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Kirche, Kreml und Kontakte

Im Jahre 1935 schien es, als habe die Sowjetregierung selbst auf die gewaltsame Liquidation der Kirchen verzichtet und diese den militanten Gottlosenverbänden, die ihre antireligiöse und antikirchliche Propaganda mit wilder Vehemenz fortsetzten, überlassen. Niemand erwartete darum eine krasse Veränderung im Verhältnis von Kirche und Staat, selbst dann nicht, als Stalin begann, die moderne Kunst zu verbieten und in allen Lebensäußerungen in der Sowjetunion konservative Grundsätze durchzusetzen. Selbst die Eingeweihtesten ahnten nicht das Kommende.

So geschah es denn, daß der damals weltberühmte Theaterregisseur und Chef des Moskauer Kammertheaters, Alexander Tairoff, beschloß, der antireligiösen Kampagne durch die Aufführung eines antireligiösen Schauspieles einen Höhepunkt zu verschaffen. Tairoff war Mitglied der Kommunistischen Partei und wurde bis dahin von der Parteiführung verhätschelt. Das Schauspiel selbst hatte der Hofpoet des Bolschewismus, Demjan Bedny, geschrieben. Dieser hatte der Bolschewistischen Partei seit ihrer Gründung angehört. Ein gerissener Pamphletist in Versen, hatte er schon in der zaristischen Zeit der Partei dichterisches Propagandamaterial geliefert. Im Bürgerkrieg erlangte er großen Ruhm mit seinen Liedern und Slogans für die Rote Armee. Beinahe jeden Tag brachte die „Prawda“, das Zentralorgan der Partei, ein Gedicht von ihm. Er war Träger der höchsten Orden, Ehrenoffizier der Roten Armee und der Marine und wohnte im Kreml. Er verkehrte persönlich mit Stalin und den meisten Mitgliedern des Politbüros. Auch dieser sonst gut informierte Mann wußte nichts von dem, was kommen sollte. Er schrieb das Schauspiel „Die Taufe Rußlands“. Die Taufe, d. h. die Christianisierung Rußlands durch den Großfürsten Wladimir den Heiligen im 10. Jahrhundert wurde hier aufs gröbste verhöhnt. Regisseur und Autor waren überzeugt, daß sie mit diesem Schauspiel besonderen Parteiruhm einheimsen würden. So sparte man nicht mit Geld bei der Inszenierung. Die Pressekritik war nach der Aufführung des Lobes voll. Plötzlich jedoch, nach einigen Aufführungen, kam der stalirische Bannstrahl. Das Stück „Die TäüFe Rußlands“ wurde verboten. Begründet wurde das Verbot durch einen förmlichen Parteierlaß, der damals im Westen viel zuwenig beachtet worden ist. Denn ihm kommt historische Bedeutung zu. In Tönen größter Empörung verurteilte Stalin darin die Diskreditierung der russischen Vergangenheit. Er wandte sich scharf gegen antireligiöse Propaganda, die die religiösen Gefühle der noch vorhandenen Gläubigen beleidigt. Dazu gab er folgende grundsätzliche Erläuterungen: Der Ucbertritt Rußlands zum Christentum ist für Stalin kein Ereignis, welches man negieren oder verurteilen könne: Großfürst Wladimir habe mit der Christianisierung seines Landes nicht nur eine Großtat staatsmännischer Klugheit, sondern weiteste historische Weitsicht an den Tag gelegt; die Bekehrung zum Christentum habe die bisher völlig isolierte Existenz der Ostslawen beendet und damit Rußland der großen christlichen Völkerfamilie geistig und kulturell angeschlossen; nur dadurch war die weitere Entwicklung Rußlands gegeben.

Mit diesem Erlaß Stalins begann gleichzeitig eine Revision der gesamten kommunistischen Geschichtsauffassung. Alle bisherigen kommunistischen Historiker wurden in Acht und Bann getan. Zaren und Heilige wurden wieder rehabilitiert. Die Geschichtsschreibung erhielt ein russisch-nationales, ja geradezu nationalistisches Gesicht. Es ist eigentlich überflüssig, zu erwähnen, daß der Autor und der Regisseur des verbotenen Schauspieles ebenfalls desavouiert wurden. Insbesondere gegen Demjan Bedny wurde eine vehemente Pressekampagne lanciert, trotz seiner verdienstvollen revolutionären Vergangenheit. Künftig schrieb er nie mehr etwas.

Bald wurde offenbar, daß das erwähnte Theaterverbot nur der Auftakt zu weiteren Schritten war. Ein nächster Erlaß der Partei kritisierte scharf die antireligiöse Bewegung als Ganzes. Er verurteilte sie, weil diese Art von Propaganda nur die Gefühle verletze und damit nur schade. Die antireligiöse Propaganda dürfe künftig nur noch mit „wissenschaftlichen“ Argumenten kämpfen, ohne Gläubige und Geistlichkeit zu verletzen. Von einem Tag auf den anderen wurden die zahlreichen antireligiösen Museen geschlossen. Manche von ihnen wurden zwar später wieder aufgemacht, jedoch in der Form von Museen für Religionsgeschichte oder religiöse Kunst. Woche um Woche wurde der gewaltig angewachsene Bund der militanten Gottlosen in seiner Tätigkeit eingeschränkt. Zuallererst wurde seine Tageszeitung liquidiert, später dann auch seine illustrierte Wochenzeitung. Seine Versammlungen wurden eingeschränkt. Sein Buch-und Broschürenverlag wurde stark abgebaut. Endlich hielt Stalin dann seine berühmte Rede, in der er ausführte, daß in der damals gegebenen Situation jede antireligiöse Propaganda nutzlos und schädlich sei. So lange in der Sowjetunion das Leben noch schwer (wie es damals der Fall war) ist, so lange es noch Not und Mangel gibt, würden die Menschen Trost in der Religion suchen. Die einzige wirksame antireligiöse Propaganda bestehe darin, daß man so energisch arbeitet, daß das Leben in der Sowjetunion bald in jeder Beziehung reich und froh werde. Gute Arbeit ist deshalb die beste antireligiöse Propaganda.

Nach dieser Rede Stalins staunte dierOeffent-lichkeit nicht mehr, als im Entwurf der neuen Verfassung (1936) keine Bürger mehr vom Wahlrecht ausgeschlossen wurden. Alle waren jetzt vor dem Gesetz gleich, und die sogenannte soziale Abstammung spielte keine Rolle mehr. Praktisch betraf diese neue Bestimmung beinahe ausschließlich die Geistlichen aller Konfessionen. Ihre Existenzbedingungen wendeten sich grundlegend zum Besseren. Ihren Kindern stand jetzt der Eintritt in die Mittel- und Hochschulen offen. Gerade diese Bestimmung der neuen Verfassung stieß sichtbar auf die Opposition nicht nur seitens gewisser Kommunisten, sondern auch anderer antiklerikaler Kreise. In seiner letzten Rede auf dem Rätekongreß, der die neue Verfassung verabschiedete, teilte Stalin selbst mit, daß er eine Flut von Briefen erhalten habe, die gegen die bürgerliche Rehabilitierung der Geistlichkeit protestierten. Die Briefschreiber meldeten, daß insbesondere die orthodoxe Geistlichkeit bereits zu größerer Aktivität übergegangen sei. Nicht nur, daß in den Dörfern überall neue Kirchenchöre gebildet würden, vielmehr seien die Popen zu neuen Werbemethoden übergegangen. Insbesondere hätten sie, um die Jugend zu beeinflussen, Sportplätze auf dem Kirchenareal eingerichtet. Stalin wischte all diese Einwände weg. Nachdem der sozialistische Aufbau, wie er sich ausdrückte, vollendet sei, müsse auch der Sowjetstaat einen neuen Charakter annehmen. In diesem neuen Staat jedoch gebe es keinen Platz für Bürger minderen Rechtes. Er meinte sogar, es sei ganz gut, wenn die Popen aktiv würden. Von ihnen könnten die Kommunisten endlich lernen, ohne Zuhilfenahme administrativen Druckes ideologisch zu kämpfen.

Noch einmal flammte 1937 kurz die Verfolgung von Geistlichen auf. Sie hatte jedoch im Grunde genommen keinen religiösen Hintergrund. Es war ja die Zeit der großen Schauprozesse, in denen angebliche und wirkliche Verschwörungen mit dem kapitalistischen und vor allem mit dem nationalistischen Ausland radikal ausgerottet werden sollten. Jedermann wurde verdächtigt. Es konnte darum nicht überraschen, daß auch Geistliche, und zwar nicht nur orthodoxe, sondern auch katholische und protestantische so oder anders Opfer des allgemeinen Mißtrauens wurden. Dieses Intermezzo vermochte aber die deutlich sich abzeichnende Entwicklung nicht aufzuhalten.

Theoretisch erfolgte eine vollkommen neue Bewertung der Rolle der Kirchen im geschichtlichen und sozialen Prozeß. Die Behauptung, die Kirche sei stets nur eine Dienerin bestimmter Klassen gewesen, wurde als primitive Vulgarisierung der marxistischen Lehre und darum als vollkommen unrichtig bezeichnet. Unrichtig sei auch, daß die Kirche jederzeit nur reaktionär sei.

Knapp vor meiner Abreise aus der Sowjetunion hatte ich ein Gespräch mit einem hohen Parteifunktionär. Ich wies ihm gegenüber auf den Widerspruch zwischen der früheren und der jetzigen Kirchenpolitik der Sowjetregierung hin. Mein Partner meinte u. a.: „Warum sollen wir die Geistlichen jetzt verfolgen? Umgekehrt, wenn die Geistlichen den Gläubigen so gut predigen, daß diese moralisch besser leben, weniger trinken und besser arbeiten, dann verdient dieser Erfolg nicht eine Strafe, sondern eine Auszeichnung. Man müßte ihnen sogar Orden verleihen.“ Tatsächlich kam es, später auch zu derartigen Ordensverleihungen.

Im Westen hat man diesen ganzen Prozeß als einen Kniefall der russisch-orthodoxen Kirche vor dem gottlosen Bolschewismus, als eine Unterwerfung unter die Sowjetregierung angesehen und oft sogar das Patriarchat des Verrates an seinen Grundsätzen angeklagt. Das ist, historisch gesehen, unrichtig. Denn diesen einschneidenden Veränderungen gingen keine Verhandlungen zwischen Regierung und Patriarchat voraus. Die russisch-orthodoxe Kirche hat keinen ihrer wirklichen Grundsätze verleugnet.

Im Jahre 1923 hatte der Patriarch Tychon .die Legalität der Sowjetregierung anerkannt und ihr staatsbürgerliche Loyalität versprochen. Daran hielt sich die orthodoxe Kirche die ganze Zeit, wenigstens was ihre oberste Führung betraf. Neues war nicht hinzugekommen. Zu all den einschneidenden Veränderungen schwiegen darum der Verweser des Patriarchates und der übrige Episkopat. Sie nahmen sie einfach stillschweigend zur Kenntnis. Manche Beobachter erwarteten, daß nach der damaligen Sitte wenigstens die einzelnen Kirchengemeinden devote Dankesadressen an Stalin senden würden. Auch das blieb aus. Doch war dieses Schweigen nicht feindlich, denn die Geistlichkeit schaltete sich in der Predigt, wenn auch vorsichtig, in das Sowjetleben ein. Das war jedoch keineswegs eine Preisgabe von Glaubensgrundsätzen, sondern einzig und allein das Wahrnehmen einer neuen günstigeren Situation.

Der russisch-orthodoxen Kirche ist es von jeher gleichgültig gewesen, ob Rußland diktatorisch oder demokratisch regiert werde. Ihr wesentlicher Zug, politisch gesehen, ist der russische Nationalismus, der sich manchmal zum krassesten Chauvinismus steigert. Für die russisch-orthodoxe Kirche ist letzten Endes das russische Volk das auserwählte Volk, das nach dem Sturze von Byzanz berufen ist, der einzig wahren Kirche, der orthodoxen Kirche, Weltweite zu verschaffen. Im politischen Bereich wenigstens sah darum die russisch-orthodoxe Kirche ihren Gegensatz zum alten Bolschewismus gerade darin, daß dieser den russischen Nationalismus radikal ablehnte. Darum hatten bis 1936 alle kommunistischen Geschichtsschreiber die ganze russische Vergangenheit verurteilt. Jetzt aber wurde — so radikal war der Umschwung — die Vergangenheit des russischen Volkes als glorreich geschildert, das russische Volk als das erste unter den Völkern der Sowjetunion, ja der ganzen Welt gefeiert. Zaren und selbst Heilige der russischen Kirche wurden wieder glorifiziert. Großfürst Wladimir von Kiew und Fürst Alexander Newski von Nowgorod, beides hochverehrte Heilige der russisch-orthodoxen Kirche, wurden jetzt auch zu verehrungswürdigen Gestalten der kommunistischen Geschichtsschreibung. Das Wort „Patriot“ wurde wieder ein Ehrentitel, Liebe zum Vaterland und zur Heimat höchste Tugend.

Warum hätte ein Geistlicher der russischorthodoxen Kirche diese Wandlung nicht begrüßen sollen? Immer schon war das alles seine innerste Ueberzeugung gewesen. Dazu noch ein weiteres. Die russische Revolution hatte anfangs verkündet, daß Liebe und Ehe reine private An-eelegenheiten seien. Als Institution sollte die Ehe überhaupt absterben. Daher war anfänglich die Ehescheidung auf ein Minimum von Formalitäten beschränkt. Dazu hatte die Propaganda der „freien Liebe“ gewaltige Formen angenommen und zur sexuellen Anarchie geführt. Auch hier trat plötzlich ein totaler Wandel ein. Die Fami“e war wieder zur Grundzelle des Staates und der Gesellschaft erklärt. Gemeint war die kinderreiche Familie! Die Scheidung wurde bedeutend erschwert, zeitweise beinahe unmöglich gemacht. Bei der Sportparade 1936 marschierten über den Roten Platz bereits Kolonnen junger Ehepaare mit kleinen Kindern auf den Armen. Sexuelle Liederlichkeit und Ehebruch wurden praktisch als Offizialverbrechen behandelt. Einige Schauprozesse wurden gegen Männer durchgeführt, die mehrere Geliebte hatten oder neben der Ehefrau eine Konkubine. Bei den Frauen machte man es sich noch einfacher. Im besten Falle wurde eine Ehebrecherin beim ersten Vergehen von der Polizei verwarnt, beim zweiten Mal kurzerhand als Prostituierte in ein Zwangsarbeitslager nach dem hohen Norden verschickt. Auch sämtliche Perversitäten waren zunächst straffreie Privatangelegenheiten gewesen. Jetzt aber wurden darauf die strengsten Strafen gesetzt. Wenn ein Homosexueller seine Veranlagung nur sichtbar zeigte, ohne sich darin zu betätigen, so kostete das ihm mindestens drei Jahre Arbeitslager. In Rostow am Don hob die Polizei ein Gelage von Homosexuellen aus. Der größte Teil von ihnen wurde kurzerhand an die Wand gestellt. Die Abtreibung war lange Jahre hindurch nicht nur gestattet, sondern wurde ohne Entgelt in jeder staatlichen Klinik ausgeführt. Zeitweise wurde dafür sogar Propaganda gemacht, da das Kindergebären die Frau von der produktiven Arbeit abhalte. Nun aber wurde die Abtreibung unter schwerste Strafe gestellt. Die Abtreiber, Aerzte oder Laien, erhielten hohe Zuchthausstrafen angedroht. Noch mehr! Von der polnischen Grenze bis;.zum Stillen Ozean war kein einziges die Empfängnis verhütendes Mittel zu kaufen. Jede Art schlüpfriger oder nur leicht erotischer Darbietungen in Kabaretts, in Theatern oder Klubs waren streng untersagt. Die sowjetische Literatur mußte die Liebe und erst recht das Geschlechtsleben völlig ignorieren.

Warum hätte ein russischer Geistlicher diese Entwicklungen der öffentlichen Moral nicht begrüßen und unterstützen sollen? Er förderte damit zwar auch die Sowjetpolitik, doch war es kein Verrat an seinen Glaubensgrundsätzen.

(Die Veröffentlichung wird fortgesetzt)

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