7130414-1997_22_21.jpg
Digital In Arbeit

Die verdrängte Revolution

19451960198020002020

Anfang und Ende der russischen Demokratie bedeutet das Schicksalsjahr 1917. Die Ereignisse des Februar 1917 werden erst jetzt langsam aufgearbeitet.

19451960198020002020

Anfang und Ende der russischen Demokratie bedeutet das Schicksalsjahr 1917. Die Ereignisse des Februar 1917 werden erst jetzt langsam aufgearbeitet.

Das Datum, das mit dem Beginn der großen politischen Umwälzungen in Rußland eng verbunden ist, der 23. Februar 1917, und das in der Folge zu einem Meilenstein in der Weltgeschichte wurde, haben die später durch einen beinahe unblutigen Putsch an die Macht gelangten russischen Kommunisten Stück für Stück aus dem Gedächtnis der Massen (und nicht nur im Osten) aus eigennützigen Gründen verdrängt -und später mit mehr oder weniger Erfolg durch Verbreitung ihrer „Revolutionsgeschichte” (Oktober 1917) nach Orwellschem Muster vergessen lassen.

Was sich aber im Februar 1917 in Petrograd (St. Petersburg), Hauptstadt des zaristischen Imperiums, abgespielt hat, müßte erst jetzt, da sich die Archive des exkommunistischen Regimes langsam öffnen, in allen Details aufgearbeitet werden. Etliche Einzelheiten sind schon heute bekannt, und man weiß in groben Zügen, daß ohne diese Februar-Revolution der Oktober-Putsch, die sogenannte „Große Sozialistische Revolution” der Leninisten, niemals stattgefunden hätte. Die Massenbewegung in Petrograd und später in Moskau, die alle Bevölkerungsschichten erfaßt hatte, hatte das morsche Za-rentum vom Sockel gestürzt - ohne etwaiges Zutun von Lenin und den Bolschewiken, die fern von jenen Ereignissen gewesen waren.

Das zaristische Rußland, in dem man noch 1912 mit großem Pomp den 300. Jahrestag der Machtergreifung der Romanow-Dynastie begangen hatte, war schon um die Jahrhundertwende voll von mehr oder weniger versteckten (oder offenen) Problemen und Krisen (sowohl wirtschaftlicher als auch politischer, aber noch mehr gesellschaftlicher Natur) behaftet. Die stürmische ökonomische Entwicklung Bußlands ging Hand in Hand mit tiefgreifenden sozialen Wandlungen. Die Stadtbevölkerung war in den letzten 50 Jahren der Zarenherrschaft von sieben auf 20 Millionen Einwohner angewachsen. Ungebildete Bauern strömten in die Städte, in die neu entstandenen Industriezentren, wo sie unter erbärmlichen sozialen Umständen für sich und für ihre Familien Fuß zu fassen versuchten. Die historische Struktur des Zarenreiches begann zu bersten. Der Adel, einstmals Grundpfeiler des Staates, war im Zerfall begriffen. Er war buchstäblich erschöpft und geistig aufgebraucht worden. Eine breite Mittelschicht fehlte dagegen.

Trotz wirtschaftlichen Wachstums war man am Vorabend des Ersten Weltkriegs im allgemeinen unzufrieden. Die Bauern trachteten nach Landbesitz, sie wollten nicht mehr Pächter, vielmehr Eigentümer sein. Man strebte nach Abschaffung des Großgrundbesitzes. Die Arbeiter waren schlimmer daran: Obwohl es für sie seit 1912 eine Kranken- und Unfallversicherung gab, war ihre Ausbeutung durch die Industriellen enorm. Miserable Wohnverhältnisse, niedrigste Löhne und ein zehn bis zwölfstün-diger Arbeitstag waren ihr Los. Dem jungen russischen Bürgertum ging es um mehr Mitsprache in der Staatsführung und örtliche Vertretung der Macht. Die russische Intelligenz sah die Neugestaltung des Staates nach ihrer Facon nur in Form einer Bevolution. Zu all dem gab es noch die Nationalitätenprobleme. In scharfer Opposition zur russischen Staatsmacht standen beinahe alle nicht-russischen Völker des Reiches.

Dann kam der Erste Weltkrieg im Sommer 1914. Anfänglich erfaßte die Kriegsbegeisterung die Massen, es ging doch um die Befreiung der slawischen Brüder in der k.u.k. Monarchie und um Hilfe an Serbien. Große französische Kredite halfen den russischen Kriegswirtschaftern, ihre Produktion auf die Bedürfnisse des Krieges umzustellen. Die Euphorie der Massen aber verschwand bereits im

Winter 1914/15, als die Nachrichten über die ersten großen Niederlagen der Zarenarmee eintrafen.

Die politische und wirtschaftliche Krise erreichte im Februar 1917 ihren Höhepunkt in Petrograd und in anderen Großstädten. Der Ministerrat, die gleichgeschalteten Abgeordneten der Duma, der Generalstab und die außerparlamentarischen linken Parteiführer diskutierten erregt die aussichtslose Lage des Imperiums und erwogen, eine Abdankung des als unfähig geltenden Zaren Nikolaus II. zu erzwingen. Anfang 1917 war die Mehrzahl der russischen Bevölkerung total kriegsmüde und hoffte auf eine politische Wende.

Unruhen in Schlangen hungriger Arbeiterfrauen vor Iebensmit-telläden eskalierten bald zu gewalttätigen Demonstrationen, zu Zusammenstößen mit der Polizei und schließlich zur Meuterei unruhiger Truppen der Moskauer Garnison. Innerhalb von vier hektischen Tagen -27. Februar bis 2. März - geriet die Zentralmacht arg in Bedrängnis. Polizeieinheiten weigerten sich, gegen die Hungerrevolte vorzugehen. Demonstrationszüge formierten sich aus dem Nichts und setzten politische Parolen auf die Liste ihrer Forderungen. Die Begierung blieb untätig und brach zusammen. Die Duma wollte sich keinerlei Konfrontation aussetzen und vertagte sich auf „unbekannte Zeit”. Der Zar wurde von Politikern und hohem Militär gedrängt, so rasch wie möglich abzudanken. Er machte es zugunsten seines Bruders Michael, der aber weigerte sich, den Thron anzunehmen. Rußland blieb ohne Zar.

Nun erschienen zwei revolutionäre Organe auf der Bühne: die „Provisorische Regierung” in Petrograd und der „Petrograder Rat der Arbeiterund Soldatendeputierten”. Beide beanspruchten die Macht und bekämpften einander. Die zaristische „Ordnung” war längst Vergangenheit. Die „Provisorische Begierung” wurde anfänglich von einem liberalen Fürsten (Lwow) präsidiert und bestand aus Vertretern der „Kadetten” (Anhänger einer konstitutionellen Monarchie) sowie Mitgliedern anderer bürgerlicher und rechtssozialdemokratischer Parteien.

Der „Petrograder Bat” („Sowjet”) wollte auch mit dieser neuen Begierung nichts gemeinsam haben. Der „Sowjet” wollte eine „proletarische Lösung” für das Bußland der Zukunft, hatte aber keine Ahnung, wie man dies erzielen könnte. Der „Sowjet” vereinigte die Vertreter der Arbeiterschaft und des Bauerntums - auch wenn nicht wenige von ihnen noch die Uniform der Zarenarmee trugen.

In den wenigen Wochen ihres Bestehens führte die „Provisorische Begierung”, deren „Linksdrall” immer deutlicher wurde, ein Programm demokratischer Reformen und eine

Gesetzgebung von Bügerrechten durch, das sogar Lenin - ihren kompromißlosen Gegner - veranlaßte, Rußland im Sommer 1917 als „den freiesten aller kriegsführenden Staaten” zu bezeichnen. Der größte Fehler, den die Regierung machte, war aber, daß sie - auch nicht als der Rechtssozialist Kerenskij Ministerpräsident wurde -nicht dem von den Massen verhaßten Krieg radikal ein Ende setzte. Schlußendlich führte dies die demokratische „Provisorische Regierung” ins Verderben.

Wladimir Iljitsch Lenin wurde in seinem Zürcher Exil von den Pressemeldungen über den Ausbruch der Februar-Revolution 1917 in Rußland überrascht. Er paktierte daraufhin mit dem „Teufel” (in diesem Fall mit dem kaiserlichen deutschen Generalstab), um den „Zürcher Käfig” so rasch wie möglich verlassen zu können und nach Rußland zu reisen. Von dort aus wollte er vorerst das Ex-Imperium des Zaren und danach die „ganze Welt” revolutionieren.

Am 3. April 1917 traf er schließlich in Petrograd ein. Seine Anhänger erwarteten ihn. Lenin sprach zu ihnen, dort auf dem Bahnhofsplatz. Es war eine zündende Rede: Er forderte die

Massen auf, die bisherige politische Umwälzung in eine internationale „sozialistische” Revolution umzusetzen. Und Lenin ging sofort ans Werk. Er pfiff Stalin zurück, der damals bereit war, in die „Provisorische Regierung” einzutreten, und begann, die bolschewistische Partei zu einem Machtfaktor auszubauen.

Es war die unerklärliche Schwäche der „Provisorischen Regierung”, nunmehr mehrheitlich von Sozialdemokraten und Progressiv-Konservativen geführt, all diesen Machenschaften tatenlos zuzusehen. So konnte es geschehen, daß Lenin Anfang Juli 1917 insgeheim wagte, einen offenen Staatsstreich gegen die „Provisorische Regierung” in Petrograd zu inszenieren. Er schickte vorerst die durch bolschewistische Parolen aufgehetzten Massen auf die Straße und hielt sich gemeinsam mit seiner Parteielite aus den Ereignissen heraus. Sollte die „Provisorische Regierung” vor der Massendemonstration kapitulieren, hätte Lenin sich sofort an die Spitze der Revoltierenden gestellt.

Die Vorsicht lohnte sich. Kerenskij, das Wohlwollen der Franzosen und Briten hinter sich wissend, trat energisch gegen die Straße auf. Er ließ Polizeikräfte aufmarschieren und schlußendlich die Massen mit Gewalt zersteuen. Nun war die Lage für die Demokratie (vorübergehend) gerettet. Die Polizei fahndete nach den Organisatoren dieses mißglückten Putsches - und fand Lenin und seine Parteiführung als Urheber des blutigen Straßen-Szenarios in Petrograd. Daraufhin wurde die bolschewistische Partei als illegal erklärt und gegen Lenin ein Haftbefehl ausgestellt. Lenin mußte sich vorübergehend nach Finnland absetzen und kehrte erst im Oktober 1917 mit falscher Identität nach Petrograd zurück.

Trotzkij blieb in Petrograd auch nach dem Juli 1917 und mit ihm noch etliche mutige Bolschewisten. Es waren diejenigen, die Lenins Ziele -Sturz der „Provisorischen Regierung” und Übernahme der Macht - in den nächsten Monaten in die Tat umsetzen sollten. Aber dies ist schon Gegenstand eines neuen Kapitels in der Geschichte der politischen Wirren in Rußland 1917, die schließlich die ganze Welt erschüttert hatten.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau