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Nach dem Urteil von Jassi-Ada

Ein polnisches Sprichwort sagt: „Wer hängen soll, wird nicht ertrinken!“ Zeitgemäß abgewandelt könnte es auch lauten: „Wer hängen soll, wird sich nicht den Hals bei einem Flugunfall brechen.“ Adnan Menderes sah die Tatsache, daß er dem Absturz der Maschine, die ihn einst, in den Tagen seiner Allgewalt, nach London brachte, heil und gesund überlebte, als ein Omen dafür, daß ihn Allah noch zu großen Aufgaben bereithielt und speziell über ihn wachte. Wahrscheinlich hat ihn diese, bei dem ans Kismet glaubenden Muselmanen verständliche Meinung darin bestärkt, seinen Weg durch dick und dünn zu gehen. Was er dabei an Kunstgriffen und Übergriffen geleistet hat, das gehört der jüngsten türkischen Geschichte an. Man wird kaum behaupten dürfen, dies sei, soweit es auf Menderes und sein Regime ankommt, eine schöne Geschichte gewesen. Leichtfertigkeit, Korruption, Hinterlist, Willkür, Zwang, alle erdenklichen Mittel wurden angewandt, um ihn und seine Partei, die sich die Demokratische nannte, an der Macht zu behaupten. Als ihn, den Staatspräsidenten Bayar und die anderen damaligen Lenker der nationalen Geschicke eine Verschwörung aus dem Sattel hob, die in den Kreisen der Professoren, der Hochschüler, der besten Elemente des Offizierskorps ihren Ursprung hatte, da mochte man den neuen Herren aufrichtig Beifall spenden, wenn sie auch — zunächst, wie man wähnte — ihrerseits Methoden wählten, die nicht sehr mit dem Wesen einer echten Demokratie vereinbar waren. 4

Die Ziele der Revolution vom 27. Mai I960 klangen gar zu verlockend: Beseitigung des Cliquenunfugs, Kampf gegen die Bestechlichkeit und gegen die Ausbeutung des Staates durch die Politiker, Wiederherstellung der Freiheit der Presse, Ende des Polizeidrucks, baldige Wahlen, bei denen, jedermann unbehindert seine Stimme abgeben könne, eine umfassende Sozialreform, Verteilung der Latifundien an arme Bauern, Abkehr von einer aufgeblähten Schwindelwirtschaft des zumeist fremden, Kapitals ein gesundes, ausgeglichenes Budget, Verzicht auf gigantische Industriepläne, zu denen jede Voraussetzung fehlte, Erhöhung des Realeinkommens. Weniger sympathisch waren von vornherein die religionsfeindlichen und kollektivistischen Töne, die mitunter zu vernehmen waren, die haßerfüllten Racheschreie gegen politische Widersacher und die diktatorischen Allüren, in denen sich die über Nacht aus der Tiefe emporgestiegenen jungen Offiziere gefielen.

Das Unbehagen wuchs, als sich die herrschende Militärjunta von 37 Mitgliedern, ähnlich wie seinerzeit Go- mulka und die Seinen gegen ihre intellektuellen Bundesgenossen von „Po Prostu“, wider die Hochschullehrer und Studenten wandte und als innerhalb des bis zu Anfang 1961 alleingebietenden Offiziersausschusses die Geister immer schärfer aufein- anderprallten. Dort waren im wesentlichen drei Richtungen zu unterscheiden, die nicht nur durch ihre weltanschaulichen und innenpolitischen Überzeugungen getrennt waren, sondern auch voneinander höchst verschiedene Persönlichkeiten zu Führern hatten. Die einen, Gemäßigten, sammelten sich um den als Staatsoberhaupt eingesetzten General Gürsel, den früheren Oberkommandanten der Armee, der sich geweigert hatte, die ihm von Bayar und Menderes angesonnene Rolle eines Unterdrückers der Freiheit an den Hochschulen und beim Offiziersnachwuchs zu übernehmen, und der hernach, als repräsentative, untadelige Gestalt von den Verschwörern an die Spitze der Revolution berufen wurde. Ein zwar energischer und kluger, doch durch Krankheit zermürbter Mittsechziger, hatte er an General Madanoglu und an anderen Generalen, Stabsoffizieren, Universitätsprofessoren und an manchen Wirtschaftsleuten Helfer und tüchtige Mitarbeiter. Er war bereit, das Land auf dem Wege über eine kontrollierte Revolution zu einer wahren parlamentarischen Demokratie zu geleiten, in der die vorigen Sünden abgestreift worden wären. Zwischen ihm und dem allverehrten Nationalhelden, dem ehemaligen engen Vertrauten des Ata türk und langjährigen Präsidenten der Republik, Ismet Inönü, und dessen Republikanischer Volkspartei war eine Kooperation möglich und erwünscht. In außenpolitischer Hinsicht wäre man der NATO und dem Westen treu geblieben, doch ohne sich so willenlos blind den Weisungen des Pentagons zu verschreiben, wie das unter Menderes geschehen war.

Gürsel und Madanoglu wurden nun in den ersten Monaten durch die Gruppe der linksextremen jungen Offiziere in Schach gehalten, die vor allem auf schnelle, stürmische und gründliche gesellschaftliche Neuerungen drängten. Der Unterschied der Generationen, aber auch der Herkunft spielte dabei mit. Oberst Türke?, gebürtiger Zypriote, kaum mehr als vierzig Jahre alt, war Vormann der Radi kalen. Er strebte offenkundig darnach, ein türkischer Nasser zu werden und seinen Nagib — Gürsel — beiseite zu schieben. Sozialist mit ungestümem Hang zu kühnem Umbruch,, wurde er jedoch im August 1960 durch eine Art konservativer Palastrevolution in den Hintergrund genötigt und, als seine vierzehn getreuesten Anhänger aus der Offiziersjunta entfernt wurden, völlig ausgeschaltet. Eben diese vierzehn schickte man als Militärattaches ins Ausland oder sonst auf ungefährliche Posten, weitab vom Schuß (der die Konservativeren treffen könnte). Gürsel durfte frohlocken. Doch da traf ihn ein anderer Schlag, den er durch keine politische Kombination parieren konnte, nämlich der Schlag. Während langer Monate war er nicht imstande, die obersten Regierungsgeschäfte und den Vorsitz in der Junta auszuüben.

Inzwischen trat, nach wiederholter Verschiebung regelrechter Parlamentswahlen, eine Konstituante zusammen, die unter dem Vorsitz des allgemein geschätzten und zur Zeit der Herrschaft Menderes’ ausgeschalteten Generals Kazim Orbay sich bemühte, den diktatorischen und radikalen Tendenzen entgegenzuarbeiten, die auch nach dem Abgang der vierzehn in der Offiziersjunta fortdauerten und die sich der Patronanz des Gegenspielers Türke?’, Obersten Kūęūk, in mancher Hinsicht auch der des sehr angesehenen Vizeministerpräsidenten General Fahri Özdülek erfreuten. Die Konstituante, in der das politische Übergewicht bei der ehemaligen Volkspartei des greisen Inönü war, bemühte sich, eine neue Verfassung zu beschließen, die bei allen Zugeständnissen an die Revolution der Jugend, der Offiziere und der Studenten, eher einer geordneten Evolution die Wege bahnen sollte und den bisher den Ton angebenden Schichten immerhin einen nicht geringen Platz im neuen Staat gewährte.

Damit erging es aber wie stets, wenn nüchterne Köpfe die goldene Mittelstraße zwischen Jakobinismus und Anden ržgime suchen. Man verdarb es sich mit der Linken und befriedigte nicht die Rechte.

Verschwörungen am laufenden Band, die keineswegs nur in der erhitzten Phantasie oder im Ressentiment der nun regierenden Junta existierten, bewiesen, daß der koranfeindliche Geist des Umbruchs auf zähen und starken Widerstand stieß. Die Anhänger Bayars und Menderes’ — Gutsherren, Bauern, Intellektuelle traditionsfreundlicher Gesinnung — rüsteten nicht ab. Anderseits drängten die Befürworter einer zweiten, vor allem sozialen Revolution. Als die Konstituante die neue Verfassung am ersten Jahrestag des Umsturzes, dem 27. Mai 1961, mit 261 Stimmen gegen zwei Stimmen gebilligt hatte, wurde ein Referendum veranstaltet, und dieses brachte ein die Linksextremen überraschendes und entsetzendes Resul tat: nur 80 Prozent der Wähler schritten zur Urne, davon verwarfen 38 Prozent die ihnen vorgelegte Magna Charta; das heißt, ungeachtet aller Druckmittel, die der jeweiligen Regierung in der Türkei zu Gebote stehen und von denen sie weitesten Gebrauch machte, bejahte nur knapp die Hälfte der Befragten die neue Verfassung. Das waren, allerdings mit erheblicher Mehrheit, die Bewohner der großen Städte und die kulturell rückständige Bevölkerung der östlichen Provinzen, während Westanatolien und der Kern der türkischen Nation, Gutsherren und Bauern, massiv ablehnten.

Das verlieh nun dem revolutionären Elan der radikalen Offiziere starken Auftrieb. Nach berühmten Mustern wollten sie jetzt die „reaktionären Kräfte" entmachten, sie finanziell vernichten und eine zweite erbarmungslose Revolution starten, die auch vor blutigen Exempeln nicht zurückscheute. Gelegenheit dazu lieferte der Schauprozeß von Jassi-Ada. Acht Monate lang sind dort gegen sechshundert Angeklagte vor Gericht gestanden (oder gesessen): Expräsident Bayar, Menderes, der Vorsitzende des Parlaments, Koraltan, Exaußenminister Zorlu, gewesene Mitglieder der Regierung, des Parlaments und der Hochbürokratie, samt einigen Generalen und Polizeigewaltigen. Manche der Beschuldigten hatten ein vollgerütteltes Maß von Übergriffen auf dem Kerbholz, für die sie in jedem westeuropäischen Staat auf Jahre in den Kerker gewandert wären. Kaum einer jedoch hatte die auf dem Balkan und im Orient übliche Grenze dessen überschritten, das man in zimperlicheren Ländern Mißbrauch der Amtsgewalt oder Korruption nennt. Sogar die versuchte Beseitigung politischer Gegner und die heimliche Ermordung dritt- rangiger Regimefeinde hatte gar illustre Beispiele in der jüngsten tür kischen Geschichte. Damals hatte man freilich, im Bewußtsein der Stärke des unumschränkten Herrn und Gebieters, derlei Liquidierung in der Form öffentlicher Prozesse vollzogen. Wie dem auch sei, Bayar und Menderes waren im politischen Kampf unterlegen; sie waren niemals von Skrupeln geplagt gewesen, wenn sie es mit ihren inneren Feinden zu tun gehabt hatten. Daß sie jetzt dafür büßen mußten, war begreiflich.

Weniger begreiflich war die kleinliche, tragikomische, ja groteske Art, mit der auf die Häupter der Angeklagten neben deren authentischen Mißgriffen die sonderbarsten Untaten gehäuft wurden: ein angeblicher Kindesmord, Annahme eines kostbaren

Hundes als Geschenk des Königs von Afghanistan … Die Behandlung der 600 Gefangenen auf Jassi-Ada ließ an Brutalität nichts zu wünschen übrig. Mehrere verübten Selbstmord, insgesamt ist ein Dutzend vor dem Urteil gestorben, das am 15. September 15 Todessentenzen, 30 lebenslängliche Kerkerstrafen und 418 Haftverhängungen bekanntgab (121 Angeklagte wurden in Freiheit gesetzt). Jetzt aber geschah etwas, das sogar in unserer Zeit des Grauens und der einander hastig folgenden politischen Sensationen mit Abscheu und Trauer erfüllt. Jedermann hatte erwartet, es werde Bei dem formellen Aussprechen von Todesurteilen bleiben. Westliche Verbündete der Türkei, aber auch der heftigste politische Widersacher Bayars und Menderes’, Ismet Inönü, sämtliche zivile Minister der heutigen Regierung beschworen General Gürsel, die Verurteilten nicht dem Henker zu überliefern. Dieser hätte wohl gerne dem Ansuchen stattgegeben. Es zeigte sich indes, daß die Jakobiner der Offiziersjunta die Oberhand hatten. Sie beharrten darauf, ein Exempel zu statuieren. Wohl gelang es, den fast achtzigjährigen Bayar vor dem Strick zu bewahren. Doch Rüstü Zorlu und der frühere Finanzminister Hassan Po- latkan wurden dem Henker überantwortet. Polatkan war zweifellos kein sympathischer Zeitgenosse; doch dafür erleidet man in wahren Demokratien noch nicht den Tod.-Zorlu, ein hervorragender Staatsmann, hat durch sein stolzes Auftreten vor seinen Richtern offenkundig den Zorn seiner Feinde noch vermehrt. Am empörendsten aber war das Vorgehen wider Menderes. Der hatte einen Selbstmordversuch unternommen. Mit Aufwendung aller ärztlichen Kunst brachten dpn schon Halbtoten sechs Ärzte wieder so weit, daß er sitzend sein Todesurteil vernehmen konnte. Dann schleppte man ihn zum Galgen. Ihn, der, anders als Bayar und Zorlu, längst seelisch zusammengebrochen war, opferte man der grausamen Rachegier blutrünstiger Gegner, die durch diesen Akt alle Sympathien verscherzten, die’ man ihnen einst, als Opfern Menderes’, zugebilligt haben mochte.

Die Reaktion im Lande war und ist gewaltig. Sämtliche Zivilminister des Kabinetts Gürsel, also alle, außer drei Militärs, haben ihren Rücktritt gefordert. Unter den Bauern gilt Menderes als Märtyrer des Islams. Und allgemein sehnt man sich darnach, aus den angekündigten Wahlen vom 15. Oktober eine kräftige parlamentarische Regierung hervorgehen zu sehen, deren Führung wie von selbst Inönü und dem von ihm zu ernennenden Ministerpräsidenten zufallen würde. Ob aber diese Wahlen überhaupt stattfiaden werden, ob sie einen gewissen Grad von Freiheit bewahren werden und ob darnach die Offiziersjunta den Willen der Nation achten wird, das steht in den Sternen geschrieben.

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