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Unteilbare Welt

Im Herbst 1942 flog Wendell L. Willkie, der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat von 1940, in neunundvierzig Tagen um die Erde. Es war die Zeit, da sich das Gewicht des amerikanischen Kriegsmaterials an allen Fronten geltend zu machen begann, während die Streitkräfte der Achse und Japans am äußersten Rande ihres Wirkungskreises angelangt waren. Roosevelt, der seinem ehemaligen Gegenkandidaten wichtige Botschaften an die Verbündeten mitgab, warnte ihn beim Abschied noch, daß Kairo, sein erstes Ziel, vielleicht noch vor seiner Ankunft in deutsche Hand fallen könnte. Tatsächlich kam Willkie in Ägypten gerade zu Rommels entscheidungsuchendem Vorstoß gegen Alexandria zurecht. Doch der amerikanische Schlachtenbummler, der in Kairo eine panikartige Stimmung antraf, als die deutschen Panzer im Rücken der Alamein- stellung nur mehr 18- Kilometer vom Meere entfernt waren, konnte sich wenige Tage später schon mit dem neuen englischen Oberbefehlshaber, General Montgomery, in der Wüste über die Pläne der zukünftigen englischen Alameinoffensive unterhalten. Über Palästina, wo er arabische und jüdische Tührer interviewte, und Syrien, wo er mit De Gaulle zusammen- traf, ging es dann, nach einem kurzen Abstecher in die neutrale Türkei über Irak und Iran ins verbündete Rußland, nich Kutbishev und Moskau, zu Stalin und Mo- lotow und zu einem neuerlichen Frontbesuch bei Rzhev. Auch am russischen Kriegsschauplatz bahnte sich damals die Wende an, da die Schlacht um Stalingrad eben begonnen hatte. Dann flog Willkie über Sibirien und die Mongolei nach Tschungking zu Marschall Tschangkaischck tmd weiter wieder über Sibirien, Alaska und Kanada in die USA. Als er im folgenden Frühjahr seine Reiseeindrücke, vor allem das überwältigende Erlebnis von der Kleinheit einer unter dem Flugzeug zu- sammenschrumpferidcn Erde, von der Nachbarschaft und innigen Verbundenheit ihrer Völker in einem Buch, „One World“ (später als „Unteilbare Welt“ ins Deutsche übersetzt), zusammenfaßte, da hatte Amerika nicht nur einen neuen „bestseller“, der in den ersten fünf Monaten bereits die Rekorlzahl von vierund- zwanzig Auflagen erreichte, sondern zugleich ein neues politisches Sdilagwort, das den Zukunftsoptimismus, den Fortschrittsglauben und das großräumige, globale Denken der Amerikaner in jeder Weise ansprach. Die auf höchsten Touren laufende, mit geballter Wucht auf die Vernichtung der Gegner konzentrierte Kriegspropagandamaschine ließ in weiten Kreisen die Hoffnung erblühen, daß nach der Niederwerfung der Diktaturen eine einige Welt durch friedliche Zusammenarbeit in einem Weltparlament alle Probleme lösen und einen wahren Ruhezustand auf Erden herbeiführen werde. Das apokalyptische Jahr des Kriegsendes, das Jahr der UN- Charta und der Atombombe, das Jahr, das den Tod von Roosevelt, Mussolini und Hitler sowie den Sturz Churchills brachte, sah auch diese Hoffnungen auf ihrem Höhepunkt. Die Errichtung einer W eit regie rung schien nicht bloß als ein kurz vor der Verwirklichung stehender Traum der Menschheit, sondern auch als eine dringende Notwendigkeit zur Bewahrung des Menschengeschlechts vor dem kollektiven Selbstmord. Die UN und ihre beiden Tochrerorganisationen, die UNRRA und die UNESCO, schienen der tatsächliche Anfang einer weltumspannenden, Politik, Wirtschaft und Erziehung koordinierenden Organisation.

Die Vereinigten Staaten, die durch ihre Leistungen und Lieferungen in Krieg und

Nachkrieg einen gewaltigen Prestigezuwachs errungen hatten, waren der wichtigste Träger und Vorkämpfer dieser Weltkonföderationspläne. Die einst vom Lande selbst verworfenen Völkerbundideen Wilsons schienen endlich eine neue, strahlende Auferstehung zu feiern und diesmal versagte ihnen Amerika nicht die Gefolgschaft. Die Politiker aller Richtungen waren sich darüber einig, daß der Rückzug in die Isolation für Amerika nicht mehr gangbar sei, daß man, wenn vielleicht, auch schweren Herzens, die nun einmal übernommene Bürde der WeltverantwOrtung auch weiter tragen müsse. Der Isolationismus war praktisch tot und von New York bis San Franzisko träumten die kleinen Buben, die bisher immer „Präsident der USA“ hatten werden wollen, von der Stellung eines „Präsidenten der Weltrepublik“ als dem Ziel ihrer zukünftigen Lebensbahn. Ein Komitee unter dem Vorsitz von R. Hutchins, dem bekannten Rektor der Universität Chikago, wurde begründet, um eine Welt- verfassung zu entwerfen („Committee to frame a World Constitution"), das, wie einst die „Federalist“ Schuften für die Annahme der amerikanischen Verfassung, jetzt durch die Zeitschrift „Common Cause“ für die Annahme einer Weltverfassung wirbt. Die neue französische Verfassung aber erhielt in ihrer Präambel einen Passus über eine mögliche. Souveränitätsbeschränkung zugunsten einer Weltfriedensorganisation.

Denn von Amerika griff die Hoffnung auf die Errichtung der „einen Weit“ auch auf die anderen Erdteile über, besonders auf das zerrissene Europa, obwohl oder vielleicht gerade weil hier die Glut nationaler Leidenschaften im Kampf gegen die deutsche Besetzung eben zu lodernden Flammen, angefacht worden war.

Wie es mit politischen Schlagworten immer zu geschehen pflegt, wurde auch der Gedanke der „einen Welt“ im Gebrauch ausgeweitet und damit verflacht, so daß, weit über den ursprünglichen Gedanken Willkies hinaus, schließlich aus der Vorstellung von der einen Welt die einer einheitjichen Welt wurde.

Dann begann der unvermeidliche Rückschlag. Die Vereinten Nationen, als große Koalition gegen die Diktaturen begründet, konnten dem Schicksal nicht entgehen, das alle großen Koalitionen nach der Erreichung des gemeinsamen Zieles und der Niederwerfung der gemeinsamen Gegner bedroht. Der ideologische Gegensatz zwischen Ost und West, erst durch immer neue Tagungen und Vertagungen mühsam überdeckt, trat immer offener hervor und wenn nun nach der Rede des englischen Außenministers dem bereits festgefügten Ostblock ein Westblock gegenübergestellt werden soll, so scheiijt die Frage tatsächlich nur mehr die zu sein ob die „eine Welt“ endgültig nun in zwei, drei oder mehr Teilwelten zerfallen soll.

War so der Glaube an die „eine Welt“ tatsächlich nur eine Illusion, ein politischer Mythos, geboren aus Gläubigkeit und Fieberhitze der Kriegsanstrengung, wie so viele in Kriegszeiten entstandene Zukunftsträume bestimmt, an der harten Realität einer ernüchterten Nachkriegszeit zu zerschellen? Gewiß, wenn man den Gedanken im Sinne der strahlenden Utopie einer „einheitlichen“ oder zumindest „einträchtigen“ Welt auffaßte, ln der es keine Kämpfe und Gegensätze mehr geben und die Völker im Weltpariament so friedlich und gutwillig nebeneinandersitzen würden wie die Kinder in einer amerikanischen Sonntagsschule. Und doch ist das Wort keine Illusion, sondern Ausdruck einer richtigen Erkenntnis, wenn man es in seinem ursprünglichen Sinn einer unlösbaren und unteilbaren Zusammengehörigkeit der modernen Welt versteht, einer Welt, in der es wohl vielfältige Unterschiede und Gegensätze gibt, in der aber doch alle „in einem Bqpt sitzen“, einer vom andern abhängt und kein Winkel der Erdoberfläche mehr von dem Geschehen der großen Weltpolitik unberührt bleiben kann Die Zeiten, da man, wie der Bürger in Goethes „Faust" Fried’ und Friedenszeiten segnen konnte, „wenn hinten, weit, in der Türkei die Völker auf- einanderschlagen“, sind längst vorbei, da dem modernen Europäer schon die Nachrichten über Konflikte in Iran oder China ein nur allzu berechtigtes Unbehagen verursachen. Zwei Weltkriege haben uns alle Illusionen über die Möglichkeiten einer „Lokalisierung“ von politischen Konflikten genommen.

Das politische Geschehen in anderen Teilen unserer kleingewordenen Welt weckt daher bei uns eine früher unbekannte Anteilnahme, da wir wissen, daß die dadurch ausgelösten Reaktionen auch unser persönliches Leben entscheidend bestimmen können. Dementsprechend gehen Ereignisse wie etwa die bevorstehende amerikanische Präsidentenwahl keineswegs mehr allein die Diplomaten, Berufspolitiker oder Historiker anderer Länder an, sondern werden zu Ereignissen einer tatsächlich die ganze Welt umfassenden „Innenpolitik", wie überhaupt die klassische Trennung von Außen- und Innenpolitik in unserem Zeitalter der globalen Auseinandersetzungen und welt anschaulichen Kämpfe einen wesentlichen Teil ihrer früheren Bedeutung verloren hat.

Wenn wir dabei nach den tieferen Wurzeln dieser Einheit der modernen Welt fragen, so erkennen wir, daß sie wesentlich auf der Gemeinsamkeit t des europäischen Erbes beruht. Die jungen Riesen Amerika und Rußland, deren Gegensatz heute das Weltgeschehen bestimmt, haben von Europa nidit nur die technische Zivilisation, sondern ebenso wesentlich'- Elemente ihrer Kultur und vor allem auch ihre beiderseitigen Ideologien übernommen. Die Ideen der europäischen Vergangenheit, vor allem des 18., beziehungsweise 19. Jahrhunderts, sind, in neue, unerschöpfte Erde verpflanzt, dort zu mächtigen Bäumen aufgewachsen, die zwar mit ihrem Riesenwuchs jetzt fast dem bunten Blumenflor im Garten des europäischen Geisteslebens Licht und Nahrung zu nehmen drohen, die dabei aber doch die gemeinsame Herkunft nicht verleugnen können. Das zeigt sich allein schon in der seltsamen Tatsache, daß das zerstörte und hungernde, machtpolitisch und wirtschaftlich so entsetzlich heruntergekommene Europa doch noch immer in allen kulturellen, geistigen und künstlerischen Fragen — und nicht allein in diesen — für die andern „die Weltmeinung“ repräsentiert und die letzte, oberste Instanz darstellt. Der erbitterte, mit so ungeheuren Propagandamitteln geführte Streit um die geistige Vorherrschaft in Europa ist — bei aller Würdigung des machtpoditisdien Moments — zum Teil auch aus dieser Tatsache zu erklären. Europa ist eben gleichsam in der Situation der alten, abgehärmten Mutter, der ihre kräftigen, erwachsenen Kinder mit viel Aufwand und Mühe beweisen wollen, wie herrlich weit sie es doch ge-

bracht haben. Jeder möchte die Mutter überreden, ihr Schicksal doch ganz ihm anzuvertrauen und während der eine stolz sein neues Auto vorführt, das er mit Geschenken vollgepackt hat, zeigt der andere seine kraftstrotzenden Muskeln und gesunden Zähne. Die alte Mutter aber wird sie immer .wieder daran erinnern müssen, daß sie beide doch zu einer Familie gehören — auch dann, wenn es ihnen nicht gelingt, diese Familie genau so einzurichten, wie es sich jeder von ihnen vorgestellt hat.

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