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Der Sturz Josephs II.

• Keine Nachricht aus der Welt des Ostens hat seit dem Tode Joseph Stalins so sehr das Aufsehen der Weltöffentlichkeit erregt wie die Mitteilung vom Sturz des L. P. Beria. Dieser Georgier und engste Landsmann Stalins, Mitglied der Partei seit 1917, hatte für Stalin, dem er durch seine rasche Unterdrückung eines nationalen georgischen Aufstandes aufgefallen war, entscheidende Arbeit bei der Zerschlagung des russischen freien Bauerntums und der Einführung der Kolchosen geleistet, sodann bei der „Großen Tschistka“ 1937, der neben der Armeeführung rund 10 Millionen Menschen, die deportiert wurden, zum Opfer fielen. Als Chef der Staatspolizei und ihrer Truppen stieg Beria nach dem Tode seines Herrn und Meisters zum offiziell zweiten Mann im Staate auf, der aber als Innenminister und Chef der Polizeiarmee, als erster stellvertretender Vorsitzender des Ministerrates der Sowjetunion und zweites Mitglied des Präsidiums der KPdSU eine Machtstellung innehatte, die nur wenig mehr von der Herrschaft Stalins über Partei, Polizei und Armee entfernt war. Zur Alleinherrschaft, zur möglichen totalen Machtübernahme fehlte ihm nur ein Potential: die Armee. In atemberaubendem Tempo hatte er mit dem Innenministerium die Dirigierung des zivilen Heeres der sowjetischen Intelligentsia übernommen, der „fortschrittlichen“ Wissenschaftler, Aerzte, Agronomen, Techniker und Ingenieure, jener Klasse, der er als ehemaliger Bauingenieur und hochgradiger Intellektueller selbst angehörte.

Diese faktische Machtstellung ist die Hauptursache seines Sturzes. Es hat seinen Realsinn, wenn die offiziellen Mitteilungen sowohl des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion wie des Präsidiums des Obersten Sowjets der Sowjetunion (wobei die Rangordnung zu beachten ist: zuerst kommt das Parteikomitee, dann die Staatsrepräsentanz) ihm das Streben nach der totalen Machtübernahme unterstellen. Beria konnte es nur wagen, die unerhörte Vereinigung von Innenministerium und Staatspolizei in seiner Hand von seinen Mitgenossen zu erzwingen, wenn er aufs Ganze ging. Der zweite Georgier mußte fallen, weil er praktisch bereits die Nachfolge Stalins angetreten hatte. <

Fragwürdig ist zunächst nur, in welchem Sinne er diese Macht auszuüben gedachte. Vieles spricht dafür, daß dieser hochgebildete Mann, dieser Freund französischer Dichtung und Geisteskultur, diese sensible, wache, durchaus „westliche“ Intelligenz, dieser Schirmherr von Literaten (der in dieser Funktion an Lenin und Trotzki erinnert) die große geheime Hoffnung jenes Westens war, dem es um ein baldiges Verhandeln mit der Sowjetunion geht. Es war in den letzten Wochen, kurz vor seinem Sturz, kein Geheimnis mehr, daß Churchill zu persönlichen Verhandlungen mit dem ihm persönlich bekannten Manne strebte. Von diesen Tatsachen ausgehend, ergibt sich nun für viele westliche Kommentatoren die Folgerung: Beria fiel der Reaktion des Großrussentums (Malenkow, Molotow) und der Armee (die ihm ihre Enthauptung 1937 nicht verzeihen kann) zum Opfer. Das aber bedeute: „Zurück zu Stalin“; „keine inneren Reformen“; „keine internationale Entspannung“; „Fortsetzung,

vielleicht Verschärfung des kalten Krieges“. Diese Schau stellt in wohlüberlegter, propagandistischer Absicht folgendes Bild in den Vordergrund: im Kreml sind nun endlich die lang erwarteten Kämpfe um die Macht entbrannt; da niemand außerhalb des Kremls weiß, wer die Macht, die totale Macht, an sich reißen wird, bleibt der westlichen Welt nichts übrig, als interessiert diesem ungeheuren und faszinierenden Schauspiel zuzusehen.

Diese Konzeption erfaßt richtig einige wichtige Komponenten: das Vordrängen des Großrussentums und der Armee, das Auftreten einzelner Persönlichkeiten im Ringen um die Führung des Sowjetstaates. Es tut aber gut, nun auch nüchtern die Ideologie und das politische Wunschbild zu besehen, das hinter dieser Konzeption steht: Rußland wird hier fast nur als Schauplatz personaler Kämpfe gesehen, weil man wenig geneigt ist, mit diesem Lande zu verhandeln. Nicht ungeschickt wird argumentiert: Wer weiß, wer morgen den Ton angibt? Wird der Staatsmann, mit dem wir morgen Verträge abschließen, imstande sein, sie morgen abend noch zu halten? Werden ihm nicht gerade diese den Kopf kosten?

Die Wahrheit, die in diesen Argumenten liegt, vermag ein Kind, ein politisches Kind einzusehen. Sie ist so einfach, einleuchtend, daß sie Naiven und Resoluten besonders liegt. Außerdem paßt sie sehr gut in die weltpolitische Konzeption der amerikanischen und deutschen Rechten. Diese vermerkt denn auch triumphierend: Der Fall Berias besiegelt das Debakel Churchills und seiner unentwegten Versuche, mit dem Osten in ein politisches Gespräch zu kommen.

Es ist nun hochinteressant, zu beobachten, wie der greise Staatsmann nach wie vor, ja jetzt, nach dem Sturz Berias noch stärker, im Westen auf politische Verhandlungen mit den Sowjets hindrängt. Ist der große britische Realist plötzlich ein Utopist geworden, ein illusionistischer Schwärmer? Ist er gar, da es in England keinen MacCarthy gibt, der einlullenden kommunistischen Friedenspropaganda erlegen? Wir glauben es nicht. Und deshalb verdient eine andere Deutung der sowjetischen Gegenwartssituation Beachtung, auch wenn man in vielen Einzelheiten an dir obigen „rechten“ Auffassung des Beria-Falles festhält.

Die Auffassung, daß nur „Männer“, große* und scharf individual akzentuierte Persönlichkeiten die Geschichte machen, und das heißt in unserem Falle die Geschichte der Sowjetunion 1 9 5 3, ist zu einseitig. Ihr zufolge hätte die westliche Welt nichts anderes zu tun, als auf den neuen russischen Napoleon zu warten, als den Sieger über die stagnierende Revolution. Der riesige Raum der Sowjetunion zwingt — wir dürfen an unseren Leitaufsatz „Die Sphinx und ihr Gesetz“ erinnern — gerade den härtesten Realisten, und nur solche können sich als Staatsführer in Rußland behaupten, ihre Realitäten auf, zur Kenntnisnahme und Beachtung. Mögen heute „großrussische“, o s t orthodoxe Köpfe oder „westlerische“ Köpfe an der Regierung im Kreml sitzen, alle mitsammen haben sie zu beachten: die ungeheuren Schwierigkeiten, die vielen sehr konkret differierenden Nationalitäten der Sowjetunion zusammenzuhalten,

an einem Tisch, der mit Lebensmitteln, nicht mit Ideologien und Programmen, gedeckt werden muß. Alle diese Köpfe haben die gesellschaftlichen Realitäten des heutigen Rußland zu beachten. Mag ein Beria als Exponent der breiten russischen Intelligentsia gefallen sein: mit dieser Schicht, die es weder zu Casars noch zu Napoleons Zeiten noch auch in jenen Jahren gab, in denen Stalin zur Macht aufstieg, mit diesen arrivierten Ingenieuren, Technikern, Forschern, Direktoren, Managern, die alle nach Sicherheit und Frieden (für sich und ihre Familie) streben, muß ebenso gerechnet werden wie mit den Bauern, die das Brot liefern sollen (die Maschinen allein schaffen es ja nicht), wie mit den nationalen Intelligenzen in den einzelnen Sowjetrepubliken. Es ist hochwahrscheinlich, daß Beria auch deshalb fiel, weil er zu weit und zu schnell vorpreschte: dieser Joseph II. in Sowjetrußland, dieser radikale Intellektuelle und Aufklärer brachte den riesigen Koloß durch allzu schnelle Reformen in Gefahr. Die Weltstaaten der Gegenwart sind aber Giganten, die schwer manövrierfähig sind; sie sind, Gott sei Dank, alles eher als schnelle Schlachtschiffe, mögen sie sich auch, zum Schutze und in der Angst ihrer Schwerfälligkeit (wie lange bedarf es doch, um auch nur die öffentliche Meinung wirklich auf andere Touren zu bringen, davon können Amerikaner und Russen ein Lied singen) mit Düsenflugzeugen mit Ueberschallgeschwindig-keit abzuschirmen trachten. Diese Kolosse haben so viele reale Probleme und Schwierigkeiten zu meistern (Hitlers Staat war ihnen gegenüber ein Zwergstaat mit großer Homogenität und innerer Einförmigkeit, dazu mit einer politisch infantilen und unerweckten Intelligentsia), daß ihre Staatsführer ein Höchstmaß an Umsicht und Vorsicht benötigen, um die vielen gegensätzlichen Gewichte zum Funktionieren zu bringen. Es ist auch aus diesem Grunde anzunehmen, daß die Sowjetunion ihre so erfolgreiche Politik nach außen und innen fortsetzen wird, wenn auch vielleicht wieder mit mehr Winkelzügen, zögernder, verklausulierter, nach altrussischer Manier. Berias Sturz bedeutet nicht die Aufgabe seiner Ideen, die Preisgabe seiner Erfolge. Soeben hat, jetzt, zwei Tage nach der Verkündigung seines Falles, Rakosi, der zurückgeschobene Diktator Ungarns, sein öffentliches Schuldbekenntnis abgelegt — für die Sünden der stalinistischen Aera.

Die beiden ersten Leitartikel der „Prawda“ zum Falle Berias kommen einer Regierungserklärung gleich; sie betonen die Fortsetzung eben jener Politik, die man im Westen Beria zuzuschreiben geneigt war: Da wird also zunächst die Fortführung der berühmten Friedenspolitik versichert: „Die Sowjetregierung, die entschieden und konsequent die Friedenspolitik durchführt, erklärte wiederholt, daß alle ungelösten strittigen Fragen des internationalen Lebens im Wege von Verhandlungen der interessierten Länder gelöst werden können. Diese Erklärung fand bei allen Völkern einmütige Unterstützung und Billigung. Der neue Friedensschritt der Sowjetregierung führte zur weiteren Festigung der internationalen Stellung der Sowjetunion, zum Ansteigen der Autorität unseres Landes, zu einer wesentlichen Verstärkung der “Weltbewegung für die Erhaltung und Festigung des Friedens.“ „Beria sah sich gezwungen, die direkten Weisungen des Zentralkomitees der Partei und der Sowjetregierung über die Festigung der sowjetischen Gesetzlichkeit und Liquidierung einiger Fälle von Ungesetzlichkeit und Willkür in die Tat umzusetzen, jedoch hemmte er vorsätzlich die Durchführung dieser Weisungen, und in manchen Fällen suchte er sie zu verzerren.“ Die „neue“ Sowjetregierung bekennt sich hier ferner nochmals zur Kollektivität der Führung und zitiert hier lange Karl Marx (den großen Unbekannten in der Sowjetunion) und seinen „Widerwillen gegen allen Personenkult“, ermahnt die Parteiorganisationen, „die Arbeit sämtlicher Organisationen und Aemter, die Tätigkeit aller, die leitende Posten bekleiden, regelmäßig zu kontrollieren“, fordert die enge Verbundenheit der Partei mit dem Volk: „Es gilt, diese Verbundenheit zu festigen und auszubauen, sich zu den Forderungen der Werktätigen verständnisvoll zu verhalten, tagaus, tagein für die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Arbeiter, der Kolchosbauern, der geistig Schaffenden, aller Sowjetmenschen zu sorgen.“

Im Zeichen dieser Parolen fand die Wachablöse in den Satellitenstaaten statt, begann die Aktion in Ostdeutschland zur Ablösung der SED-Sektierer, die unerwartete Folgen zeitigte, derenthalben man Beria der „Kapitulantenpolitik“ beschuldigte und als Agenten

des „ausländischen Kapitals“ vernichtete (kein einziges Mal wird jedoch Amerika namentlich genannt, es bleibt bei der alten dogmatischen allgemeinen Formel vom bösen „Westen“). Hochbeachtlich sind in den Schlußabsätzen dieser Erklärung die Hinweise auf „die Stärkung unseres sozialistischen Nationalitätenstaates“, „der entschiedene, unversöhnliche Kampf gegen jegliche Aeußerung von bürgerlichem Nationalismus“ (also auch den „russischen“), die Aufforderung, „die marxistich-leni-nistische Theorie nicht wortklauberisch, nicht dogmatisch zu studieren, die Aneignung nicht einzelner Formulierungen und Zitate, sondern des Kerns der allbesiegenden und weltumbildenden revolutionären Lehre von Marx, Engels,

Lenin und Stalin zu erzielen...“ — Noch einmal wird, und in dieser Form bisher erstund einmalig, am Schluß das Parteikollektiv über alle einzelnen noch so hervorragenden Repräsentanten herausgestellt: „Vor fünfzig Jahren vom genialen Lenin gegründet, hat sich die Kommunistische Partei der Sowjetunion unter der Führung Lenins und des Schülers und Fortsetzers des Werkes Lenins, des großen Stalin und ihrer Mitkämpfer zu einer gigantischen Kraft entwickelt und in den Kämpfen gestählt.“

„Die Mitkämpfer“: sie haben die Herrschaft übernommen: Joseph Wissariono-witsch Stalin ist tot, und es soll keinen Joseph II. geben. Das besagt aber nicht, daß dessen innenpolitische Reformpläne oder gar, daß die mit mächtigem Elan ausgreifende sowjetische Außenpolitik fallen gelassen wird.

Die Mitkämpfer brauchen nämlich Mitkämpfer, im Innen und im Außen, um das Riesenreich auch nur zu erhalten. Die „Mitkämpfer“ im Kreml sind zur Ueberzeugung gelangt, daß nichts gefährlicher ist für ein so komplexes Weltreich als die Genialität eines radikalen Reformers. Sie kennen die Weisheit des altchinesischen Sprichwortes: „Große Reiche muß man regieren, wie man kleine Fische brät; sehr vorsichtig, nicht schütteln.“ Beria ist zu weit vorgeprescht; allzu schnell wollte er die innere und äußere Stellung der Sowjetunion neu konsolidieren; die Schlappe in Ostdeutschland war die Folge. Sie genügte, ihn zu Fall zu bringen. Sein Fall aber dürfte kaum den Blick des sowjetischen Führerkorps trüben für die großen Chancen der „neuen“ sowjetischen Politik nach innen und außen hin.

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