6534326-1946_08_03.jpg
Digital In Arbeit

Der osterreicher und das italienische Volk im Kriege

Im Obereifer der italienischen Kampagne gegen die österreichischen Ansprüche auf S G d t i r o 1 verbreitet die italienische Nachrichtenagentur ANSA die Behauptung, Österreich hätte zehn Divisionen nach dem 18. September 1943 zum Kampf gegen die italienischen Patrioten — gemeint sind die verschiedenen Partisanengruppen — gestellt, Divisionen, die man als österreichische definieren könne, „per nationalitä dei commandanti, degli ufficiali“ und „della maggior parte dei soldati“, auf Grund der Nationalität ihrer Kommandanten, ihrer Offiziere und des größeren Teils der Soldaten. Es werden als solche genannt die 44. Infanteriedivision, die damals im Schloß von Rovigo stand, die 42. Jägerdivision, die am Trasimenischen See und bei der Verteidigung Bolognas kämpfte, die 5. Alpenjägerdivision, die die Pässe von Doria Ripovia hielt, die 710. Infanteriedivision und die 157. Gebirgsdivision, die bei Spezia, die 114. Jägerdivision, die im adriatischen Abschnitt, die 92. Infanteriedivision, die auf der Linie Arbetello-Grosseto kämpfte. Ferner werden genannt die 180. Gebirgsdivision, die 394. und die 362. Infanteriedivision.

Es wird zu erheben sein, welche von diesen Divisionen und zu welcher Zeit sie einen österreichischen Kommandanten hatten. Falsch ist jedenfalls die Behauptung, daß die zehn Divisionen von Österreichern' kommandiert waren, daß das Offizierkorps aus Österreichern bestanden habe

und daß die Anzahl der Österreicher in diesen Einheiten sie zu „österreichischen Divisionen“ gemacht habe. ■

Deshalb aber, wei' irgendwelche Österreicher in diesen Divisionen zu dienen hatten, aufs Geratewohl die Österreicher und Österreich als die Schuldigen an verdammenswürdigen, völkerrechtswidrigen Geschehnissen verantwortlich zu machen, ist mit einer ernsten Beschwerdeführung unvereinbar. Wieviele Italiener mußten in Österreich und Deutschland Zivilkriegsdienste leisten, ohne deshalb als Feinde ihres Vaterlandes angeklagt werden zu dürfen.

Das Verhältnis der Österreicher zum italienischen Volke war während des Krieges zum Glück ein ganz anderes, als jene Meldung andeuten möchte. Es gab für Österreicher während des Krieges in Italien keine militärischen Positionen die einen allgemeinen Überblick'gestatteten, aber jeder Intelligente konnte e i g e n e Erlebnisse und fremde Wahrnehmungen sammeln, die im Laufe der Zeit gestatteten, sich ein gutbegründete- Urteil zu bilden. *

Ein solches sei den mit heftigen Oberschriften versehenen Veröffentlichungen des römischen „Tempo“, der „Italia Nuova“, des Organs der Demokratischen Partei, und anderer italienischer Blätter entgegengestellt. Es ist ein Anruf der Zeugenschaft des italienischen Volkes gegen unwürdige Beschuldigung.

Zwischen den in der deutschen Wehrmacht zwangsläufig dienenden Österreichern und der italienischen Bevölkerung hat sich allgemein in diesem Kriege ein freundliches Verhältnis entwickelt. Zwei Nachbarn hatten sich in gemeinsamer Bedrängnis durch denselben Widersacher ihrer Freiheit gut zusammengefunden.

„Dort werden sie es ja sehr schwer haben, als Ostmärker...?“ Das bekam ich wiederholt zu hören, als ich mich im Jahre 1943 an der Ostfront von meinen Vorgesetzten verabschiedete, um dem erhaltenen Befehl nach Italien zu folgen. Man war der Meinung, daß der Österreicher dem Italiener zu verhaßt sei — der alte „Erbfeind“. Besseres versprach man sich von der Freundschaft zwischen Faschismus und Nationalsozialismus für die Aufnahme der Reichsdeutschen. Man sah an den tatsächlichen Verhältnissen so sehr vorbei, daß im Winter. 1943 ein Befehl des OKW. an alle Dienststellen in Italien erging, dafür zu sorgen, daß die italienische Bezeichnung „tedesco“ für „Deutscher“ durch das Wort „germanico“ ersetzt werde. „Tedesco“ bezeichne, historisch gesehen, den Österreicher“ und belaste damit die Freundschaft Italien-Deutschland mit dem Odium des alten Erzfeindes ...

Aber hier irrte das OKW. Abgesehen davon, daß sich das ungewohnte Wort „germanico“ nicht mit einem Befehl einbürgern ließ, war das entscheidende Wort ein ganz anderes: Es hieß „Austriaco“! Es war eine geheime Legitimation. Sägte man es von sich selbst oder wurde es von einem italienischen Freunde empfehlend geflüstert, dann glitt im warmen Scheine seiner Strahlungskraft die deutsche Uniform, die wir trugen, an uns herab und wir waren für die Italiener nicht mehr Soldaten einer unliebsamen Besatzungstrupp, sondern vertrauenswürdige Menschen. Vor allem dieses: Menschen! Immer wieder sah Irtan die Wandlung im Gesicht der Italiener, wenn man ihnen vorgestellt wurde: wie die Zurückhaltung, die Ablehnung, die der Uniform galt oder dem Klang der deutschen Sprache, sofort wich und einer Freude Platz machte: „Austriaco? Siete Viennese? Ah...“ „Das ist etwas anderes ...“ konnte man den Gedankengang ergänzen und das Eis war gebrochen.

Es war im Räume nördlich Vicenza, im Hügelland, das der blumige Soave adelt. Ein Herrensitz auf steiler Höhe soll von uns belegt werden. Eisig abweisend sind die Gesichter der Familie. Man erwartet nicht eine Einquartierung, sondern ein Urteil. In der weitläufigen Vorhalle hängt unter anderem ein Bild der Wiener Ringstraße. Als ich überrascht ausrufe: „Oh, meine Heimatstadt ...,“ sind wie durch ein Zauberwort alle, die eben noch so düster und feindlich vor uns standen, verwandelt: „Da Vienna? Ah,..“ Und am gleichen Abend noch, da ich Gast im Familienkreise der Quartiergeber war, wurde mir in echt italienischoffenherziger Art gesagt: „Sehen Sie, im ersten Krieg hatten wir englische Offiziere hier. Sehr feine Menschen, mit denen wir noch l'ange in Korrespondenz waren. Und diesmal einen Wiener. Was haben wir doch für ein Glück — wie leicht hätten wir doch die — anderen bekommen können ...!“ In dieser Gegend lag damals auch das völlig „trockengelegte“ und überflüssige faschistische Marine-Ministerium. Es wurde eines Nachts von italienischen Partisanen ausgehoben und mit allem Drum und Dran abgeführt. Kein deutscher Wagen wagte sich mehr allein in diese Täler, selbst, auf der Hauptstraße im benachbarten Valdagno, die in Kesselrings letztes Hauptquartier führte, war schwerer Geleitzwang. Ich aber bin dort in einsamster Abseitigkeit ganz allein kreuz und quer gegangen und gefahren: meine Quartiergeber hatten mich längst den Partisanen signalisiert und ihnen gesagt: „Austriaco...!“

1943 hatte man zwangsläufig, der Sprachkenntnisse wegen, einzelne österreichische Offiziere und Unteroffiziere manchen Kommandos und Stäben beigegeben — irgendwelche größere geschlossene österreichische Einheiten haben auch in Italien niemals bestanden — und überall die Erfahrung gesammelt, daß sich diese Österreicher gut und rasch mit den Italienern zurecht fanden. Es ist bezeichnend, daß dies bald Bedenken erweckte und gegen das „Fraternisieren“ strenge Geheimbefehle erschienen. Das ging Österreicher an. Der gesellschaftliche Verkehr mit Italienern war noch im Jahre 1944 durch neue „Führerbefehle“ auch höheren Offizieren nur nach vorheriger Meldung an ihren T r u p p e n v o r g e s e t z t e n und nur bei Vorlage besonderer Gründe gestattet. Im März 1945 kam der Befehl zur besonderen Überwachung aller österreichischen Offiziere der Heeresgruppe Süd, da ihnen verbotenes Sympathisieren mit der aufständischen Bevölkerung nachgesagt wurde. Die Italiener, in allen Gebieten ihres Landes, wissen genau, was sie der Freundschaft der Österreicher verdanken, und vor allem der gemeinsamen Auflehnung gegen den preußischen Barbarismus. D i e Römer, denen damals österreichische Soldaten unter Lebensgefahr Mehl und öl auf ihren Fahrzeugen in die Stadt geschafft haben, als der Hunger drohte, die Römer, die Unterschrift und Dienstsiegel von Österreichern auf ihre Ausweise bekamen, um nachts auf die Straße gehen und ihre geheimen Besprechungen abhalten zu können, die Römer, denen wir Österreicher Benzin und Fahraasweise verschafften, um sidi dem Zugriff der Gestapo zu entziehen, die Römer, denen wir Arbeitsausweise gaben und rechtzeitig Winke, wenn wieder einmal Sklavenjagd in der Stadt betrieben wurde, die uns dafür die Verbindung mit den italienischen Partisanen herstellten — sie alle kennen die „Austriaci“ und werden sie nicht' vergessen! Manches werden sie vielleicht auch nicht wissen — warum damals die Druckmaschinen aller großen Druk-k e r e i e n entgegen den vorliegenden Befehlen und trotz der schon bereitgestellten Sprengladungen und Sandsäcke nicht zerstört worden sind, warum viele, die damals noch verschleppt werden sollten, unbehelligt blieben, und warum so manche Anzeige nicht ans Ziel gelangte —, auch das haben Österreicher besorgt...!

Was wir hier berichten können, sind Einzelfälle, aber überall, wo Österreicher saßen und standen, gab es solche Einzelfälle in Vielheit. Der dem Verfasser dieser Zeilen wohlbekannte Leutnant, der damals, im Jänner 1944, ein von einem deutschen Wehrmachtsauto angefahrenes Kind, einen achtjährigen Buben, in seinen Wagen nahm, ihn zum Arzt führte, diesem das Honorar zahlte, den Buben in den vierten Stock seiner elterlichen Wohnung in die Via Asiago brachte, ihn beschenkte und nach ein paar Tagen wiederkam, um sich nach ihm zu erkundigen, ist den Römern nicht namentlich bekanntgeworden, aber gesprochen hat man tagelang davon: „Es war ein Mensch mit Herz ...“ Seitens seiner deutschen Dienststelle brachte es dem Leutnant, wie ich erfuhr, eine Rüge und die Bemerkung ein: „Sie unverbesserlicher Ostmärker ...!',' Was wohl ein Tadel sein sollte und ein Lob war. Und man wird sich in Rom auch an den Offizier erinnern, der im April 1944, als die Alliierten schon in Hörweite waren, bei den Schießereien in der Via Caio Mario, wo die faschistische Miliz die Nerven verloren hatte und aus Angst herumknallte, den Schwarzhemden die Waffen wegnahm, sie heimjagte und den geängstigten Frauen den Weg freigab. Dem hat es mehr als eine Rüge eingetragen. Er war ein Österreicher ...

Und in M o d e n a erinnert man sich sicher des Feldwebels, der den deutschen Fallschirmjäger festnahm, der eben einem Mädchen das Fahrrad genommen hatte, und auch noch zwei Uhren m der Tasche hatte. Was dem Feldwebel, der ein Österreicher war, viel Sympathie bei den Modenesern, aber arge Scherereien mit einem Kommando einbrachte. Denn „dieses Volk, diese verdammten Iraker, die sollten mal sehen, was es heißt Krieg führen...“ So argumentierte man. Auch der Ortskommandant einer Ortschaft an der Via Emilia, wird noch nicht vergessen sein, der so lange mit seinen Anzeigen gegen die plündernden Horden der „D ivision Bade“ und der F a 11schirm Jäger arbeitete, bis man ihnen, tatsächlich ein halbes Dutzend geraubte Radioapparate wieder wegnahm und ihnen — wenigstens theoretisch — das Requirieren verbot. Der Ortskommandant wurde aber bald darauf abgelöst. So was „Schlappes“ konnte man nicht dulden...! Er war ein Österreicher.

Nicht, daß wir überheblich wären, man. mißverstehe diese kleinen Episoden nicht, und nicht den Grund, warum sie hier erzählt werden! Denn wie wir uns benahmen und eingeschätzt wurden, wir Österreicher, es war ja nur Selbstverständlichkeit. Und daß wir uns abhoben, von den „Eroberern“, ist noch kein Verdienst für uns, sondern nur ein Armutszeugnis für jene. Was uns aber stolz macht, ist, daß es uns damals gelang, trotz unserer Uniform, fc trotz unseres Zwangsdienstes für ein System, Freunde und Freundschaft im Volk zu finden. Eine Freundschaft, die bestehen blieb und bestehen bleibt. Eine Freundschaft vor allem, die sich im' gemeinsamen Einsatz mit den italienischen Patrioten gegen den Hitlerismus, gegen die SS., gegen die Gestapo hundertfach bewährte. Eine Freundschaft, die in den Wochen gemeinsamen Widerstandes ihre Krönung fand und die den Österreichern eine Gasse durch die Partisanensperren Norditaliens bahnte, die den anderen verschlossen blieb. Und die auch darin ihren Ausdruck fand, daß bei der E r-hebung der Bevölkerung Mailands und anderer Orte in Norditalien österreichische Offiziere und Soldaten auf der Seite der Bevölkerung mitkämpften! Eine Freundschaft, zwischen Nachbarn ist ein wertvoller Besitz, schon gar in dieser von Feindschaften zerrissenen Gegenwart. Und dieser Besitz sollte nicht durch ungerechte Angriffe gestört werden.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau