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Schicksale außer der Norm

VIELLEICHT HAT ES EINE TIEFE VORBEDEUTUNG, daß St. Pius in Peuerbach in der Landschaft des Innviertels entstand. Beglückt empfindet man die herbe Innigkeit der Umgebung: Hügelland, soweit man schaut Wiesen, Wälder, breites Land. Es ist ein mütterliches Land ohne Pathos, ohne große Geste, in dessen Schoß ein Heim für geistig behinderte Kinder entstand.

Das Heim wurde nach Überwindung der verschiedensten Schwierigkeiten im lahre 1957 gegründet, doch fanden damals nur 30 Kinder im Hause Unterkunft und Pflege. Der ehemalige Bauernhof — selbst ein karitatives Vermächtnis — wurde daher mühsam um- und ausgebaut; 1960 wurde außerdem mit dem Bau des ersten Schulgebäudes begonnen — seit Anfang 1962 ist es auch bezogen. Seither ist Platz für 125 Kinder. Sie erhalten in St. Pius eine ihnen gemäße Erziehung, auch der Lehrplan der Schule ist ja den besonderen Verhältnissen angepaßt.

Immer noch warten aber etwa 200 Kinder in Oberösterreich auf ihre Aufnahme in St. Pius; um sie unterbringen zu können, muß weitergebaut werden. Auch das eine Schulgebäude wird dann nicht mehr ausreichen, ein zweites ist daher schon lange geplant. Die Caritas Linz — als Initiator und Besitzer — ist intensiv bemüht, das Institut entsprechend zu erweitern.

Diese Daten sind leicht hingesagt. Wenn ein Haus steht, denkt der Betrachter nicht mehr an Schulden, wenn ein Resultat da ist. vergißt jeder, daß es unermeßliche Schwierigkeiten gekostet hat und vielleicht noch immer kostet.

So auch hier. Jedes Hilfswerk — und dieses im besonderen — verschlingt Geld. Nichts kann heute ohne finanzielle Anstrengung eetan und vollbracht werden. Die Werke der barmherzigen Liebe aber sind um so schwierieer, weil ihnen die bittere Arbeit des Betteins vorangehen muß. Spendenaktionen und Anleiheaktionen verursachen viel Mühe und eine Unzahl persönlicher und seelischer Opfer und Demütigungen. Es ist dann nur die Liebe, die dem Helfenden immer wieder — trotz aller Fehlschläge und Verständnislosigkeiten — die Kraft gibt, um der Notwendigkeit willen das scheinbar Unmöeliche zu tun, das scheinbar Unerträgliche doch zu ertragen und sogar zu überwinden. *

DER ÄUSSERE EINDRUCK VON ST. PIUS ist der eines gepflegten ländlichen Hauses. Die schöne neue Schule mit den modernen großen Fenstern ist ein erfreulicher Blickpunkt; die ruhige Umgebung, die weiten Wiesen, all das vermittelt eine sehr wohltuende Atmosphäre — aber das Innere des Heimes ist mehr als erschütternd.

Man braucht kein Enthusiast und kein Schwärmer zu sein, um den Bruch zu spüren, der in St. Pius durch die Welt geht. Die Not dieses Hauses besteht freilich nicht in Hunger oder Krankheit im üblichen Sinn, aber die Wunde, die da offen ist, ist wohl härter zu ertragen als alles andere: Hier ist das Zentrum der Menschlichkeit in sich selbst be- und getroffen, und zwar mit einer Unerbittlichkeit, die keinen Vergleich mehr kennt.

Was haben wir denn gesehen? Kinder, die uns unverstehend anstarren oder in ein unmotiviertes Gelächter ausbrechen,

Kinder, die ohne Spur von Verständnis dem normalen Gespräch Erwachsener gegenüberstehen,

Kinder, die sich beschmutzen und sich unkontrolliert ihren Regungen überlassen;

andere wieder, die sich mühen, Buchstaben von einer Tafel abzuzeichnen — ja: zeichnen, denn ein wirkliches Schreiben kann man ihre Tätigkeit nicht nennen; sie begreifen kaum, was sie tun, sondern folgen nur ihrem Trieb der Nachahmung, das ist alles.

Wir haben Kinder getroffen, die nicht imstande waren, einen einzigen selbständigen Satz richtig und deutlich zu formen und auszusprechen; Kinder, getragen von einer ungehemmten Bewegungsunruhe;

andere: mißgestaltet an Händen und Füßen, verwachsen, unfähig einer aufrechten Körperhaltung, Finger und Zehen zusammengewachsen; wieder andere: mongolid — sie sehen einander alle in einer furchterregenden Art ähnlich, gleich häßlich, gleich unfähig, deutlich zu sprechen — gleich arm und krank.

Alle Arten mentaler Erkrankung, alle Arten cerebraler Fehlentwicklung haben wir in den Kindern von Sankt Pius ausgeprägt gefunden.

Und wenn man um die Verhältnisse fragt, aus denen diese Schicksale aufwuchsen: nur ein relativ kleiner Teil der kranken Kinder kommt aus ungeordneten Lebenskreisen. Erschrek-kend groß ist dagegen die Anzahl derer, die aus geordneten Familien kommen.

Sohn eines Oberlehrers: Epileptiker, Sohn einer Künstlerin: ein Mongolider, Sohn eines Bankbeamten: auch mongolid...

125mal fragen wir — 125mal wird uns eine Antwort zuteil, die an Bitternis nicht zu wünschen übrigläßt: geistige Invalidität.

DIESE FURCHTBARE KRANKHEIT zeigt sich in der Hauptsache darin, daß dem betroffenen Menschen jede Art von Willenskraft fehlt. Was ihn bewegt, ist Trieb, was er tut, ist nur Reaktion; und da das Unterscheidungsmerkmal zwischen Gut und Böse — das eng mit dem wahren, freien Willen zusammenhängt — für den geistig behinderten Menschen nicht vorhanden ist, ist diese Reaktion an nichts kontrollierbar.

Erziehung — deren Ziel darin besteht, ein nur reaktionshaftes Dasein in ein bewußt tätiges umzuwandeln — ist im Falle der geistigen Behinderung besonders schwierig. Der fehlende innere Halt muß durch eine konsequente äußere Stütze ersetzt werden, das heißt in diesem Fall: Es muß für den kranken Menschen eine entsprechende Umgebung geschaffen werden, die seine zu erwartenden Reaktionen ordnend auslöst und auffängt. Es muß eine logische Bevormundung erzeugt werden, um zu verhindern, daß die ohnehin nur spärlich vorhandenen Fähigkeiten sinnlos zerflattern. Die innere Bahn der Möglichkeiten muß also eine entsprechende Begrenzung von außen her erfahren, um wirksam werden zu können.

Man spricht das so leichthin aus, was aber ist dann die Praxis: Lehrer, Erzieher, Schwestern brauchen ein Übermaß an Geduld und Liebe — aber diese Liebe darf keine schwärmerische Anwandlung sein; es ist eine harte Liebe, die diese armen Menschen brauchen, eine konsequente Liebe — eine Liebe, die ihnen nicht nachgibt, sondern die sie hält.

Das bedeutet: eine unaufhörliche Wachsamkeit, ein immer und immer wieder ,,Das-selbe-Sagen“; immer muß Hilfeleistung gegeben werden, niemals können die Kranken sich selbst überlassen bleiben, denn sie leben in einem Zustand der Zeitlosig-keit. Es gibt für sie kein Gestern und kein Morgen — sie leben nur jetzt, heute, gegenwärtig, und das genügt ihnen.

Aber wenn es auch ihnen genügt — der Welt, in der sie aufwachsen, genügt das nicht. Speziell die Welt unseres Jahrhunderts ist keine Welt der Gegenwart — sie hat daher auch keine Ruhe und Geduld. Aber immerhin ist es doch die Welt, in welcher wir alle durch Gewöhnung so leben, daß uns selbst ihre manchmal irreale Realität noch als Norm erscheint. Wir leben in dieser Welt als in unserer speziellen Gegebenheit, wir werden ihr mehr oder weniger gerecht, und das Maß der Bewältigung des gegebenen Zu-standes nennen wir unser „Leben“.

Anders die, denen die geistige Kraft mehr oder weniger versagt ist. Sie verirren sich in diesem Sein; sie leben zwischen den Situationen und werden von ihnen zerrieben. Sie haben nichts in sich als einen unbewußten Bewegungsdrang, den sie nicht in Tat umsetzen können, weil sie nicht wissen, was er bedeutet. Sie können mit ihren kleinen Kräften nicht in Vergangenheit und Zukunft reichen — und ohne das sind sie nicht geeignet für diese Welt.

Und müssen dennoch in ihr sein. *

DARAN ABER KNÜPFT SICH UNSERE — der normalen Menschen — Verpflichtung den Kranken gegenüber. W i r bewegen die äußere Welt, wir verändern, wir bilden sie. Wir müssen auch den Geistinvaliden das Recht einräumen, ihr eigenartiges Dasein der „N u r - G e g e n w a r t“ ohne Gefahr für sich und die Welt zu vollbringen — ihr Dasein, das ihnen, da sie nun einmal leben, aufgetragen ist zu einem Sinn und Zweck, der uns höchstens vermutbar, niemals aber wißbar ist.

Wenn also unser allgemeines Leben ein Milieu ist, in dem diese Kranken verloren sind, an dem sie zerbrechen, müssen wir ihnen ein eigenes schaffen. Wir müssen ihnen eine Geborgenheit aufbauen, die ihnen Schutz vor sich selbst, Schutz vor der Welt gibt und darüber hinaus die Möglichkeit, ihre geringen Fähigkeiten in Ruhe und ohne alle verwirrende Konkurrenz auszuwerten. Arbeit und Betätigung ist die einzige Brücke, die uns normale Menschen mit den geistig Behinderten verbindet.

MAN MUSS DIE FREUDE DER ARMEN KINDER von Peuerbach über ihre Fleckerlteppiche, über ihre Webarbeiten, über ihre Basteleien gesehen haben, um zu verstehen, was ihnen ein „Vollbringen“ bedeutet. Ihr Dasein besteht aus einem unerhört starken, aber auch genauso ungezügelten Beschäftigungsdrang; wenn es ihnen aber gelingt, diesen Drang in ein sinnvolles Ergebnis umzuwandeln, dann sind sie überglücklich. Arbeit, geregeltes Tun, sei es im Freien oder in den Werkstätten, macht die Kinder von Sankt Pius zusehends freier und gelöster; sie sind dann viel weniger ihren angeborenen nervösen Spannungen ausgesetzt, ja ihr Benehmen nähert sich, wenn sie so beschäftigt sind, beinahe dem normaler Kinder: sie plaudern und lachen miteinander und bewegen sich viel natürlicher als sonst.

Alle Erziehung in Peuerbach — auch die schulische — zielt daher auf sinnvolle Beschäftigung. Freilich, auf Erfolg in normalem Wortsinn darf nicht gewartet werden. Anders als beim normalen Kind hängt beim geistig behinderten jede Tätigkeit immer wieder von einem auslösenden Moment ab; die Handfertigkeiten, die die Kinder von St. Pius mühsam erlernen, sind unbewußte Reaktionen, die durch fixierte äußere Umstände ausgelöst werden müssen. Die Arbeit der Lehrer und Erzieher ist daher unvergleichlich härter als unter normalen Umständen. Niemals kann sich eine Tätigkeit bei diesen Kindern ohne Hilfe, ohne äußeres Zeichen vollziehen, weil ihnen ja Wille und Vernunft als Antriebsbeziehungsweise als Vergleichsmoment fehlen; ja, dem geistigen Zustand entsprechend fehlt auch jegliche gesunde Neugier und jedes bleibende Interesse, weil es auch keine Vorstellung und keine Erinnerung gibt.

In erhöhtem Maß drängt sich daher die Notwendigkeit auf, diesen armen, geistig benachteiligten Kindern wenigstens durch eine speziell für sie geeignete Erziehung — selbst, wenn sie in krassen Fällen kaum mehr als Dressur sein kann — eine bescheidene Möglichkeit einzurichten, die aufgestaute formlose Energie ihres Lebens in eine geordnete Bahn zu lenken. Sie brauchen ein geschlossenes Milieu, sie brauchen einen von der normalen unduldsamen Welt abgegrenzten Lebenskreis, um bestehen zu können; sie brauchen eine Umgebung, die ihren Schwächen, aber auch ihren bescheidenen Möglichkeiten gerecht wird, eine Umgebung, die ihre Eigenschaften nicht vergleichend, sondern vielmehr ausgleichend auffängt. Sie brauchen Hilfe und finanzielle Unterstützung — wer aber soll sie ihnen geben, wenn nicht wir, die wir verschont sind von ihrem furchtbaren Geschick?

ST. PIUS IST NOTWENDIGER ALS WIR AHNEN, und wer es einmal erlebt hat, geht nicht mehr unbefangen in seine eigene Welt zurück.

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