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Heimkehrerschule „Fort Eustis“

Eines der Friedensziele der Vereinigten Staaten war die Schaffung der Voraussetzungen für den Rücktansport und die-Entlassung der Kriegsgefangenen vom amerikanischen Erdteil. Einer Verordnung des War-Departments in Washington zufolge sollte die Entlassung von 20.000 sogenannten „Special prisoners“, zu deutsch „ausgewählte Kriegsgefangene“, womit man politisch zuverlässige Leute meinte, die Rückwanderung nach Europa einleiten. Wie sollte aber nun mit einiger Sicherheit die Wahl dieser „Avantgarde“ getroffen werden?

Die letzten Donner der Schlacht in Europa waren verhallt und die letzten Kriegsgefangenen hatten wenige Wochen vorher die schützenden Gestade der USA erreicht. Uns, die wir als „Letzte“ das Glück hatten, die Neue Welt zu betreten, bot sich bei unserem Eintreffen ein ziemlich verworrenes Bild der Gefangenen. Noch gab es stramme „Kämpfer“, welche immer noch an eine Täuschung durch die Alliierten glaubten und dies eifrig durch ihre Haltung propagierten. Andere wieder, welche schon seit jeher anderer Meinung waren oder sich zumindest während dieses Ringens mit demokratischen Prinzipien befreundet hatten, standen bis vor Torschluß schweigend hinter der Willkür des ziemlich gepflegten Terrors„ der auch in amerikanischen Kriegsgefangenenlagern seine Früchte trieb. Bei Kriegsende änderte sich nun die Lage insofern, daß von den demokratisch gesinnten PWs (Abkürzung für Prisoner of War) niemand irgendwelchen Rachegelüsten nachgab, womit den Demokraten ein neuerliches moralisches Plus zukam, die Rädelsführer von gestern aber, schweigend oder murrend, die rückwärtigen Stellungen beziehen mußten. Das war die Lage, die wir Neuangekommenen im wogenden Auf und Ab der ersten Wochen zu akzeptieren hatten.

Nunmehr setzte auch das War-Departr ment sehr fühlbar mit seiner Tätigkeit ein. Ein Memorandum erging an sämtliche Lager, in dem die Durchführung eines Unterrichts in amerikanischer Geschichte (American History), Staatsbürgerkunde (Ci-vic), sowie in der englischen Sprache angeordnet wurde. Die Teilnahme an diesen Unterrichten war allerdings jedermann freigestellt.

Es war ein gär nicht allzu kleiner Kreis, der sich an den ersten Abenden zusammenfand und aufmerksam den Ausführungen des Vortragenden, ebenfalls eines PWs mit besonderer Lehrbefähigung, zuhörte. Für manchen, besonders für manchen der Jüngeren, wurde der Grundstock zu neuen Anschauuu-gc t gelegt und auf diese Weise dazu beigetragen, junges, unverbildetes Leben dem Humanismus zurückzugewinnen. Das Land, von dem man als Junge die farbigsten Vorstellungen hatte, breitete sich nun mit all seinen Nöten vor uns aus, die es von seiner Entdeckung über die Erlangung der Unabhängigkeit bis in die heutigen Tage durdi-zumachen hatte. Täglich kamen wir mit amerikanischen Bürgern zusammen und lernten, ihrer Art Verständnis entgegenzubringen, denn wir wußten nun um ihre Geschichte, um ihre Tradition und deshalb auch um die Fundierung ihres Wesens. Hier zeigten sich also schon die ersten Früchte des Unterrichts: wir waren eine Sprosse höher auf der Leiter der Völkerverständigung gestiegen. Das zweite Plus, das uns aus diesem Unterricht erwuchs, war an sich die genauere Kenntnis über den Aufbau des amerikanischen Staatswesens und seine geschichtlichen Hintergründe, die wir an Hand von amerikanischem Schulmaterial vermittelt bekamen. Es wurde also ein Bildungswerk an unserem Geist und an unserer Seele vollzogen, das nach unserer Ankunft in der Heimat seine Früchte treiben sollte. Wochen gingen so dahin, Hefte füllten sich und Anschauungen kristallisierten sich bei denen, die tapfer als kleiner Rest bis zum Schluß durchhielten.

Eine weitere, allerdings interne Maßnahme von Seiten der (Kriegsgefangenen) Lagerbehörden war die Durchführung von Vorträgen und Diskussionsabenden, welche ebenfalls zur Aufklärung beitragen sollten. Meist war es so, daß die Diskussionsabende zufolge ihrer freieren Gestaltung, welche schon durch das zwanglosere Äußere bestimmt wir, mehr Erfolg hatten. Die Themen,

' welche zur Diskussion kamen, wurden eingangs von dem Referenten, der dieses Thema an einem der Vorabende aufgewor-

fen hatte, erläutert, analysiert und die Beziehung zu dem allgemeinen Zweck des Diskussionsabends' an sich herausgeschält, um nicht aus dem gegebenen Rahmen zu fallen.

Das Rückführungsproblem wurde akut, und das War-Department hatte nun eine sichere Handhabe, eine einwandfreie Auslese unter den Gefangenen zu treffen. Als einstiger Gefangener ist es mir nicht möglich, die Vorgänge bei den amerikanischen Stellen zu schildern, doch konnte man sich nur zu leicht die Beweggründe zu diesen Maßnahmen rekonstruieren. Wir sollten die Glieder einer demokratischen Front werden, welche einen festen Gürtel um die neuerworbene Freiheit des Geistes zu legen hatten.

Die Wahl der „Ausgewählten“ wurde durch „Gefangenenorgane“ vorgenommen, ein Umstand, der. uns trotz der Zuverlässigkeit unserer Kameraden etwas befremdete. Von amerikanischer Seite begnügte man sich damit, die auf den Listen vorgeschlagenen PWs einem kurzen Verhör zu unterziehen und dann mit Sack und Pack weiter an das Schulungslager zu transportieren. Trotzdem wir selbst heilfroh waren, dabei zu sein, machte sich doch dieser oder jener Gedanken darüber, ob nicht einer der Zurückgebliebenen sich mehr die frühere Heimkehr verdient hätte. Nun, unsere „Gönner“ waren auch nur Menschen mit „Schwächen“ und „guten Freunden“.

Nur zu „Fort Eustis“. Einst das Ausbildungslager amerikanischer Küstenartillerie, warea sämtliche Einrichtungen — komfortable Wohnbaracken, Unterhaltungsräume usw. inbegriffen — nun zur Benützung den Kriegsgefangenen freigegeben worden. Alles wies darauf hin, daß man hier ein Exempel von Freiheit und Zuvorkommenheit statuieren wollte, so der improvisierte Stacheldraht, über den hinwegzusteigen oder hindurchzukriechen keinerlei Anstrengungen kostete. Auch das Verhältnis zwischen den Angehörigen der Schutzmacht und den zu „Beschützenden“', das in anderen Lagern bestimmt nichts zu wünschen übrig ließ, war hier in punkto Freundlichkeit und Entgegenkommen auf die Spitze getrieben worden. Eustis liegt an historischer Stätte. Wenige hundert Meter außerhalb des Improvisationsstacheldrahtes befindet sich jene

Stelle, an der die erste Kolonistensiedlung der Neuen Welt gegründet worden war. Von hier nahm die Kolonisation Amerikas ihren Lauf, brach sich ein neuer Geist Bahn, dessen Bannerträger und deren Nachkommen im Laufe zweier Jahrhunderte eine Welt errichteten, die, was das Tempo ihrer Entwicklung und die Eigenart des Zusammenhalts betrifft, ihresgleichen suchen kann. Gewiß, es ist nicht alles Gold, was glänzt, am allerwenigsten in Amerika, wo der Illusionismus sehr dazu beiträgt, alles in grellstem Licht erscheinen zu lassen. Die.

Tatsache aber, daß Großes geschaffen worden ist, kann nicht geleugnet werden.

In nächster Nähe liegt einer der bedeutendsten Atlantikhäfen: Norfolk'. So waren wir in einen Kreis traditioneller und höchster wirtschaftlicher Bedeutung geraten, der wohl eine symbolische Aufgabe an uns zu erfüllen hatte. Der Nymbus der historischen Stätte sollte die Erkenntnisse der ersten Siedler auf die ersten Heimkehrer übergehen lassen.

Je nach dem Tag der Ankunft im Fort hatte man Zeit und Muse, sich an seine neue Umgebung zu gewöhnen und sich bei seinen Vorgängern über den Verlauf des „6-Tage-Rennens“ zu erkundigen.

Ein großes Lichtspieltheater, das auch als Vortragsraum Verwendung fand, nahm die Hälfte der 2000 in einem Lehrgang erfaßten PWs auf, welche an diesem Ort durch Vorträge deutschsprechender Amerikaner, Offiziere, Männer aus Staat und Wirtschaft

über das Grundlegende der amerikanischen Verfassung, des Staatswesens, der Wirtschaft und der Beziehungen zu anderen Ländern unterrichtet wurden. Die restlichen Vormittagsstunden wurden mit Diskussionen über das vorgetragene Thema ausgefüllt und zeigten innerhalb der Diskussionsgruppen das Interessenkontingent der Teilnehmer. Hier begannen sich schon die Geister zu scheiden, indem die einzelnen zu erkennen gaben, ob sie nur um der-Heimkehr oder um der Erringung neuen t Wissens willen sich der Schar der Eustis-Männer angeschlossen hatten. Das ist nämlich das Kernproblem; nicht, was wurde erzählt, sondern wie wurde diese Einrichtung aufgefaßt und von ihren Teilnehmern gefördert? Wie ist ihr Erfolg zu bewerten? Am Nachmittag wurden meist Filme (Kultur-und auch einige Spielfilme) gezeigt. Kulturfilme über Geschichte und Wirtschaft sollten die Vorträge illustrieren und Amerika so zeigen, wie es wirklich war und ist: als ein Land der harten Arbeit; die Spielfilme hingegen hatten das propagandistische Ziel, die Möglichkeiten aufzuweisen, welche trotz aller Härten dem arbeitssamen und strebsamen Mann im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten offenstehen. Hie und dort aber war man bestrebt, uns vor den Märchen, welche zum Teil noch so sehr an das kalifornische Goldparadies erinnern, zu bewahren.

Die Vorträge hatten nur eine Tendenz: eine allgemein demokratische. Die behandelten Themen klärten über das Wesen der Demokratie an sich auf, was auch im Unterricht in den Lagern hinlänglich zum Ausdruck kam und für jedermann selbstverständlich sein mußte. Die Diskussionsstunden gaben Gelegenheit zum regen Gedankenaustausch zwischen den Offizieren der US-Armee und den Kriegsgefangenen. Wir merkten nur zu deutlich, wenn das Amerikanische zu überwiegen drohte, und wir nahmen Stellung dagegen. Wir waren eben Europäer, ein Umstand, der von amerikanischer Seite immer wieder gewürdigt wurde und oft dazu führte, sich über europäische Verhältnisse zu erkundigen oder aber zu hören, was der Europäer mit dem gedanklichen amerikanischen Rohmaterial in seiner Heimat anfangen würde. Es waren ungezwungene Stunden, die viele Teilnehmer zu dem Gelöbnis begeistert (veranlaßt) haben mag, für Lebzeiten. ein wackerer Demokrat zu bleiben. Wenn nach dem Abendessen sich alle in den Straßen der Lagerstadt ergingen und der Mondschein auf dem Asphalt schimmerte, war man stolz und glücklich ein „Eustis-Mann“ zu sein.

In einer feierlichen Schlußfeier sprachen der militärische Kommandant des Forts, der Stellvertreter des General Provost Marshai in Washington, und der Leiter des „Special Project Center“, Colonel T. V. Smith, Professor der Philosophie an der Universität Chicago und Senator und Abgeordneter des Staates Illinois. Col. Smith brachte durch eine kleine Geschichte, welche auf ein Erlebnis zurückgeht, zum Ausdruck, daß auf der Erde nicht immer der glücklichste Weg zu gehen sei, welcher auf unserer Erde führt. Aller Sinn schwebe in der Sphäre und. wahres Glück liege in der Vergeistigung der Dinge.

Bald darauf befanden wir uns an Bord eines „Liberty-Schiffes“ auf den Wogen des Atlantiks. Kaum war die Küste außer Sicht, als die Spaltung unter den PWs vollkommen war. Es war eine ideelle Spaltung, welche eine persönliche Vereinung zuließ und deswegen um so schändlicher zutage trat. Es fehlte ihnen noch so viel, aber es würde ihnen wohl niemand mehr geben können. Man mußte wohl etwas Christ sein, um sich mit der auf humanistischem Boden fußenden demokratischen Idee auseinandersetzen zu können und das war es, was manchem fehlte. Hoffentlich wird es diesen wenigen nicht möglich sein, irgendwo in unserem Vaterlande ihren Ungeist zu säen und die erfolgreichen Aussichten „Fort Eustis“ zu verraten.

Die Welt ist die Einheit in der Mannigfaltigkeit. Sie ist ein Kosmos, eine wechselweise geordnete Vielfältigkeit; eine einheitliche Schöpfung von unendlicher Vielseitigkeit. Die verschiedenen Dinge liegen nicht beziehungslos nebeneinander; aber andererseits auch der Monismus, der Unitarismus dieser Ordnung nicht so absolut, daß er individuelle Buntheit, charakteristisches Auseinanderfalten ausschicke. Die göttliche Dreifaltigkeit ist das Vorbild aller himmlischen und irdischen Hierarchie der Wesen und Erscheinungenl Die ewigen Ideen des Wahren, Guten und Schönen können ihre Unendlichkeit in dieser endlichen Welt nur durch zeitliche und räumliche Entfaltung nacheinander und nebeneinander darlegen. Das ist der tiefere Grund aller geschichtlichen Entwicklung und aller geographischen Verschiedenheit. Die Menschheit bleibt eine Einheit, wenn auch scheinbar kein Zusammenhang der verschiedenen Kulturen der Menschheit zu erkenne n w ä r e.

Richard v. K r a 1 i k : „Die Weltliteratur im Lichte der Weltkirche'

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