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Der Kerensky von Lissabon

„II n’y a pas d’ennemi ä gauche — links gibt es keinen Feind.” (Politische Grundregel des westlichen Liberalismus in Europa.)

Mag sein, daß die zitierte Grundregel honetten Bürgern, also den simplen Mitläufern des Liberalismus, nicht paßt und sie ein wenig erschreckt. Aber letzten Endes sind sich doch zu allen Zeiten alle Sekten des Liberalismus darüber einig gewesen, daß ihr Erbfeind eben nicht links steht, sondern rechts. Hat nicht erst unlängst die Entspannungspolitik, die liberale Staatsmänner des Westens mit kommunistischen Kollegen betrieben haben, zu der Einsicht geführt, daß man mit Bolschewiken eben reden kann? Und kennt nicht jeder linksintellektuelle Liberale mindestens einen fortschrittlich gesinnten Kommunisten, den er als „ungemein human” schätzt und der sich darin und in seinem fortschrittlichen Denken so angenehm von jenen „anderen” unterscheidet, die noch rechts stehen. Rechts, wo es nach Ansicht der Liberalen zum Abtritt der Menschheitsgeschichte geht.

Der ewige Irrtum der Girondisten

Liberale im modernen politischen Sinn gibt es seit der Französischen Revolution von 1789. Das Eigenschaftswort „liberal” kam erst später, um 1812, in den spanischen Logen auf und diente der Unterscheidung von „konservativen” und „katholischen” Gegnern.

Der deutsche Liberale Friedrich Sieburg hat die Archetypen des Liberalismus, die Girondisten in der Revolution von 1789, beschrieben: Den genialen Mirabeau, einen verkommenen Grafen; den General Lafayette, außer Washington einziger Ehrenbürger der USA, der zuletzt aus Angst vor den Geistern, die er rief, zu den „dümmlichen, rückständigen” Österreichern flüchtete; den glaubenslosen Bischof Talleyrand, Meßleser auf dem Marsfeld der Revolution und später Hirnprothese der Reaktion; Frau Roland, für die eine Revolution das Spielzeug der Intellektuellen ihres Salons war; den sprachgewaltigen Brissot, der Frankreich in den Krieg gegen die „gekrönten Häupter” hetzte und angesichts eines Meeres von Blut noch über den Staat Pia tos schwätzte; den Marquis de Condorcet, der immer noch den von ihm inaugurierten Fortschritt im Auge hatte, als ihn schon die Henker seines eigenen Systems zur Guillotine schleppten; den großen Soldaten Carnot, dessen politische Naivität zuletzt noch Napoleon ausbeutete; und unzählige Nullen, deren es bedurfte, um den anderen Zahlen einen hohen Stellenwert zu geben, weil nur so jene „kompakte Mehrheit” für die „Stützen der Gesellschaft” zustande kommen kann, die sich anmaßt, über das, was gut und schön und wahr ist, mit Mehrheit abzustimmen.

Die genannten und andere Patriarchen des Liberalismus haben am 20. Juni 1789 in Paris jenen berühmt gewordenen „Schwur im Ballhaus” geleistet, der die Liberalen für immer an die Jakobiner und ihre marxistischen Nachfahren bindet.

Kerensky der Erste

Alexander F. Kerensky, geboren 1881 in Simbirsk, heute als Geburtsort Lenins Uljanowsk benannt, wurde in neuester Zeit der Typ des Liberalen, der folgerichtig den Weg eines Linksintellektuellen zu Ende geht. Und entweder in Form eines vollendeten Gesinnungswechsels oder als Liquidierter dem Marxismus zum Opfer fällt. Lenins ältester Bruder Alexander, nach einem mißglückten Attentatsversuch auf den Zaren Alexander III. hingerichtet, wurde für den jungen Kerensky die erklärte Verkörperung der Revolution. 1905, beim Ausbruch der ersten von Marxisten inszenierten Revolution in Rußland, hatte Kerensky, der gebildete junge Herr aus besserem Haus, bereits die üblichen Etappen seiner Entwicklung zum Linksintel lektuellen durchlaufen. Nach dem Sturz des Zarismus, herbeigeführt durch liberale Politiker, wurde Kerensky in der liberalistisch-soziali- stischen Umsturzregierung zunächst Justiz-, nachher Kriegs- und Marineminister. Als die Position des liberalen Ministerpräsidenten Fürst G. E. Lwow, eines schwärmerischen Tolstojaners und politischen Nonvaleurs, unhaltbar wurde, kam Ke- renskys große Stunde: Am 21. Juli 1917 wurde er der zweite und letzte Ministerpräsident des republikanischen Rußland. Dann kam Lenin.

Einmal nach links, dann nach rechts

Kerensky übernahm ein wackeliges Regime, um es selbst ganz zu verwackeln. Getreu der Idee des Schwurs im Ballhaus, waren weder die Liberalen noch die Sozialdemokraten in seiner Regierung willens, die „Revolution zu verraten”, das heißt: den Kampf mit der Minorität der Bolschewiken aufzunehmen. So mußte sich Kerensky von Fall zu Fall nach anderen Stützen umsehen.

Als im Juli 1917 die Bolschewiken, diesmal verfrüht, losschlugen, konnte Kerensky diesen Putsch noch einmal mit Hilfe des Militärs nieder- schlagen. Die Militärs, in der irrigen Annahme, Kerensky säße in ihrem Boot, schlugen nachher ihrerseits unter General Komilow los, um dem nächsten Putsch der Bolschewiken zuvorzukommen. Jetzt schrien die Liberalen Zeter und Mordio. Kerensky sah sich gezwungen, die nach dem Juliputsch entwaffneten bol- schewikischen Roten Garden wieder mit Waffen zu versehen, um mit ihrer Hilfe gemeinsam die „Reaktion” niederzukämpfen. In diesem Kampf gegen die „Reaktion”‘ gewannen die Bolschewiken ihr Ansehen unter den Massen wieder zurück, das sie verloren hatten, als es herauskam, daß sie mit Geldern der kaiserlichen Regierung des Deutschen Reiches, mit dem Rußland noch im Krieg stand, ihre Revolution finanzierten. Nachdem sich also Kerensky zuerst auf die „Reaktion der Rechten”, nachher auf-die „Revolution der Linken” gestützt hatte, stand seine Regierung zuletzt völlig isoliert da. Verständlich, daß für dieses Regime außer einigen vom Redeschwall Kerenskys verrückt gemachten Offiziersschülern und Weibsbildern niemand mehr schlagen wollte.

Von allen guten Geistern und haltbaren politischen Stützen verlassen, ließ sich die Regierung Kerensky am 25. Oktober 1917, bei einem neuerlichen Putsch der Bolschewiken, der gewiß keine „Große Revolution” war, im zaristischen Winterpalais widerstandslos ‘arretieren; wie eine Runde ertappter Glücksspieler. Nur Ke-

renskys wurden die Bolschewiken nicht habhaft. Er floh zwar nicht in eine US-Botschaft, dafür aber mit einem Diplomatenauto der US-Botschaft aus der Hauptstadt, um alsbald im Westen aufzutauchen, wo er 1970, 53 Jahre nach dem Untergang der Freiheit in Rußland, starb. In Rußland ließ Kerensky das hinter sich, was jetzt Alexander Solsche- nizyn unter dem Titel „Der Archipel Gulag” zu beschreibet angefangen hat.

Der Kerensky typ, Modell 1974

Je mehr die politischen Typen des liberalen Linksintellektuellen degenerieren, desto weniger haben die Girondisten und Kerenskys von heute noch etwas von der Größe an sich, die Siegburg seinen Helden von 1789 andichtet. Da ist nichts mehrrvon der Wucht einer Persönlichkeit wie Mi- rabeau; militärisch ist der Portugiese de Spinola eine noch größere Niete als Lafayette; die Revolution ist nicht mehr ein Spielzeug der Intellektuellen, wie ehedem im Salon von Mme. Roland, sondern gut bezahlter Job der Berufsrevolutionäre; man ist noch redebeflissener und medienhöriger als Brissot, der wenigstens ein gebildeter Mensch war; statt der von Codorcet erdachten Revolution, soll eine Explosion im Bildungswesen stattfinden und alles bisherige hinwegfegen; in keiner der Militärjunten der Linken findet sich ein Soldat wie Carnot, dafür aber Terroristen, die mit den Ketten der Panzerkampfwagen in den Straßen rasseln; und Talleyrands gibt es innerhalb sowie außerhalb der Kirche in jeder Menge, wenn auch nur puncto Gesinnungslosigkeit.

Der Kerensky mit dem Monokel

Im Frühjahren 1974 stellte Österreichs auflagengrößte Zeitung den Putsch der portugiesischen Junta unter General Atönio de Spinola als den Anfang einer Demokratisierung des Landes hin. Jetzt heißt es in dieser Zeitung, der brave General Spinola versteht die Welt nicht mehr. Und der erstaunte Leser erfährt, es sei anzunehmen, daß de Spinola diese Welt nie ganz verstanden habe. Denn, so heißt es weiter: „Wer konnte sich nicht ausrechnen, daß selbst eine gut gemeinte Liberalität (sic) die Ultralinke herbeiruft.” Die Antwort auf diese rhetorisch gemeinte Frage ist leicht: Für das liberale News- Management ist diese Herbeirufung der Ultralinken Testfall für die Bonität der Demokratisierung des Landes. Lang genug mußte sich der jetzige Kerensky von Athen Vorwürfe gefallen lassen, weil er — im Gegensatz zu de Spinola — die Kommunisten nicht in seine Regierung des neuen, des demokratischen Griechenlands aufgenommen hat.

Im Fall des „Kerensky von Lissabon” kann der Politologe einmal mehr den Abklatsch studieren, der Keren- skytypen Modell 1974 nach dem Schema derer von 1917 verfertigt: So wie dįe russischen Liberalen im Jahre 1917, hat sich auch de Spinola nach dem Sturz der wackeligen Epigonen des Salazarregimes im Frühjahr 1974 auf das. Experiment eines liberalistisch-sozialistischen Regimes in Portugal eingelassen. Dann aber machte der aus der CSSR heimgeholte Generalstab der KP Portugals dem General Angst, als am 1. Mai 1974 kommunistische Gewerkschafter und Soldaten mit roten Blumen in den Gewehrläufen die wahre Macht im Staat zur Schau stellten. Wie Kerensky 1917, wich de Spinola vor dieser nackten Drohung zurück und nach rechts aus. Dankbar nahm er den namens der jetzt vielerorts zitierten „Schweigenden Mehrheit” erstatteten Vorschlag an, ihn — so wie weiland Kerensky — ein wenig gegen die bereits organisierte und mobilisierte radikale Linke abzustützen. Als aber am 28. September 1974 die „maiora silenciosa” zu ihrer Kundgebung vor dem Palast de Spi- nolas ausrücken wollte, sprachen die Liberalen und Linken in der Regierung von einem „Verrat der Re volution” — genauso, wie es 1917 in Rußland geschehen ist. Und prompt fielen die inzwischen zur Linken übergegangene Streitkräfte (letzthin bei der sogenannten Großen Oktoberrevolution in Rußland) General de Spinola in die Parade und’ zwangen ihn, auf die Abstützung durch die Rechte zu verzichten. Jetzt stand de Spinola, so wie 1917 Kerensky, isoliert da. Als potentieller Verbündeter eines drohenden Rechtsputsches vor den Massen der Hauptstadt bloßgestellt, mußte der Kerensky von Lissabon gehen.

Das Rote Portugal entstand, wie das bolschewikische Rußland im Oktober 1917, keineswegs in einem heroischen Aufstand. Die Bilder von der Erstürmung des Winterpalais während der Großen Oktoberrevolution von 1917 sind Standphotos der Filminszenierung Sergej Eisensteins. In Wirklichkeit fielen an diesem Tag auf seiten der Bolschewiken in Petrograd 6 (sechs) Mann, also weniger, als anläßlich des Sturzes de Spinolas von der siegreichen Linken heimlich um die Ecke gebracht wurden.

Nach 1945 entstanden in Europa im Gefolge des importierten US-Ame- rikanismus drei verheerende Folgen: Die Utopie des angeblich „besseren Menschen” als Produkt der US-De- mokratie, die Verbreitung der Ideologie der Technokraten sowie jene der Neuen Linken. Jetzt, 1974, kommen nach Europa auch schon die ersten Importe eines Latein-Amerikanismus. Seit anläßlich der Eröffnung des II. Vatikanums ein Bischof aus einem lateinamerikanischen Staat Quartier in einem Hotel bezog, das, nachts auch die gewissen menschlichen Dienstleistungen liefert, ist manches im Sternzeichen des Kreuzes des Südens geschehen. In Chile zum Beispiel stützte der Marxist Salvador Allende seine nur mit 37 Prozent der Wählerstimmen zustande gekommene Präsidentschaftsregierung ab, indem er der Reihe nach Generale aller Waffengattungen in sein Kabinett aufnahm. Als sich sein „Weg des Sozialismus” als ein Weg in das wirtschaftliche Chaos erwies, das Militär Chiles einem Putsch der linken Linken zuvor kam, Selbst putschte und Allende im Kampf fiel, war es aus mit der Sympathie, die das liberalistisch-sozialistische News- Management den „aufgeschlossenen Offizieren” Chiles erwiesen hatte, solange diese mit Allende Halbe-Halbe machten. In Wien demonstrierten Kommunisten und Katholiken gegen die chilenische Militärjunta, die man vorher ruhig gewähren hatte lassen, weil ihre Soldaten ja das System Allende bewachten. Dicke Freunde und eine gute Junta sind für das liberale News-Management auch die Militärs Boliviens, obwohl diese unter dem „Obristen” Banzar Suarez 1917 die dortige parlamentarische Demokratie aus den Angeln gehoben haben. Die bolivianischen Obristen haben — im Gegensatz zu den „Athener Obristen” von gestern — eine gute Presse in der sogenannten Freien Welt, weil sie mit den von der linken Linken kontrollierten Gewerkschaften Halbe-Halbe machen.

Europa tut nicht nur etwas, nicht eben viel, für Lateinamerika. Es empfängt auch bereits etwas von dort: Zum Beispiel das Modell eines Regimes, in dem „Obristen” mit linksradikalen Gewerkschaftern gemeinsam terrorisieren und eine Diktatur ausüben.

Das liberale Gewissen

Niemand verstand es besser, gewisse Regungen des liberalen Ge-

Wissens ganz energisch zu beschwichtigen als die ehedem katholisierėn- de US-Bestsellerautorin Mary Mc Carthy. In einem Report, diesmal kein Sex-Report wie Ihr Buch „Die Clique”, meint die Große Alte Dame des Liberalismus, sie halte „es offen gesagt, nicht für so großartig, den Kommunismus aufhalten zu wollen”. Wenn in einem gewissen Land erst einmal der Umschwung zum Kommunismus vollzogen sei, dann würden sich schon Arbeitsplätze für Fachkräfte finden, die sich vorher durch ihren Antikommunismus bloßgestellt haben. Und für die bornierten grundsätzlichen Gegner des Kommunismus gebe es ja noch Exilländer. Strebern und Speichelleckern des vorherigen antikommunistischen Regimes geschehe nur recht, wenn sie jetzt der Teufel hole, den sie vorher an die Wand gemalt hätten. Für sich war Mme. McCarthy, als sie diesen Aufruf zur Desertion schrieb, durchaus mit dem Los zufrieden, das damals gerade die Sowjetunion Dichtern wie Pasternak, Solschenizyn, Sinjawsky und Daniel bereitet hatte.

Hanoi-Report 1974

Wann schrieb Mary McCarthy ihre erwartungsvollen Ausführungen über den Kommunismus? Der Leser findet den genauen Text in „Hanoi 1968”. (Knaur, Band 215). Damals schrieb man sich im News-Management noch die Finger wund bei der Ablehnung des „terroristischen Systems” in Südvietnam. Seither hat der große Liberale Henry Kissinger Vietnam der Vietnamisierung zugeführt und dort den Kommunisten den Weg zur Kontrolle über ganz Vietnam gebahnt. Kein Wort schreiben daraufhin mehr die ehedem besorgten journalistischen Hüter der Freiheit in Südvietnam darüber, was Menschen geschah, die im Kampf gegen das unaufhaltsame Einsickern des Kommunismus in Südvietnam in die Hände der Roten fielen. Katholische Priester alarmierten die Welt wegen der in den Kolonien des „faschistischen Portugal” bis unlängst verübten Grausamkeiten. Über das, Was an Katholiken in Vietnam in einer Stunde wie dieser geschieht, herrscht Schweigen. Reden könnte ja die im Sinne Karl Rahners angebahnte Solidarisierung von Christentum und Kommunismus stören.

Im Trojanischen Krieg wurden die Trojer von den Griechen nicht besiegt, sondern überlistet. Es bedurfte eines Odysseus, eines von denen, die heimkamen aus dem Krieg, um den Trojanern jenes Pferd anzudrehen, das dann die dümmsten Trojaner eilfertig in ihre Stadt zogen, um nachher mit Entsetzen wahrzunehmen, wie aus dem Bauch des unheimlichen Dings das Verderben kam: Troja fiel, die noch widerspenstigen Einwohner wurden erschlagen, die anderen zu Sklaven gemacht.

Es stehen jetzt einige Trojanische Pferde in Europa. Und Odysseus hält Ausschau nach den Kerensky-Typen, die er braucht. Er wird nicht lange warten müssen. Denn: „Wenn der Liberalismus als die immanente Erlösung von Mensch und Gesellschaft (im Diesseits) verstanden wird, ist der Kommunismus zweifellos sein radikalster Ausdruck”. Und: „Man sollte auch nicht die innere Folgerichtigkeit und Ehrlichkeit dieses Übergangs vom Liberalismus zum Kommunismus bestreiten”. (Eric Voegelin, Die Neue Wissenschaft der Politik, München 1959, S. 241). Indessen: Welcher Kollaborateur des Kommunismus ist ehrlich?

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