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Was geschah in Rubland ?

Der Sturm gegen Stalins Gespenst, ausgelöst durch den nun historisch gewordenen Vortrag des ersten Parteisekretärs, Nikita Chruschtschew, legt sich allmählich. Man kann heute schon eine Art Bilanz ziehen und übersieht bereits die politischen Hintergründe. Denn in den Nachrichten der letzten Wochen hat die Flut der Informationen über wirkliche oder tatsächliche Verbrechen Stalins, dieser sensationellen, wenn auch heute schon nur historisch zu bewertenden Nachrichten, die ernsten politischen Vorgänge gewissermaßen überdeckt.

Bei allen diesen Nachrichten fällt auf: Beinahe alle diese Meldungen kommen aus allen möglichen Städten- nur nicht aus Moskau. Sie gelten als bis dorthin „durchgesickert“. Ihre zweite Eigenschaft, einschließlich der Meldung, Stalin sei von den jetzigen Machthabern umgebracht worden, ist, daß sie im Grunde nicht neu sind. Sie wurden gelegentlich schon, manchmal vor Jahren, kolportiert. Es ist immer wieder behauptet worden, Kirow oder Otschronikidze seien auf Befehl von Stalin umgebracht worden, Stalin habe den Befehl zur Hinrichtung des einen oder anderen Opfers gegeben.

Neu ist lediglich die Behauptung, daß Stalin seine zweite Frau, Nadeschda (Kosenamen Nadja) nach einer stürmischen politischen Diskussion erschossen habe. 1932 und nach dem Tode Nadeschdas kursierten alle möglichen Gerüchte in Moskau. Die meisten drehten sich um einen Selbstmord Nadeschdas, der von Stalin verschuldet war. Die Totschlagversion war nicht darunter. Doch gerade auch diese Meldung beweist, wie vorsichtig man solche Informationen aufnehmen muß. Denn dieselben Meldungen besagen, Nadeschda sei Jüdin gewesen. Nun, das ist ganz und gar nicht wahr. Die Eltern und die Abstammung Nadeschdas sind nämlich sehr gut und authentisch bekannt. Vor allem lautet der Geschlechtsname Nadeschdas Allilujewa, das ist die russische Form von Halleluja. Es ist sehr gut bekannt, wer solche Familiennamen führt. Der russische Klerus war in der Vergangenheit ein Erbstand. Diese erblichen Geistlichen trugen alle Familiennamen, die auf ihre Tätigkeit hindeuteten. Es besteht kein Zweifel darüber, daß Nadeschda Allilujewa aus einer alten Popenfamilie stammt, obwohl ihr Vater Schlosser war. Daß Stalin auch persönlich das Blutvergießen nicht scheute, steht fest. Bekannt ist ja sein Bankraub in Tiflis, als er noch jung war, bei dem durch die Bomben, die er und seine Komplicen warfen, zahlreiche unbeteiligte Passanten umkamen. Lenin hat übrigens damals dieses Verbrechen Stalins gedeckt und das von Stalin geraubte Geld für die Partei verwendet. Daß ein Kaukasier im Jähzorn seine Frau erschlägt, ist an und für sich auch kein so seltenes Ereignis. Trotzdem muß man alle diese Nachrichten über die Schandtaten Stalins mit Vorsicht aufnehmen. Eigentlich sind sie ja auch für den Westen und sogar für Rußland von doch untergeordneter Bedeutung. Gegen das Wüten Peters des Großen war Stalin ein wahres Lamm. Und trotzdem, keine Gestalt aus der russischen Vergangenheit wird vom russischen Volke so verherrlicht und verehrt wie der „Große Pjotr“. Die byzantinische Eigenschaft des russischen Volkes zeigt aber auch, warum die heutigen Machthaber der Sowjetunion die ganze Aktion gestartet haben. Rußland hat den furchtbarsten Krieg seiner Geschichte überstanden. Unter furchtbaren Leiden. Der Vaterländische Krieg 1812 war nichts dagegen. Wie der Volksmund sagt, kamen damals 20 Nationen mit Napoleon nach Rußland. Diesmal die Armeen des ganzen europäischen Kontinents. Und diesmal drohte nicht eine bloße Niederlage, nicht nur die Existenz der Sowjetunion, nein, die Existenz Rußlands, schlechthin des ganzen russischen Volkes, stand auf dem Spiel. Für den einfachen Russen hat sein Land lange Zeit allein gekämpft. Dieses, sein Erlebnis, der endlich ihm wunderbar erscheinende Sieg ist für ihn an den Namen Stalins gebunden. Die Gestalt Stalins, wie sie im Bewußtsein nicht der Kommunisten, sondern der Russen allgemein ist, stand wie ein gewaltiges Hindernis auf dem Wege zur weiteren Entwicklung, zu einer den heutigen Verhältnissen angepaßten Umorganisation des Sowjetstaates. Das Andenken an Stalin, bei dem nun einmal, als Erbteil byzantinischer Staatskultur bestehenden Hang, eine einzige Gestalt als Symbol auszusuchen, sie zu beweihräuchern und zu verherrlichen, schloß die Gefahr in sich, daß auch einer der heute kollektiv regierenden Männer auf diese Weise herausgehoben, vielleicht sogar wider seinen eigentlichen Willen, zur persönlichen Diktatur gedrängt wird. Schon bei Lebzeiten Stalins war aber in der Oberschicht der Partei die Ansicht verbreitet, daß eine Wiederholung der Aera Stalins eine unzeitgemäße Erscheinung wäre, die letztlich zum Untergang des Kommunismus führen müßte. Der Feldzug gegen das Andenken Stalins hat auf jeden Fall erreicht, daß keiner der heute an der Spitze stehenden Männer die Alleindiktatur antreten kann. Dieser Weg ist absolut versperrt.

Doch um die Geschehnisse in der kommunistischen Welt zu verstehen, ist es wohl nötig, daß man sachlich die Geschichte des gegen Stalin gerichteten propagandistischen Feldzuges wiederholt. Sie beginnt nach dem zweiten Weltkrieg, Jahre vor dem Tode Stalins. Schon damals, als Stalins Liebling und Nachfolger, Andrej Schdanow, starb, wurde nach Einschätzung der ganzen Lage beschlossen, daß Stalin keinen Nachfolger haben wird, sondern die kollektive Leitung von Partei und Staat im leninschen Sinne wieder Geltung haben soll. Stalin selbst veröffentlichte später einen langen Artikel gegen den „Personenkult“. Er erschien in der theoretischen Zeitschrift „Der Partei-.Kommunist'“. Mikojan hat das jetzt bestätigt. Er sagte: „Es ist wahr, daß Stalin selbst gegen den Persönlichkeitskult auftrat, doch nicht energisch genug.“ Man dachte eigentlich daran, diese neue Politik schon bei Lebzeiten Stalins einzuleiten. Stalin wollte im Hintergrund bleiben, als Reserve gleichsam, und das übrige Politbüro als kollektive Behörde selbständig regieren lassen. Doch diese Durchführung scheiterte an der Person Stalins selbst. Ebenso erging es der Außenpolitik. Die heutige Außenpolitik wurde beschlossen, nachdem der Kreml die Atombombe hatte. Stalin selbst machte auch einige Deklarationen dieser Art. Doch dann blieb alles wieder stecken. Der Grund lag in dem physischen und psychologischen Zustand Stalins in seinen letzten Lebensjahren. Natürlich wurde auch zu Lebzeiten Stalins bereits beschlossen, daß nach seinem Tode die Posten des Regierungschefs und der des Parteisekretärs nicht mehr vereinigt werden sollen. Auch damals wurde bereits beschlossen, daß Georgi Malenkow nach dem Tode Stalins Ministerpräsident wird. Er wurde dafür gewissermaßen eigens geschult. Doch schon damals konnte man erfahren, daß dies eigentlich ein Experiment sein sollte. Man wählte Malenkow, weil er jünger war, was eine lange kontinuierliche Regierung ermöglichen sollte. Die Praxis sollte jedoch erst zeigen, ob seine Erfahrungen und seine Fähigkeiten genügen, diesen in der Sowjetunion äußerst schwierigen Posten zu bekleiden. Trotz des hemmenden Verhaltens Stalins trat noch bei seinen Lebzeiten der 19. Parteikongreß zusammen, der die notwendige UmOrganisation der Parteileitung für diese neue politische Linie vornahm.

Nach dem Tode Stalins wurde energisch an die Verwirklichung der neuen Regierungsmethoden geschritten. Das Ziel war ein doppeltes: Auflockerung der von einer geistigen Sklerose befallenen Partei und Herstellung einer freieren Atmosphäre in den breiten Volksschichten.

Doch der Prozeß ging nur äußerst langsam vor sich. Wohl wurde die Partei von oben bis unten neu durchorganisiert. Bis zur untersten Zelle herunter trat jetzt an Stelle selbstherrlicher Sekretäre die „kollektive Leitung“. Doch das war auch alles. An Stelle eines einzelnen trat nun ein Komitee, verhielt sich aber genau so wie früher der einzelne. Es wurde etwas mehr diskutiert, doch von einer geistig-schöpferischen Neubelebung der Partei konnte keine Rede sein. Noch schlimmer stand es um jene Kreise, in welche die Partei hineinragt und deren parteiloser Teil der Partei sozusagen affiliert ist.

Es war deutlich sichtbar, daß die neue politische Aktion der Belebung ins Stocken gekommen wat. Das Gespenst der stalinsehen Aera stand wie ein gewaltiger Block im Weg. Nur eine drastische Maßnahme, nur ein psychologischer Schock konnte hier alles wirklich in Bewegung setzen. Dazu wurde der 20. Parteikongreß einberufen.

Sehr logisch zeigt das von Chruschtschew verlesene Rundschreiben auf. daß einer einzelnen, auch noch so genialen Person eher Fehler unterlaufen können als einem Kollegium. Als der britische Botschafter in Moskau 1941 die Sowjetregierung darüber informierte, daß ein unmittelbarer Angriff Hitlers auf Rußland bevorstehe, glaubte Stalin das einfach nicht. Er war überzeugt, daß die Engländer nur einen Krieg zwischen Hitler und der Sowjetunion provozieren wollen, damit die Sowjetunion, wie er sich ausdrückte, „den Angelsachsen die Kastanien aus dem Feuer hole“. Trotz aller Gegenvorstellungen verbot er die Entsendung von Truppen an die Grenze. So stieß Hitler zuerst nur auf schwachen Grenzschutz. Viele solcher fehlerhaften Entscheidungen werden Stalin vorgeworfen. Zum Schluß steigert sich die Schilderung dramatisch. Größen- und Verfolgungswahn werden ihm, wenn auch nicht mit diesen Worten, zugeschrieben. Nun, Verfolgungswahn ist ja die Berufskrankheit der Diktatoren. Auch ein krankhafter Antisemitismus wird Stalin vorgeworfen. Anscheinend nach 1936, als er entdeckte, daß es unter seinen Widersachern viele Juden gab. Denn 1934 und 1955 hielt er noch heftige Reden gegen den Antisemitismus und nannte diesen „die widerlichste Form des Kannibalismus'“.

Man muß schon sagen, wirkungsvoller und dramatischer ist es kaum möglich, Personaldiktatur zu diskreditieren.

Und die tieferen Gründe? Nun, sie sind nicht so tief. Auch heute noch gilt es als offizielles Dogma, daß seit 1936 die Sowjetunion ein sozialistischer Staat ist. Es gibt dort keine „Kapitalisten“, keine „ausbeuterischen“ Klassen mehr. Die leninsche Diktatur des Proletariats hatte jedoch nur den einzigen Zweck, die „feindlichen Klassen“ niederzuhalten. Wenn es jedoch keine Kapitalisten und keine Proletarier mehr gibt, wer ist dann Diktator und wer, dem diktiert wird? Auch ohne Stalin ist es nur natürlich, daß eine solche Diktatur, die eigentlich keinen hat, gegen den sie sich richtet, gegen sich selbst zu wüten beginnt. Denn die Diktatur braucht einen Terrorapparat und der Terrorapparat natürlicherweise Betätigung. Gibt es keine Gegner, so schafft er sich welche, auch mit der Methode der Provokation. Daher jetzt die drastische Einschränkung der Geheimpolizei, der ganze Feldzug für die „Legalität“, für die Rechte des Bürgers.

Doch die Partei will ja ihre Macht- und Monopolstellung nicht aufgeben. Als erstes erfolgte eine Umorganisation dieser Partei. Aus einer „Elite des Proletariats“ wurde sie zu einer „Elite aller Werktätigen“, also des ganzen Volkes, umorganisiert. Doch das allein genügt natürlich nicht. Es muß der Eindruck erweckt werden, ja das Gefühl bei allen Bewohnern, daß es trotz des politischen Monopols einer einzigen Partei gar keinen Diktator mehr gibt. Sonst drohen immer neue Kämpfe, eine immer wiederkehrende Selbstzerfleischung. Man hat sich ein elastisches System zurechtgelegt. Kollektive Staatsführung, innerparteiliche Demokratie, eine ganze Fassade der Freiheitlichkeit. Doch politischer Machtfaktor bleibt allein die Partei. Die übrigen Bewohner erhalten „Reehtssicberheit“, doch ■nnerhalb der unveränderten Sowjetgesetze. Die ^itmosphäre soll freier werden, die D i k t a-ur verdeckt. Gelingt das Experiment, dann hat die Sowjetunion natürlich viel gewonnen. Größere innere Stabilität, Freiwerden neuer schöpferischer Kräfte in Kultur und Wirtschaft. Größere Durchschlagskraft für den anstrebten friedlichen Konkurrenzkampf mit c'em Westen. Doch gleichzeitig soll auch eingedämmt werden, und damit hat man schon begönnen, damit die neue Freiheitlichkeit die Machtposition der Partei nicht schwächt. Also ein sehr schwieriges Manöver: ohne etwas zu opfern, dem Sowjetstaat einen neuen, zeitgemäßen Inhalt zu geben.

Selbstverständlich ist die Weltrevolution nicht vergessen. Doch die Sowjetunion soll in Zukunft nur durch das Beispiel werbend wirken. Die ausländischen kommunistischen Parteien, selbständiger, elastischer, die Sowjetpolitik selbst nicht belastend, sollen das ausnützen.

Eine Konzeption, die einer gewissen Größe und Weite der Planung nicht entbehrt. Für den Westen auf die Dauer vielleicht gefährlicher als kriegerische Aggressivität.

Es wird gut sein, wenn man das im Westen auch erkennt und sich ohne Linterschätzung des Gegners für den schließlich historisch unvermeidlichen friedlichen Wettbewerb vor allem geistig wappnet. Denn schließlich wird es darauf ankommen, wer wen mit friedlichen Mitteln geistig durchdringt und bekehrt.

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