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Countdown der Invasion

Es begann so irreführend harmlos Mitte Mai dieses Jahres mit dem gemeinsamen russisch-polnischen Manöver an der polnisch-tschechoslowakischen Grenze.

Dabei wurde von allen Seiten übersehen, daß effektive sowjetische Basen schon von früher in der CSSR vorhanden waren. In den abgele genen Tälern des Tatragebirges, sowie in den slowakischen Karpaten befanden sich mehrere sowjetische Militärlager, deren Besatzungen manchmal als „Ausbildner“ und „Depotpersonal“ getarnt waren. Prag wollte und konnte in früheren Jahren nicht kleinlich sein und ließ die russischen Militärs sub titulo der osteuropäischen Militärkoalition frei schalten und walten. Man schluckte stillschweigend die Fiktion, die int Umlauf gesetzt wurde, jedoch den Tatsachen gar nicht entsprach, daß die ersten fremden Truppen erst anläßlich der 14. Großübung der War- schauer-Pakt-Armee nach der CSSR entsandt worden wären.

Das polnische Städtchen Raciiborz war der Mittelpunkt des ersten Übumgsgeländes, wo der Aufmarsch zur Einkreisung planmäßig begann. Das besagte Städtchen ¡liegt nur 25 km nördlich vom tschechoslowakischen Industriezentrum

Ostrava. Das Kommando lag in Opole, das als Woiwodschaft-Hauptstadt bekannt war. Das Auftauchen mehrerer kriegsmäßig ausgerüsteter sowjetischer und polnischer Divisionen in der sonst verlassenen Gegend rief unliebsames Aufsehen und Erregung unter der polnischen Bevölkerung hervor. Deshalb wurde am 15. Mai dieses Jahres in Raciiborz ein „Meeting“ zwecks Befriedung veranstaltet. Der Erstie Parteisekretär des Distrikts Raciiborz, Franciszek Elorkiewdez und sein Kollege ans der Woiwodschaft Opole, Marian Misikiewicz, beruhigten dde Bewohner.

Generalleutnant Iwan Nikala jewitsch Schfcadow, der Kommandeur der nördlichen Sowjetarmeegruppe, führte die. erwähnten Übungen. Ihm war Brigadegeneräl Florian Siwicki, Kommandeur des schlesischen Militärdistrikts, attaehdert. Es war schon damals tördchit gewesen, sorglos anzunehmen, daß der Warscbauer- Pakt-Generalstab rein zufällig den erwähnten Manöverplan aus dem Pamzerscbramik holte. Die Einheiten der nördlichen Sowjetarmeegruppe stationierten normalerweise in und neben Legnäca, 200 Kilometer nordwestlich von der erwähnten südwestlichen polnischen Region. Infolgedessen mußten beträchtliche Mengen von Treibstoff bei der Vorverlegung der Sowjettruppen geopfert werden. Das ganze Gebiet von Krakau nahm seither den Charakter eines Aufmarschgeländes an, auf dem alle Wegweiser nach Westen zeigten.

Stärkung des Warschauer Paktes

Die tschechoslowakische Führung reagierte gelassen und diszipliniert. Auch die polnischen Nachrichten- medien waren ziemlich wortkarg. Nur am Jahrestag der Gründung des Warschauer Militärpaktes, am 14. Mai, wurde die militärische Rolle und die Position der CSSR innerhalb der „sozialistischen Gemeinschaft" ausführlich erörtert und bereits kritisiert. Damals hoffte der Gehirntrust des Warschauer-Pakt-Staates, die CSSR noch ohne direkte militärische Intervention gleichschalten zu können und mit kaum sichtbaren militärpolitischen Fäden fester an dje Paktorganisati.on zu binden. Ein „Permanentes Konsultativkomitee“ mit supranationaler Autorität soll ins, L |ben gerufen werden —- hieß es damals.

Dieser Gedanke wurde von Pankow und Warschau vorbehaltlos begrüßt, weil im Falle der Verwirklichung Prag dem Veto der WP-Part- ner unterworfen worden wäre, womit einer eventuellen politischen Desintegration der CSSR der Weg ein für allemal versperrt gewesen wäre.

Die Verwirklichung des Plans hätte zweifellos die Aufopferung eines großen Teils der nationalen Souveränität bedeutet. Zenon KlisZko, der Sekretär des polnischen Zentralkomitees, berichtete über wiederholte heftige Diskussionen und Debatten. Der Plan wurde im übrigen dm Frühjahr 1968 in Sofia zum erstenmal bekannt. Nur Ceau- isesou reagierte diamäls gereizt, als er Mitteilungen darüber gemacht hatte, daß in sechs Monaten konkrete Pläne zur Stärkung des Mili- täroberkommanidos von den Partnern unteilbreiitet werden , sollten. Rumäniens Parteiboß gab seiner „Überraschung“ darüber Ausdruck, daß die Repräsentanten seiner Nation zur Dresdener Konsultation überhaupt nicht edngeladm worden waren. Ohne Rumänien haben die Sechs in Dresden die Reform beschlossen, wobei dde Empfehlungen von Sofia die Verhaindlungsgrund- lage bildeten. Auf die beschlossenen „praktischen Maßnahmen in der unmittelbaren Zukunft“ konnte auch Prag keinen Einfluß ausüben, obwohl Dübcek vorsichtshalber seine Zu stammung zum WP-Reformplan „im Prinzip“ erteilte. Er wollte ja die Wut des WP-Oberkommandos nicht auf sich und sein Land konzentrieren lassen.

Prompt war der Oberkommandie- nende der WP-Armee, Jakubowsky, in Prag erschienen, um das vierzehnte gemeinsame Manöver, genannt „Sumava“, auf tschechoslowakischem Staatsgebiet vorzubereiten. Verteidigungsminister Dzur und Generalstabschef Rusov beriefen sich ausweichend darauf, daß vorerst die tschechoslowakischen Stäbe ihre vorgesehenen Sandkastenübungen absolvieren müßten: nur wenn ihre „Pläne erfüllt werden“, könnten gemeinsame „Paktsandkastenübungen“ durchgeführt werden. Sie argumentierten, daß die Anwesenheit fremder Einheiten in der CSSR vollkommen überflüssig wäre. Die „militärische Koordinierung“ wurde in Prag ganz anders interpretiert als in Moskau, wo dieser Begriff Unterwerfung bedeuten sollte.

Dadurch entstand militärpolitisch eine kurios-paradoxe Situation: die eigenen Verbündeten leiteten eine militärische Eskalation gegen Prag ein. Die Truppen des Warschauer Militärpaktes wurden schrittweise in Alarmbereitschaft versetzt, was auch in Prag bekannt wurde. Auch Optimisten fragten sich, ob die tschechoslowakische Volksarmee, wenn auch nur kurze Zeit, dem Angriff der vereinigten Kräfte des osteuropäischen Militärbündnisses Widerstand leiste könnte.

Prag verfügte zu dieser Zeit über die modernsten Streitkräfte der Paktstaaten. Die Volksarmee bestand aus 14 motorisierten Divisionen — darunter vier Panzerdivisionen! — mit der Mannschaftsstärke von 175.000. Dazu kamen noch

35.0 Grenzjäger beziehungsweise innere Sichetheitskräfte. Dde Luftwaffe besaß 900 Maschinen, die von

45.0 Mann in der Luft und auf dem Boden bedient wurden. Dieser Mili- tärapparaf verschlang jährlich mindestens 754 Millionen Dollar; laut Organisationsplan wären während einer Mobilisierung die DiMsdons- stäbe in Korpskammandos umgewandelt worden und die Zahll der Divisionen wäre auf 42 erhöht worden.

Die Reform der CSSR-Armee

Die wichtigste Frage war jedoch, ob diie Aimeefühiung dem Svoboda- Duiboek-Regime bedingungslos und treu ergehen war. Dies war anzunehmen, da die Staatsführung kürzlich das ganze Kommandosystem mit neuen Leuten durchsetzt batte. Der Verteidigungsminister, Generalleutnant Martin Dzur, 48, ist gebürtiger Slowake. Er übernahm sein Amt anfangs April 1968 vom abgesetzten „Sdbstverteidigungsmiinister“ Lom- sky. Dzur flüchtete als aktiver slowakischer Offizier im Jahre 1943 in die Sowjetunion. Seine Karriere begann jedoch erst nach dem Krieg. Anfangs der fünfziger Jahre wurde Dzur drangsaliert, dann wieder in Parteigmade aufgenommen, so daß er

1961 zum Stellvertretenden Verteidigungsminister befördert wurde.

Mitte April 1968 wurde General Otakar Rytir von der Spitze des Generalstabs entfernt. Zum Nachfolger wurde Generalleutnant Karel Rusov ernannt. Rytir „herrschte“ genau zehn Jahre lang, da er das Vertrauen der Sowjetgeneralität seit dem zweiten Weltkrieg genoß, als er in der tschechoslowakischen Exilarmee gedient hatte. Für die Reformer war er wegen seiner untertänigen Freundschaft zu Novotny unannehmbar.

Rusov hingegen stammt aus einer einfachen Arbeiterfamilie, er ist

44 Jahre alt und dient seit 1945 als Berufsoffizier. Zuletzt war er

Generaldnspektor. Das Armee- inspektorat wurde erst nach Dubceks Machtübernahme begründet. Gleichzeitig, das heißt im Februar 1968, wurde auch Rusov zum Stellvertretenden Verteidigungsminister befördert.

Gegen Ende April dieses Jahres Wurde auch der Erste Stellvertreter de,s Justizministersv nämlich der

Chef der militärischen Gerichtsbarkeit, Oberst Zdenek Cihal, abgelöst und durch Zdenek Kratochvil ersetzt.

Staatspräsident Ludvik Svoboda und Dubcek blieben auf halbem Weg nicht stehen. Sie nahmen Anfang Mai dieses Jahres eine wesentliche personelle Umgruppierung in der Generalität vor. Generalleutnant Jaromir Machac, Generalmajor Jan Lux und Generalmajor Oldrich Stangl avancierten zu Stellvertretenden Verteidigungsministern. Auch der Generalstab bekam neue Stellvertretende Chefs, und zwar: Generalmajor Milan Gavalec, Generalma-jor Eduard Kosmel, Generalmajor Stanislav Petrzila und Generalmajor Bohuslav Kucera. Die Genannten waren ausnahmslos jüngere Offiziere und gehörten nicht zur „Novotmy- Glliqiue“. Mit dem selbstherrlichen Generäl Sejm, der nach den USA flüchtete, obwohl er Novotnys Vertrauensmann war, war Dzur schon immer verfeindet.

Durch diese Änderungen alarmiert, eilte Marschall Iwan Jaku- bowsky, in seiner Eigenschaft als Oberkommandierender der WP- Armee, am 24. April 1968 mit einem Stab von Sowjetgenerälen Hals über Kopf nach Prag, um dort reinen Tisch zu machen, wobei er keinen Erfolg erzielen konnte.

Sofort wurden sowjetische und andere osteuropäische Divisionen in Richtung tschechoslowakische Grenze in Marsch gesetzt. Eine stille Mobilmachung fand in Osteuropa eigentlich schon früher statt. In Ungarn zum Beispiel wurden alle Elitetruppen, die dem WP-Ober- kommando unterstellt waren, in der Nacht vom 22. auf den 23. März dieses Jahres blitzartig — beispiellos in der Geschichte der ungarischen Volksarmee! — einberufen und abtransportiert. Die erste ungarische „Blitzmobilmachung“ war ein Erfolg sondergleichen, da von Postboten und Telefonistinnen bis zum Flugzeugführer zehntausende Personen, Zivilisten wie Militär, in einigen Stunden bei ihren Einheiten eingekleidet, ausgerüstet und marschbereit standen, was nur möglich war, weil die ungarischen Reservisten (nach schweizerischem Vorbild) die ganze Ausrüstung, ausgenommen die Waffen und die Munition, in ihrer Wohnung aufbewahren.

„Flugzeugträger“ Moskaus

Um bei den hellhörigen und erregten Nachbaim kein öl auf die glimmende Glut des Mißtrauens zu schütten, fand es diie Prager Regierung angebracht, die für Ende März und Anfang April 1968 geplanten tschechischen Großübuingen ad calendas graecas zu verschieben.

Und was lag an Sowjetstreitkräften zra diesem Zeitpunkt in greifbarer Nähe? In der Karpato- Ukraine, die nach dem Zweiten Weltkrieg von Ungarn, beziehungsweise der CSSR ähgetrennt wurde, um äafcaüi ’in’ kürzester Zeit eine vorgeschobene sowjetische Militärbasis zu mächen, befänden sich schon früher fünf bis sechs kriegsstarke sowjetische Divisionen. In Polen, unweit der tschechoslowakischen Grenze, lagen die schon erwähnten . zwei Sowjetdivisionen.

In Ungarn, in Grenznähe, standen ungefähr vier Sowjetdivüsionen, im ganzen Land insgesamt fünf bis sechs. Was jedoch viel wichtiger j erschien, waren diie besten zehn .ungarischen Flugplätze, die von russischen Formationen besetzt waren, wodurch Kädärs Volksdemokratie zum vorgeschobenen „Flugzeugträger" Moskaus in Mitteleuropa wurde. Von Papa, Györ, Miskolc, Debrecen, Szekesfehervär, Veszprem, Szombathefly, Budafok, Kiskun- lachäza und Szodnok konnten die tschechoslowakischen Industriezentren und Großstädte in einigen wenigen Minuten angeflogien werden. Im Norden war die DDR seit Jahrzehnten ein Truppensammelbecken für die Sowjetarmee, wo ungefähr 20 Divisionen lagen.

Darüber hinaus waren im Rahmen des Warschauer Miilitärpaiktes die osteuropäischen Volksarmeen längst unter Sowjetführung gestellt. Die „Verbindungsoffiziere", die hei allen Regimentern, manchmal sogar bei SpeZiiallbataillonen, eingebaut sind, sorgten dafür, daß die Kommandeure in den nationalen Volksarmeen die Moskauer „Empfehlungen“ ausführten.

Diese osteuropäischen Volksarmeen sind durchaus gut gerüstet.

Polen gibt 1052 Millionen Dollar jährlich für seine Volksarmee aus. Das Heer umfaßt 15 Divisionen — darunter fünf Panzerdivisionen. — Derzeit stehen mindestens 185.000 Mann unter Waffen, außerdem hat die Grenzwache 45.000 TJniformiierte. Die Zahl der Maschinen der Luftwaffe beträgt 950, die insgesamt von 60.000 Personen bedient und betreut werden. Die Marine verfügt über drei Zerstörer, acht Unterseeboote und 100 bis 105 kleinere schwimmende Einheiten mit einem Gesamt- personal von 15.000 Mann.

Ungarns Volksarmee ist zahlenmäßig ziemlich schwach: sechs motorisierte Divisionen, davon nur eine Panzerdivision. Die Armierung wurde in den letzten Jahren allerdings verbessert. Die Gesamtstärke erreicht kaum 100.000 Mann. Die Luftwaffe besitzt nur 100 einsatz- fähige Flugzeuge mit einem Personal von 9000 Mann. Die Stärke der politisch stark indoktrinierten Grenzwache macht 35.000 Mann aus, zusammen mit den acht Regimentern der sogenannten „Inneren Sicherheit“. Die Jahreskosten der Volksarmee: 223 Millionen Dollar.

In den sechs Divisionen der DDR dienen derzeit ungefähr 80.000 Soldaten. Es gibt zwei Panzerdivisionen, die Luftwaffe hat 400 Maschinen mit einem Personal von 20.000 Mann. Bei der Volksmaiiine leisten 17.000 Soldaten auf kleineren Schiffen, wie Minensuchern, Torpedobooten, usw. Dienst. Das Jahresbudget: 785 Millionen Dollar.

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