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Probleme des modernen Menschen

Wir sind hineingeboren in das Zeitalter der Technik, welche die Erde in immer großartigerer Weise zu bewältigen vermag. Die sinnhaften Erlebnisse vermitteln uns pausenlos diese rastlose Erschließung der Erde, die man zu nennen versucht wäre: wunderbare Wandlung des Stoffes. Hingegeben an den Rhythmus dieses Prozesses, ausgeliefert den Reizen der wirbelnden stofflichen Welt, fast versengt von den mancherlei Feuern dieser Erde, immer betört von neuen Bildern und neuen Klängen, werden wir gleichsam an unsere Sinne gekreuzigt. Während wir meinen, immer mehr Außen einfangen zu müssen und uns die Leistung — sprich „Rekordleistung“ oder „Massenproduktion" oder „Weltorganisation“ — geradezu hypnotisiert, werden wir uns selbst immer fremder, werden uns — problematisch. Vielleicht liegt es, abgesehen von den wirtschaftlichen und politischen Schwiergkeiten um uns, daran, daß wir zwar sehr, sehr problematisch sind, dennoch den Sinn für wirkliche Probleme verloren haben. Denn die übermäßige Belastung der Sinne infolge des nie aussetzenden Reizes neuer Eindrücke kann von uns nicht verarbeitet, keinesfalls auf einen Nenner gebracht werden. Das Angebot übersteigt nicht nur bei weitem die Nachfrage, was vied schwerwiegender ist: es geht an der Nachfrage vorbei. Denn niemals ist der Stoff — und böte er sich auch im funkelnden Zauber der ganzen Erdkugel — imstande, unser kleines menschliches Herz zu erfüllen; niemals sättigt die noch so saubere Fabrikware das Begehren unseres lebendigen Selbst, und niemals hört der in seiner eigenen Problematik gefangene Mensch das erlösende Wort vom Menschen, das jenseits aller Problematik gesprochen wird und die wahren Problemstellungen erst erschließt.

Man darf ruhig zugeben, daß der griechische Mensch der Antike dem eigenen, also dem menschlichen, Wesen nicht so hilflos gegenüberstand wie der moderne Mensch. Freilich erschöpft sich der griechische Geist nicht io herrlichen Kunstwerken und der wunderbaren Wiedergabe des menschlichen Leibes. Da aber einem wißbegierigen Publikum immer wieder und an erster Stelle die Antike über die Renaissancezeit nahegebracht wird, mag der Irrtum entstehen, das griechische Altertum hätte einseitig den „schönen Menschen" gekannt, und es wäre nicht ausgeschlossen, daß von hier aus eine ästhetische Freude am Edelmenschentum in weite Kreise gedrungen ist. Solcherart huldigte man allerdings einem Ideal, das an der Wirklichkeit vorbeisieht. Die Frage nach dem Menschen bliebe noch offen.

Das Griechentum hat nicht nur die Schönheit des Leibes abgebildet. Darüber hinaus hat es „das Schöne" entdeckt. Anders ausgedrückt: Es hat einen Wert erkannt und neben diesem noch andere. So hat es uns menschliche Werte metaphysischer Art und damit ewig Gültiges geschenkt. Die großen Denker dieses Volkes haben von der Leib- Seelennatur des Menschen Tiefstes und Letztes gewußt. Freilich konnten sie nicht das Allerletzte über das Woher und Wohin des Menschen aussagen, weil für sie das Welttheater von einem Himmel heidnischer Götter gelenkt wurde. Immerhin sollte man einmal bedenken, ob die bekannte Renaissancezeit ihre künstlerischen Triumphe hätte überhaupt feiern können, ob diese lebensvollen Jahrhunderte hätten erblühen können, wenn die wahre Renaissance griechischen Geistes nicht Jahrhunderte früher erfolgt wäre.

Das Zeitalter, das den „neuen Menschen“ ‘diskutierte und ihm in der Wissenschaft seinen Platz zuwies, war die Hochscholastik. Die fruchtbare Auseinandersetzung mit dem griechischen Geiste gelang Albert dem Großen und seinem Schüler Thomas von Aquin. Der Mensch und seine Natur wurden nicht nur erkannt und beschrieben, sondern zum ersten Male in ein geschlossenes Weltbild eingefügt. Nun liegt freilich die Geschlossenheit des Weltbilds dieser christlichen Denker nicht darin, daß ihnen die Naturgesetze in den Einzelheiten bekannt gewesen wären und daß sie alle natürlichen Erscheinungen richtig zu deuten vermochten. Dennoch verstanden sie das menschliche Wesen richtig, weil sie es gefügt aus Leib und Seele in der Mitte des Universums sahen, das der liebende persönliche Schöpfergott aus freiem Willen geschaffen hatte. Die theologische Summe des

Aquinaten, in der auch aristotelische Naturwissenschaft verarbeitet wurde, ist darum gewiß kein naturwissenschaftliches Lehrbuch, sondern unübertrefflich als metaphysisches geschlossenes Lehrgebäude. Der Mensch ist in einem grandiosen wissenschaftlichen System richtig „placiert“. Trotz der Neugestaltung des naturwissenschaftlichen Weltbildes bleibt diese Placierung gültig. Damit hat die Scholastik „menschlicher“ gedacht als unsere a-metaphysische Zeit, welche die Kernprobleme des Menschen an falscher Stelle sucht.

Des weiteren ergibt sich, daß damals, also weit vor jenen Epochen die Lebensphilosophie, Existenzphilosophie und moderne Persönlichkeitskunde hervorbrachten, das menschliche Prinzip als Grundlage jeder kulturellen Tätigkeit deutlich gesehen wurde. Zwar war es den Denkern zunächst nur darum zu tun, aufzuzeigen, daß Glaube und

Vernunft nicht im Widerspruch miteinander stehen. Daraus ergab sich in bestimmter Hinsicht das menschliche Prinzip gegenüber dem göttlichen zu betonen. Wirkt zwar in allem die causa prima (Erstursache), das ist die Kraft des Schöpfers und Erhalters der Welt, so wirkt sie doch durch die causae secundae (Zweitursachen), das heißt die geordneten Kräfte und Gesetze der Natur, die auch im einzelnen Menschen bestimmt sind.

Schließlich muß man die theologischen „Summen“ (systematisierte Lehrgebäude) auch als gigantische technische Leistungen an- sehen, als Rekorde an Fleiß, Sammlung, unüberbietbarem Wissen und bewundernswertem Denken. In der stillen Zelle baute man die geschriebenen Summen, auf dem lauten Markte die steinernen, die Kathedralen. Was steckt auch in diesen an menschlicher Arbeit, an technischer Gestaltung des Stoffes! Solche großartigen Zusammenfasungen dieser und jener Art waren möglich, weil der Mensch — im Glauben — seiner selbst gewiß war, ohne falsche Selbstgewißheit. jeburt, das Schicksal, der Tod waren den Menschen damals weniger problematisch. Von Gott zu Gott führt der Weg. Darüber haben sie sich nicht zergrübelt. Die Größe ihrer Werke vermochte sie nicht zu berauschen, sahen sie diese doch im Lichte des einzig Großen. Da9 Beunruhigende und Schauererregende in der Welt haben sie als Folge der durch die Erbsünde überkommenen Sündhaftigkeit des Menschen verstanden. Probleme persönlicher Art gingen ein in die Fragenkreise, die den Menschen als geschaffen, gefallen und erlöst behandeln.

Welch ungeheure Spannung ergibt sich für das menschliche Wirken, wenn man es in einem Universum versteht, das von dem immer tätigen Gotte bewegt und durchwirkt wird. Bis in die Wurzeln hinein ist alles Sein von Gott, bleibt in seiner Existenz dauernd auf seine Schöpferkraft angewiesen. In diesen Hochfrequenzstrom des Schaffens ist der Mensch hirieingestellt. Bis in die letzten Vibrationen der Maschine gibt es eine Verbindung mit Gottes Kraft. Mehr noch aber sind die leisesten Zuckungen des menschlichen Herzens von dem göttlichen Lebensstrome gespeist.

Ist nun ein Mensch imstande, sich das großartige Weltbild zu eigen zu machen, das einer vom lebendigen, persönlichen und ewigen Gott erhaltenen Schöpfung entspricht, dann laufen seine Gedanken selbstverständlich aus den Schranken seiner Eigenwelt weit hinaus, sein Wünschen weitet sich und 6trebt überpersönlichem und später dem ganz persönlichen ewigen Ziele zu. Die vielen unheimlichen Augenblicke des Lebens, die oft über schlüpfrige Moraste irrlichternden Lebenschancen, das ganze, ungleiche Web- sitück des Schicksals, all das verätzt nicht mehr das innerste Herz und zerstört es, weil der begriffen und „ergriffen“ wird, der, wie es im Psalm 120 heißt, „nicht schläft und schlummert“ und seine schützenden Engel sendet.

Es geht dann weniger quälend um die eigene Problematik, sondern um Probleme, deren das scholastische Denken einen ungeheuren Reichtum kannte. Da ist vor allem die grundsätzliche Erfahrung des Seins, an der kein lebendiger Mensch vorübergeht. Wir sind Daran brauchen wir nicht zu deuteln. Und weil wir sind, gehalten und durchwaltet von Gott, gibt es kein ganz schlechtes Sein. Halten wir uns im täglichen Leben daran! Gehen wir durch unseren Schrecken, die augenblickliche Stimmung auf den Grund der Situation. Es geht. Wir leben. Immer noch kommt es nicht so schlimm wie in unseren gräßlichsten Träumen, obwohl es sehr schlimm sein kann. Der Halt, den der Mensch braucht, besteht einmal in dem Wissen um den festen Grund, auf dem er steht, ja, der er selbst ist. Im Sein, im Jetztsein, liegt viel Trost beschlossen. Schon ist der Augenblick — gewesen, der unerträglich schien. Den anderen Halt stellt das niemals schwankende Sein Gottes dar. So bietet die eine Frage um das Sein viele Ansatzpunkte zu fruchtbarem Denken. Welche Welt erschließt sich dann mit dem Wahren, dem Schönen, dem Guten!

Im Brennpunkt der Fragen um den Menschen hat zu allen Zeiten die nach seiner Freihe’it gestanden. Mit ihrer Beantwortung hat sich die Scholastik eingehend beschäftigt. Versucht man allerdings diese Frage an einem menschlichen Modell zu lösen, das nicht seiner Wirklichkeit als leibgeistigem in Zeit und Raum hineingeschaffenen Wesen entspricht, erstickt man in der Problematik und zerbricht an der Umwelterfahrung. Nimmt man aber an, der Mensch sei nicht darum frei, weil er tun und lassen kann, was er will, sondern lediglich darum, weil er sich, nicht ganz ohne Zwang, von sich aus, zu den Gesetzen seines Wesens und des

Kosmos überhaupt zu bekennen vermag, dann läßt sich mit der Freiheit umgehen. In diesem Freiheitsbegriff liegt das Wissen um eine höhere Ordnung, das Bejahen der ewigen Gesetze der Schöpfung. Diese Anerkenntnis ist allerdings unweigerlich verknüpft mit unauflöslichen Bindungen und Verpflichtungen. Es ist die Unterwerfung unter eine sittliche Ordnung, die das Gewissen reguliert. Hier erscheint der Mensch als Bild und Gleichnis Gottes, als der, um dessent- willen alles geschaffen ist und der sich dies Erde untertan machen soll — in freiwilligem Dienst. Und damit erheben sich viele Fragen. Wie weit stellt sich der Mensch in seine Freiheit, ist sich dieser Würde überhaupt bewußt? Wie vereint er das Freiheitsbewußtsein mit Einordnung, Dienst und wo sucht er den Dienst? Der menschlichen Fragen gibt es unzählige, weil jeder Augenblick fragt und als freie Entscheidung Antwort erheischt. Nicht unerheblich für dieses Antworten ist die dafür bereitgestellte Seelenkraft. Es gibt nur eine einzigartige Kraft der Seele, geformt aus Werterfassen und Wertverwirk- lichen. Diese Kraft hat die Dome gebaut und die Summen geschaffen. Sie hat das Erbe der Antike an echtem und schönem Menschentum umzuschmelzen vermocht im Feuer jener Liebe, die der Mensch gewordene Gott einem jeden schenkt, der an Ihn glaubt. Und wie kommt der problematische Mensch zu diesem Glauben? Indem er so lange fragt — und wäre es ein Leben lang — bis er hört: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!

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