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Auf der Simultanbühne

Die Szenerie für ein „Großes Welttheater“ wäre an diesem 13. August verhältnismäßig einfach zu erstellen. Diiie Oberbühne ist schon aufgebaut. Sie wird beherrscht von jenen beiden Menschen, die zum ersten Mal in der Geschichte den Schwerekreis der Erde nicht nur für kurze Zeit verlassen haben, um nach vorgeschriebener Bahn wieder heruntergeholt zu werden, sondern die damit begonnen haben, sich in der oberirdischen Sphäre wohnlich einzurichten, die dort miteinander in Funkverbindung getreten sind, die sich jenseits der Erdschwere zur Nachtruhe begeben und die bald imstande sein werden, diese gesamte Erde selbst nur noch als einen fern leuchtenden Stern wahrzunehmen. Auf jener „Oberbühne“ spielte sich dem inneren Sinne nach auch das Kontaktgespräch zwischen Russen und Amerikanern ab. Planetenbewohner ersuchten Planetenbewohner höflichst, den Raumflug nicht zu stören und von Atomexperimenten für die Dauer der- Kosmonautenreise Abstand zu nehmen. Irgendwann in naher Zukunft wird auch dies nicht mehr nötig sein. Der Raumfahrer wird den Todespilz nicht mehr als drohendes Mahnzeichen über sich, sondern als kuriose Lichterscheinung der Erde tief unter sich betrachten können.

Eine solche kosmische Dramaturgie verlangt nun freilich auch ein neues Szenarium der Mittelbühne. Das, was vor vierhundert Jahren nur die Astronomen und Physiker wußten, kann nun auch der Politiker nicht mehr leugnen. Die Erde ist eine Kugel, der Planet ist eine Einheit, deren Kreislinie kein drinnen oder draußen mehr kennt. Die Luftbildaufnahmen liegen vor. In wenigen Jahren schon werden sie auf der Titelseite jedes Geographiebuches zu sehen sein. Es gibt keine Weltkarten mehr, die Rom oder Jerusalem als Mittelpunkt enthalten. Kein Chinese kann mehr das Bewußtsein haben, im mauerumgebenen Reich der Mitte zu wohnen. Relativierung des geschichtsgeographischen Weltbildes bedeutet aber nicht nur resignierte Abwertung des einst als unverrückbar angesehenen Absoluten; Relativierung heißt schon im Wortsinn Erkenntnis, daß alles miteinander im unauflöslichen Sinnzusammenhang steht, daß jedes vom anderen abhängig ist: die Versorgungskrise jenseits der Zonengrenze, von der ihrerseits durch den Stahlarbeiterstreik des Frühjahrs bestimmten amerikanischen Innenpolitik, die algerische Regierungsbildung von der sowjetisch-chinesischen Füh-rungsdifferenz, die Konzilsteilnahme der Orthodoxen von den innenpolitisch bedingten Schwankungen des stillen Kirchenkampfes.

Die Ziegelreihen der Berliner Mauer, die Stacheldrahtverhaue am Eisernen Vorhang, der leergepflügte Grenz- und Todesstreifen mitten durch Deutschland, das alles ist aus der heute erreichten Höhenperspektive nur noch als winziger Strich, ja am Ende überhaupt nicht mehr wahrnehmbar. Man kann nicht übersehen, daß eine solche globale Vereinfachung die Gegenwartspolitik von Jahr zu Jahr, ja von Monat zu Monat immer mehr bestimmt. Das deutsche Problem — unlösbar für jedes systematische Ordnungsdenken seit dem Erlöschen des im übrigen auch niemals ganz zu Ende gedachten oder gar verwirklichten mittelalterlichen Reichskonzepts — scheint sich mit einem Male von selbst zu entwirren. Generationen versuchten die Quadratur des Kreises in der Mitte Europas. Die Reichskreise des Freiherrn von Stein, das Supergermanien Felix Schwarzenbergs, Groß- und Kleindeutschtum, Bismarcks vorsichtig ausbalanciertes Kompromiß, Alldeutschtum und Föderalismus, Versailles und Hitler..., sie alle sind zum Schatten und Schemen geworden. Die neue Wirklichkeit, die nur wenige beim Namen zu nennen wagen, sieht radikal anders aus: Die Grenze mitten durch das deutsche Gebiet ist eine Weltdemarkationslinie. Altpreußen und Sachsen (so pflegt de Gaulle auch heute noch die im sowjetischen Machtbereich liegenden deutschen Gebiete zu nennen) bilden, als unter klassischem Militärgrenzregiment stehende Territorien, die äußerste Bastion eines östlichen Großreiches. Rheinland und Ruhrgebiet, Bayern und Schwaben, wie auch die Handelsgebiete der einstigen Hanse gehören zur atlantischen Ökumene mit dem Regierungszentrum in Washington. Auch eine solche Weltkarte kennt freilich noch das, was man früher etwas altväterlich Enklaven und Exklaven nannte — Gibraltar, Tanger, Fiume, Danzig hieß das einst —: morgen wird so ein Gebilde vielleicht West-Berlin heißen.

Auch diese Demarkationslinie ist keine für Jahrhunderte gezogene und entsprechend mythisierte Weltgrenze mehr. Sie ist zudem heute auch nur im kleinen Europa leidlich fixiert. Ganze Kontinente, wie vor allem Lateinamerika, befinden sich im Gärungsstadium, können weder dem einen noch dem anderen Imperium zugerechnet werden. Die Weltwirtschaft hat ihre eigenen kommunizierenden Gefäßsysteme, Technik und Zivilisation tragen ihrer Natur nach osmotischen Charakter. Es gibt keine Trennwand für Plattenspieler und Klimaanlagen, auch nicht für das Zwölftonsystem oder die moderne Filmregie.

Mit einem Wort: Auch die Mittelbühne des „Großen Welttheaters“ scheint aufgebaut. Vielleicht ist vor dem Aufgehen des Vorhangs und dem endgültigen Spielbeginn noch ein Versatzstück zu verschieben, ein Requisit zurechtzurücken, störendes Gerumpel wegzubringen. Aber das sind nicht mehr Aufgaben des Regisseurs, sondern nu noch solche des Bühnenmeisters und seines technischen Personals.

Nun war aber die alte Simultanbühne dreigeteilt. Es gab den Himmel, die dem menschlichen Spielgeschehen in aller Entscheidungsfreiheit zur Verfügung stehende Erde und das, was man damals schlicht die „Hölle“, später, etwas vornehmer umschreibend, die „U n t e r w e 11“ nannte. Die tonangebenden Regisseure der Weltszenerie vom 13. August 1962 haben diese Spielebene nicht vorgesehen. Was sollte auf ihr auch vor sich gehen, wie sollte sie mit dem Ganzen in Zusammenhang gebracht werden? Der Teufel im eigentlichen Sinn ist ein literarisch mehrfach drapierter Hausgenosse auf der Mittelbühne geworden. Wo er sich allzu offen zeigte, konnte er gefaßt und unschädlich gemacht werden. Die Nürnberger Kriegsverbrecher wurden gehängt, Eichmann wurde zu Pulver verbrannt, auch die Schergen des Stalinismus wurden liquidiert. Die Weltjustiz arbeitet etwas langsam, aber — von kleinen Schönheitsfehlern abgesehen — präzise. Der Teufel in uns selbst? Nun, wir sind längst belehrt, daß er nur ein symbolischer Name für etwas ist, was man heute in den Griff bekommen hat, was man herausheben, weganalysieren, notfalls sogar herausoperieren kann. Für Hölle und Unterwelt gibt es kein Personal mehr, weder jene, die in Dantes Vision „stöhnten“, noch jene, die in seiner Dichtung vor Wut und Bosheit „heulten“.

Also?

Wir brechen ab. Denn wir glauben dem Bilde nicht, und wir glauben dem Welttheater nicht. So sehr alle seine Einzelelemente zu stimmen scheinen. Als Ganzes ist es eine Lüge. Und alle Konsequenzen, die aus ihm gezogen werden sind zwar in sich schlüssig und logisch richtig, in der letzten Realität, auf den lebendigen Einzelmenschen bezogen, aber falsch. So falsch, wie alle uns von der beflissenen Geschichtsschreibung (auch von einer- bestimmten Art der Kirchenhistorie) vorgegaukelten Bilder der „Goldenen Zeitalter“, „Heiligen Reiche“ und Friedensordnungen imperialer Art, bei aller Richtigkeit der Einzelphänomene im letzten falsch gewesen sind und falsch bleiben. Man verzichtet heute dankenswerterweise darauf, Gott, den Herrn, und Seine Engelchöre in der Oberwelt anzusiedeln. Mit Recht haben die ersten sowjetischen Kosmonauten ihrem Herrn und Meister, dem mit beiden Beinen auf dieser Erde stehenden Bauern Chruschtschow, gemeldet, daß sie dort oben keinen Himmelvater mit Bart angetroffen haben. Sie werden ihn auch nicht antreffen, wenn sie ihre Erdentfernung um das Hundertfache vergrößern. Wer Gott“ begegnen will, kann ihn weder auf dem Mond noch in dieser sorgsam durchharmonisierten und parzellierten Erde finden. Er muß in jene Unterwelt steigen, welche die Regisseure des Welttheaters aus ihrer Konzeption gestrichen haben, weil sie

— wie auch wir selbst — nicht daran glauben, dort einem mittelalterlichen Teufel oder einer Danteschen Verdammtengilde zu begegnen. Dort unten aber („Auf dem Boden“, sagte Maxim Gorki), bei den Mehschen, die aus der wohlkonstruierten Ordnung herausgefallen sind, die zur „Unper-son“. zur „quantite negligeable“, geworden sind, die nach den Worten des Großinquisitors das Ganze nur „stören“, werden sie der Spur jenes lebendigen Gottes begegnen, den sie „überm Sternenzelt“ vergeblich gesucht haben.

Dort, wo die Rechnung nicht aufgeht, ist der lebendige Gott. Wir können Seine Chiffrenschrift auf den Zügen jener lesen, die als Erniedrigte und Beleidigte die Zeche der neuen ,,Weltharmonie“ jetzt schon bezahlen oder morgen zu bezahlen haben werden. Und hier, in diesem Bereich jenseits aller ephemeren und immer schemenhafter werdenden Politisiererei um die „Reichshauptstadt“ und „Preußens Gloria“, um Potsdamer Vertrag und Luftkorridore, ist auch die letzte und wirkliche Realität jener Berliner Mauer beheimatet, die es uns unmöglich macht, den Tag des Kosmonauten-Starts — so herzlich gern wir es täten

— als ein Triumphdatum der Menschheit zu feiern. Die siebenunddreißig Toten vor der Mauer, die alte Frau, die in Verzweiflung aus dem Fenster in die Freiheit springen wollte, der kleine Botenjunge, der österreichische Student, der anderen waffenlos zur Flucht verhelfen wollte und — angeschossen liegengelassen — zwischen den Fronten verblutete: das sind die Realitäten. Man kann sie übertönen, überbrüllen mit Ziffern vom Handelstausch. Man kann in einer gut gemeinten, letzten Endes aber unsinnigen und blasphemischen Zahlenakrobatik diese Zahl von 37 Menschen gegen das Millionenfache der Opfer eines Atomkrieges aufzurechnen versuchen. Aber man kann sich bei allen diesen Konstruktionen nicht auf eine Gott wohlgefällige gerechte Weltordmung berufen. Man kann es nicht, solange man aus hundert objektiven Berichten weiß, daß nicht die würgende materielle Not, die durch wirtschaftliche Kompensationsmaßnahmen über Nacht gelindert werden kann, sondern die trostlose innere Verzweiflung der Menschen hinter der Mauer den eigentlichen Notschrei darstellt, der der Welt heute wie seit einem Jahr in den Ohren gellt.

Nikita Chruschtschow hat der Welt oft glaubhaft versichert, daß er nicht an den weißbärtigen Gott auf der Wolkenbank glaubt. Niemand kann ihn daher auf diese Instanz hin ansprechen. Aber er glaubt als Kommunist wohl doch an den Satz Maxim Gorkis „Mensch, das klingt groß.'“. Gorki legt ihm einen geschundenen Proleten, keinem bourgeoisen Festredner bei wohlgenährter Goethe-Feier in den Mund. Er muß seinen Karl Marx gelesen haben, bei dem geschrieben steht, „daß ein Volk, das ein anderes unterdrückt, selbst nicht frei sein könne“.

Aber wer soll ihn darauf ansprechen? Ein Mächtiger der NATO? Er wird ihm ins Gesicht lachen und ihn an Franco und an einiges andere erinnern. Ein Deutscher? Er wird ihn mit Recht fragen, ob er solches auch ebenso klar und deutlich in den Tagen von Auschwitz, Liddce und Oradour vernehmen ließ! Als man Thomas von Aquin die Frage vorlegte, ob es nicht lästerlich von Hiob sei, mit Gott selbst in einen Rechtsstreit zu treten, gab dieser in einem seiner Traktate zur Antwort, daß es im Falle des Rechte keine Größenunterschiede der streitenden Parteien geben könne.

Ob das alte Österreich einst allein auf dem am Wiener Heldentor gemeißelten Fundament der Gerechtigkeit aufruhte, mögen die Historiker entscheiden. Das heutige Österreich verdankt seine reale Wiederentstehung einem Akt des Rechtes, einem Vertrag, in dessen Wesen die freie Zustimmung aller Beteiligten liegt. Es ist in seiner gesamten Existenz vom Bestehen einer solchen Rechtsordnung abhängig. Wenn gerade aus österreichischem Mund ein solches Wort gesprochen wird, hat es vielleicht eigene Kraft. Die Versuchung, ] a zum' Großen Welttheater 1962 zu sagen, ist für jeden da. Um des großen, perspektivenreichen Tableaus willen den kleinen Schönheitsfehler Berlin in Kauf zu nehmen: ist das nicht diplomatisch abgeklärte Weisheit?

Weisheit ohne die Furcht des Herrn gibt es nicht. Und der Herr, den wir zu fürchten haben, begegnet uns im Antlitz des geschundenen Menschen. Um seinetwillen können wir — weder als Einzelne noch als staatliche Gemeinschaft — Ja zu einer Welt, Ja zu einem Regime sagen, das auf diese Mauer angewiesen ist und das wir niemals anerkennen können.

Auch nicht am Tage des großen Menschheitstriumphes in einer „Oberwelt“, die' letztlich doch zur Mittelwelt der von uns gemeinsam zu verantwortenden Erde gehört.

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