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RANDBEMERKUNGEN ZUR WOCHE

MIT MASCHINENPISTOLEN ZU SCHIESSEN

verstehen die Ungarn vortrefflich. Schlechter geht es mit ihren Noten, noch schlechter mit der Logik. Die Antwort der ungarischen Regierung auf den österreichischen Profest wegen der sich häufenden Grenzzwischenfälle wird vom Bundeskanzleramt — Auswärtige Angelegenheiten — mit einer Verbalnote energisch zurückgewiesen. Es ist noch in klarer Erinnerung, daß der steilvertretende ungarische Außenminister ausdrücklich erklärte, die Vorfälle würden sachlich untersucht werden. Davon steht in dem neusten Papiergeschoß der ungarischen Regierung kein Wort. Im Gegenteil. Die kriegerisch gesinnten Oesterreicher haben zu schießen begonnen, jene Agressoren, um die merkwürdigerweise in Wien nachdrücklich vom ungarischen Reisebüro geworben wird. Fröhliche, sorgenfreie Tage in Budapest werden da versprochen. .. Indes: der Noten sind genug gewechselt. Unsere Landbevölkerung möchte wieder Nächte ohne Leuchfkugelillumination und ohne Furcht ihre Felder tagsüber im Burgenland bestellen. Es ist hoch an der Zeit, dafj wirksame Maßnahmen ergriffen werden, die Sicherheit an unserer Ostgrenze mit jenen Mitteln herzustellen, die man anscheinend in Budapest besser verstehen wird als diplomatische Schriftstücke.

FREMDENVERKEHR ODER TECHNIKI Einen Stausee für 800 Millionen Schilling beabsichtigen sich die Oberösterreicher zuzulegen, wie man aus einer Aufsichtsratsifzung der Oesterreichisch-Bayrischen Kraftwerke AG. hörte. Abgesehen von der finanziellen Seite — die langfristigen Probleme der Elektrizitäfswirtschaff auf diesem Sektor sind bekannt —, erhebt sich die Frage, ob bei dieser Planung, wie gehörig, auch die Landschaftsbiologen und Sachverständigen beigezogen wurden. Wie man hört, soll ein mehr als 16 Kilomeier langes Staugebiet ausgerechnet in jenem Teil des unteren Inn nächst Schärding-Neuhaus beginnen, der besonderer Förderung durch die Faktoren der Fremdenverkehrswirtschaff nötig hat. Es besagt gar nichts, wenn man versichert, daß auf dem österreichischen Ufer wegen seines Charakters als Steilferrasse „verhältnismäßig“ wenig landschaffsändernde Bauten errichtet werden. Jeder Fluß hat bekanntlich zwei Ufer. Der auf bayrischer Seite vorgesehene sechzehn Kilometer lange Staudamm wird schwerlich zur Verschönerung der herrlichen Innenge beitragen. Da die wasserrechtlichen Verhandlungen bereits im September stattfinden, ist größte Wachsamkeif nötig. Wieder einmal!

PROFESSORENFLUCHT. Der Zug der wissenschaftlichen Kräfte von den Instituten und Hochschulen der Deutschen Demokratischen Republik gen Westen dauert an. Bis jetzt sind es, amtlichen Zahlen zufolge, 15.000 Wissenschaftler und Lehrer, die ihre Posten fluchtartig verließen, weil sie sich in ihrem persönlichen oder wissenschaftlichen Bereich dringend bedroht fühlten. In der vergangenen Woche kam der Rektor der Friedrich-Schiller-Universität zu Jena mit seiner Familie nach West-Berlin hinüber und meldete sich bei den Behörden. Professor H ä m e I erklärte, er wollte nicht mehr länger Propagandaveransfalfungen mitmachen. Er hafte bei der bevorstehenden 400-Jahr-Feier der Universität Jena als „neutrales Aushängeschild“ dienen müssen. Dieser Schritt eines bekannten Professors — Professor Hämel ist Dermatologe, war seit 1936 Direktor der Universitätsklinik für Hautkrankheiten in Jena — zeigt, welch schwerer politischer Druck auf der Intelligenz in Mitteldeutschland besonders in letzfer Zeit lastet. Erst in diesen Tagen wies die westdeutsche Rektorenkonferenz auf die „entehrende Behandlung“ der Gelehrten hin, die diesen in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands täglich widerfährt. Es ist unbegreiflich, warum die Behörden in Ost-Berlin an ihrer Katastrophenpolitik der Intelligenz und besonders den Hochschulen gegenüber festhalten, wo sie doch das Ergebnis ihrer Terrormaßnahmen, der Mißachtung der akademischen Freiheit, selbst sehen müssen. Der Besuch von wissenschaftlichen Tagungen, die in Westdeutschland abgehalten werden, wurde kürzlich verboten. Man fürchtet den Einfluß der „Atomkriegstrategen“ auf die Gelehrten in Ostdeutschland und man hofft, ihren Widerstand durch völlige Isolierung brechen zu können. Die vielen Beispiele der Gegenwart lehren jedoch, daß solche Versuche zum Scheitern verurteilt sind.

DIE ARABISCHE BOMBE. Die zehn arabischen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen unterbreiteten in der Nacht zum vergangenen Freitag der darüber völlig überraschten außerordentlichen Generalversammlung einen Resolutionsentwurf zur Lösung der Nahostkrise, der dann auch mit 80 :0 Stimmen zur Resolution erhoben wurde. Dieser bedeuiende Erfolg der arabischen Diplomatie ist zugleich ein großer Sieg der Idee der Vereinten Nationen. Nach alldem, was in diesen Wochen in New York getan und gesprochen wurde, konnte man mit einem Kompromiß in irgendeiner Form rechnen, aber man war darauf gefaßt, daß die führenden Vertreter des arabischen Nationalismus einen solchen Kompromiß mit allen Mitteln zu vereiteln versuchen und die Sprache des Hasses und der Zwietracht sprechen werden. Es geschah jedoch das Gegenteil. Wohl hatte der vorher eingebrachte norwegische Resolutionsentwurf, der auf die von Eisenhower dargelegten Pläne aufgebaut war, aber nichts von einem Abzug der amerikanischen und englischen Truppen aus dem Nahen Osten sagte, wenig Aussicht gehabt, von den arabischen Delegationen angenommen zu werden. Diese aber, anstatt in das Lager der Sowjetunion abzuschwenken, wählten den diit-ten Weg. In ihrer Resolution wird der Generalsekretär der UNO aufgefordert, Maßnahmen zu ergreifen, die den Abzug der amerikanischen und britischen Truppen aus dem Libanon und aus Jordanien „zu einem früheren Zeitpunkt“ (Gromyko forderte bekanntlich den „sofortigen“ Abzug) erleichtern würden. Auch die Frage der wirtschaftlichen Entwicklung der arabischen Länder soll Hammarskjöld in seine Beratungen an Ort und Stelle einbeziehen. Die Erklärung, daß sich diese Staaten jeder direkten oder indirekten Bedrohung der Freiheit und Unabhängigkeit anderer Staaten enthalten werden, be-wog selbst den Vertreter Israels, der Resolution zuzustimmen. So schien sich plötzlich eine neue Phase der Weltpolitik anzukündigen: die kleinen Völker nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand — wie dies Botschafter Lodge, der Chefdelegierte Amerikas, mit klugen Worten anzudeuten verstand.

VOR DEM ENDE DER VERSUCHE. Fast gleichzeitig mit der guten Nachricht aus New York erfreute die Welt die Kunde von den Genfer Ergebnissen: die seit sieben Wochen in Genf versammelten Fachexperten von Ost und West sind übereingekommen, dafj eine wirksame Kontrolle der Atombombenversuche „innerhalb gewisser Grenzen“ möglich sei. Diese Feststellung eröffnet zugleich den Weg zur weltweiten kontrollierten Abrüstung — und, vorher noch, zur allseifigen Einstellung der Versuche mit thermonuklearen Bomben. Wird es bald dazu kommen? Der zur Stunde noch unveröffentlichte Bericht der Atomexperten sieht angeblich die Errichtung von 180 Kontrollstationen auf den sechs Kontinenten und auf hoher See vor. Dazu kämen noch die Erkundungsflüge. Präsident Eisenhower gab daraufhin am letzten Freitag bekannt, dafj die Vereinigten Staaten bereif seien, ihre Kernwaffenversuche vom 31. Oktober an für ein Jahr einzustellen, vorausgesetzt, dafj '•die SösWfefuriTon'airarhin bei mrem 'fmMörz dieses Jahres ausgesprochenen Verzicht bleibt und Verhandlungen über ein allgemeines und dauerndes Verbot zustimmt. Dieser amerikanische Schritt wurde durch die Entlassung der bisherigen Verantwortlichen für die Atom- und Wassersfoffbombenpolitik der USA ermöglicht. Die Briten und Franzosen wollten zuerst nicht gerne mittun, vor allem die letzteren, denn General de Gaulle glaubt dem französischen Prestige die eigene Atombombe schuldig zu sein. Schließlich wurden trotzdem alle Bedenken zurückgestellt. Es ist sicher, dafj das Angebot der USA und Großbritanniens auch den Wunsch dieser Regierungen in sich schliefst, in einer entspannten Atmosphäre Verhandlungen mit der Sowjetunion über eine kontrollierte Abrüstung aufzunehmen. Es fehlt nicht an verantwortlichen Stimmen, die bereits von einer „neuen Aera“ auf dem Weg zum Weltfrieden sprechen.

MIT MESSERN, FÄUSTEN UND EISENSTANGEN.

Von den Sputniks spricht heute kein Mensch mehr. Die Grofjleistung des Atom-Unterseebootes „Nautilus“ der amerikanischen Kriegsmarine ist das Tagesgespräch der technisch oder tr militärsfrategisch Interessierten. Die mit Kernenergie gespeisten Motoren trugen unter dem Wasser und Eis des Nordpolgebiefes die 116 Mann Besatzung des „Nautilus“ von ihrem Ausgangshafen in Nordamerika aus quer über — oder, vielleicht besser, unter — den Nordpol. Die Reise unter dem Polareis verlief ohne Zwischenfall. Nicht so „störungsfrei“ gestaltete sich ein anderes Unfernehmen, von dem die Zeitungen einige Tage später unter dem Titel „Unfer-wasserkampf der Froschmänner“ berichteten: „Nationalchinesische“ und „rotchinesische“ Froschmänner stießen vor ' der chinesischen Insel Quemoy aufeinander und bearbeiteten ihr Gegenüber sogleich mit „Messern, Fäusten und „Eisensfangen“. Das Wasser färbte sich rot, und es gab Tote und Verwundete. Ein amerikanischer Senator sagte im Zusammenhang mif der erfolgreichen Polarfahrf des „Nautilus“ mif leisem Augenzwinkern: „Nautilus“ und „Skate“ (ein weiteres Atom-U-Boot der Amerikaner) seien die „geballten Fäuste eines Boxkämpfers“. Seine Hörer wußten nicht gleich, was er damit meinte. Es bleibt zu erwarten, daß eines Tages die „Froschmänner“ neben ihren Sauerstoffbehältern auch kleine, handliche Kernladungen mit sich führen und somit auf ihre „konventionellen Waffen“ verzichten werden. Die Atomladung wird es ihnen ermöglichen, ihre Rechnungen miteinander nach Froschmännerarf unter der Polareisdecke zu begleichen. Dann wird der Friede auf Erden bereits nahe sein!

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