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Nach Bermuda

Die meisten Amerikaner, die nach London kommen, gelangen früher oder später auf den Grosvenor Square, bleiben einen Augenblick vor dem aus grünem Stein gehauenen Standbild Roosevelts stehen und lassen dann ihre Blicke über die gewaltigen Gebäude aus Stein und Glas schweifen, die das Geviert des Platzes ein säumen. Es ist weder der „ICI”, der riesige Chemiekonzern, der sich hier niedergelassen hat, noch eine der großen Oelgesellschaften, sondern die Vertretung der Vereinigten Staaten von Nordamerika, nicht die Botschaft selbst, wie sich versteht, die mit einem Air vom 18. Jahrhundert in einem großen Park steht, nur die Büros und Agenturen, die der Botschaft unterstehen. Man war geneigt, festzustellen, daß man hier den Uebergang von Diplomatie zur Industrie beobachten kann; aber inzwischen ist all das bereits zu klein geworden, viel zu klein, ein noch größerer, supermoderner Würfel soll die letzte Lücke im Bauplan füllen.

Es ist müßig, über die „Inflation” des Auswärtigen Dienstes zu jammern und sich an die Zeiten zu erinnern, da sich Bismarck und Kal- nocky, von je einem Sekretär begleitet, über die Probleme der Welt ausgesprochen haben. Zweifelsohne liegen hier neue, subtile und doch tragfähige Mechanismen zwischenstaatlicher Technik vor, die zwei Staaten, wie die USA und Großbritannien, bei voller Unabhängigkeit doch enger und unauffälliger verbinden, als man gemeinhin annimmt. Zweifelsohne ist dabei diese Entwicklung zur „Union durch Diplomatie” noch nicht zu ihrem Ende gekommen, aber sie ist schon weit fortgeschritten. Wenn Franklin Delano

Roosevelt zur Geisterstunde sein Podest verlassen würde, um durch all die Büros zu schlendern, die den Grosvenor Square, „little America”, umgeben, er wäre wahrscheinlich sehr erstaunt, wie sich das alles vergrößert und ausgeweitet hat, während man doch seinerzeit meinte, der Krieg bausche den Apparat auf, der Frieden würde ihn wieder auf das alte Maß reduzieren. Zu seiner Zeit gab es zunächst die mächtige Klammer ganz oben, der feste und alle Krisen überdauernde Zusammenhalt zwischen Mr. President und „a former naval person”, wie sich Churchill in seinen ersten Briefen nannte, und weiter unten fieberhafte Improvisation, aus dem Boden gestampfte Organisationsformen. Inzwischen ist der Kontakt auf höchster Ebene manchen Schwankungen ausgesetzt gewesen, um schließlich anläßlich der Suez-Intervention völlig auseinanderzubrechen. Der Präsident und der Premierminister Seiner Majestät sprachen sich nicht mehr. Aber das „working level”, das Fundament der ganzen Zusammenarbeit, hat gehalten, hier ist, während man sich oben grollte, pausenlos an der großen Allianz praktisch weitergearbeitet worden. Die Befriedigung darüber darf uns freilich nicht darüber hinwegtäuschen, daß das „working level” nur eine gewaltige Schwungmasse ist, die die Maschine eine ganze Weile über den toten Punkt hinwegheben, aber nicht auf die Dauer Treibstoff und Funken ersetzen kann.

So hängt die Zukunft der anglo-amerikani- schen Allianz zweifelsohne im wesentlichen von drei Faktoren ab. Erstens, ob die öffentliche Meinung diesseits und jenseits des Kanales nach wie vor bündnistreu bleibt. Zweitens, ob der Kontakt auf höchster Ebene wiederhergestellt und auf einer harmonischen Note aufrechterhalten werden kann. Drittens, ob die allgemeine wirtschaftliche und waffentechnische Entwicklung eine engere Zusammenarbeit begünstigt oder unnötig macht.

Untersuchen wir zunächst den ersten Aspekt! Die amerikanische Verdammung der Suez-Intervention, noch mehr aber die Tatsache, daß die USA an die Spitze jener Koalition trat, die England und Frankreich in der Vollversammlung verurteilte, hat in Großbritannien zweifelsohne alle überhaupt vorhandenen antiamerikanischen Affekte virulent gemacht. Ein eigenartiger Zufall der politischen Konstellation wollte es aber, daß niemand aus dieser Stimmung politisches Kapital schlagen konnte. Die Konservativen sind fast ohne Ausnahme Anhänger der Allianz mit der „großen Republik jenseits des Ozeans”, und sie haben noch dazu oft genug gewarnt, daß der linke Flügel der Labour Party, allen voran Bevan, gefährliche Männer seien, weil sie dieses Bündnis, dessen Wichtigkeit nicht allein Winston Churchill, sondern auch Eden der Nation unablässig eingehämmert hatte, gefährden könnten. Die Sozialisten aber waren gegen das Suez-Abenteuer, mußten also in einer Linie mit den Amerikanern antreten, und der gefährlichste Volkstribun, über den das Land verfügt, eben Bevan, zeigte Mäßigung, gesunden Menschenverstand und Zurückhaltung. Was die amerikanische öffentliche Meinung anbelangt, so hat sie sich — abgesehen von den UNO- Kreisen natürlich, die ein etwas isoliertes Dasein führen und nicht als charakteristisch gelten können — über die Intervention nicht sonderlich erregt. Viele fühlten, daß die Augenblickskoalition mit den afrikanischen und asiatischen Nationen zwar notwendig war, aber diese Erkenntnis hat nicht verhindert, daß man sich gleichzeitig der großen Gemeinsamkeit mit den Engländern sehr viel bewußter wurde, als es sonst der Fall ist. Auffallend war, daß die traditionsmäßig antibritischen Kreise und Gruppen sich während der ganzen Krise verhältnismäßig ruhig verhielten.

Was nun den Kontakt auf höchster Ebene anbelangt, so ist es vor allem notwendig, ihm wieder den intimen, selbstverständlichen Charakter zu geben, den er einmal besessen hat. Das Treffen in Bermuda war diesmal notwendigerweise noch von jener Dramatik begleitet, die dem Wiedersehen und der Versöhnung feindlicher Brüder — und MacMillan, der Eisenhower noch aus Nordafrika gut kennt, hat die Politik Edens rückhaltslos gebilligt — nun einmal eigen ist. Man erörtert das Zentralproblem unserer Epoche, die Beziehung der freien Welt zur Sowjetunion, die Wiedervereinigung Deutschlands, den Chinahandel, den Gemeinsamen Markt, den Abbau der Rheinarmee — und, vorsichtig sondierend, die Probleme des Nahen Ostens. Aber wichtiger als der Inhalt des Gespräches ist diesmal das Gespräch selbst: Das Sich-von- neuem-aufeinander-Abstimmen, das Eingehen auf die Argumentation des Partners, die Schaffung einer neuen Vertrauensbasis.

Was nun die allgemeine Tendenz betrifft und die Stoßrichtung der historischen Impulse, so ist es nicht ohne Ironie, daß das Suez-Abenteuer, in seiner Anlage auch darauf abgestimmt, eine selbständigere europäische Politik herauszustellen, die Abhängigkeit von den USA nur verstärkte und wie mit Kontrastfärbung die unzähligen Blutlinien hervorhob, die die angelsächsische Welt immer untrennbarer verbinden. Daß Großbritannien die Treibstoffkrise nur mit amerikanischer Hilfe überwinden konnte, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Weniger Aufmerksamkeit haben die zahlreichen finanziellen Maßnahmen erregt, die von Washington, oder mit Billigung Washingtons durchgeführt wurden, um die Position des Pfundes vor dem Zusammenbruch zu retten. Zunächst erhielt England einen großen Vorschuß des „International Monetary Fund”, bald darauf räumte die „United States Export-Import Bank” einen gewaltigen Kredit ein. Unmittelbar darauf, und noch in einem Zeitpunkt, zu dem das politische Mißverständnis keinesfalls hatte liquidiert werden können, begannen Verhandlungen zwischen Vertretern des amerikanischen und englischen Schatzamtes, betreffs der Rückzahlungsmodalitäten jener großen amerikanisch-kanadischen Anleihe, die 1946 das plötzlich durch die Beendigung von „Lease-Lend” aufgerissene Loch stopfte. Großbritannien dachte zunächst daran, den im seinerzeitigen Vertrag vorgesehenen Mechanismus des sogenannten „waivers zum Einspielen zu bringen, und zwar die 72 Millionen Dollar Kapitalrückzahlung zu überweisen, sich aber die Zinsen in der Höhe von 104 Millionen stunden zu lassen. Es wurde jedoch bald klar, daß die Amerikaner zu einem größeren Entgegenkommen bereit waren und den’ Briten das Recht einräumten, sowohl die Kapitalsrate als auch die Zinsen bis zu Beginn des nächsten Jahrhunderts schuldig zu bleiben, sollte dies die britische Zahlungsbilanz wünschenswert erscheinen lassen.

So groß diese Hilfe auch war, es wurde den verantwortlichen Männern in Downingstreet doch bald klar, daß man sich eine Bürde aufgelastet hatte, die langsam erdrückend wurde, ur:? so mußten hastig Pläne entworfen werden, auf dem Wehrsektor einzusparen. Diese Pläne sind am Kontinent hauptsächlich unter dem Schlagwort „Abbau der Rheinarmee” bekannt geworden und begegneten heftiger Kritik. Dabei wurde häufig übersehen, daß, während die anderen Länder nur 5,3 Prozent ihres nationalen Einkommens der Verteidigung widmen, die Ziffer für Großbritannien 9,3 beträgt, daß also Mister Sandys im Verteidigungsministerium fast über jedes zehnte Pfund verfügt, das im Land verdient wird. Die Kontinentaleuropäer können allerdings argumentieren, daß diese größere Belastung Englands darauf zurückzuführen ist, daß man gleichzeitig ferngelenkte, nukleare und konventionelle Waffen entwickelt, was niemand von Großbritannien erwartet oder verlangt hat. Dies ist in der Tat das Problem, und so hat sich MacMillan zunächst einmal dazu entschlossen, die Entwicklung der ferngelenkten Waffen nicht weiter zu forcieren, statt dessen Fernlenk- geschosse mit sogenannter „mittellanger Schußweite” — etwa 2400 kmt — von den Amerikanern zu kaufen. Diese zunächst rein finanziell anmutende Transaktion ist von historischer Bedeutung. Die Tatsache, daß Großbritannien eine der wichtigsten Waffen nicht nur nicht herstellt oder nicht in genügendem Ausmaß herstellt, sondern darauf verzichtet, die technische Herstellung zu meistern, verschmilzt die Rüstungen beider Länder in einem bisher nicht gekannten Ausmaß. Allerdings zeigt sich, hierbei, daß die Gesetzgeber beider Länder sich mit den Konsequenzen dieser Revolution des Denkens im angelsächsischen Raum werden eingehend und immer wieder befassen müssen. Die Verschmelzung auf wirtschaftlichem und militärischem Gebiet wird immer neue, jetzt noch gar nicht zu übersehende Probleme schaffen, die gelöst werden müssen. Bereits der Ankauf der amerikanischen Ferngeschosse hat so ein Problem aufgeworfen: Die Briten können zwar die Geschosse, nicht aber die dazugehörigen Atomsprengkörper von den USA einhandeln, da dies der Atomgesetzgebung der Vereinigten Staaten (MacMahon Act) widerspricht. Man wird sich also zunächst so helfen, daß die Geschosse den Engländern übergeben werden, die Ladung aber auf den amerikanischen Basen in England bleibt, so daß sie nominell nicht aus der ‘amerikanischen Kontrolle entlassen wird. Selbstverständlich der klassische Fall, daß e i n Mann den Schlüssel zu den Gewehren, ein anderer den zu den Patronen besitzt, ein System, das sich in der Kriegsgeschichte bisher nicht restlos bewährt hat.

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