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Demokratie am La Plata

Opfer ihrer eigenen „forma mentis“, hatte die argentinische Generalität nicht die Besonnenheit, angesichts der mutigen Haltung ihres obersten Kommandanten, des Präsidenten ArfymL-Vi versÄen' Wnrfem Hand an ihn. Der Gefangene. auf .der Sträflingsinsel Martin Garcia, bemerkt empört die führende demokratische Zeitung „La Prensa“, wird sich mit Ironie erinnern, daß 1955 ihre siegreichen Kollegen den gläsernen Sarg mit dem einbalsamierten Leichnam Eva Perons, der Gattin des gestürzten Diktators, an denselben Ort entführt hatten.

Doch abgrundtief fühlen alle demokratischen Argentinier die andere Ironie: Die sich seit sieben Jahren immer als die „Schützer der Verfassung“ in Szene setzten, gaben sich jetzt her, jenes Ideal zu schänden, das sie seit dem 21. September 1955, dem Sturz des Tyrannen, zu verteidigen beschworen hatten. Von Santiago bis nach Ottawa gibt es nur ein Urteil: Die Demokratie erlitt eine grausame Niederlage. Und „nicht nur Argentinien erlitt sie, vielmehr der ganze amerikanische Kontinent“ („Estado de S. Paulo“). Nur eine Stimme rief ein dröhnendes Bravissimo, diese kam von dem jüngsten, noch nicht ganz trocken liegenden Wickelkind des Sowjetmütterchens, der UdSSR, Kuba.

Reichte etwa der politische Verstand der Generäle nicht so weit, um die Folgen ihrer Gewalttat zu über schauen? Alle Generäle dieser Erd sehen einander gleich, sie stecken i: Uniformen und haben Kanonen Frondizi war ein Zivilist von schmäch tigejh Statur und, mächtiger Hornbrill ,vor“ blitzenden Augen, Erbe einer. Wirt schaff,' die wie durch ein Erdbebe; umgepflügt war. Nicht durch Feinde Hand wie Europa 1945, durch eigen wurde Argentinien bankrott, das Land das einmal zu den reichsten der Erd gehörte. Noch nach dem zweitei Weltkrieg war es das reichste alle zwanzig lateinamerikanischen Repu bliken, es hatte sechseinhalb Milliar den Barrengold gehortet — mit 13' Prozent Golddeckung die höchste de Welt.

Die Diktatur verpulverte die Mil liarden restlos zugunsten jener wurzel losen, anarchischen Masse, die Peroi auf den Händen trug — solange er si reichlich fütterte. Der Appetit komm beim Essen. Peron wagte es nicht, ihr Portionen zu beschneiden, die er ihnei auf Kosten des Gesamtinteresses zuge schanzt hatte. Auch das reichste Lan< könnte sich nicht solche Privilegiei leisten. Gegen Argumente ist die Mass immun. Wer wollte sich noch auf den Lande abrackern? Mehr als die Hälft der landwirtschaftlichen Betriebe la; am Ende der Diktatur still. Viel Pflanzer wanderten aus. Die Großindu Strien und öffentlichen Dienste warei verstaatlicht. In alle Posten diese verplanten Wirtschaft hatte Peroi seine Leute gesetzt, ob sie tauglicl waren oder nicht. Die Brasilianer sind häufige Gäste in Buenos Aires. Heute noch erinnern sie sich an die Unhöf-lichkeit, Unzuverlässigkeit, Unwissenheit jener Funktionäre. Die Staatsbetriebe “ wurden Zuschußunternehmen . die .einen .unwi.rtscha|tlichen BaHast an 'ungelernten' Kräftfn, überalterten Maschinen und unklaren Geschäftsmethoden mit sich schleppten. Das Ausland verlor die Lust zu Investitionen. Verhängnisvoll wirkte sich das Lizenzsystem aus. Das Parteibuch dirigierte. Während die Unternehmer monatelang auf dringend benötigte Ersatzteile, landwirtschaftliche Maschinen und dergleichen warteten, durften die Parteigenossen Luxusartikel einführen. Was an neuen Kraftwagen lief, gehörte ihnen. Auch für das fromme Gemüt war gesorgt. „Ja, es waren gute Zeiten“, bestätigt der Mann auf der Straße, „und gesegnet sei jene Frau!“ Und er öffnet sein Hemd und zeigt eine Medaille mit Evita Peron.

Das fünfbändige „Schwarzbuch der Tyrannei“, das auf 45 80 Seiten die Herrschaft des „großen Verdeibers und Schurken“ beleuchtet, hat dem „Heroen“ im Volke das Genick gebrochen. Wenn die Peronisten nicht immer bei ihrem Terror mit den taktisch geschulten Kommunisten hätten rechnen können, hätte Frondizi dem Spuk vielleicht ein Ende gemacht. Gegen die „Santa Evita“ war er machtlos. Das Volk hat ein gutes Gedächtnis für seine Wohltäter. Das Fürsorgewerk dieser Frau hat selbst den Sturz Perons überlebt. Und diese Flamme ist nicht auszulöschen. An ihr nährten und erwärmten sich die Feinde der Demokratie. Frondizi hütete sich, das Bild zu zerstören.

Wenn der Ausländer in Buenos Aires nach ihr fragt, hört er immer die nämliche Legende: „Ein unbekanntes Mädchen aus der Pampa war sie. Barfuß, in fadenscheinigem Gewand wanderte sie eines Tages in die Hauptstadt, um Hilfe zu holen für das 1944 von einem Erdbeben zerstörte San Juan. Tausende irrten durch das Trümmerfeld, obdachlos, hungernd. Was war das für ein Elend. Und die Armut im ganzen Lande. Und was für ein Luxus derer, die es hatten. Seiior wissen, daß Argentinien zwei Handvoll Familien gehört? Da erschien Evita. Nichts hatte sie als ein großes Herz, genug, um der Anwalt ihres Volkes zu werden. Nie, nie werden sie ihren Namen aus unseren Herzen reißen ...“

An dieser Anbetung partizipierte Peron bis zu dem Tage, wo er die Kampfstellung der Kirche mit dem Niederbrennen von Kirchen und der Kurie beantwortete. Dieses Geschäft betrieben Fachleute, emigrierte Rotspanier. Die Prophezeiung des Kardinals von Buenos Aires, die brennenden Flammen der Gotteshäuser würden eines Tages zu Hammenzeichen der Befreiung, ging schneller in Erfüllung, als die Argentinier zu hoffen wagten. Auf diesem Hintergrund zeichnet sich die Angst der Armee ab vor der versprochenen Rückkehr des Tyrannen, nachdem dessen Anhänger jetzt im März, unterstützt von alten Verbündeten, den Linksradikalen, bei den Parlaments- und Gouverneursteil-wahlen dreißig Mandate und elf Gouverneurssitze erobert hatten. (Bei den früheren Wahlen hatten diese zum Zeichen des Protestes immer weiße, unbeschriebene Stimmzettel abgegeben.) Die Wahlen waren für die Regierungspartei kein Erfolg, obwohl sie eine Million mehr Stimmen erhalten und immer noch die Mehrheit im Parlament hatte. Und doch besetzten die Generäle am 28. März die „Casa Rosada“,, und legten. Hand in das

Staatsoberhaupt. Verhafteten ihn in dem Augenblick, wo Kennedys „Allianz für den Fortschritt“ und die westeuropäischen Wirtschaftskontakte nach Frondizis Besuch in der deutschen Bundesrepublik und der Schweiz, in Italien, Frankreich, Holland, Belgien die ersten Früchte zeitigen. Sein wiederholtes Bekenntnis zur christlich-katholischen Tradition des Landes, zuletzt erhärtet durch seine Verurteilung des Verräters Fidel Castro, nützte nichts.

Wer ist sein Nachfolger? Im Ausland ist Senatspräsident Jose Maria Guido unbekannt. Wenn ihn nicht der Bürgerkrieg wegfegt, bleibt ihm im Schatten der Säbel nichts anderes übrig, als zum guten Ende zu führen, was Frondizi nicht vollenden konnte. Das „neue Blatt, das jetzt aufgeschlagen ist“, wurde bereits von Frondizi vorgeschrieben. Es war eine Leistung. Belastet mit dem peronistischen Bankrott, gelang es Frondizi immer wieder, den Vulkan der sozialen Spannungen zu bändigen. Doch die 62 von Kommunisten und Peronisten beherrschten Gewerkschaften lauerten nur auf den Augenblick, um den „tollen Stierkämpfer“ auf ihre Hörner zu nehmen. Den nationalistischen Generälen blieb es vorbehalten, den Tapferen in den Sand zu werfen. Wiederholt machten sie den Versuch, ihren entscheidenden Einfluß in der Politik, lateinamerikanischer Tradition getreu, zurückzugewinnen, zuletzt anläßlich des Besuches des berüchtigten kubanischen Revolutionärs Ernesto Guevara im August vorigen Jahres, den Frondizi, dem Beispiel des anderen Machiavelli, des brasilianischen Bundespräsidenten Janio Quadros, folgend, eingeladen hatte, um unter vier Augen seine heimliche Bewunderung für Kubas Freiheitskampf 7.. gestehen. „Siehe die Riesenstatuen, die der italienische Künstler

Tomasi für das Mausoleum Juan und Eva Perons damals hergestellt hatte, die dann geköpft wurden“, so bemerkt zu dem Militärputsch ein Abendblatt in Montevideo, „siehe, sie ragen wieder groß in den leuchtenden Himmel der Pampas hinauf.“ Der Bürgerkrieg hat bereits zu schwelen begonnen. Hat Peron vom Exil aus umsonst seine Prätorianer geführt? „Vier Jahre lang mußte ich den Ansturm der Demagogen, der Subversion und der Drohungen von den verschiedensten Sektoren erdulden.“

Es sind die eigenen Worte Frondizis. Seit den Wahlen vor zwei Jahren, einige Monate des Wahlkampfes dazu gerechnet, zählt eine Statistik 370 Terror- und Sabotageakte mit 32 Todesopfern und Hunderten von Verletzten. Bei einem der Bombenattentate wurde das Wohnhaus eines Offiziers des Abwehrdienstes, während die Eltern mit vier Kindern im Schlafe lagen, in die Luft gesprengt. Wiederholt mußte vom Kriegsminister / der Ausnahmezustand verhängt werden. ''Praktisch war das 4ieer seif' dauernd im Alarm. Von den 18 Millionen Bewohnern eines Landes, das fünfmal so groß wie Frankreich ist, war weitaus die Mehrheit, nachdem Peron abgewirtschaftet hatte, gegen die Diktatur. Doch Frondizi hielt zäh an seiner „Integrationspolitik“ fest, an dem Prinzip der Eingliederung der Arbeiterschaft, deren Wortführer er einst war. Ständig mußte er vom Militärkommando zu schärferen Maßnahmen gedrängt werden. Selbst in der Zeit, da die Terrorwelle ihren Höhepunkt erreichte, weigerte er sich, das Standrecht zu verhängen, jeder Attentäter wäre sofort erschossen worden. Erst als Perons „Befreiungstruppen“ selbst Überfälle auf Heeresdepots und Polizeistationen wagten, griff das Militär durch. Nicht genug, die Offiziere, vor allem die rechtsradikalen „Gorillas“, versuchten immer wieder den demokratischen Kurs der Regierung durch Handstreiche zu stören. Noch nie wurden Geduld und Milde einer Regierung dermaßen mißbraucht. Verschwendete Zeit und Mühe, das alte Thema wieder aufzugreifen: Was verstehen die Lateinamerikaner unter Demokratie? Darauf geben die Verfassungen keine Antwort, da sie jeglicher Willkür ausgeliefert sind. Hier gehört es nicht zur Tradition, Verträge einzuhalten. Ob ihnen die Verfassung beschränkte oder ausgedehnte Vollmachten erlaubt, ihr Bruch hat noch keinem Präsidenten Kopfschmerzen verursacht, so wenig ein Parteiführer seine Versprechungen ernst nimmt. Was sie in die leicht entzündbaren Massen hineinschreien, hallt vertausendfacht wider. Der Veitstanz der Massen ist der wahre Schrecken. Ver-, nunft haben sie nicht. Was sie zu fühlen und zu denken haben, dafür haben sie ihre Apparate (fehlt nur ein Reklameministerium!). Was Demokratie ist, hat ihnen Pedro IL, der Kaiser von Brasilien, vorgemacht. Als der Präsident von Venezuela die Nachricht von seinem Sturze erhielt (1889), rief er aus: „Das ist das Ende der einzigen Republik, die es jemals :n Südamerika gegeben hat“.

Immer und überall aber war es so: Wie es ihnen einst die Caudillos vorgespielt haben, so spielen sie es heute nach — innocentemente.

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