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Bilder aus dem heutigen Ungarn

Wer mit dem Begriff Ungarn auch heute noch die Vorstellung von Zigeunermusik, Pusztfa, Csardas und Tokajer verbindet, wird, um mit der Gegenwart Schritt zu halten, dieses Phantasiebild einer radikalen Korrektur unterziehen müssen. Entsprach es wohl immer schon viel eher einer falschen Operetten- und Kinoromantik als den Tatsachen, so hat es vollends mit dem — physischen wie geistigen — Aspekt, den das schwer geprüfte Land heute darbietet, nicht mehr das geringste gemein.

Budapest, die Doppelstadt an der Donau, in Reiseprospekten der Vergangenheit gerne als die „Königin der Donau“ bezeichnet, kann auf diesen Titel kaum mehr einen Anspruch erheben: der gesamte Burghügel von Buda mit seinen ehrwürdigen alten Palästen liegt buchstäblich in Schutt und Asche. Über den leergebrannten Mauern der königlichen Burg schwebt, von den nackten Gerüststangen der einstigen Kuppel getragen, einsam die Heilige Krone und blickt zum schlanken gotischen Turm der Matthias-Krönungskirche hinüber, die, zwar narbenbedeckt, im ganzen aber unversehrt, ebenso einsam aus dem sie umgebenden Trümmerfeld emporragt. Unter ihr, auf der Pester Seite, stehen gleichfalls nur mehr die Mauerreste der langen Reihe von Hotelpalästen, die das jenseitige Donauufer säumten.

Die sieben stolzen Brücken, die sich im Weichbilde der Stadt über den Strom geschwungen hatten, wurden von den Deutschen während ihrer völlig sinnlosen, sechs Wochen andauernden Verteidigung der längst eingeschlossenen Stadt in die Luft gesprengt. Die älteste dieser Brücken, nach ihrem Erbauer Szechenyi-Brücke oder „Kettenbrücke“ genannt, hatte einst nicht nur die beiden Uferstädte Pest und Buda miteinander verbunden und so zur späteren Großstadt Budapest vereinigt, sondern war auch gleichsam ein Sinnbild des dem ständischen folgenden Reform - Zeitalters gewesen. Genau an dem Tage nun, an dem der Eisstoß die letzte der mit Hilfe der russischen Besatzungstruppen rasch errichteten Notbrücken mit sich fortgerissen und auch den Übersetzverkehr unmöglich gemacht hatte, konnte auch schon wieder die erste neue, stehende Brücke eröffnet werden, die in fieberhafter, Tag und Nacht währender, in Schneesturm und Kälte fortgesetzter Arbeit innerhalb eines halben Jahres vollendet worden war.

So bildet wieder eine Brücke — die neue „Kossuth-Brücke“ - — das Symbol für das neueste Zeitalter, das aus den Trümmern der Vergangenheit das kommende Ungarn aufzubauen sich anschickt. Besser gesagt, auf den Trümmern. Denn hier ist selbst der Name der beiden Brücken symbolisch: der Geist, in dem Ungarns Neuaufbau erfolgt, steht dem Revolutionär Kossuth weit näher, als dem des überlegt Stein zu Stein fügenden evolutionären Reformators Stephan Szechenyi.

Fast vor jedem Hause, in jeder Straße erheben sich Grabhügel. Sie bergen die Leichen russischer, ungarischer, deutscher Soldaten, ungarischer Zivilisten, Frauen und Kinder, und es ist, als hätten sich die Toten des vom Kampfe aufgewühlten Stadtfriedhofs in Farkasret, aus ihrer Grabesruhe aufgestört, über die ganze Stadt verteilt und sie in einen einzigen, gewaltigen Friedhof umgewandelt. Sie klagen an, diese Gräber. Stumm wie die Ruinen und schweigend, aber furchtbar beredt wie der Strom selbst, der die Hekatomben-Opfer nicht vergessen kann, die blindwütiger Rassenhaß dem jüngsten und mörderischesten aller Heiden-götzen: dem Ungeist Hitlerscher Machtgier zu Ehren in seine Fluten getrieben hat.

Diesem Bild der Hauptstadt gleicht, zumal im Westen, wo die hin- und herwogenden Kämpfe vor allem in den größeren Ortschaften und Städten schwere Verwüstungen anrichteten, auch das der Provinz Hier hatten die nazistischen „Beschützer“ Zeit, auch aus dem letzten Bauernhof noch das Vieh mit sich über die Grenze fortzutreiben, Fabrikseinrichtungen und alles, dessen sie habhaft werden konnten, mit sich zu führen. So ist das einst blühende, ja üppig scheinende Ungarn heute nach Polen vielleicht das ärmste unter den Ländern des östlichen Europa geworden.

Aber ohne alle Schönfärberei: Diese einst so leichtlebige Stadt, dieses heitere Land, verwüstet und ausgeblutet, lebt dennoch. Lebt und arbeitet. In Budapest sind alle Geschäfte offen. Alles ist, das heißt wäre zu haben, wenn die Preise zu erschwingen wären. Die aber schwingen sich von Tag zu Tag in atemberaubendem Tempo in schwindelhaftere Höhen. Trotzdem gibt es einzelne, die auch bei der Nennung von sechs- bis siebenstelligen Perigöbeträgen nicht von Schwindel erfaßt werden. Gegen sie richtet sich mit Reiht der allgemeine Unwille. Denn die Not ist groß. 15 Dekagramm beträgt die Tagesbrotration pro Kopf. An drei Tagen der Woche wird ' statt Brot Maismehl verabfolgt. In langen Reihen stehen hungernde . Menschen aller Stände vor den Lebensmittelgeschäften, vor Straßenbahn- und Autobushaltestellen, ja selbst vor dem Steueramt Schlange. Das Schlangenstehen ist irgendwie Mode geworden, die Mode der Armut. Ein geheiztes Zimmer, Kaffeehaus, Restaurant gehört zu den Seltenheiten. Nicht einmal Spitäler und Gebäranstalten verfügen über Heizmaterial. In kalten Büroräumen, in verschlissenen Mänteln, zerrissenen Schuhen, die Hüte auf den Köpfen, arbeiteten diesen Winter Beamte um einen Lohn, der in verzweifeltem Wettlauf mit den fast stündlich in die Höhe schießenden Lebensmittelpreisen- hoffnungslos zurückbleibt. Der Preis einer Straßenbahnfahrkarte wurde Ende Februar über Nacht von 3000 auf 20.000 Pengö, der der Zeitungen von 2000 auf 10.000 Pengö erhöht. Das bescheidenste Mahl, bestehend aus einer Gemüsesuppe und einem Gemüsegang (wobei dieser von jener meist kaum zu unterscheiden ist) in der einfachsten Auskocherei kostet mindestens 100.000 Pengö. Und 25 Prozent der Säuglinge Budapests sterben an Unterernährung ihrer Mütter.

Selbstredend trifft die Regierung immer wieder strenge Maßnahmen gegen die Ausbeuter dieses Elends: Razzien werden abgehalten. Ein paar Verdächtige werden verhaftet. Der „Schwarze Markt“ blüht weiter. Und wird weiterblühen, solange die unaufhaltsam scheinende Inflation anhält. Vor einigen Monaten wurden die Banknoten auf ein Viertel entwertet und abgestempelt. Der allgemeine Warenmangel, die vorderhand unüberbrückbaren Transportschwierigkeiten aber konnten dadurch, wie wohl vorauszusehen war, nicht behoben werden. Und die Preise steigen auch seither weiter.

Daß sich nach allem dem Erbitterung gegen die Urheber dieses Elends: die Träger des nazistischen Regimes und ihre inländischen Verbündeten und Freunde richtet, kann nicht wunder nehmen. Er macht sich in der Presse wie bei den Verhandlungen gegen die Kriegsverbrecher zuweilen temperamentvoll Luft. Und vielleicht ist es zum Teil auf das Konto dieses nationalbedingten Temperaments zu buchen, daß die Anklage gegen die Schuldigen der Vergangenheit zuweilen auch vor anderen, ja vor dem eigenen Volke nicht Halt macht. Wer die Leitartikel der ungarischen Presse verfolgt, wird oft verblüfft sein über das hohe Maß, ja, Übermaß selbstzerfleischender Strenge, mit der sie einen wahren Kreuzzug gegen die eigenen Fehler zu führen scheint. Was gestern noch als Patriotismus galt: Nationalismus, Revisionismus, wird heute fast als Hochverrat angeprangert. Entspringt dieser Wortfeldzug auch zweifellos einem leidenschaftlichen Besserungswillen, so gefällt er sich freilich oft auch in der Häufung einzelner Schlagworte, unter denen das der „Reaktion“ wohl den dehnbarsten Radius aufweist. Dabei übersieht man offenbar die Gefahr, die in der Überbeanspruchung und damit Schwächung eines Begriffes liegt, der auch heute noch einer sehr realen Grundlage keineswegs entbehrt: liegt es doch auf der Hand, daß den wirklich Schuldigen von gestern daran gelegen ist, aus den durch sie mitverursachten Nöten der Gegenwart Kapital zu schlagen und durch billige Vergleiche zwischen gestern und heute Proselyten zu machen.

Daß sie hierbei zum Teil auch auf tatsächliche Mißgriffe der Verantwortlichen hinweisen können, wird ohne weiteres klar, wenn man

die ungeheuren Schwierigkeiten berücksichtigt, die sich aus der Aufgabe er- . geben, das rein passive Erbe, das sie antraten, in einen aktiven oder doch ausgeglichenen Saldo zu verwandeln. Ein solcher Fehler war es offenbar, gleich nach der Befreiung dem freien Handel Tür und Tor zu öffnen; doch erschien ihnen die Fortführung einer Planwirtschaft mit dem Begriff der Freiheit unvereinbar. Auch hier sah man sich, wie bei der Geburt einer jeden Demokratie, bald vor das Dilemma: Freiheit oder Gleichheit gestellt. Und vor andere Probleme: in fast etwas naiver Überschätzung der völkerversöhnenden Kraft der Demokratie hoffte man, die Tatsache der Demokratisierung Ungarns allein würde hinreichen, um alle aus der Vergangenheit stammenden Ursachen zu Zwistigkeiten mit den Nachbarstaaten zu beseitigen. Mußte man allerdings nach den Massenausweisungen von Ungarn aus der Slowakei seine Ansichten revidieren, so kam es kürzlich immerhin zu einer Vereinbarung mit Prag, wonach der Austausch in der Slowakei lebender Ungarn gegen eine gleiche Anzahl ungarischer Slowaken beschlossen wurde.

Wenn trotz der bekannten Ergebnisse der allgemeinen Wahlen die in der Minderheit gebliebenen marxistischen Parteien in manchen Sektoren des staatlichen Lebens einen offenbar über ihre rein zahlenmäßige Stärke hinausgehenden Anteil an den Geschäften nehmen — wie etwa in dem heute besonders wichtigen und mit außerordentlichen Vollmachten ausgestatteten „Obersten Wirtschaftsrat“, in dem mit Ausnahme des der Mehrheitspartei der Kleinen Landwirte angehörenden Ministerpräsidenten durchwegs marxistische Minister vertreten sind —, so unter anderem wohl auch deshalb, weil alle Parteien angesichts der vorhandenen Schwierigkeiten den begreiflichen Wunsch hegen, die Verantwortung mit den übrigen zu teilen.

Daß dieses allgemeine Verlangen überall Kompromisse ergibt, ist klar. Mag es so im Ausland vielleicht auch verwundert haben, daß auf einmütigen Beschluß der Nationalversammlung die tausendjährige monarchische Staatsform zugunsten der republikanischen beiseite geschoben wurde, so wird man, um die Dinge recht zu verstehen, keineswegs übersehen dürfen, daß angesichts der jetzigen allgemeinen Notlage das alte Wort primun vivere, deinde philosophari oberstes Gesetz ist. Eine ehrliche Rfepubhk erscheint zudem heute auch manchem Legitimisten begrüßenswerter als der bisherige Zustand eines Königtums ohne König.

Im übrigen hat man sich in Ungarn auf dem Gebiet sozialer Verfügungen eine auferlegt. So ist man bezüglich der Sozialisierungen, des Wirkungskreises der Betriebsräte, der Steuern und ähnlichem keineswegs So weit gegangen, wie etwa in Frankreich oder in der Tschechoslowakei. Auch hat man trotz aller vorausgegangener Ereignisse gegenüber den Schwaben — Von ihrer kollektiven Ausweisung abgesehen und das humanere Prinzip individueller Ahndung angewendet.

Die weitaus radikalste der bisher getroffenen Maßnahmen bildet zweifellos die Bodenreform, die als allererste große Neuerung von der provisorischen, also aus ernannten Mitgliedern bestehenden Nationalversammlung in Debrecen beschlossen und von der definitiven Nationalversammlung bestätigt wurde. Die Debrecener Nationalversammlung verfügte insofern über eine marxistische Mehrheit, als hier auch die Gewerkschaften als gesonderte Partei fungierten. Die Bodenreform suchte das schuldhafte Versäumnis der Vergangenheit mit einem fühlbaren Schlage gegen die Saumseligen, die eine zeitgerechte Reform unterlassen hatten, nicht nur gutzumachen, sondern auch zu ahnden. Demnach wurden alle Besitze über 1 0 0 0 Joch ohne Entschädigung restlos enteignet, von Besitzen unter 1000 Joch wurden je 100, im Falle nachgewiesener Teilnahme des Besitzers au der Widerstandsbewegung je 300 Joch belassen. Die gewonnene landwirtschaftliche Fläche wurde von örtlichen, aus den Anspruchsberechtigten selbst gebildeten Kommissionen unter nachträglicher Gutheißung durch die zuständige Kreisbeziehungsweise Landeskommission aufgeteilt. Das hiebei bevorzugte Ausmaß der Zuteilungen betrug je 5 Joch, die vornehmlich Kleinbauern und bisher grundbesitzlosen landwirtschaftlichen Arbeitern zugesprochen wurden. Überdies wurde der ' g e s a m t e private Waldbesitz bis auf je 10 Joch pro Besitzer verstaatlicht, wodurch der ungarische Staat wohl zum größten Unternehmer beziehungsweise Grundbesitzer Europas mit Ausnahme der Sowjetunion geworden ist. Es erscheint heute noch verfrüht, die Folgen dieser jedenfalls tief in die wirtschaftliche und soziale Struktur des Landes eingreifenden Reform überblicken zu können.

So bietet Ungarn bei dem Versuch, sich trotz der tiefen, fast unheilbaren Wunden, die ihm der Krieg und dessen Folgen geschlagen haben, wieder zu erheben, heute noch vielfach ein Bild der Kontraste. Macht man die führenden Männer auf diese Gegensätze Und Ungereimtheiten, wie etwa auch auf die Übergriffe einzelner Staatsorgane, aufmerksam, so erhält man die freimütige Antwort, sie wüßten, wohl, daß die ungarische Demokratie noch in den Kinderschuhen stecke und daher vielfach noch an den üblichen Kinderkrankheiten leide.

Welche Stellung nehmen nun innerhalb dieses sich unter mannigfache Gärungen doch allmählich konsolidierenden Staatswesens die ungarischen Katholiken ein? Die Versuche zur Bildung einer neuen, auf demokratischer Grundlage stehenden christlichen Partei scheiterten bisher vielleicht nicht so sehr an dem äußeren Widerstand der in der Regicrungs-Koalition zusammengefaßten vier Parteien, als an inneren Gegensätzen zwischen den fortschrittlichen Katholiken und den teilweise immer noch maßgebenden Faktoren der seinerzeit zu Julius Gömbös abgeschwenkten Wolff-Richtung. So dürfte es noch eine gute Weile dauern, bis sich aus den bestehenden Sdiwie-rigkeiten eine tragfähige Bewegung herauszulösen und die klaglos ihrer harrenden Volksmassen zu einem festen Block zusam-menzusdiweißen vermag. Vorläufig allerdings verfügt der ungarische Katholizismus über keine einzige Tageszeitung. Andererseits erscheint es“ freilich nicht aufgeschlossen, daß ihm einst vielleicht gerade der Umstand, in den gegenwärtigen sdiweren Zeiten von jeder Verantwortung ausgesdilossen gewesen ztl sein, seitens einer künftigen Wählerschaft zugutegehalten werden mag.

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