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Ein weihnachtsbaum in den Ardennen

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Der Winter 1944/45 war wohl der schlimmste unseres Jahrhunderts. Hunger und spanische Grippe anno 1918 dürften ihn an Entsetzlichkeit ebensowenig übertroffen haben wie Stalingrad oder die tödlichen Entbehrungen zur Jahreswende 1945/46. Denn jener Kriegswinter schien ebenso sinnlos wie unvergleichlich im Ausmaß des Schreckens zu sein. Die Westmächte konnten nicht verstehen, warum Großdeutschland noch immer Widerstand leistete, da die Partie doch als entschieden galt. Im Herbst waren sie mit ihren Heeren bis an den Westwall Hitlers durchgestoßen und hatten dieses Befestigungssystem bei Aachen eingedrückt. Dann allerdings kam die alliierte Offensive zum Stehen, zumal ein englisches Luftunternehmen gegen die südlichen Niederlande von den Deutschen im wesentlichen abgewehrt werden konnte.

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Der Winter 1944/45 war wohl der schlimmste unseres Jahrhunderts. Hunger und spanische Grippe anno 1918 dürften ihn an Entsetzlichkeit ebensowenig übertroffen haben wie Stalingrad oder die tödlichen Entbehrungen zur Jahreswende 1945/46. Denn jener Kriegswinter schien ebenso sinnlos wie unvergleichlich im Ausmaß des Schreckens zu sein. Die Westmächte konnten nicht verstehen, warum Großdeutschland noch immer Widerstand leistete, da die Partie doch als entschieden galt. Im Herbst waren sie mit ihren Heeren bis an den Westwall Hitlers durchgestoßen und hatten dieses Befestigungssystem bei Aachen eingedrückt. Dann allerdings kam die alliierte Offensive zum Stehen, zumal ein englisches Luftunternehmen gegen die südlichen Niederlande von den Deutschen im wesentlichen abgewehrt werden konnte.

Aber es handelte sich nur um eine kurze Pause, während der die Wiederaufnahme des alliierten Vormarsches mitten im Winter vorbereitet wurde. In der Zwischenzeit kämpfte man um die Ausgangsposition für dieses Unternehmen und lieferte den Deutschen bei Regen und erstem Schnee etliche Abnützungsgefechte. Dessenungeachtet wies die Front der Anglo-Amerikaner einige Schönheitsfehler auf, die vor Beginn der nächsten Offensive korrigiert werden mußten. Da gab es einen deutschen Brückenkopf im Raume Straßburg, wo der Reichsführer-SS beachtliche Kräfte zusammengezogen hatte. Weiter im Norden, im Gebiet des Arden- ner Waldes und der Schnee-Eifel erfolgte eine Schwächung der amerikanischen Position, weil der erbitterte Kampf um Aachen den Nachschub stärker als erwartet in Anspruch nahm. Schließlich ließ die alliierte Aufklärung, die bei der Rückeroberung Frankreichs so gut funktioniert hatte, »sehr zu wünschen übrig, schlechtes Flugwetter und besondere Maßnahmen auf deutschem Boden erschwerten die Kundschaftertätigkeit. So entwickelte sich jene Situation, von der ein*. US-Stabsofftziėr nach Kriegsende sagen sollte, daß der Feind Menschenmassen im Ausmaß der Bevölkerung eines kleineren amerikanischen Bundestaates heranbrachte, ohne daß dies auf alliierter Seite sonderlich auffiel.

Tatsächlich arbeitete die Bereitstellungsmaschine des 3. Reiches seit etlichen Wochen auf Hochtouren. Schon im Septembet 1944, als Frankreich und Belgien endgültig verloren gegeben werden mußten, hatte Hitler den Plan einer Gegenoffensive entworfen und hiefür den alten Feldmarschall Rundstedt, der nach dem Verlust der Normandie hinausgeworfen wurde, zurückgeholt. Rundstedt leistete bei der Ausmerzung der Hitlerattentäter nach dem 20. Juli 1944 Handlangerdienste und stieg dadurch wieder im Kurs. Um ihn scharte sich jetzt ein Häuflein von hohen Militärs und SS-Führern mit besonderer Fronterfahrung und Erfolgsnachweisen aus früheren Tagen. Sie wollten die schwächste Stelle der feindliichen Linien aufbrechen und zur Kanalküste maschieren, wobei die Engländer tunlichst von den Amerikanern getrennt werden sollten: Dann könnte man hoffentlich sehen, ob nicht das ganze alliierte Etappensystem einstürzen würde und damit in London und Washington Befürworter eines Verständigungsfriedens ans Ruder kämen. Im stillen vermochte man sich noch immer nicht mit den angloamerikanischen Erfolgen auf den französischen Schlachtfeldern abzufinden und unterschätzte weiterhin die Kampfmoral des Gegners, dessen psychischer Zusammenbruch bei einigermaßen gleichem Stand an Kriegsmaterial den Deutschen unausbleiblich zu sein schien. Gegenüber der Roten Armee, die über Polen gegen die Reichsgrenzen vordrang, war man nicht mehr so selbstsicher, obwohl die Erfolge der Russen vornehmlich ihrem rücksichtslosen Masseneinsatz zugeschrieben wurden. Immerhin versprach man sich von einer Offensive im Osten bedeutend weniger, als von einem Angriff im französisch- belgischen Raum. Zu diesem Zweck wurden aus ganz Deutschland, ja sogar aus dem Hinterland der Ostfront Elitedivisionen und neuaufgestellte

Hamnterrlac

508. Volksartilleriekorps aus Wien, herangeholt und trotz der schweren Schäden am Eisenbahnnetz durch alliierte Luftbombardements über die Rheinbrücken nach Westen verfrachtet. Die Reichsreserve an Jägern und Jagdbombern wurde ebenfalls auf Flugplätzen des Rheinlandes konzentriert. Überdies hoffte man auf gewisse Neuerungen in der Angriffsweise, welche die allgemeinen Mängel des 5. Kriegsjahres wettmachen sollten. Da waren zunächst die V-Waffen, deren Abschußrampen im Rheinland ebenfalls stark ver mehrt worden waren, und die jetzt nicht nur die britischen Inseln sondern auch Antwerpen, Brüssel und Lüttich erreichten. Dann die ersten Düsenflugzeuge, die in der Hinterbrühl bei Wien erzeugt wurden, sowie jene Konzentration an Geschützen, die man von den Russen gelernt hatte. Schließlich einige englisch sprechende SS-Kompanien, die Otto Skorzeny ausbilden ließ, und die nun in US-Uniformen und Beute-Jeeps zwischen den amerikanischen Einheiten durchschlüpfen und weiter rückwärts arigreifen sollten.

Am 22. Oktober 1944 skizzierte Hitler den Zweck der Offensive: Demnach wollte er alle alliierten Streitkräfte nördlich der Linie’’Ba- stogne — Brüssel — Antwerpen einkreisen und vernichten. In seiner ersten Phase war der Angriff bis an die Maas vorzutragen, um dort entsprechende Brückenköpfe zu sichern. Die zweite Phase sollte eine Kesselschlacht darstellen, an deren Ende die Hakenkreuzfahne erneut über Antwerpen wehte. Der Hauptstoß war nicht wie anno 1914 und 1940 über den Raum Lüttich geplant, sondern durch die Hügelketten weiter südlich. Der Nordabschnitt wurde der 6. SS-Panzeranmee unter Sepp Dietrich zugewiesen, im Zentrum nahm die 5. Panzerarmee unter Hasso von Manteuffel Aufstellung, der 7. deutschen Armee unter General Erich Brandenberger oblag der Südabschnitt. Feldmarschall Model übernahm die operative Leitung und unterstand so direkt dem alten Rund stedt, der sich um die gesamte Westfront kümmern mußte. Hitler hatte erwartet, daß noch die 15. deutsche Armee an dem Unternehmen teilnehmen könnte, aber dieses Kontingent wurde von den Alliierten an den Ufern der Roer festgehalten. So blieben 12 Infanterie- und 7 Panzerdivisionen mit etwa 10 Divisionen Reserve für den Hauptschlag übrig. Immerhin standen vergleichsweise im Gebiet der Ardennen Mitte Dezember nur etwa ein Drittel an US- Soldaten und Panzerfahrzeugen bereit.

Während sich die jungen Wiener des 508. Volksartilleriekorp’s inmitten der frühverschneiten Eifelwälder um Fliegerdeckung und um knappe Benzinrationen für ihre Zugmaschinen bemühten, zitterten zu Hause Mütter und Väter um ihre Söhne, die irgendwohin abtransportiert worden waren. Denn die Feldpost schwieg aus Geheimhaltungsgründen.

Am 16. Dezember

Dort ging jetzt das letzte deutsche Angriffsuntemehmen im Westen, also die sogenannte Rundstedt- oder Ardennenoffensdve, los. Am 16. Dezember um 5.30 Uhr, als der neue Tag noch vergeblich mit dem Schnee regen und Nebel der späten Nacht kämpfte, erfolgte ein gewaltiger deutscher Feuerschlag, dann traten Tausende gegen die 1. amerikanische Armee zwischen Malmėdy und Echternach zum Vormarsch an. Im Hotel Britannique in Spa, wo einst Wilhelm II. und Hindenburg ihr Hauptquartier hatten, geriet alles in helle Aufregung, denn hier logierten die Amerikaner unter General Hodge. Nach wenigen Stunden wurde ihnen klar, daß die alliierte Front an mehreren Stellen durchbrochen war, deutsche Panzer relativ unkontrolliert ins Hinterland stießen und manche US-Einhbiten Auflösungserscheinungen zeigten. Am schlimmsten aber machte sich das Fehlen nennenswerter Reserven bemerkbar. Hodge telephonierte mit dem Oberkommando in Reims und erreichte fürs erste die Freigabe von zwei Panzerdivisionen, die von der 3. US- Armee vor Luxemburg und von der 9. US-Armee bei Aachen abgezogen wurden. Aber die Deutschen warteten nicht. Manteuffel und Brandenberger erreichten innerhalb der nächsten 48 Stunden auf breiter Front die Linie Houffalize-Bastogne. Zwei Tage später stieß Sepp Dietrich über Schönberg gegen St. Vith und weiter bis Stoumont vor. Im Hotel Britannique mußte man schleunigst packen, die ersten Artillerieeinschläge lagen bereits bedenklich nahe und darüber hinweg fauchten die Raketen der deutschen V-Waffen auf ihrem Weg nach den großen Städten. Die Deutschen schossen nicht bloß mit Granaten,

sondern beförderten auch zahllose Flugblätter mit weihnachtlichen Anspielungen in die zurückflutenden US-Kolonnen. Die als Amerikaner verkleideten Vorkommandos richteten anfangs größere Verwirrung an, der Schrecken über deutsche Grausamkeiten — die Kampfgruppe Peiper füsilierte bei Malmėdy an die hundert amerikanische Gefangene — verbreitete sich rasch. In dem sich anbahnenden Chaos formierten sich einzelne US-Trupps zu hinhaltenden Widerstandszentren, errichteten die ersten Straßensperren und schossen einzelne deutsche Panzer ab.

Am 20. Dezember näherten sich die Deutschen nach einer Reihe siegreicher Einzelgefechte um die verschneiten Weiter der Ardennentäler in großem Halbkreis dem Städtchen Bastogne. In dem tausend Kilometer davon entfernten Wien ahnte niemand, daß damit ein Höhepunkt der Schlacht erreicht war, denn der „Völkische Beobachter“ schwieg über Einzelheiten und meinte nur, es müsse jedermann genügen, daß es endlich, nach den Jahren der nervenzermürbenden Verteidigung, wieder vorwärts gehe. Am Tag darauf war Bastogne nahezu eingeschlossen und abermals 24 Stunden später machten sich ein deutscher Major, ein Hauptmann und zwei Soldaten mit einer weißen Fahne von Rėmoifosse her auf den Weg, die Besatzung zur Übergabe aufzufordern. Sie wußten nicht, daß der alliierte Oberkommandierende inzwischen die Lage erkannt und entsprechende Gegenmaßnahmen eingeleitet hatte. Nach Bastogne, dem er große Bedeutung beimaß, hatte er knapp vor der Belagerung Luftlandetruppen geworfen. Die Deutschen brachten ihre Kapitulationsbedingungen schriftlich mit, wurden jedoch vom ranghöchsten Amerikaner, dem General McAuliffe nicht empfangen. Er Meß ihnen durch einen Obersten den berühmt gewordenen Zettel mit der Aufschrift „Nuts" zustellen, was einer brüsken Ablehnung des deutschen Verlangens gleichkam.

Heute, 30 Jahre später, zeigt sich Bastogne als freundlicher Ort mit einer Menge von Andenkenläden, Cafeterias und Hotels für amerikanischen Geschmack sowie einem riesigem Ehrenmal und weiteren Gedenkstätten in der Umgebung. Damals, in der Weihnachtswoche des Jahres 1944, sah es anders aus. Die Deutschen griffen von allen Seiten erbittert an, Artillerie und Kampfbomber nahmen sich die Häuserreihen vor. Auch die Wiener Kanoniere feuerten aus ihren Haubitzen auf die Eingeschlossenen. Knapp vor dem HeiMgen Abend kamen die ersten Versorgungsflüge der US-Luftwaffe in Gang, unzählige Fallschirme mit Munition, Lebensmitteln und Medi-

kamenten schwebten vom bleigrauen Himmel. Am 26. Dezember nachmittags stieß ein kleineres US-Panzer- detachement über Assenois durch den deutschen Einschließungsring bis Bastogne vor und brachte die Gewißheit, daß Patton mit der 3. amerikanischen Armee von Südwesten her im Anmarsch sei. Die braune Umklammerung war vergeblich gewesen, der entscheidende südliche Eckpfeiler der bedrängten Front hatte dem deutschen Ansturm standgehalten.

Ähnlich, wenn auch nicht so dramatisch, ging es im Norden bei St. Vith zu. Zunächst ergaben sich in diesem Raum größere US-Einheiten, die abgeschnitten worden waren und ihre Munition verschossen hatten, den Deutschen. Auch die Verluste der Amerikaner an Toten und Verwundeten waren hoch. Aber die totale Einschließung von St. Vith gelang nicht, die US-Truppen zogen sich auf die westlich der Ortschaft gelagerten Höhen zurück und hielten einen schlauchartigen Korridor von Sankt Vith bis gegen die Ourthe zu. Erst der britische Feldmarschall Mont- gomery veranlaßte die Amerikaner zur Aufgabe dieser Position, doch geschah dies bereits auf Grund eines allgemeinen Defensivplanes, in dessen Vollzug das gesamte Schlachtfeld „aufgeräumt“ werden sollte, während man (etwas weiter westlich) die Abriegelung der Offensive vornahm. Die Deutschen drangen, wie erwähnt, bis in die Gegend rund um Staumont vor, mußten jedoch dort stehenbleiben.

Ausklang um Silvester

Am 19. Dezember, als-der deutsche Angriff in vollem Schwung war, trafen sich in Verdun die Spitzen der aufgescheuchten, alliierten Kriegsmaschine. Eisenhower konferierte mit General Bradley, dem die Hauptverantwortung für das Unglück in den Ardennen zufiel, sowie mit dem General Patton, der gerade das Saargebiet umgreifen wollte und dem britischen Luftmarschall Tedder, dem das schlechte Flugwetter Sorgen machte. Wütend zeigte Bradley auf einen roten Pfeil seiner Karte, der etwa 20 Kilometer von Namur entfernt die vorderste deutsche Panzergruppe markierte. Doch Eisenhower verlangte kategorisch, nur fröhliche Gesichter zu sehen. Dann entwickelte er seine Absichten: Es ging darum, den deutschen Vorstoß so zu dirigieren, daß er sich wie das Insekt in einer zugekorkten Flasche totlief. Daher sollten zunächst die beiden Flanken stabilisiert und später der Verschluß im Westen angebracht werden. Pattons 3. Armee, die von der Saar abließ, kam die südliche Sicherung zu, Bradley, der sich voll Ärger in seinem Luxemburger Quartier isoHert sah, mußte einen Teil des Oberbefehls, nämlich die Nordflanke, an Montgomery abgeben. Dies führte zu einigen Reibereien, zumal der Brite zwei Tage später im Gefechtsstand der 1. Amerikanischen Armee erschien und keinen Zweifel darüber ließ, wer jetzt der Hausherr sei. Im Süden ließ der exzentrische Patton über seine Militärkapläne sogleich ein neues Gebet einführen, in dem um besseres Wetter für den Aufmarsch und für .dessen Luftunterstützung gefleht werden sollte. Tatsächlich klarte es am 24. Dezember 1944 zusehends auf und die fünftausend Bomber der 9. alliierten Luftflotte traten wieder in Aktion. Gleichzeitig gelang der Anschluß des 7. Korps der 1. Amerikanischen Armee an jene südlich davon kämpfenden US-Verbände, die noch östlich der Maas standen. Damit war die aufgerissene Front zusammengeflickt, die Deutschen, die bei Celles und Dinant fast bis ans Flußufer herangekommen waren, mußten an- halten.

Im Unterelsaß kam bei genanntem Unternehmen nichts weiteres heraus, aber am Neujahrstag stürzten sich 700 deutsche Flugzeuge auf die alliierten Luftbasen in Belgien und in den Niederlanden. Sie zerstörten 156 Feindmaschinen und wurden natürlich dabei selbst so zugerichtet, daß dies den letzten Großangriff der deutschen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg darstellte. Am 3. Jänner gab Hitler den Abbruch der Arden- nenoffensive amtlich zu, indem er Sepp Dietrich und seiner 6. Panzerarmee erlaubte, in Reservestellung zu gehen. Die SS-Leufe der Sechsten ahnten nicht, wie bald sie nach Ungarn transferiert werden und dann vor Wien verbluten sollten.

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