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Digital In Arbeit

Der entfesselte Proleteus?

Wiederholt wurden in letzter Zeit klare Diagnosen über unsere kulturellen Sdiwächezustände gestellt; man bricht in Klagen über das Versinken kulturtragender Schichten oder deren Verarmung aus, man vermißt das „Publikum" und hält Grabreden auf die aussterbende Tradition; man beantragt lebensverlängernde Geldinjektionen von seiten des anonymen Staatssäckels und isoliert sich dabei nationalökonomisch ebenso unvernünftig von den zeitgeborenen Denkkräften wie manche europäischen medizinischen Kreise, die noch immer nicht einsehen wollen, daß die Physiologie heute als Basis der wissenschaftlichen Arbeit wesentlicher geworden ist als die Pathologie. Es geht aber um die Arbeit am lebenden VolkskörIjer, um die Arbeit für ihn; es geht um Gegenwart und Zukunft, nicht um die Erhaltung der Vergangenheit, die ihren generationsgebundenen Gesetzen folgte, wie wir den unseren folgen müssen. Zu all den unvergänglichen Idealen der Menschheit führen von unserem völlig veränderten Standort aus nicht mehr dieselben Wege des täglichen Lebens oder des Feierabends, auf denen unsere Väter zu Beethoven, Stifter oder Waldmüller, zur Idylle einer altösterreichischen Sommerfrische oder zur Gemütlichkeit einer Kartenpartie gelangten. Beseitigen wir die falsche Deutung des Begriffs „Tradition" im Sinn von Reaktion gegen das Fortschreiten des Lebens, gegen dessen stündliche Erneuerung aus dem schöpferischen Atem des Ewigen.

Distanzieren wir uns einmal nicht von den Kreisen, die ohne Bücher, ohne Musik, ohne Bilder auskommen zu können glauben, sondern bedauern wir sie wie arme Menschen, die nie gereist sind und nur ihre engste Umgebung kennen. Und dann überlegen wir, was unsererseits geschehen ist, um diese Unglücklichen an unserem Kulturbesitz teilhaben zu lassen. Haben wir sie gelehrt, das Geld, das sie, nicht wir, von unseren Vorfahren übernommen haben, für dieselben schönen Dinge auszugeben, wofür wir es anwenden möchten? Haben wir ihnen, die mit ihren praktischen Berufen das Trümmerfeld zweier Kriege entrümpeln und uns verproviantieren mußten, von der Kanzel, vom politischen Rednerpult, vom Katheder in der Schule und von der Zeitung aus die Möglichkeiten, ihre Seele zu verköstigen, gezeigt und zugänglich gemacht? Haben wir, die „Pächter der Kultur", wirklich ernsthaft versucht, unsere Ernte zu veräußern? Sind schon einmal die verschiedenen Stände — Pardon: Branchen — ersucht worden, in ihren Reihen eine Statistik darüber aufzunehmen und im Fachblatt zu veröffentlichen, wer von ihren Berufskollegen am geistigen Leben der Nation teilnimmt, also zum Beispiel wie viele Bäcker Abonnenten der philharmonischen Konzerte, Mitglieder der Sezession oder des Künstlerhaises sind usw., usw.? Millionen werden wir von diesen Kreisen bekommen, wenn wir ihnen endlich einmal zugestehen, daß sie in die Rolle der ehemals fürstlichen Mäzene einrücken. Probatum est.

Wir können und dürfen das geistige Leben nicht dem Zufall ausliefern, ob wir musische oder amusische Minister oder Bürgermeister haben; der oft gehörte Vergleich stimmt nicht, daß das Kunstleben, speziell Theater und Konzert, so von Staats wegen zu bewirtschaften und zu lenken seien wie die öffentliche Parkpflege oder der so segensreiche Denkmalschutz. Zum Kunstleben gehört ja nicht nur die Veranstaltung künstlerischer Ereignisse, sondern vor allem die Atmosphäre, in der sie stattfinden sollen,, also das — momentan vermißte — Publikum. Und das wird gewiß nicht anders neu erstehen als durch eine systematische . Werbetätigkeit, wie sie in den Vereinigten Staaten von seiten der auch volksbildnerisch tätigen Kirchen und so aktiven Kulturverbände jedem einzelnen anerzogen wird und längst Bedürfnis ist. „Take to Church somebody this week!“ Freundlich spricht dieser Imperativ in jedem Bus, in jeder Subway von einem hübschen Plakat zu uns und lehrt uns etwas, das wir Europäer vergessen haben: daß der Mitmensch wert ist, sich mit ihm zu beschäftigen, gerade dann, wenn er nicht auf unserer Ebene lebt! Unsere Pflicht zur geistigen Wohlfahrt shilfe ist nicht geringer als die der materiell Reichen zur Armenhilfe. Aber während diese seit Generationen organisiert ist, ja sogar zum guten Ton gehört und man auf jeder Sammelliste sehr genau schaut, wieviel die Nachbarn gespendet haben, und dann halt doch gern mehr gibt, wenn’s nur halbwegs geht, haben wir den Bildungswettkampf von Nachbar zu Nachbar völlig aufgegeben, obwohl Volkshochschule, Volksmusikschule, Museumskurse für unseren ahnungslosen Nachbarn ebenso da sind wie für uns, die ach so traditionsreich Wissenden!

Wir mokieren uns über Geschmacklosigkeiten unserer Mitmenschen, empören uns mit Recht über öffentliche Boxkämpfe, Motorräder ohne Schalldämpfer, über das abgründige Vorhaben, wieder die Bestimmungsmensur als akademische Barbarei einzuführen, werden uns aber nicht klar darüber, daß all diese Entgleisungen die natürliche Folge der sogenannten Demokratie sind, die nur richtiger als Dämokratie zu schreiben wäre, weil sie allen bösen Dämonen im Volk freies Spiel läßt, angefangen von der Preistreiberei bis zum Seelenmord des schlechten Buches oder schlechten Films. Wir sagen ausdrücklich: der sogenannten Demokratie, also der mißverstandenen; das ist jene, die dem Proleten dient statt dem Proletarier, indem sie gemeine Instinkte und Bedürfnisse nicht nur nicht eindämmt, sondern aus ihnen sogar Nutzen zieht siehe wieder Boxkampf, Film usw.

Wir müssen als geistige Arbeiter ein mal klar Stellung beziehen innerhalb der sozialen, nationalökonomischen Reihung: wenn wir uns als Produzenten betrachten,

haben wir nüchtern darüber nachzudenken, ob unsere Erzeugnisse gebraucht werden. Ist dies nicht der Fall, so kann die Schuld ja doch auch bei uns selber liegen, weil der eine oder andere vielleicht etwas ganz Unzeitgemäßes produziert, das fängst durch etwas Besseres überholt ist; dazu gehören viele der liebenswerten, aber ganz verstaubten Basteleien so mancher unserer „heimischen Dichter oder Tondichter".

Betrachten wir uns als Konsumenten, so ertappen wir uns — Hand aufs Herz! — sei einem sehr engen Eklektizismus, indem wir als geistige Nahrung nur das aufnehmen wollen, was vergangene Generationen für unsere Vorfahren produziert haben. Wir gehen in alten Wäldern spazieren, ohne Baumschulen anzulegen und zu pflegen, wir nennen uns schöngeistig und tun nichts, um das geistige Schaffen unserer eigenen Generation reifen und sich klären zu lassen, indem wir es dtirch unsere mitdenkenden Gehirne, unsere mit fühlenden Herzen lenken. Seien wir ehr lieh und gestehen wir, daß das geistige Lager auch völlig zersplittert ist und uns nur die Notgemeinschaft aller wieder zusammenschweißen kann. Es gibt keine weltanschaulich begrenzte Kultur, sondern nur Kultur oder Unkultur. Und diese hängt immer nur vom Qualitätssinn des einzelnen wie von dem eines Volkes ab.

Freilich muß eine poliHsche Führung es sich leisten können, das Volk zur An-

spruchsfülle zu erziehen. Da dies der beste Weg ist, die Produktion zu steigert! 'uijd zu verbilligen, sollte man glauben, daß diese Raison auch in Mitteleuropa Platz greifen könnte. Auf der Basis eines hygienischen, appetitlichen Standards des täglichen Lebens, Zivilisation genannt, Stellt sich alsbald die Kultur von selber ein. Kultur statt Zivilisation, das gibt’s in unserem Jahrhundert — hoffentlich — nicht rpehr, denn die heute arbeitende, Gottes Erde bestellende Menschheit braucht Priester, Künstler, Gelehrte und Beamte, denen das Beste gerade gut ge nug ist, um unser Leben würdig zu gestalten, dieses Leben, das uns der Herrgott gegeben hat und nicht der Teufel.

Immer und immer werden es Sdiuje und Kirche sein, die für das Wachwerden der geistigen Bedürfnisse im Volk verantwortlich sind, wenn die Familie ver-

sagt. Es soll sich unlängst im Ennstal ereignet haben, daß eine Lehrersfrau eine Klavierlehrerin rügte, weil sie ihren Buben „ein ganz melodieloses Stück von diesem Bgch" spielen lassen wollte. Der Autor dieser Zeilen, der selbst auch lehrt, ist dävon überzeugt, daß es eine große Schuld schlechter Lehrer gibt, denn sonst wäre auch der in diesen Seiten kürzlich beklagte Sprachverfall nicht so vehement, wie wir immer wieder wahmehmen können.

Alle Moral fängt damit an, daß der Mensch sich seiner selbst bewußt wird, in Tat und Wort. Und dieses Bewußtsein bändigt, fesselt den Proleten in ihm. Aber solange ihm die niedrigen Genüsse leichter erreichbar sind als die hohen, die ihm meist überhaupt gar nicht angeboten werden; kann's ihm niemand verargen, daß er an ihnen Genüge findet H- S.

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