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Ungarn ist nidit Tibet

In diesen Wochen wurde das ferne Tibet in tausend Zeitungsschlagzeilen mit dem nahen Ungarn verglichen. Tibet 1959 — Budapest 1956: diese journalistische Pointe eines — vermutlich — fernöstlichen Korrespondenten wurde alsbald in Leitartikeln abgewandelt, auch in Ländern, wo man es, schon der geographischen Nähe wegen, besser wissen müßte.

Denn so viel steht fest: Ungarn ist nicht Tibet. Wenn sich auch das Vorgehen der Kommunisten da und dort ähnelte — rücksichtsloser militärischer Einsatz dem schwächeren Nachbarn gegenüber, der, bald in die Defensive gedrängt, sich lange verzweifelt wehrte, während die übrige Welt tatenlos zusah — in vielen Dingen stimmt der Vergleich nicht. Ungarn war und ist dem internationalen Recht nach immerhin ein souveräner Staat, dessen Regierung in jenen Novembertagen die Vereinten Nationen anrufen konnte. Tibet war in diesem juristischen Sinne nicht souverän, sondern seit einem Vierteljahrtausend autonomer Teil des chinesischen Reiches. An seinem Status würde sich dem Vernehmen nach, auch unter einem nationalchinesischen Regime nichts ändern. Aber der Haupt- unterschied liegt anderswo. Ungarn ist ein Glied der europäischen Völkerfamilie und hat als solches die entscheidenden Phasen der europäischen Geschichte von dem mittelalterlichen Feudalismus an bis zum Nationalstaat des 19. Jahrhunderts mitgemacht, aus Humanismus, Reformation und Aufklärung Impulse gewonnen, die doch auch alles Spätere mitbeeinflußten. Es ist, trotz vieler hindernder Umstände, nicht auf einer frühen Stufe der Menschheitsgeschichte stehengeblieben, sondern hatte, bis der Kommunismus einbrach, eine moderne, freie und tolerante Form des menschlichen Zusammenlebens erreicht.

Ungarns Probleme liegen also anders als die Tibets. Sie sind komplizierter, auch voll von Widersprüchen, kurz gesagt, es sind europäische Probleme, und in ihnen werden noch andere Gegensätze sichtbar, als bloß das Aufeinanderprallen des Althergebrachten und des gewaltsam Applanierenden.

Die große Einheit der Nation, die im Oktober 1956 in Ungarn plötzlich in Erscheinung trat, diese hohe Zeit der Brüderlichkeit, die zur Wirklichkeit gewordene Vision der klassenlosen Gesellschaft, ist kaum mehr eine Erinnerung. Jede Schicht, jede Berufsgruppe hat heute ihre eigenen drückenden Sorgen, kämpft allein, hat besondere Tiefpunkte in ihrer Leidensgeschichte. Den Bauern ging es in den Monaten nach der Niederschlagung der Revolution auf einmal besser, ja den früheren Taglöhnern, den „drei Millionen Bettlern” des Vorkriegsungarn, so gut wie vielleicht noch nie. Die Regierung ließ die Zwangsablieferung fallen, der Weg in die Kolchose wurde zwar empfohlen, aber nicht mehr erzwungen. Die Preise der landwirtschaftlichen Produkte waren hoch, die Bauern konnten sich für die Erlöse etwas anschaffen. In dieser Zeit war die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung das oberste Gesetz, dem jeder Doktrinarismus weichen mußte. Dies dauerte jedoch nur so lange, bis sich die bäuerliche Wirtschaft erholte und einen bescheidenen Wohlstand zu erreichen begann. Aber diese natürliche Folge einer zeitweiligen Stille ließ die Lenker der „sozialistischen Entwicklung” selbstverständlich nicht ruhen.

In den verschiedenen Parteigremien begann die Agitation für eine „aktivere Agrarpolitik”. Kadar und seine Anhänger, die nach wie vor die „mittlere Linie” vertreten, wurden unter Druck gesetzt. Man nennt diese Widersacher Kadars stark vereinfachend die „stalinistische Gruppe”} sie genoß angeblich die Unterstützung der chinesischen Kommunisten, die ihr System der Volkskommunen gerne auch anderswo verwirklicht sehen würden. In Wirklichkeit steht das Regime in Ungarn vor einem echten Dilemma, das auch in nichtkommunistischen Ländern durchaus nicht unbekannt ist. Trotz dem wachsenden Einkommen der Bauern und der Kollektivwirtschaften und den daraus folgernden inflatorischen Auftrieben, dauert die Landflucht, hauptsächlich der Jugend, unvermindert an. Von den 4000 Kolchosen des Jahres 1956 lösten sich während und nach der Revolution mehr als die Hälfte auf.

Noch vor einigen Monaten waren in Ungarn bloß etwa 14 Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Gebietes Kolchosbesitz. Nach vielen Diskussionen einigte sich das Zentralkomitee der Partei im Dezember 1958 auf eine „sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft mit gleichzeitiger Steigerung der Produktion auf der Basis der Freiwilligkeit”.

Wer diesmal hoffte, daß es sich um einen papierenen Beschluß handelte, der irrte. In den folgenden Monaten folgte Schlag auf Schlag. Die Steuerlasten der privaten Bauern wurden bis zu 20 Prozent erhöht. Bauern, die „öffentlich gegen die Produktionsgemeinschaften gehetzt” hatten, wurden verhaftet und abgeurteilt. Gegen ganze Gemeinden, die „den freiwilligen Eintritt in die Kollektivwirtschaften verweigert” hatten, wurden Straf Sanktionen eingeleitet: es traten plötzlich „Versorgungsschwierigkeiten” auf. Inzwischen setzten die „Siegesmeldungen” ein. Hauptsächlich im westlichen Ungarn erklärten sich die Bauern ganzer Ortschaften, ja Bezirke, bereit, Kolchosen zu bilden und unterschrieben die Beitrittserklärungen … Wie das wirklich vor sich ging, wird laufend in Reportagen hauptsächlich in den Provinzblättern verewigt. Auf Lastautokolonnen treffen kommunistische Aktivisten im Dorf ein. Sie besetzen die „strategischen Punkte”, dringen in die Höfe ein, plötzlich stehen hundert unbekannte Männer im Hof, in der Küche, in der Stube. Die Bäuerin weint, die Kinder stehen fassungslos, der Bauer wird von den Besuchern mit Argumenten und versteckten Drohungen bearbeitet, bis er sich beugt und unterschreibt. Die Besucher ziehen geräuschvoll ab — in den nächsten Hof. Solche Belagerungen wehrloser Dörfer und Gemeinden fanden in den letzten Monaten auch etwa siebzig, achtzig Kilometer von Wien entfernt an der Staatsgrenze statt..

In den Städten aber ist alles still… Während Kadar vor kurzem stolz meldete, daß sich bisher 550.000 Bauern „freiwillig” der sozialistischen Form der Landwirtschaft angeschlossen hätten und damit etwa die Hälfte des nutzbaren Landes in Ungarn bereits sozialisiert sei, konnte man kein Uebergreifen der Erregung auf die städtische Bevölkerung, des drohenden Chaos, das über das Land infolge der überstürzten, nicht nur unmenschlichen, sondern auch sinnlosen Maßnahmen eingebrochen ist, feststellen. Eine politische Teilamnestie, der auch der frühere Staatspräsident Zoltan Tildy, nicht aber die kommunistischen Anhänger von Imre Nagy teilhaftig wurden — und Gehaltsaufbesserungen in einigen Intelligenzberufen trugen zur „milden” Atmosphäre bei. Westliche Journalisten, die sich von den vollbesetzten Nachtlokalen und den „schick gekleideten Budapesterinnen” immer wieder beeindrucken lassen, merkten kaum, daß in den letzten Monaten die bisher selbständigen Rechtsanwälte in sogenannte Arbeitsgemeinschaften zusammengefaßt und die Aerzte ihrer privaten Ordination verlustig erklärt wurden. Einige Professoren und Schriftsteller, die als nationale Kommunisten galten, so der Professor für Pädagogik Ferenc Merey und Genossen, wurden wegen verschwörerischer Umtriebe zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt.

Die katholische Kirche in Ungarn steht vermutlich am Vorabend neuer großer Prüfungen. Freilich wird der Terror heute gleichsam lautlos ausgeübt. Die Bischöfe erscheinen in der Kirche, dann steigen sie, wie nachweisbar etwa der seines Postens als Administrator der Erzdiözese Esztergom im Vorjahr enthobene Bischof Mihaly Endrey oder Bischof Imre Szabo, in den sie erwartenden Wagen und kehren an ihren Verbannungsort zurück … Der Diözesanbischof von Györ, Msgr. Kalman Papp, wurde im Vorjahr verhaftet — aber sogleich freigelassen, als er in die Neubesetzung des Seminars mit regime- freundlichen Professoren einwilligte. Im Buda- pester Zentralseminar kam es in diesem Frühjahr zu drakonischen Maßnahmen gegen die „unbotmäßigen” Seminaristen. 14 „Rädelsführer” wurden ausgeschlossen, das Seminar wegen „dringender Renovierungsarbeiten” geschlossen, das Professorenkollegium, sogar der Gesanglehrer, Ende März dieses Jahres ausgetauscht.

Anfang April veröffentlichte schließlich das ungarische Amtsblatt Durchführungsbestimmungen zu einer Regierungsverordnung aus dem Jahre 1957, die bisher weiten Kreisen unbekannt ‘ war. Darin werden die Kirchenbehörden verpflichtet, bei Stellenbesetzungen, Versetzungen, Enthebungen u. ä. zuvor die Einwilligung der staatlichen Stellen einzuholen. Vakante Stellen werden, falls die Kirche die Nachfolge nicht regelt, nach 60 bis 90 Tagen durch das staatliche Kirchenamt besetzt — alles „im Interesse der Kontinuität des Seelsorgedienstes, der kirchlichen Verwaltung und der Priestererziehung”. Alle Priester, nicht nur wie bisher die Bischöfe, müssen den Treueid auf die Volksrepublik leisten. Bedeutet diese Verordnung, daß die Regierung die Stelle der verhafteten, aus ihren Aemtern entfernten vier Bischöfe, ja die de facto unbesetzte Stelle des Erzbischofs von Esztergom, Kardinal Mindszenty, neu besetzen will? Kommt es auf diese Weise zu einer Wiederholung des chinesischen Beispiels? Gerät die katholische Kirche in Ungarn in die Nähe des Schismas? Vorläufig sollen solche Verordnungen wohl die Bischöfe einschüchtern und die Gläubigen und den Klerus irreführen.

Die „staatliche Unterstützung der Kirchen” wird inzwischen fortgesetzt, die Freiheit der Religionsausübung vor aller Welt beteuert. Die Kirche aber wird dabei immer unfreier, die Kluft zwischen Kirche und Jugend von Jahr zu Jahr größer, es gibt keine katholische Literatur (ja fast .überhaupt keine Literatur) mehr, das Schweigen wird bald nur noch durch kommunistische Propaganda und (aus dem Westen importierte) Jazzmusik unterbrochen.

Kirche im Ghetto … Nein, Ungarn ist nicht Tibet, sondern liegt in Europa und trägt neben dem eigenen auch manches gemeinsame Leid mit…

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