willkürlich wurden Personen des Landes verwiesen die die elementaren Rechte der Immigranten verteidigten, ihre Rechtlosigkeit ist oft himmelschreiend. Wer annimmt, die Kommunistische Partei würde mit Elan diese Kreise erfassen und für sie einstehen, muß enttäuscht werden. So mancher geeichte kommunistische Arbeiter hat fremdenfeindliche Gefühle, sieht in Algeriern oder Senegalesen gefährliche Konkurrenten und läßt keine proletarische Brüderlichkeit aufkommen, Zuerst waren es die früher christliche Gewerkschaft CFDT und die extreme Linke, die sich um das Schicksal dieser Einwanderer kümmerten und sich auch weiter mit ihnen beschäftigten. Menschen, die im Schatten leben und als aktive Mitglieder einer Partei nicht mehr in Frage kommen, werden genausowenig von rechts wie von links be-fürsorgt. Ein hoher Beamter des Gesundheitsministeriums hat vor einiger Zeit ein Buch veröffentlicht, in dem er das Leben dieser Ausgeschlossenen erzählt. Das Echo auf seine Ausführungen war in der kommunistischen Presse ebenso schwach, wie in der sogenannten bürgerlichen.

Schließlich sei auf das Versprechen hingewiesen, die nationalen Belange besonders zu schützen. Besser als die GaulMsten kann kaum eine politische Bewegung die Souveränitätsrechte des Startes dn den Vordergrund stellen. Es mag immerhin bedenklich stimmen, daß in den wichtigen außenpolitischen Fragen Gaullisten und Kommunisten eine überraschend einheitliche Front zeigen. Die Allianz der Rechten und Linken gegen die Europäische Verteidigungsgemeinschaft, wie sie Robert Schuman nnri TCnnrad Adpnanpr knnyjiniert hatten, ist nur ein Beispiel. Im Gegensatz zur italienischen Kommunistischen Partei zeigt sich die französische den Wünschen und Anregungen des Kreml gegenüber aufgeschlossen und gilt als moskauhörig. Käme es also zu einem ernsten Konflikt zwischen der östlichen Führungsmacht und dem Westen, wird dann die KPF die nationalen Interessen Frankreichs oder die der Sowjetunion verteidigen? Man kann schwerlich mit Hypothesen arbeiten, aber wie war es, als Stalin und Hitler ihren berüchtigten Pakt schlössen? Bis zum Überfall des deutschen Diktators auf die Sowjetunion hat die KPF entsprechend einer Weisung der Komintern die Kriegsanstrengungen der III. Republik sabotiert. Eine bezeichnende Episode wird hier von den kommunistischen Historikern meist übergangen. Abgesandte der Partei besuchten den deutschen Militärkommandanten von Paris und wollten sogar die Genehmigung zur Herausgabe des Partei-blattes „L'Humianite“ erlangen. Der Generalsekretär der KPF, Maurice Thorez, war rechtzeitig desertiert und lebte zur Zeit der Westoffensive in der Sowjetunion.

Dies gehört der Vergangenheit an, aber manche Tendenzen einer politischen Bewegung haben ein zähes Leben und können mit großen Illusionen nicht ohne weiteres übertüncht werden. Wird der französische Wähler diese Betrachtungen in die Waagschale seiner Entscheidung legen oder ist der Wille, besser gesagt, die Versuchung zu groß, den Morgen zu erleben, der ein Paradies versmlicht?

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