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Jeder will Heimat und Geborgenheit

1945 1960 1980 2000 2020

Bei den Bregenzer Kulturtagen 1982 erregte das Referat des Innsbrucker Bischofs über „innere Beheimatung” Aufsehen. Wer diese Seite liest, weiß wohl, warum dies geschah.

1945 1960 1980 2000 2020

Bei den Bregenzer Kulturtagen 1982 erregte das Referat des Innsbrucker Bischofs über „innere Beheimatung” Aufsehen. Wer diese Seite liest, weiß wohl, warum dies geschah.

Es geht darum, daß der Mensch unserer Zeit sehr vielen entbergenden, zentrifugalen Mächten ausgesetzt ist und daß er offenkundig ebenso die Erfahrung von Sinn, von Ordnung, von Gefüge, von Stabilität, von Vertrautem und von Bleibendem nötig braucht.

Ich glaube auch, daß wir mit dieser Frage nicht nur im Vorfeld, sondern sofort in der Mitte aller Religion stehen. Mir ist das Wort aus dem Alten Testament in den Sinn gekommen: „Heimführen will ich sie von überall her.” Es wäre gar keine so schlechte Uberschrift über eine zeitgemäße Seelsorge.

Selbstverständlich muß uns bewußt bleiben: Der Mensch ist von seinem Wesen her ein homo via-tor, wie ihn das Mittelalter genannt hat, ein Wanderer, der unterwegs ist. Er ist eben noch nicht zu Hause, immer wieder im Aufbruch zu neuen Zielen, von neuen Aufgaben gefordert, in allen Bö-glückungen und Enttäuschungen gedrängt, aus der eigenen Enge auszubrechen. Diese Dynamik bleibt dem Menschen. Sie ist sein Abenteuer und sein Schicksal.

Und ebenso ist es, daß problemlose, spannungsfreie Geborgenheit in dieser Welt uns nicht ohne weiteres beschieden ist. Es gehören auch Unbestimmtheit und Unsicherheit zu den Merkmalen menschlicher Existenz, ja sogar seiner religiösen Existenz.

Aber trotz der Feststellung über die Unsicherheit des Menschen, über das nicht Beheimatet- und Noch-nicht-Zuhausesein des Menschen wissen wir, daß der Mensch in dieser Welt auch Daheimsein braucht. Er braucht das Erleben des Bleibenden und des Vertrauten, des Gültigen und des Bergenden. ,

Vielleicht lebt in uns doch, um mit C. G. Jung zu sprechen, der Archetyp von Mutterschoß und Höhle, ein tiefes Urbedürfnis nach Geborgensein. In einer Epoche, in der in einem Ubermaß von Fortschritt, Veränderung, Innovation, Progressivität, Enttabui-sierung. Ausbrechen aus allen Zwängen, Mißtrauen gegenüber allem Überkommenen, Relativierung ethischer Normen die Rede war, ist es verständlich, daß die Entfremdung des Menschen und das innere Unbehaustsein um sich gegriffen hat.

Was nun sind die entbergenden Kräfte des Menschen? Ich glaube, daß an erster Stelle der Verlust an menschlicher Zuwendung zu nennen ist.

Viele Menschen leiden von klein auf an einem Verlust menschlicher Zuwendung. Wir wissen, daß der Mensch ein Du-Wesen ist, dessen höchstes Glück es ist, geliebt zu sein.

Denken wir einmal daran, was es mit der Kraft liebender Zuwendung in einem Volk auf sich hat. wenn für Hunderttausende kleiner Menschen das Ursymbol der Geborgenheit, der Mutterschoß, zur Todeszelle wird.

Oder wie beurteilt man in einem Staat wie dem unseren die Bedeutung liebender Zuwendung, wenn in einer über sozialisierten Gesellschaft alles bezahlt wird, Zeit und Mühe mütterlicher Zuwendung aber kaum etwas wert sind? Was ist mit der Kraft menschlicher Zuwendung, wenn auf so vielen Kinderschicksalen die zerbrechende und zerbrochene Ehe lastet?

Eine entbergende Kraft hat sicher auch der unstete Lebensstil. In dieser Hinsicht sind wir ja noch etwas besser dran als die Amerikaner, die laut Untersuchungen im Lauf des Lebens durchschnittlich neun- bis elfmal übersiedeln. Man muß sich vorstellen, was hier immer wieder an menschlichen Beziehungen abgebrochen wird!

Prof. Scherer hat einmal in einem anderen Zusammenhang, in einem Buch über die Sexualität, von einer Seite des modernen Menschen gesprochen, die auch zu den entbergenden Kräften gehört: Er spricht von „Momentanismus”, die völlige Einstellung auf den Augenblick, auf das, was „in” ist, der Genuß des Augenblicks, der Vorteil des Momentes, dieses völlige Im-Vordergrund-Leben.

So bekommt das Wesen des Menschen etwas vom Taumelhaften des Schmetterlings. Dabei wissen wir, daß tiefere Glücksgefühle beim Menschen an Dauerziele und Einsatz für Dauerziele gebunden sind.

Einen weiteren Grund für die Entborgenheit des Menschen könnte man wohl auch die Veränderungsmanie nennen. Ich weiß selbstverständlich, daß die Veränderung, daß die Innovation zum Leben gehört. Aber von der behutsamen und sinnvollen Neuerung bis zur Innovationsmanie ist doch noch ein Unterschied.

Was allein im Bereich der Erziehung an Parolen und Versuchen, an neuen Konzepten und Büchern, an Trends und wechselnden Akzenten, an didaktischen Heilsrezepten und methodischen Offenbarungen auf Lehrer und Schüler heruntergetrommelt wurde, ist nicht zum Sagen!

Auch auf dem Gebiet des Religiösen gab es zum Teil Innovationsmanie. Wer die Texte des Zweiten Vatikanums durchsieht, der staunt immer wieder, wie ausgewogen diese sind. Aber kleinere „Päpste” in der Kirche, Reservepäpste, die waren da manchmal etwas stürmischer.

Und es ist gar kein Zweifel, Le-vebvre hätte für seine geistige Nachhuttruppe nicht so viele Rekruten gefunden, wenn nicht viele Herzen verletzt worden wären___

Ich möchte für die Entbergung des Menschen auch das überstrapazierte Fragezeichen nennen. Das Fragenkönnen ist eine der wunderbarsten Fähigkeiten des Menschen. Ich glaube auch, daß es, wie in der individuellen Lebensgeschichte des Menschen, auch in der Menschheitsgeschichte so etwas wie große Frageepochen gibt, die notwendig sind, und in denen es große geistige Horizonterweiterungen gibt.

Aber für den geistigen Normalverbraucher ist eine derartige Fülle von Problemen, Ansichten, Einseitigkeiten und Extremen hereingeprasselt, daß das also schon sehr schwierig ist. Und ich glaube auch, daß hier ein gewisser Intellektualismus, der wenig Rücksicht darauf nimmt, ob mich der andere versteht und wie er das versteht und wie er mitkommt, am Werk ist.

Denken Sie nur an die Sprache! Auf einer wissenschaftlichen Tagung der Religionspädagogen

Deutschlands und Österreichs sagte ich, als alles vorbei war: Also, meine sehr verehrten Kollegen, die Sprache, die ich jetzt gehört habe, die war so, wie wenn einer von uns zum andern sagen würde:

„Herr Kollege, meine intellektuelle Ehrlichkeit verpflichtet mich, Sie dahingehend zu informieren, daß Sie in der Fundamentalsphäre Ihrer Beinkleidung einen Defekt aufweisen, der bewirkt, daß der physiologische Background partiell sichtbar wird!” Man könnte ebenso gut sagen: „Du hast ein Loch in der Hose”. ..

Nun zu einigen Wegen in die Geborgenheit.

Freilich ist die letzte Geborgenheit des Menschen ein Geschenk, das man nicht herstellen kann. Es ist nicht fabrizierbar, es ist nicht pastoral fabrizierbar. Aber ich glaube doch, daß unser pastorales Tun in der Kirche heute Verstärker in diese Richtung setzen müßte.

Es ist gar keine Frage: Die Menschen wollen einen Seelsorger mit Herz, mit einer gewissen gesunden Frömmigkeit, der eine gewisse innere Stabilität auszustrahlen vermag, und da kommt weder der hochgebildete Nur-Problemati-ker noch der übertüchtige Manager mit. Man sucht auch den Arzt mit Herz, und Millionen Kinder warten auf die Lehrerin und den Lehrer mit Herz. Und ob der gar so gescheit ist, das ist den Kindern ziemlich egal.

Ein weiterer Punkt wäre sicher die bergende Gemeinschaft. Es muß die Kirche sicher Glaubensfestigkeit ausströmen, aber gleichzeitig müssen in ihr die menschlichen Beziehungen erlebbar sein. Das sind sie in der lebendigen Pfarre, das sind sie in der kleineren Gruppe. Und deswegen glaube ich, daß die Kirche in dieser Form sich den Menschen von heute präsentieren sollte.

Ein weiteres bergendes Element würde ich „die bergenden Vollzüge” nennen. Selbstverständlich gehört zu allem Leben Selbstbewegung und Spontaneität, Veränderung und Initiative.

Aber ebenso hat auch alles Leben das Rhythmische. Die Natur spielt es uns jeden Tag und jedes Jahr vor: in der Welt der Pflanzen, der Tiere. Wir wissen, welche Bedeutung das rhythmische Leben für ein Kind hat: gleichbleibende Essenszeiten, der „Schla-fengeh-Ritus”.

„Wir leben heute im religiösen Bereich mehr nach Stimmung, Laune, Anfall.”

Wir leben heute im religiösen Bereich, so mehr nach Stimmung, Laune, Anfall. So, lieber Gott, wenn ich einen Anfall bekomme, dann kannst Du bei mir großartige Religiosität erleben, dann lege ich eine Meditation hin, daß die Engel staunen! Aber es gehört zu einer gesunden Religiosität die Realisierung des Rhythmischen. Wenn es den Sonntag nicht gäbe, müßte man ihn erfinden.

Oder Formulierungen, die man zum Teil manchmal in der Jugendseelsorge gebraucht hat: „Wenn du dich nicht disponiert fühlst, ist es ehrlich, wenn du sagst, dann gehe ich nicht in die Kirche.” Seien wir einmal ehrlich: In welchem Lebensbereich kann man sich so verhalten? Welcher Lehrer kann sagen: „Heut* in der Früh bin ich nicht disponiert, in meiner Seele ist Bodennebel, die Schule fällt aus...”?

Darf ich also darauf hinweisen, welch große Bedeutung in dieser Hinsicht die heute Gott sei Dank in jungen Familien wieder entstehende religiöse Familienkultur hat, das Feiern von Festen! ,

Auch im Bereich der religiösen Sprache muß es so etwas wie eine vertraute Welt für den Menschen geben. Und deswegen plädiere ich in einer maßvollen Weise für das Beibehalten von gewissen Formeln, die so geprägt sein müssen, daß man sie nicht nur denken, sondern auch beten kann...

Auch die Musik hat eine sehr unmittelbare Sprache zum Herzen. In einer Kirche hat einmal ein etwas stürmischer Kaplan — es war nicht in unserer Diözese — in der Heiligen Nacht eine halbe Stunde lang über „Stille Nacht, heilige Nacht” geschimpft, daß das so ein Kitsch sei.

Und wie er fertig war, haben sie drei Strophen davon gesungen. Neben mir ist ein altes Manndl gestanden, und der hat dann ruhig vor sich hingesagt: „Jetzt hat er den Dreck.” Und das war sehr schön___

Das Tiefste freilich, was als bergendes Element genannt werden muß, ist die Botschaft vom bergenden Gott. Und hier glaube ich, daß wir als Christen eine Chance haben, die es nicht noch einmal auf der Erde gibt. Im Hintergrund unseres Daseins steht nicht ein Etwas, ein Schicksal, ein Gesetz, eine Natur, ein Kosmos, ein Universum, ein Absolutes, ein Chaos, ein Nichts, steht keine kalte Abstraktion, sondern ein lebendiges, unendliches, glühendes, sich verströmendes, liebendes, ein absolut sich verschenkendes Du.

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