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REVUE IM AUSLAND

Die „C i v i 11 k C a 11 o 1 i c a" widmet den Leitartikel ihres Heftes vom 16. April 1949 dem scharfen Anstieg des italienischen Antiklerikalismus in den'letzten Jahren und Monaten. Kurze Zeit nach der Befreiung und dem Kriegsende schien sich in Italien eine versöhnliche Stimmung und Gesinnung zwischen alten Gegnerschaften auszubreiten. Sehr bald aber erwiesen sich gewisse Hoffnungen als eitel und nun brandet in immer heftigeren Wellen ein leidenschaftlicher Antiklerikalis- miM hoch. A. O d d o n e, der Verfasser des Artikels, unterscheidet drei Arten von Antiklerikalismus. Da ist zunächst der „religiöse Antiklerikalismus“, der einfach die gesamte christliche Offenbarung sowie alle metaphysischen und transzendenten Werte leugnet, was eine Ablehnung der Kirche und ihrer Dogmen inpliziert. Der „politische Antiklerikalismus" anerkennt die Kirche als „rein religiöse Institution“, bestreitet aber ihre Autorität in allen politischen und öffentlichen Angelegenheiten. Dieser Anti klerikalismus wird scharf verurteilt ,jn zahlreichen Kundgebungen der Päpste Pius XI. und Pius XII., die das Recht und die Pflicht der Kirche proklamieren, sich mit allen jenen Bereichen des menschlichen Lebens zu befassen, die das allgemeine Wohl, die Heiligkeit der Familie, die Erziehung, die Rechte des Gewissens und jene Gottes betreffen. „Dieser politische Antiklerikalismus ist deshalb unvereinbar mit der richtigen Auffassung der Sendung der katholischen Kirche.“ Im 19. Jahrhundert gingen diese beiden ersten Formen des Antiklerikalismus in Italien oft nebeneinander her, heute haben sie sich zumeist vereinigt zu einer dritten Gestalt, nämlich der eines „absoluten Antiklerikalismu s“, der aus politischen, sozialen, „patriotischen“ und weltanschaulichen Gründen in der katholischen Kirche einen Todfeind sieht, der um jeden Preis vernichtet werden soll!

In Skizzierung der Genesis dieses Anui klerikalismus verweist Oddone auf dessen ersten Höhepunkt im Jahre 1888, anläßlich der Feiern zu Ehren Giordano Brunos. Damals kam es bereits in Rom, wo der Ministerpräsident Crispi die Feiern inaugurierte, zu wüsten Ausschreitungen gegen Kirchen, Priester und Nonnen, in Livorno gipfelte diese Bewegung im Kampfruf „Den Tod für Christus, den Tod füir den Heiligen Geist“.

In der Gegenwart sammelt sich nun in den ständigen Invektivcn kirchenfeindlicher Zeitungen, Zeitschriften, Partei- und Volksversammlungen ein Haß, für dessen zahlreiche Ausbrüche der'Autor vielfältige Belege gibt. Der Angriff richtet sich gegen alles Christliche, insbesondere gegen Prozessionen, gegen bekannte praktizierende Laienchristen und gegen den Klerus, er gipfelt in einer Schimpfkampagne gegen die Person des Papstes. Führend, sind hier Luigi Longo und Togliatti, die Häupter der italienischen Kommunisten. Pius XII. wird als „Lügner“ und „Verräter“, als ' „Bluthund“, „Arbeiterfeind" und „Kriegshetzer“ gebrandmarkt- Die neuerstandene Gesellschaft „Giordano Bruno“ beteiligt sich wiederum in erster Reihe an diesen Manifestationen eines , wütenden Hasses. Der Prozeß des Kardinals Mindszenty und die Stellungnahme des Papstes dazu wurden in diesem Sinn propagandistisch ausgewertet. Dem „Freund des Friedens und der Menschheit“, Stalin, wird als „Urheber aller Kriege", der „Freund der Kriegstreiber“ und „Imperialisten“ Pius XII. gegenüber gestellt. Geschickt' anknüpfend an die historischen inneritalienischen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts wird die absurde Behauptung vertreten, daß ein editer patriotischer Italiener ein Feind des Papsttums sein müsse. Qddone schließt seinen Artikel mit einem Aufruf an die italienischen Katholiken, sich angesichts dieser zunehmenden Feindschaft umso inniger und fester um die verehrungswürdige greise Gestalt ihres Oberhirten zu scharen. ' f

Deutsche Beamtentragödie

„Die Gejenwart“, Freiburg im Br e is g au, 15. April 1949, bringt ein beachtenswertes Nachwort zum Prozeß der „Gebliebenen“. Gemeint ist der letzte große. Nürnberger Prozeßgegen die „Wil- hehhstraße“, gegen eine Reihe hoher Beamten zumal des Auswärtigen Amtes, aus dem die Gestalt des früheren Staatssekretärs vom Weizsäcker, hervorragt. „Die Begriffe des Rechts und der Richter reichen sicherlich nicht aus; um Dinge und Geschehnisse des letzten Jahrzehnts zu fassen, die sįch da im Niemandsland zwischen Erde und Hölle ereignet haben. Die letzten furchtbaren' Jahre sind im wahrsten Sinne ein Niemandsland des Rechts gewesen und durch keinerlei juristische Begriffe zu fassen.“ Für Weizsäcker, den Carl J. Burckhardt, der hervorragende Schweizer Historiker und Diplomat, als „Talleyrand des Dritten Reiches“ bezeichnet hat, nahmen unter anderen befürwortend Stellung der bekannte jüdische Völkerrechtler Erich Kauffmann, der Führer der norwegischen Widerstandsbewegung, Bischof B.erggrav, C. J. Burck- hardr selbst und . viele andere mehr. Es ist auch vom Gericht selbst nicht bezweifelt worden, „daß Herr v.ori Weizsäcker lieber die Henker als die Opfer in die Feueröfen geschickt hätte“. Die „Paraphe“, die Namenszeichnung Weizsäckers, „steht aber auch unter dem einen oder dem anderen Dokument,- durch das . die Tragödie von Tausenden ausgelöst wurde, die ryiit der nächtlichen Abholung begann und mit einem. Entsetzensschrei in der Gaskammer endete". Dies die große Tragödie: die Maschine, die Maschine des Terrors, des Verbrechens, der Vernichtung lief, und Weizsäcker, der persönlich untadelige Beamte, war ein Sandkorn in ihr. Ein Korn, das. nach Ansicht der Anklagevertretung den Lauf der Maschine noch reibungsloser gestaltete, nach. Ansicht der Verteidigung' sie vielfach zu hemmen versuchte. Nichts charakterisiert diese Stellung des Beamten in diesem Chaos .besser als eine Episode, die von Weizsäckers Nachfolger, dem -Freiherr von Steengracht, berichtet wird: er hängte einmal eine Null daran, als Hitler die Ausreise von 400 Juden aus Ungarn nach Schweden genehmigte und entzog so 4000 statt 400 den Gaskammern!

„Man weiß auch rus anderen Prozessen, daß Hitler und die Seinen oft bei Geiselerschießungen eine Null dahintersetzten. Das ist nun die Maschine. Da -nimmt in einem Büro ein Mann einen Federhalter und malt in ein .Schriftstück eine' Null hinein. Das bedeutet, daß viele, -hundert Mann mehr im Morgengrauen unter den Schüssen eines Kommandos in einer Reihe dahinsinken wie Bleisoldaten, über die eine Kinderhand hinweg-

streicht, daß Hunderte von Frauen mehr ein einsames und verwüstetes Leben in Zukunft führten, daß Hunderte von Kindern keine Väter mehr haben. Dies Null sind aber auch ein paar tausend Menschen mehr, denen die Freiheit winkt, von denen sich die Knochenhand löst, die aus einer Gaskammer nach ihnen greift. Das ist die Maschine." — „Die Maschine ist in der Tat die große Frage des Prozesses. Mordet das Rädchen in der Maschine mit? Bist du unschuldig, weil das andere Rädchen dich. treibt?“ — Das Referat der deutschen Zeitschrift schließt mit den Worten Jakob Bu/rdchardts: „Die letzte Verrechnung zwischen Schuld und Schicksal ist geheim“ — sie ist der Sicht des Menschen entzogen.

Europas Weg zur Einung

Denis de Rougemont gibt in der Aprilnurtmer der „Revue de Paris“ einen Überblick über „die europäische Bewegung".

„Wenn ein Amerikaner sagt, daß Ihre Idee großartig ist, ist er bewegt: er wird Ihnen helfen. Wenn ein EuropäerThrren sagt: ein geeintes Europa, ja, das ist eine großartige Idee..., dann wird er höchstwahrscheinlich nichts tun... Auf diese Art ahmt ein gewisses westliches Bürgertum, das im politischen Sinn Analphabet geblieben ist, in seinen Vorschlägen und Intensionen den frivolen Zynismus des Adels am Vorabend der Französischen Revolution nach. Aber: der große Stil ist verlorengegangen und — Stalin steht vor den Toren.“

Mit diesen einleitenden Sätzen umreißt Rougemont, der Schweizer Vorkämpfer eines föderalistisch geeinten Europa , die Schwierigkeiten, die sich einer europäischen Bewegung entgegenstellen. Seiner Ansicht nach geht es heute darum, zwischen die beiden Kolosse USA und UdSSR eine Isold er zone zu legen, die den Frieden und ein Gefälle des Ausgleichs erstellen oll, eben das geeinte Europa.

„Wenn wir den Frieden rėtteh, wenn wir den Frieden schaffen wollen, dann müssen wir damit beginnen, Europa zu schaffen als ', . jene dritte Macht, die imstande ist, ein Kompromiß aufzuerlegen, es zu erfinden für jene beiden anderen Mächte.“

Die europäische Bewegung .hat nun in den Jahren 1946 bis 1949 eine erstaunlich schnelle Entwicklung durchgemacht. Sie begann im August 1947 mit dem; Kongreß von Montreux — 150 . Delegierte in einem bescheidenen Hotelsaal — und fand ihre Festsetzung mit Churchills berühmter Zürcher Rede, und dann mit dem Kongreß im H äg vom 7. Mai 1948, an dem bereits außer -Churchill, Ramadier, Reynaud und van Zeeland 60 Minister und über 200 sonstige Deputierte europäischer Länder teilnahmen. Am 28. Jänner 1949 konnte in Paris, wo diese Arbeit foregeführt wurde, bereits die bevorstehende Eröffnung eines Europarats verkündigt werden. Inzwischen hatte im November 1948 in Rom die europäische Union der Föderalisten ihren zweiten Jahreskongreß abgehalten — eine gewaltige Kund: gebung europäischen Einigungswillens —, im Palazzo Venetia, am Stammsitz des gestürz-

ten Diktators. Vom 25. bis 28. Februar 1949 tagte zuletzt In Brüssel der „Internationale Rat der. Europäischen Bewegung“. — Erstes Ergebnis: '

„Was vor einem Jahrhundert ein Traum, vor 15 Jahren ' eine Theorie, während des Krieges eine 1 Hoffnung, während ' der letzten 15 Monate Ausdruck eines guten Willens wacn, wird heute in der Presse, in den Parlamenten, von den Ministerien 'diskutiert als eine Sache, die mit Dringlichen zu verwirklichen ist und die die allergrößten Chancen der Realisierung besitzt..."

Nun beginnt die entscheidende Schlacht! Unmittelbare Ziele der europäischen Bewegung sind: die Schaffung eines konstanten politischen Europarats, eines obersten Gerichtshofs zum Schutz der Menschenrechte (auch der Individuen gegen den Staat!), ferner Maßnahmen zur Föderation der europäischen nationalen Wirtschaften und ein „europäisches Kulturzentrum“, das die spezifischen europäischen Werte herausarbeiten, verteidigen und verbreiten soll. Rougemont schließt seinen Bericht voll Zuversicht und Hoffnung: Ė u f o p a i s t a u f d e m W e g e, es wird und wächst in tausend Keimen, in den Ländern, welche die Freiheit lieben und die Persönlichkeit des Menschen hochhalten.

Permanenz der Revolution

„Die revolutionäre Stabilität der Sowjetunion“ behandelt Hen- dryk Brugmans, der bekannte holländische Führer der Europabewegung in einem Aufsatz der „Frankfurter Hefte“ (Heft 4, 1949). Das Schicksal der russischen Revolution ist in der Geschichte ohne Bei- spiel.

„Nichts hat die ,kapitalistischen' Mächte stärker enttäuscht als die dauerhafte Unerbittlichkeit des neuen russischen Regimes in Fragen der Doktrin, als seine revolutio- näine Stabilität.“

„Das bolschewistische Schwert hat sich nicht — wie man vielleicht erwarten konnte — abgestumpft. Unerbittlich verfolgt das Land seinen Marsch, einem fernen, aber schon klar sich abzeichnenden Ziele zu. Vorläufig hat die UdSSR alle alten Sprichwörter der menschlichen Weisheit Lügen gestraft, die sagen, daß alles vergehe, zerbreche, ermüde, und daß man am Ende in jeden Wein etwas Wasser zu tun habe.“ Nun genügen die üblichen Erklärungsversuche nicht, um das Geheimnis dieser revolutionären Stabilität zu erklären. „Woher kommt es, daß die normale Abnützung, die Fäulnis, die die Folge der Reife ist, die kommunistischen Führungskader in Rußland nicht ergriffen hat?“ — Die führenden Persönlichkeiten Rußlands „hüten ihre revolutionäre und proletarische Reinheit wie ihren Augapfel“. Wie gelingt ihnen dies? Beziehen sie nicht Spitzengehälter, haben sie nicht das Recht, ja sogar die Pflicht zu einer weit über Durchschnittsniveau gehobenen Lebenshaltung, besitzen sie nicht Villen, Autos, Orden usw.? Brugmans sieht das Geheimnis der Erhaltung der revolutionären Spannkraft dieser Führungsschicht in folgender Tatsache begründet: die „Unstabilität im privaten Leben der verantwortlichen Parteileute ist die Basis und die Bedingung für die politische Kontinuität“.

„Die großen Journalisten, die Führer im politischen Leben und in den Gewerkschaften, die Stars der sowjetischen Kunst, die Marschälle und die Botschafter, alle wissen sie, daß zu jeder Stunde des Tages odeir der Nacht ihre Herrschaft zu Ende gehen kann.“ Gewiß, die Partei neigt dazu, sich zu verhärten und zu korrumpieren. ’

„Das ist unvermeidlich. Man weiß es, man sieht es, aber ganz im Gegensatz zu allem, was man bisher in der Geschichte erlebt hat (wenigstens in der Geschichte des Westens): die Führer finden sich damit nicht ab. Und um rein zu bleiben, reinigen sie. Denn die Reinigung ist in Sowjetrußland nicht nur eine politische und ideologische Erscheinung. Sie ist auch, und vielleicht in erster Linie, moralischer Natur. Man scraft nicht nur die Opponenten, sondern auch die Schwachen die Geschäftemacher, die Ausbeuter. Gegen diese aber gibt es nur eine Waffe: den Schrecken, den Hüter der Moral.“

Dieses Phänomen permanenter Revolution stellt nach Brugmans die stärkste Herausforderung der übrigen Welt durch den sowjetischen Kommunismus dar. Wer ist ihr gewachsen? „Nur Propheten können ich ihr stellen.“

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