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Der Diktator wurde Opfer seines Systems

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Eine lange und blutige Epoche ging vor exakt 40 Jahren am 5. März 1953 im fernen Moskau zu Ende. In jener Hauptstadt, die sich zur führenden Kraft des sozialistischen „Friedenslagers” gemacht hatte, starb Jossif Wissarionowitsch Dschu-gaschwili, genannt Stalin. Heute wissen wir, daß mit dem Tod des Diktators ein weiterer langer Prozeß begann - bis zum denkwürdigen Jahr 1989. Der Tod Stalins war Beginn des Endes des Sowjetimperiums.

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Eine lange und blutige Epoche ging vor exakt 40 Jahren am 5. März 1953 im fernen Moskau zu Ende. In jener Hauptstadt, die sich zur führenden Kraft des sozialistischen „Friedenslagers” gemacht hatte, starb Jossif Wissarionowitsch Dschu-gaschwili, genannt Stalin. Heute wissen wir, daß mit dem Tod des Diktators ein weiterer langer Prozeß begann - bis zum denkwürdigen Jahr 1989. Der Tod Stalins war Beginn des Endes des Sowjetimperiums.

Ob wir es wollen oder nicht, Stalins Taten haben maßgebend die Geschik-ke des 20. Jahrhunderts geprägt. Er war nicht einfach „Genosse Stalin”. Längst war er gewohnt, daß Untergebene - gleich ob Parteifunktionäre oder Wissenschaftler - ihn mit prächtigen Beinamen schmückten. Stalin war 1952/53 nicht nur Chef der größten kommunistischen Partei der Welt -Generalsekretär der KPdSU - Vorsitzender des Rates der Volkskommissare (Ministerpräsident), Oberbefehlshaber der Roten Armee und deren Generalissimus (also mehr als ein Marschall), nein, dieser Stalin war auch der „Vater aller Werktätigen der Welt”, der „größte Friedenskämpfer” unseres Globus und „Genius der Menschheit”.

Als einer der Sieger des Zweiten Weltkrieges war Stalin zweifelsohne eine historische Persönlichkeit, die zwar tatkräftig mitgeholfen hat, den Zwillingsbruder des Bolschewismus, den Nationalsozialismus, mit seiner menschenfeindlichen Praxis zu zerschmettern, der aber als „kommunistischer Patriot” mit Blut und Tränen das Russische Imperium - genannt Sowjetunion - weit über seine ursprünglichen Grenzen hinaus ausdehnte und aus diesem Reich nach 1945 - wenigstens auf militärischem Gebiet - eine Supermacht machte.

Dies alles hatte seinen Preis. Und dereinstige Priesterschüler aus Georgien, Sohn eines ständig besoffenen Flickschusters aus Tiflis, war nicht zimperlich, wenn es um die Errichtung der Macht beziehungsweise deren Vermehrung ging.

Der rote Großinquisitor

Von 1929 bis 1953, 24 Jahre, bestimmte Stalin - der eigentlich nach seinem Vater Dschugaschwili hieß -das Schicksal der Sowjetunion. Er baute das Land zu einer Industriemacht aus, verstaatlichte die Landwirtschaft und nahm jegliche Initiative den Bürgern („Genossen”) des Reiches ab. Ein Wille war maßgebend: der seine. Und obwohl „sein” Volk ihm beim Aufbau des Sozialismus (eine utopische Vorstellung) überall hin und in den meisten Fällen begeistert folgte, hielt Stalin es angebracht, in verschiedenen Zeitperioden unter seinen Untertanen sogenannte „Säuberungen” durchzuführen. Das war eine „rote Inquisition”, die unseres Erachtens nach nur dem einen Ziel dient, die Menschen immer wieder einzuschüchtern.

Bereits der Gründer der Sowjetunion und Erzbolschewik Wladimir II-jitsch Lenin hatte Ende Dezember 1917 die Notwendigkeit des „Staatsterrors” verkündet, den Staatssicherheitsdienst gegründet, und schon in den zwanziger Jahren schössen die sogenannten Erziehungs- und Arbeitslager aus dem Boden der Sowjetunion. Stalin aber war derjenige, der in den dreißiger Jahren und später das Werk Lenins in dieser Hinsicht vollendete. Unter seiner Herrschaft wurde im Reich der „Archipel Gulag” (Solschenizyn) verwirklicht: Millionen Unschuldiger schufteten hier unter grausamen Umständen, während andere bei den periodisch erfolgten politisch bedingten Verfolgungsjagden kurzerhand als „Volksfeinde” mit oder ohne juristische „Verfahren” hingerichtet wurden.

Die nie aufgegebene Utopie des Aufbaus des Sozialismus in der Sowjetunion kostete den Bürgern der 15 Sowjetrepubliken einen Blutzoll von mehr als 35 Millionen Menschen -und da sind die Verlustzahlen der Roten Armee während ihrer zehn Feldzüge seit ihrem Bestehen überhaupt nicht berücksichtigt. Dasselbe System und dieselbe Methode wurde auf Geheiß Stalins nach dem Krieg auch in all jenen Ländern eingeführt und praktiziert, die als Beutegut nach dem Sieg über Hitler die Rote Armee für das Imperium erobert hatte.

1949 feierte Stalin in Moskau seinen 70. Geburtstag. Die öffentlichen Feiern waren im ganzen Imperium mehr als pompös. Der sogenannte Personenkult um Stalin nahm in der Tat nicht selten groteske Formen an - aber wer wagte da Kritik zu üben? Stalin wurde eigentlich zum „Gott” gekürt. Und er selbst glaubte dieser Huldigung. Er schien unsterblich zu sein und kein Mensch im Sowjetimperium wagte daran zu denken, daß auch „Götter” sterblich sein können. Es gab keinen Nachfolger, keinen „Kronprinzen”, der für diesen undenkbaren Fall - mit Billigung Stalins selbstverständlich - für die Reichsführung vorgesehen gewesen wäre. Die Stellvertreter des Diktators wurden bewußt so gewählt, daß sie - wie zum Beispiel Georgij Maksimilianowitsch Malenkow (1949 war er 47 Jahre alt) - nie und nimmer als Füherpersön-lichkeit geeignet gewesen wären.

Abrechnung mit Stalin

Niemand wußte es, nur Stalin spürte manchmal, in den Jahren 1951 und 1952, daß seine Kräfte ihn immer mehr im Stich ließen. Er war nicht ungebildet, beschäftigte sich auch im hohen Alter mit manchen wissenschaftlichen Problemen, las schöngeistige Literatur und konnte auch, wenn er wollte, sehr höflich sein.

Über den Tod von Jossif Wissarionowitsch Stalin - und über die Todesursache - herrschte lange Zeit viel Ungewißheit und es waren noch viel mehr Legenden im Umlauf. Erst in den jüngsten Jahren, als sich das Sowjetimperium seinem Ende zuneigte, sprechen die Überlebenden dieser Zeitepoche. Forschungen begannen, für einzelne Auserwählte öffneten sich gewisse Archive in Moskau bereits sehr früh und so konnten die letzten Tage des Diktators (und vor der Geschichte sei gesagt: des Staatsmannes) nachgezeichnet werden.

Einer dieser Auserwählten ist Dimitri Wol-kogonow, Berufsoffizier, Kommunist, Leiter des Instituts für Militärgeschichte der UdSSR -später von Gorbatschows Reformgedanken gefesselt. Wolkogo-now durfte das Kreml-Archiv einsehen - und sein Glaube an den Kommunismus wurde erschüttert. Jetzt ist er begeisterter Mitarbeiter von Boris Jelzin, ein Sozialdemokrat russischer Prägung. Sein Buch über Stalin (im deutschen Ciaassen Verlag auch im Westen erschienen) ist eine Abrechnung mit dem, was man Stalinismus nennt. Vor kurzem konnte ich mich mit dem pensionierten General auch persönlich über Stalins einzelne Lebensabschnitte unterhalten.

In seinen letzten Wochen vor dem Tod erfaßte Stalin eine große innere Unruhe. Er traute niemandem mehr. Am 16. Dezember 1952 ließ er den Kommandeur seiner Leibwache, General

Wlassik, verhaften. Ihm warf er vor, jene Kremlärzte bei den sporadischen Untersuchungen Stalins bevorzugt zu haben, von denen sich im Herbst 1952 „herausstellte”, daß sie in Wirklichkeit vom Westen bezahlte Mörder seien, die ihn, Stalin, den Vater aller Werktätigen, mittels falscher ärztlicher Behandlung töten sollten. Freilich war das alles eine Erfindung des Diktators. Aber die Kremlärzte wurden verhaftet, von Law-rentij Berija, dem Chef des NKWDs und gefürchteten Innenminister, und seinen Schergen zu Geständnissen gezwungen (zwei Ärzte überlebten diese Prozedur nicht). Alles war schon zu einem öffentlichen Prozeß vorbereitet, bei dem es nicht nur um eine Verurteilung der „Mörderbande im weißen Kittel” ging, sondern um den Prolog einer neuen Säuberungswelle mit antisemitischen Begleiterscheinungen.

„Das Land muß wieder diszipliniert werden. Die Menschen sind faul und nachlässig geworden. Die Feinde des Volkes sind am Werk. Man muß sie entlarven und verurteilen”, pflegte Stalin Anfang 1953 seinen Bediensteten zu sagen. Ende Februar fuhr er nur noch selten nach Moskau in den Kreml. Er verbrachte seine Tage in seiner Datscha in der Nähe der Hauptstadt, im Vorort Kunzewo.

Dorthin beorderte er auch die Mitarbeiter des Politbüros der KPdSU, wenn er mit ihnen über die Lage im Imperium sprechen wollte. Am 1. März kam es zu einer langen Sitzung. Malenkow, Molotow, Chruschtschow, Berija und Bulganin blieben fast die ganze Nacht bei Stalin, der stets gewohnt war, die Nacht als Arbeitszeit zu nutzen. Es ging jetzt um den Prozeß gegen die Ärzte und Stalin machte kein Hehl daraus, daß er - was die Wachsamkeit betraf - mit seinen engsten Mitarbeitern unzufrieden war. Jeder bekam sein Fett ab. Morgens um vier Uhr wurde Stalin plötzlich müde, brach seine Tiraden ab, nickte trocken und ging in sein Arbeitszimmer, wo er auch sein Bett hatte. Die Gäste verließen schweigend das Haus und fuhren nach Moskau. Es war noch dunkel.

Wolkogonow: „Wie mirRybin (ein Offizier der Wache) erzählte, seien die Bediensteten am 1. März allmählich unruhig geworden. Stalin sei nicht erschienen, er habe niemanden zu sich gerufen. Ohne Aufforderung zu ihm zu gehen, war verboten. Und auf einmal - so Rybin - sei im Arbeitszimmer das Licht angegangen. Alle hätten erleichtert aufgeatmet. Man wartete auf ein Klingelzeichen: Stalin hatte nicht zu Mittag gegessen, hatte seine Post nicht durchgesehen. Das war ungewöhnlich. Aber die Zeit sei vergangen und nichts sei geschehen. Es wurde 20 Uhr, 21 Uhr, 22 Uhr - in Stalins Zimmer herrschte Stille. Die Beunruhigung erreichte ihren Höhepunkt. Die Helfer und Wachen begannen zu streiten. Man mußte zum Führer gehen.”

„Um 23 Uhr schließlich tat es der diensthabende Mitarbeiter und nahm die Post als Vorwand mit. Starostin ging durch einige Zimmer. Im kleinen Eßzimmer schließlich fand er Stalin auf dem Boden liegend, in Pyjamahosen und Unterhemd. Er konnte kaum die Hand heben und winkte den Wachhabenden zu sich. Aber er konnte nicht sprechen. In seinen Augen war Entsetzen, Angst und Flehen.”

Ohnmächtiger Diktator

„Stalin lag offenbar schon lange am Boden, denn das Licht im Eßzimmer brannte. Starostin rief die Bedienstetenschar herbei. Man legte Stalin auf den Diwan. Einige Male versuchte er, etwas zusagen, aber er brachte nur undeutliche Laute heraus.”

Rasch stellt sich das Leiden heraus: Gehirnblutungen, Sprachparalyse, schließlich Bewußtseinsverlust.

Der KGB-Chef Ignatijew wurde alarmiert. Er wagte nichts zu unternehmen; man solle Malenkow und Berija benachrichtigen. Nur Malenkow konnte aufgetrieben werden. Es war mittlerweile schon der Morgen des 2. März. Auch Malenkow wollte ohne Berija nichts unternehmen. Nun muß man sich vorstellen: einer der mächtigsten Menschen auf dem Planeten war in den kritischsten Minuten ohne jegliche medizinische Hilfe. Stalin wurde zum Opfer seines eigenen Systems.

Wie sich später herausstellte, durften nämlich ohne Berijas Genehmigung keine Ärzte zu Stalin gerufen werden. Endlich hatte man Berija gefunden: er hatte ein „Liebesabenteuer”, durfte nicht gestört werden, und als er endlich in Stalins Datscha auftauchte, hatte er noch eine „Weinfahne”. Malenkow war leichenblaß bei Stalin. Berija rief keine Ärzte herbei, schaute nur auf den liegenden, sterbenden Stalin und stürzte sich auf die Bediensteten: „Was macht ihr für eine Panik! Seht ihr nicht, Genosse Stalin schläft fest!”

Ende einer Tragödie

Berija jagte die Menschen aus Stalins Zimmer hinaus - und fuhr mit Malenkow nach Moskau. Es ist kaum zu glauben, aber wahr, daß Stalins oberste Genossen erst Stunden nach diesem Vorfall sich wieder in Stalins Datscha versammelten - also am 2. März mittags. Dann hatte man bereits Ärzte aufgeboten. Namentlich Berija bedrohte sie, „alles zu unternehmen”, um Stalin zu retten. Es war aber bereits zu spät. Stalin lag im Sterben.

Wolkogonow: „Am Bett des Sterbenden endete die Tragödie des Volkes, auch wenn diese Tatsache erst spät erkannt werden sollte. Einige Male erschien auch Wassili, Stalins Sohn, am Sterbebett und schrie mit betrunkener Stimme: ,Ihr Schurken, ihr habt meinen Vater getötet!' Stalins Tochter saß stumm im Sessel. Woroschilow, Kaganowitsch, Chruschtschow und einige andere weinten. Berija ging häufig zum Sterbenden und fragte laut: .Genosse Stalin, hier befinden sich alle Politbüromitglieder, sag uns etwas!'”Berija fühlte sich bereits als „Kronprinz”. Er war derjenige, der schon am 3. März in den sowjetischen Medien die Nachricht von Stalins Erkrankung bekanntgab und dafür sorgte, daß die nunmehrregelmäßig ausgestrahlten Sendungen immer dramatischer die Möglichkeit des Ablebens des 73jäh-rigen Diktators ahnen ließen.

Stalin überlebte noch den 4. März. Aber er konnte sich nicht mehr bewegen, nicht mehr sprechen. Nur seine Augen „lebten” noch. Er sah die Anwesenden, einen nach dem anderen an: es war ungewiß, ob sein Gehirn noch arbeitete und er somit wußte, wer über ihn gebeugt war.

Es war 9 Uhr 50 am 5. März 1953, als Stalin starb. Seine Agonie hatte mehrere Tage gedauert. Vielleicht hätte man ihn bei rechtzeitiger fachmännischer Hilfe retten können. Diese Möglichkeit wurde bis heute nicht untersucht. Tatsache ist, sein Ableben rief bei seinen hohen Genossen Erleichterung hervor.

Man wußte zwar in dieser Stunde noch nicht, was nun mit der UdSSR und dem „Friedenslager” ohne Stalin geschehen sollte, wie das Schicksal der Mitarbeiter sich in den nächsten Wochen und Monaten nun gestalten werde (Berija wollte der neue „Führer” sein, aber auch andere trachteten nach der alleinigen Macht), aber etwas war jedem bewußt geworden. Mit Stalins Ableben ging eine historische Epoche zu Ende. Die Angst, die Ungewißheit und die unberechenbare persönliche Macht einer Einzelpersönlichkeit war beendet.

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