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Aus Stalins Kerkern direkt ins deutsche KZ

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Der österreichische Historiker Hans Schafranek weist nach, daß die Auslieferung deutscher Nationalsozialis-mus-Gegnerdurch Stalin an Hitler lange vor deren „Teufelspakt” begann.

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Der österreichische Historiker Hans Schafranek weist nach, daß die Auslieferung deutscher Nationalsozialis-mus-Gegnerdurch Stalin an Hitler lange vor deren „Teufelspakt” begann.

Moskau 1936. Stalins Verhaftungsmaschine rotiert. Viele emigrierte deutsche und österreichische Kommunisten verschwinden. Am 17. November wird der deutsche Botschafter Graf von der Schulenburg (er wurde später als Teilnehmer an der Verschwörung der Generäle gegen Hitler hingerichtet) von Außenminister Litwinow über 22 wegen „Spionage” oder „faschistischer Tätigkeit” verhaftete Deutsche informiert. Er berichtet nach Berlin, die Akten überleben den Krieg.

Unter den Verhafteten: der deutsche Kommunist Wilhelm Pfeiffer, zwei weitere deutsche Kommuni sten, der in England geborene jüdische Autoingenieur Arthur Thilo, eine Anzahl politisch Desinteressierter, die in der Sowjetunion Arbeit gefunden haben, aber auch deutsche Spitzel, die deutsche Emigranten aushorchten.

Am 25. Februar 1937 ersucht ein hoher Beamter des Außenministeriums die deutsche Botschaft, sofort die Pässe von vier ausgewiesenen Deutschen abzuholen und polnische Transitvisa zu besorgen. Der deutsche Gesandtschaftsrat Hen-sel darf die Häftlinge in der Zelle besuchen. Thilo, dem aufgrund seines Arbeitsvertrages eine Rückrei-

-fli -, i i ii i ' se nach New York zusteht, ersucht um eine Fahrkarte nach London. Die Sowjetbeamten lehnen ab. Pfeiffer sagt vor ihnen zu Hensel, er würde doch in Deutschland als Kommunist sofort verhaftet. Er würde sich an der Grenze unter den Zug werfen.

Thilo wird mit zwei anderen über die polnische Grenze abgeschoben, bekommt in Warschau ein britisches Visum und rettet sich nach England. Pfeiffer bleibt noch eineinhalb Jahre in sowjetischer Haft und wird am 18. August 1938 an die Grenze gestellt. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.

Am 23. August 1939 spät nachts begossen Stalin, Molotow und Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt. Stalin trank auf Hitlers Gesundheit: „Ich weiß, das deutsche Volk liebt seinen Führer.” Das Datum gilt als Startschuß für die Auslieferung in der Sowjetunion lebender deutscher Staatsbürger, unter ihnen viele Kommunisten, Juden und überzeugte Nazigegner, an Hitlers Gestapo.

Der österreichische Historiker Hans Schafranek belegt nun mit einer Fülle von Details, daß die Ausweisung in der Sowjetunion lebender deutscher und österreichischer Kommunisten, Antinazis und sonstiger Personen bereits 1937 begann.

Das sowjetische Außenministerium und der NKWD konnten die Personen, die man teils in der Sowjetunion nicht mehr haben wollte (Ausländer zogen Stalins krankhaftes Mißtrauen ganz besonders auf sich), teils aber auch einfach zwecks Verbesserung der Beziehungen der Gestapo zum Fraß hinwarf, dieser allerdings noch nicht direkt in die Hand drücken.

Dem lag vorläufig noch Polen im Weg. Die Chance, sich beim Transit durch Polen den beiden Mühlsteinen zu entziehen, war gering, Thilo eine von wenigen Ausnahmen. Die Hinausgeworfenen besaßen kein Geld. Alle Ersparnisse nach oft jahrelanger Arbeit waren ihnen weggenommen worden. Die Ausweisungen wurden mit der deutschen Botschaft abgesprochen, die zehn Dollar für die Fahrkarte von der sowje-tisch/polnischen zur deutschen Grenze vorstreckte. Selbst diese zehn Dollar wurden in vielen Fällen an der Grenze konfisziert. Später wurden in der polnischen Grenzstation Stolpce vom polnischen Roten Kreuz Fahrkarten zum deutschen Neu-Bentschen ausgestellt und mit der deutschen Botschaft in Moskau verrechnet.

Alle Ausweisungen wurden dem deutschen Auswärtigen Amt telegrafisch avisiert. Ein neuer Beweis für die Niedertracht Stalins: Wenn es sich um Kommunisten handelte, ging eine weitere Mitteilung an die Gestapo. Dort lag fallweise schon ein ganzes Dossier mit Einzelheiten über die Tätigkeit in der Sowjetunion auf dem Tisch, wenn man den „Rückkehrer” unter die Lupe nahm.

Ein Teil der abgeschobenen Kommunisten wurde auf eine Agententätigkeit zugunsten der Sowjetunion verpflichtet. Sie mußten dem NKWD Quittungen für Geldbeträge unterschreiben, die sie nie gesehen hatten-um sie „bei Bedarf” den Deutschen zuzuspielen. Eine der zahllosen Erpressungen, denen die Ausländer in Stalins Kerkern ausgesetzt waren.

Schafraneks Buch „Zwischen NKWD und Gestapo: Die Auslieferung deutscher und österreichischer Antifaschisten aus der Sowjetunion an Nazideutschland 1937 - 1941” (ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1990) beruht auf bisher unveröffentlichten Dokumenten in deutschen und österreichisehen Archiven, hauptsächlich aber auf Aktenbeständen im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Bonn.

Aufgrund dieser Akten wurden 1937 und 1938 rund 620 deutsche Häftlinge aus sowjetischen Gefängnissen „repatriiert”, unter ihnen mindestens 60 Kommunisten und Juden. Die nach dem „Anschluß” abgeschobenen Österreicher sind darin nicht enthalten. Über 47 zwischen April und Dezember 1938 meist bei Stolpce über Polen abgeschobene Österreicher - die nun als deutsche Staatsbürger galten - sind biographische Informationen verfügbar. Schafranek: „Der proletarische Anteil unter ihnen war besonders hoch... Im Gegensatz zu den aus Deutschland stammenden Personen befanden sich unter den 47 Österreicher keine NS-Mitglie-der.”

Um die Jahreswende 19,38/339 schliefen die Ausweisungen ein, nach dem Hitler-Stalin-Pakt liefen sie dann aber erst so richtig an. Die Diktatoren hatten sich Polen aufgeteilt, die Häftlinge wurden nun genau dort übergeben, wo der deutsche Befehlshaber Guderian 1939 seinem sowjetischen Kollegen Kri-woschin die Hand gedrückt hatte (siehe Bild): In Brest-Litowsk, an der Demarkationslinie zwischen Deutschland und Sowjetunion.

Starr vor Angst

Hier wurden Hunderte in den Tod geschickt - Stalin warf sie Hitler in den Rachen, unter ihnen viele Juden und viele überzeugte Kommunisten, von denen mehr als einer seine Auslieferung für einen tragischen Irrtum hielt. Zu den wichtigsten Kapiteln in Schafraneks Buch zählen die aus den ausgewerteten Akten rekonstruierten und aus anderen Quellen ergänzten Kurzbiographien von 305 deutschen und österreichischen Stalinopfern dieser ganz besonderen Art.

Was sich hinter den nackten Zahlen verbirgt, beschrieb Grete Buber-Neumann in ihrem Buch „Als Gefangene bei Stalin und Hitler”: „Alle Gesichter waren gleich starr vor Angst. Wir standen und blickten über diese Eisenbahnbrücke, die die Grenze bildete zwischen dem von Deutschland besetzten Polen und dem von den Russen okkupierten Teil. Über die Brücke ging ein Soldat langsam auf uns zu. Als er näher kam, erkannte ich die Soldatenmütze der SS. Der NKWD-Offizier und der von der SS hoben grüßend die Hand an die Mütze. Aus einer hellbraunen, länglichen Tasche zog der NKWD-Off izier eine Liste... Auf den ungarischen Emigranten, der einen Koffer trug, hatte es der SS-Mann besonders abgesehen: ,Däs jüdische Schwein will wohl noch kommunistische Literatur nach Deutschland einschmuggeln; dem werden wir die Hammelwaden noch langziehen! Schneller! Schneller!”

Bei der Repatriierung Volksdeutscher nach Westen und von Ukrainern nach Osten versuchten „sowohl die Russen als auch die Deutschen... Tausende Juden in die Transporte .einzuschmuggeln' oder teils ohne Kenntnis der Gegenseite über die Demarkationslinie abzuschieben.”

Aus einem Memorandum, das dem deutschen Botschafter am 17. Dezember 1939 übergeben wurde: „Außenkommissariat hat Kenntnis erhalten von mehreren Fällen, in denen Flüchtlinge, insbesondere Juden, ungesetzlich und gewaltsam über die Grenze auf sowjetisches Territorium getrieben wurden: 1.) Am 10. November im Rayon Liska südlich Przemysl 7 Personen, von denen eine durch deutsche Grenzbeamte getötet wurde. 2.) Am 11. November im Bezirk von Przemysl 1268 Juden, von denen 450 dem Stab deutscher Armee Hauptmann Puhle zurückgegeben wurden. Auf den sowjetischen Versuch, auch den Rest zurückzugeben, eröffneten deutsche Grenzbeamte Feuer, wobei von den ersten 30 Flüchtlingen 20 erschossen wurden. 3.) Am 13. November 16.500 Personen, davon 3.500 bei Augustowo, 5.000 bei Lomza, 3.000 bei Schepetowo und 5.000 bei Brest... 4.) Am 29. November im Rayon von Schepetowo 2.500 Personen, auf die bei Rücksendung deutscherseits geschossen wurde. 5.) Am 7. Dezember bei Sokol und Prussino (südlich Bela) 1.000 Juden. Auf Forderung sowjetischer Grenzbeamter, diese Handlungen einzustellen, beriefen sich deutsche Grenzbeamte auf Befehl ihrer obersten Leitung...”

Die Sowjets machten es genauso.

Im Jänner 1940 hat der sowjetische Hauptvollbemächtigte Jegna-row in Krakau eine Unterredung mit dem SS-Führerr Otto Gustav Wächter. (Wächter war Österreicher und fand nach dem Krieg Unterschlupf in einem Kloster in Rom, Anm. d. Red.) Bericht vom 17. Jänner an das Auswärtige Amt in Berlin: „Auf den Hinweis, ob er nicht auch Juden aufnehmen wolle, da man in Sowjet-Rußland doch den Antisemitismus nicht kenne, hat sich Herr Jegnarow sehr ablehnend verhalten und gemeint, wir würden schon andere Wege finden, die Juden zu beseitigen.” Diplomatischer Dialog zwischen Massenmördern, nachzulesen bei Hans Schafranek auf Buchseite 63.

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