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Pax Americana

Die enge politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit der beiden großen angelsächsischen Weltmächte ist zu einem feststehenden Axiom im gegenwärtigen weltpolitischen Kräftespiel geworden. Und doch sind erst fünfzig Jahre seit jener denkwürdigen Rede des ersten und glänzendsten Trägers des Namens Chamberlain am 13. Mai 1898 in Birmingham vergangen, die eine neue Ära in den Beziehungen der beiden Mächte einleitete. Wenn es auch im abgelaufenen halben Jahrhundert im Hinblick auf den weitgespannten Rahmen der politischen Interessen manche Gegensätze und Meinungsverschiedenheiten gegeben hat, so war doch die große politische Linie beider Länder in den grundsätzlichen Fragen der Weltpolitik weitgehend aufeinander abgestimmt. Schon Bismarck hat in der Annäherung der englischsprechenden Welt eine sehr reale, geschichtsentscheidende Tatsache gesehen, und er hat mit seinem politischen Kalkül nur zu recht behalten.

Chamberlains Ausführungen waren zu seiner Zeit ebenso bedeutungsvoll wie jene Gedankengänge, die Churchill vor etwa zwei Jahren in Fulton einer aufhorchenden Welt entwickelte und die — dies ist den Reden der beiden Staatsmänner gemeinsam — sich von einem ähnlichen weltpolitischen Hintergrund abhoben. Mit deutlicher Anspielung auf die starke Rührigkeit der russischen Diplomatie im Fernen Osten, die im Foreign Office zu erheblichen Reaktionen geführt hatte, stellte Chamberlain zur Überraschung seiner Zuhörer das Verhältnis der Alten zur Neuen Welt in den Vordergrund seines weltpolitischen Konzepts. „Ich weiß nicht” — so führte der Staatsmann mit Nachdruck aus —, „was die Zukunft für England in ihrem Schoß birgt, ich weiß auch nicht, welche Abkommen mit den USA mögli h sein werden, aber ich weiß und fühle es, daß die Wirksamkeit dieser Verträge um so nachhaltiger sein wird, je umfassender und freundschaftlicher ihr Geist ist, der sie erfüllt, und sie dem Willen der beiden Völker entsprechen. Und ich stehe nicht an, zu erklären, daß, so schrecklich auch ein Krieg sein würde, dieser mit verhältnismäßig geringen Opfern durchgestanden werden könnte, wenn sich das Sternenbanner mit dem Union Jack zu einer engeren Allianz .verbinden würde…”

Diese Rede war seit Jahren der erste offene und freundschaftliche Appell an die USA durch ein Mitglied der britischen Regierung. Sie rollte mit einem Schlag den gesamten Fragenkomplex der englisch-amerikanischen Beziehungen auf, die seit dem vertezuelischen Interessenkonflikt um das öl nicht unerheblich belastet waren; sie löste gleichzeitig die akademische Diskussion über dieses Thema durch eine konkrete Stellungnahme ab, die positive Möglichkeiten für die weitere Entwicklung eröffnete.

Der von Chamberlain ausgesprochene Wunsch nach einer engeren Kooperation mit dem großen westlichen Nachbar jenseits des Atlantik wurde im übrigen vom damaligen Premier, Lord Salisbury, nicht ganz geteilt. Der drohende Ausbruch eines Krieges zwischen den USA und Spanien gab Großbritannien Gelegenheit, seinerseits an Amerika einige Lektionen über Imperialismus zurückzugeben, die vom Weißen Haus in der Vergangenheit an England in einer Reihe von Fällen gerichtet worden waren. Lord Pauncefote, der britische Botschafter in Washington, bat um. Instruktionen, um Präsident MacKinley in der spanischen Frage den Protest seiner Regierung zu überreichen.

Chamberlain fühlte, daß jede Herausforderung der USA anläßlich des carribi- schen Abenteuers in diesem Zeitpunkt vermieden werden müsse. Pauncefote erhielt Instruktionen, und die drohende Krise war beseitigt. Um aber ein für allemal eine grundsätzliche Wende in diesem diplomatischen Wechselspiel, das dem von ihm erkannten Interesse beider Nationen zuwiderlief, herbeizuführen, beschloß Chamberlain, die Gründe für eine notwendige Änderung der britischen auswärtigen Politik darzulegen, wobei er sich offenbar von dem Gedanken leiten ließ, diese Klärung nicht nur gegenüber den USA, sondern auch gegenüber seinem eigenen Heimatlande und vielleicht auch sogar gegenüber seinem eigenen Premierminister und dem Foreign Office zu vertreten. Diese Fragen fanden in der Bir- minghamer Rede ihren Niederschlag.

Seither sind fünfzig Jahre vergangen … und ein neues Kapitel der englisch-amerikanischen Beziehungen wurde aufgeschlagen, das durch eine Verlagerung des politischen Schwergewichts nach Westen charakterisiert ist. Der Pol der von Chamberlain vorgeschlagenen politischen Gemeinschaft lag diesseits des Atlantik. Großbritannien war zu jener Zeit der Welt größter Verfrachter, Händler und Geldgeber. Von Großbritannien ging die große industrielle und verkehrstechnische Revolution aus. Londoner Bankiers bauten sowohl in Amerika als auch in Europa eine neue wirtschaftliche Welt auf. Nun aber hat sich das Rad nach der anderen Seite gedreht. Die Vereinigten Staaten sind, wie Churchill erst vor kurzem feststellte, kraft ihrer Massen, ihrer Energien und ihres intellektuellen Potentials zur Führung in der Welt berufen. Auf den Größenordnungen dieses Kontinents ist der Friede, der einst eine Pax Britannica war, aufgebaut, hängt die wirtschaftliche Prosperität der Welt ab, die seinerzeit von Großbritannien ausstrahlte. Es ist, als ob in einem Wettlauf durch die Zeiten der Stab an den anderen Läufer übergeben worden wäre.

London ist noch immer und wird auch weiterhin eines der politischen und wirtschaftlichen Zentren der Welt bleiben. Die Metropole an der Themse ist heute wie in der Vergangenheit ein integrierender Bestandteil Europas. Die Verpflichtungen und die Erfahrungen politischer und ökonomischer Führerschaft bleiben aber erhalten, auch wenn sich die Konstellation im weltpolitischen Kräftespiel ändert. Der geschichtliche Ablauf hat nunmehr die Vereinigten Staaten auf den Gipfel der Macht gebracht. Amerikanische Hilfsquellen haben die Entscheidung in zwei weltumspannenden Ringen gebracht, und es ist eine Pax Americana, die der kommendenEpoche ihren Stempel aufdrückt.

Der amerikanische Erfolg wird, wenn er dauerhaft sein soll, die britische und europäische Tradition, beziehungsweise Unabhängigkeit anerkennen müssen, wodurch allein die freie Entfaltung aller wirtschaftlichen Möglichkeiten gewährleistet ist.

Es ist eine besondere Lehre, die aus der Entwicklung der anglo-amerikanischen Beziehungen seit Ende des ersten Weltkrieges gezogen werden kann, daß die USA in ihre Machtfülle hineingewachsen sind, ohne daß Großbritannien vom politischen Schauplatz abgetreten ist. Nach einer geschichtlich erhärteten Erfahrung pflegen dem Übergang der politischen Verantwortlichkeit an ein anderes Volk meist Erschütterungen voranzugehen, die das soziale und staatsrechtliche Gefüge einer Nation in Mitleidenschaft ziehen. Selten aber erfolgt eine solche Schwerpunktverlagerung im Rahmen einer ausgesprochen politischen Partnerschaft. Zum erstenmal in der Geschichte der neueren Zeit sind vor den Augen der Zeitgenossen derart tiefgreifende Wandlungen auf einer anderen als kriegerischen Ebene erfolgt, wenn sie auch als Auswirkungen des zweiten großen Völkerringens erscheinen. Die USA wachsen in ihre neuen Führungsaufgaben hinein, ohne aber auf den britischen und europäischen Erfahrungsbeitrag verzichten zu können.

Großbritannien hatte im 19. Jahrhundert manche Lektion zu erlernen, die heute auf den amerikanischen Partner hinübergewechselt ist. Auch große Kontinente sind in unserer Zeit nicht insular. Das reiche, politisch und wirtschaftlich festgefügte England der viktorianischen Epoche konnte, gestützt auf die stolze Tradition Nelsonscher Seesiege, ein Weltbild formen, das dem englischen Charakterzug zivilen Denkens entsprach. Es waren seine Diplomaten, seine Bankiers und Kaufleute, die als Exponenten seiner Macht die weltweiten Interessen des Commonwealth mit sicherem Instinkt zu wahren wußten, nicht die Träger der militärischen Macht. Für jenen Typus war Europa mit seiner reifen Kultur, mit seiner Landschaft, den alten Städten und dem reichen Kunstschaffen ein universaler Begriff, der sich weniger im politischen Sinn, als in der Tatsache einer höheren Geistigkeit manifestierte, wenn auch aus der Zu- oder Abneigung gegen bestimmte politische Formen oder Persönlichkeiten in Frankreich, in der Türkei, Ruß- land oder dem italienischen Risorgimento kein Hehl gemacht wurde und daraus auch die praktisch-politischen Folgerungen gezogen wurden. Aber erst im deutsch-englischen Verhältnis tauchte um die Jahrhundert-1 wende der Sicherheitsgedanke auf, der, ver- bunden mit entsprechender militärischer Aufrüstung, zu einem wesentlichen Element der nationalen Politik “wurde und seither das Feld der schicksalhaften Auseinandersetzung der Großmächte beherrschte.

Dieser Gedanke war es auch, der zum erstenmal in der Rede in Birmingham mitschwang und die Notwendigkeit einer anglo- amerikanischen Allianz im Hinblick auf die sich abzeichnende Entwicklung im internationalen Kräftespiel unterstrich. Rußland war damals genannt, Deutschland aber gemeint. Und in der Tat hat die von Gham- berlain eröffnete Allianzpolitik die geschichtliche Probe — zweimal auf der Seite Rußlands gegen Deutschland — bestanden. Der deutsche Gegner ist nun ausgeschaltet, der alte Gegenspieler Englands im Schwarzmeerbereich, im Nahen Osten, Iran, in Indien und dem riesigen chinesischen Raum, Rußland, ist geblieben und hat in unseren Tagenihrer Herkunft, ihres geistigen Habitus und neue, nicht -weniger schicksalsschwere Kräftegruppierungen herbeigeführt, die über die Kraft des Imperiums hinausgehen und von selbst zu einer Teilung der politischen Verantwortlichkeit führen. Die notwendigen Folgerungen aus gegebenen Situationen reifen allerdings jenseits des Atlantiks langsamer heran als seinerzeit in England, das als „Annex” Europas das Spielfeld rascher und klarer übersah … Denn vieles ist heute noch unausgegoren, was als Erkenntnis die Nachkriegspolitik bereits auf der Linie der Revision beherrschen sollte. Hieher gehört unter anderem die nicht sehr glückliche, immer wieder in ihrem Kurs geänderte Deutschlandpolitik, die ein großes Volk alle gefühlsmäßigen Schattierungen durchleben und durchleiden läßt.

Auf wirtschaftlichem Gebiet sind die Interessen Großbritanniens mit jenen eines freien weltwirtschaftlichen Güteraustausches enge verknüpft. Seine Importe dienen nicht nur zur Sicherung des eigenen Rohstoff- und Ernährungisbedarfes, sie kommen der Ausweitung der zwischenstaatlichen Handelsbeziehungen entgegen. Auch Amerika bekennt sich heute zu den gleichen Prinzipien der Freiheit der Meere und des Welthandels, die seinerzeit Großbritannien proklamiert hatte, doch sind diese weder den natürlichen Interessen dieser autarken Wirtschaftsmacht angepaßt, noch entsprechen die Bedingungen in der heutigen Welt der Praxis dieser Doktrinen. Wie Staatssekretär Amery wiederholt festgestellt hat, kann die Theorie des Freihandels und die Meistbegünstigung im Rahmen der amerikanischen Wirtschaftspolitik eine Gefahr für die Entwicklung einer engeren wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen einzelnen Nationen oder regional zusammengeschlossenen Staatengruppen bedeuten, dies um so mehr, als der Zeitpunkt nicht abzusehen ist, wann die USA bereit sein werden, ihrerseits Importe, die ihrer Wirtschaftskapazität entsprechen, aufzunehmen. Amerika ist heute der größte Produzent der Welt und die größte Gläubigernation. Die „Abhängigkeit” der Marshall-Plan-Länder von diesem überragenden Wirtschaftspotential ist eine ökonomische Notwendigkeit und in den nächsten Jahren eine Tatsache, welche die wirtschaftliche Wirklichkeit beherrschen wird. Ist es die erste Aufgabe des Marshall-Planes, Europa vor dem wintschaftlichen Zusammenbruch zu bewahren, die unterirdisch schwelenden sozialen Spannungen zu beseitigen und einem großzügig aufgezogenen Versuch der europäischen Selbsthilfe die Wege zu ebnen, so werden die USA in zweiter Linie den Einsatz ihrer Energien und Ressourcen so zu gestalten haben, daß die politische und wirtschaftliche Souveränität der empfangenden Länder gewahrt bleibt. So wird unter anderem im Hinblick auf übergeordnete Zusammenhänge und Entwicklungen eine unabhängige britische Politik nicht nur möglich, sondern sogar unerläßlich sein. Die Aufgabe, Westeuropa zu konsolidieren, zu einen und zu einer politischen Realität zu machen, die — wie der erst jüngst im Haag zu Ende gegangene Kongreß der europäischen Staaten herausstellte — zum Kristallisationszentrum der Vereinigten Staaten Europas werden soll, ist nicht nur eine der Grundlagen, auf welcher der amerikanische Friede aufbaut, sondern zugleich ureigenstes Feld einer unabhängigen britischen Europapolitik, die die wirtschaftlichen Möglichkeiten des britischen Commonwealth diesem neuen Europa erschließt.

Zusammengefaßt, weist die anglo-ameri- kanische Zusammenarbeit auf die Entfaltung von Möglichkeiten einmaliger geschichtlicher Größe: auf die Schaffung jener großen politischen Gemeinschaft der westlichen Hemisphäre und Europas, die bereits in ihrer gedanklichen Linienführung vorliegt und darauf wartet, geboren zu werden. Es ist verfrüht, über die Verfassung der gedachten politischen Gemeinschaft zu diskutieren. Es wird der Arbeit einer, vielleicht mehrerer Generationen bedürfen, um dieses Konzept zu verwirklichen.

Wir wissen aber, welche Völker dieser wahrhaft universalen Gemeinschaft kraft ihres gemeinsamen geschichtlichen Schicksals angehören. Sie sind die Erben des altrömischen Imperiums, dessen Herrschaftsbereich vor zwei Jahrtausenden über das Mittelmeer und die Säulen des Herakles bis an die nebelverhangenen Kreideküsten Britanniens reichte, die Erben von Völkergruppen, die den weiten kontinentalen Raum vom Atlantik bis an die Tore des glänzenden Byzanz besiedelten und die zwischen Sonnenaufgang und -Untergang Zeugen, Bekenner und Wegbereiter jener alluiąfassenden Idee des Christentums wurden, dessen göttlicher Gründer mit seinem Kreuzestod als Mensch das größte Drama des Menschengeschlechts besiegelte. Sie leben heute, diese Nachfahren, beinahe zur Gänze in dem großen Beken des Atlantischen Ozeans, der nunmehr für sie zum Binnenmeer — dem neuen Mittelmeer — und zum Lehensbereich einer gemeinsamen Kultur und von Einrichtungen geworden ist, die eines Ursprungs sind und ihre untrennbaren gemeinsamen Interessen haben, sei es in der Wirtschaft, in der Kunst, in der Wissenschaft oder auch in der Weisheit des Friedens.

Diese große Gemeinschaft der atlantischen Welt ist bestimmt, in einer glüklicheren Zukunft eine Konföderation der interamerikanischen Union, des britischen Commonwealth und der Vereinigten Staaten von Europa zu bilden. Diese Gemeinschaft wird dereinst bestimmt sein, Europa, Afrikai Nord- und Südamerika in einer neuen politischen Einheit, genauer: Vielheit zu vereinen, in der alle historischen Völker, Gemeinwesen, Unionen und Föderationen der westlichen Welt, die in unserer Zeit von Auflösung bedroht ist, wieder und weiterleben werden.

Das ist heute der tiefere Sinn der Pax Americana, die nur dann ihrer geschichtlichen Aufgabe gerecht werden wird, wenn sie als Anwalt des menschlichen Gewissens und der menschlichen Würde zu den ewigen Quellen der universalen Pax Romana zurückfindet.

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