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LIEB HEIMATLAND, ADE!

Heimatschriftsteller stehen bei uns hoch im Kurs — falls sie über die Heimat der anderen schreiben. William Faulkner ist ein ausgesprochener Heimatschriftsteller, man kann bei ihm daheim die Hauptpersonen seiner weitverzweigten Südstaaten-Saga auf der Straße treffen. Jean Giono ist der Dichter seiner provencali-schen Heimat Charles Ramuz war der Dichter des Walliser Gebirges und des Waadtlandes. Man hat ihn verkannt, aber stellte ihn schließlich doch neben den Heimatschriftsteller Jeremias Gotthelf. Johann Peter Hebel schrieb und sprach alemannisch, Hegel hielt seine philosophischen Kollegs auf schwäbisch. Wer wissen will, wes Geistes Kind Nietzsche war, der muß den „Zarathustra“ laut auf sächsisch lesen, dann wird ihm alles klar. Die Sehnsucht nach der Heimat spornte Odysseus und Äneas an. Camus und Hamsun waren tief in ihrer Heimat verwurzelt. Man kann Hugo von Hofmannsthal nicht begreifen, wenn man sein Österreichisches Erbteil nicht versteht. Gerhart Hauptmann starb, als er seine Heimat verlassen wollte.

Inzwischen verschafft ee Nimbus, keine Heimat zu haben. Zuerst hat „die Linke“ mit der Heimatlosigkeit kokettiert, allmählich möchte keiner, der etwas auf sich hält, irgendwo daheim sein, allenfalls im Tessin seine zweite Heimat haben. Die Heimat ist kompromittiert, der Überbewertung des deutschen Wesens ist da Gegenteil gefolgt. Einen Heimatschriftsteller kann man sich nur noch als resignierten Greis vorstellen, „Heimatdichter“ ist e% Synonym für „Dorfpoet“, wenn nicht gar ein Schimpfwort. Es klingt nach Engstirnigkeit, Provinzialismus, Blut und Boden. „Sie wohnen in ihrem Vaterland wie Gäste“, heißt es in einem Brief, der freilich schon 1750 Jahre alt ist, „sie beteiligen sich an allem wie Bürger- und lassen sich doch alles gefallen wie Fremdlinge.“ Was ist nun aber Heimat, etwa ein Geburtsort oder gar ein „unabdingbares Recht“, wie es in der Sprache der Heimatverbände heißt? Carl Jacob Burckhardt definierte Heimat als Korrelativ zum Unvertrauten, als untrüglichen Sinn für das Gemäße, Zugehörige, Entsprechende. „Aus dem uns Gemäßen bauen wir unsere innere Heimat auf, aus unserer Wahl sind wir zu erkennen.“

weder ihn noch die anderen. Gewiß hängt hier vieles von deT Anlage ab. Wer schon von Geburt an ein Nervenbündel ist, wird sich fredlich schwer tun, das müßte aber ärztlich festgestellt werden. Annehmen darf man es nicht so ohne weiteres.

Die meisten Menschen lassen sich einfach gehen. Sich: das sind die Nerven. Sie räumen ihnen zu viele Rechte ein. Man kann schon einiges dagegen tun und muß nicht jede innere Regung gleich nach außen kundgeben, womöglich durch gellendes Geschrei. Man muß auch innerlich nicht jeder Stimmung nachgeben. Hier wäre die tägliche Selbstverleugnung, das Nein zur eigenen nervösen Art, am Platz.

Doch es wäre ungerecht, allen zappeligen Menschen einfach die Selbstverleugnung abzusprechen. Manche haben ihren Kräften zuviel zugemutet, daher haben sie die Gewalt über sich verloren. Sie sind wirklich zu schwach, sich selbst in der Hand zu haben und zu behalten. Und hier hilft oft der gute alte Rat: Ausspannen!

Ja, aber ich habe keine Zeit zum Ausspannen, die Arbeit drängt und muß erledigt werden. Mir wäre es ohnehin lieber, ich könnte die Arbeit Arbeit sein lassen wie die anderen, aber es geht einfach nicht, ich bin eben ein Sklave meines Berufes und meiner Pflichten, möchte nur wissen, wann ich ausspannen soll und wer. inzwischen die Arbeit macht, die Leute nehmen ja keine Rücksicht auf mich; freilich ginge es, wenn die Menschen nur mehr Einsicht und Verständnis hätten, aber so sind eben die Menschen, und ich ...

Darf ich einen Augenblick unterbrechen, liebe Dame oder lieber Herr? Ich weiß nicht, welchen Beruf Sie haben, aber als zappelndes Bündel werden Sie ihm kaum nachkommen können. Reden wir vorderhand einmal von der Arbeit am Reiche Gottes, die für uns Christen ja Pflicht ist. Für diese Arbeit braucht man Nerven, die halbwegs in Ordnung sind. Man muß ja überlegt und klug vorgehen. Weder sich selbst noch andere kann man in hastigen Zickzackkurven ins Reich Gottes bringen.

Wir brauchen zunächst seelische Ruhe zum Beten. Ein zerfahrenes Sprechen mit Gott, wobei man andauernd die zerstreuenden Gedanken wie lästige Gelsen verscheuchen muß, ist ja doch kein rechtes Beten. Mag sein, daß Gott solche Störungen bisweilen zu unserer Prüfung zuläßt. Meist liegt es aber# nur an unserer Müdigkeit, daß wir nicht recht beten können. Sammlung gibt Kraft, sie verbraucht aber auch Kraft. Wenn man nun über diese Kraft nicht mehr verfügt, so ist man eben hoffnungslos zerstreut, und das Beten wird zappelig, langweilig, verdrossen. Man ist dann versucht, es überhaupt aufzugeben, und wer weiß, ob man wieder hineinfindet? Erzwingen läßt sich hier nichts. Eine' Gewalt-Aszese führt unweigerlich zum Zusammenbruch.

Aber manche Heilige haben doch auch übergroße Lasten auf sich genommen, bis sie zusammenbrachen? Gewiß, für wen Berufung und Gnade zu einem solchen Opfer der Selbstvernichtung unzweifelhaft feststehen, mag es tun. Aber woran erkennt man diese'Berufung? Se'hr'einfach: dara,'tteßkiasm diese über- ■ große Last samt dem Zusarnh\e,n^rtfch“'ertragen kflfln. ohne 'den Mitmenschen lästig zu fällen oder' ihnen auf “die Nerven zu gehen. Jene Heiligen blieben bei aller Überarbeitung und schlaflosen Nächten freundlich und liebenswürdig, hatten Geduld, Nachsicht, Langmut, waren gütig und beherrscht. Ein Zeichen dafür, daß Gott ersetzte, was sie für Ihn verschwendeten.

Wenn man es fertigbringt, trotz überlasteter Nerven, nicht nervös zu sein, dann kann man allenfalls von einer besonderen Berufung reden. Wer sich aber gebärdet, wie oben geschildert wurde, der möge lieber den gewöhnlichen Weg gehen, und zwar den zu einer vernünftigen Erholung. Sonst hat er es sich selbst zuzuschreiben, wenn er nach und nach alle Freude an geistlichen Dingen verliert, vor allem am Beten, weil dieses für ihn kein Sprechen mit Gott, sondern nur noch ein Kampf mit gebetsfremden Gedanken ist.

Auch bei Versuchungen ist ein nervöser Mensch eher der Gefahr zum Sündigen ausgesetzt als ein ruhiger. Innerliche Unruhe ist ja ein Zustand, der den bösen Feind zum Angriff förmlich herausfordert. In älteren aszetischen Büchern liest man die gar nicht unweise Bemerkung, daß wir uns nie von der „Natur“ überwältigen lassen sollen. Hier ist natürlich die zum Bösen geneigte Natur gemeint, das an uns, was zur Sünde, zur Entscheidung gegen Gottes Willen drängt. Wer will bestreiten, daß die Natur eines nervösen Menschen ihn heftig zu Sünden gegen Liebe, Gerechtigkeit, Geduld, Sanftmut, Hoffnung, Vertrauen, in schweren Fällen auch gegen die Keuschheit drängt? Man ist so leicht geneigt, alles hinzuwerfen und sich fallen zu lassen. Gewiß kann man hier nicht leicht von überlegten und gewollten Sünden sprechen. Wer aber einen seelischen Zustand, deT ihn zu Sünden geneigt macht, herbeiführt oder nicht ehrlich bekämpft, hat die nächste Gelegenheit zur Sünde selbst in sich hineingetragen oder beläßt sie in sich, und das ist wohl sicher fehlerhaft. Ferner: einen Rest an persönlicher Entscheidungsfreiheit behält auch der nervöseste Mensch. Wäre sie ganz auf-

gehoben, dann wäre dieser Mensch ja nicht mehr normal. Es besteht die Gefahr, daß man mit diesem letzten Rest an persönlicher Freiheit dem Drängen der nervösen Natur nachgibt, und dann muß man wohl von Sünde reden.

Schließlich leidet unter den schlechten Nerven vor allem unsere Arbeit für das Reich Gottes an den Mitmenschen. Wie will ein Mensch anderen etwas geben, wenn er vor Ungeduld zittert, daß sie endlich einmal verschwinden mögen? Überarbeitete Menschen sind leicht launenhaft, sprunghaft und gereizt. Oder auch verdrossen und trübsinnig. All das taugt nichts für echte Seelsorgearbeit. Unser Herr vergleicht das Wachstum des Reiches Gottes mit dem ruhigen, gänzlich unaufgeregten Wachsen der Pflanzen, mit dem unmerkbaren Wirken des Sauerteigs in der Masse. Auch der Diener am Reiche Gottes sollte etwas von dieser naturhaften Tuhe in sich haben.

Aus all dem ergibt sich die Pflicht zur Erholung. Wer es sich leisten kann, gründlich auszuspannen, möge Gott für diese Gnade

danken und mit ihr zusammenwirken. Lassen wir uns nicht von unserer Arbeitslast abhalten. Wenn wir stürben, würde sie auch liegenbleiben, und vermutlich länger als drei Urlaubswochen. Es sind schon viele Menschen aus wichtigsten Arbeiten durch den Tod herausgerissen worden, und die Welt ist dennoch nicht untergegangen. Bedenken wir, daß wir als ausgeruhte Menschen nach den Urlaubstagen mit Leichtigkeit und vor allem mit innerem Schwung in ein paar Tagen das gleiche leisten können, wofür wir als Nervenkrüppel ebenso viele Wochen brauchen.

Aber auch während des Arbeitsjahres sollten wir die Gelegenheit zur Erholung wahrnehmen. Einen Spaziergang, einen Ausflug, einen gemütlichen Abend im Freundeskreis, einen Theater-, Konzert- oder auch Kinobesuch: alles das soll man nicht einfach ungenützt vorbeigehen7 lassen. Wir brauchen dies heute mehr denn je.

Und schielen wir nicht auf die aszetischen Leistungen der Menschen von früher! Ein Mönch, der besinnlich Buchstabe für Buchstabe malte, diese Arbeit mit Chorgebet oder körperlicher Tätigkeit abwechseln ließ, der bei der Dämmerung aufhören mußte, war sicher nicht nervös und konnte es sich leisten, durch Schlafentzug ein Opfer zu bringen.

Die Menschen von früher hatten auch nicht soviel im Kopf wie wir, Wenn in irgendeinem Winkel der Welt etwas los war, erfuhr man es im anderen entweder überhaupt nicht oder erst nach einem halben Jahr. Wir aber bekommen Tag für Tag das ganze Weltgeschehen aus der Zeitung in den Kopf gestopft, wir sehen und hören fortwährend irgend etwas Neues, und gewöhnlich sind es nicht beruhigende Dinge. Unsere Seele muß den ganzen Tag würgen und schlingen: ist es da ein Wunder, wenn wir müde und verbraucht sind? Wir müssen unsere Aszese auf unsere Zeit einstellen, und in dieser Zeit gilt es, jede Stunde Schlaf zu schätzen.

Die Arbeit für das Reich Gottes, ob sie nun an uns oder an anderen geschieht, verbraucht viele Kräfte. Es ist genauso wichtig für das Reich Gottes, diese Kräfte zu ersetzen, wie, sie zu verbrauchen. Unklug handelt, wer sich selbst ausplündert und dann dem Feind müde und schwunglos entgegentreten muß. Denken wir an das Gleichnis Christi vom Feldherrn, der mit zuwenig Soldaten dem Feind entgegenzieht, und an das vom Baumeister, der mit ungenügenden Mitteln einen Turm errichten will.

Es ist die Arbeit für das Reich Gottes, wenn wir uns erholen, um nachher besser arbeiten zu können. Wenn wir deshalb als Müßiggänger und Genießer betrachtet werden: gut, dann haben wir dazu noch eine wertvolle Demütigung eingeheimst.

Wir sollen ein Ebenbild des ruhigen, geduldigen Gottes sein. Wir sollen klug und überlegt am Aufbau des Reiches Gottes mitwirken: dazu bedürfen wir aber unbedingt auch der Erholung und Ruhe. Gott selbst wirkte sechs Tage, am siebenten aber ruhte Er, uns zum Vorbild, denn Gott selbst kennt keine Müdigkeit.

Und was wird das Ergebnis dieser Erwägungen sein? Die eifrigen A'b*-ter werden sagen: Wahrscheinlich bin ich zur Selbst-vrrn'chtun? bestimmt, also arbeite ich raubbauhaft weiter. Und die Tagediebe werden die Pflicht zur Erholung betonen. Und da soll man- nicht nervös werden... !

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