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Dschungelmoral

Die Diskussion um die Verwilderung breiter Schichten der städtischen und der verstädterten Jugend in den Dörfern wird nun auch in Oesterreich mit einer erstaunlichen Leidenschaft geführt. Die ausgezeichneten Ausführungen, die Dr. Egger dem Thema in Nummer 19 der „Furche“ gewidmet hat, sollten unter anderem Anlaß sein, die Frage des Absinkens gewichtiger Schichten der männlichen Jugend in einen neuen Techno-Primitivismus vor allem vom Soziologischen und vom Sozialpädagogischen her zu untersuchen. Freilich dürfen wir nicht das Phänomen der „Halbstarken“ in einer gefährlichen Vereinfachung mit der Sache der Jugendverwahrlosung identifizieren. Was wir an den „wilden“ Eckenstehern und Mopedreitern in Gestus und Kleidung so drastisch finden, kann in abgewandelter Form da und dort auch bei den vornehm tuenden Angehörigen einer sich superintellektuell gebärdenden Gruppe etwa von Studenten oder bei den vom gesprochenen Wort bis zum Haarschnitt an ausländische Vorbilder angeglichenen Mitgliedern jener Schichte gefunden werden, die sich zur sogenannten „Gesellschaft“ rechnet.

Im weitesten Sinn ist das Problem aber eine schichttypische Demonstration der „kulturellen Verzögerung“, des „cultural lag“, das heißt des Faktums, daß die kulturellen Fortschritte mit jenen der Technik nicht Schritt halten konnten.

Zu den Ursachen des Entstehens der österreichischen „Halbstarken“ wäre ergänzend zu sagen:

1. Die Distanzierung großer Teile der Arbeiterjugend von jeglicher Politik (sie sei denn unmittelbar in Verbindung mit einer Lohnoder Urlaubsfrage) und das relativ geringe Interesse, das heute die Sozialistische Jugend bei den jungen Arbeitern findet, hat diese anarchistischen Ideen zugänglich gemacht. Die verzückte

Begeisterung im bürgerlichen Lager, als Bednarik sein Buch über den jungen Arbeiter von heute veröffentlichte, war falsch am Platz. Ohne institutionelle Bindung — und die Sozialisten verstanden es ehedem wohl, große Teile der Jugend vor allem in den Fabriken in wohlgefügte organisatorische und auch geistige Disziplin zu nehmen — bricht gerade bei den Jungen ein Scheinindividualismus durch. Die Flucht aus dem Zwangskollektiv etwa des entseelten Arbeitsprozesses zeigt sich dann in einer gestenreichen und rechtfertigungslosen Ablehnung jeder Ordnung, sie sei von diesem oder jenem Geist. An die Stelle der unter Kontrolle befindlichen Gruppen sind nun informelle Gruppen, Quasiorganisationen, entstanden, Horden gesinnungsloser Freischärler, die lediglich den stärksten „Männchen“ gehorchen, welche eine despotische Herrschaft ausüben.

Da und dort hat man versucht, die jungen Menschen in Klubs zu erfassen. Heute wissen wir, daß eine Gemeinschaft, die ohne Bindung nur aus Ping-Pong-Spiel und Palaver besteht, ohne Einfluß, zumindest ohne positiven, bleibt. Wie stolz sind manche so ungemein christliche Eltern darob. daß ihre neunmal klugen Kinder jede Gemeinschaft meiden, für die sie sich viel zu gut dünken. Im allgemeinen verlottern jedoch — nach meiner beruflichen Erfahrung — eher jene jungen Menschen, die ohne Gemeinschaftsbindung zu leben versuchen. Das gilt ganz besonders für die jungen Arbeiter.

2. Versagen die Eltern weithin. Was sind denn das für Mütter, die ihre Töchter die Kleidung von Kokotten tragen lassen, die ihre Kinder in Gesellschaften übelsten Niveaus mitnehmen und nichts dabei finden, wenn ihre Sprößlinge bei Kinderbällen mittun, die es nun auch bereits im katholischen Raum gibt? Wenn man sieht, was Eltern ihren Kindern gestatten, muß man oft davon aussehen, daß die Frau Mama sich in der zweiten Pubertät befindet und verdrängte sexuelle Bedürfnisse durch Gewährenlassen bei ihren Kindern zu verdrängen sucht. Die Kinder sollen nun das alles erleben, was die Eltern versäumt zu haben glauben. So ist aus dem Jahrhundert des Kindes so etwa vie eine Despotie des Kindes geworden, was ? den USA scheinbar schon zum herrschende NaturPtand geworden ist.

3. Die „Halbstarken“ sind schichtge b u n d e n und setzen sich — wie übereinstimmend festgestellt wird — fast durchwegs aus Lehrlingen und jugendlichen Hilfsarbeitern zusammen, die meist aus Familien stammen, in denen, weil beide Elternteile verdienen, keine elementaren finanziellen Sorgen vorhanden sind. Nun ist auch dem Arbeiterstand eine bestimmte Freizeitkultur gemäß, schon deswegen, weil das Ausmaß der Freizeit zumindestens seinerzeit bei den Arbeitern ein anderes als etwa bei den Beamten oder bei der bäuerlichen Bevölkerung gewesen war. Früher war die Freizeit des Arbeiters — in der Zeit der 60-Stunden-Woche — kaum mehr, als eine Zeit, in der erschöpfte Menschen wieder Kraft sammelten, um am nächsten Tag neuerlich unter das Joch zu gehen. Und nun steht dem jungen Arbeiter heute ein relativ hohes Maß an Freizeit zur Verfügung. Dazu eine „Stange“ Geldes, das er nicht recht zu nutzen versteht, weil er von einem Ausgabetrieb befallen ist und ihm das fehlt, was man „Konsumwissen“ nennt. Die Folge ist nun ein Fehlen von Konsumdisziplin, ein Prestigekonsum, gepaart mit Konsumdemonstrationen eines primitiven Infantilismus. So kommt es zu einer ,,L u x u s-verwahrlosung“ (Universitätsprofessor Asperger in der „Oesterreichischen Neuen Tageszeitung“ vom 6. Mai 1956).

4. Film und Illustrierte sind erheblich attraktiver und wirklichkeitskonformer geworden. Die alten Wildwester waren offensichtliche Romantizismen. Der moderne amerikanische Gangsterfilm (und seine intellek-tualistische französische Abweichung) dagegen hat den Charakter eines wohlkopierbaren Modells. Der junge Mensch, im Kino passiv unterhalten, will nun jenseits des Kinos modellgetreu kopieren, was dort „Helden“ pädagogisch präzise, in einer Arf Oberseminar des Gangstertums, vorgetan hatten.

5. Die Jungen wollen „gefährlich“ leben. Sie tun es, einem besonderen Geltungsbedürfnis Rechnung tragend, in einer Art Heldenstau, und sei es nur in der Form, daß sie einen „gekonnten“ finsteren Blick von unten nach oben werfen oder auf einem Moped vorbeirasen. Die durch die soziale Stellung oder das doch immer noch relativ niedrige Einkommen der jungen Arbeiter gedrosselte Anerkennung einer fiktiven Position in einer Scheingesellschaft (die nur aus Hordenverflechtungen besteht) wird nun durch bestimmte Gesten zu gewinnen versucht. Wir haben Aehnliches an heldischem Gehaben auch während des Krieges gefunden: Bei den „Helden“ der „Heimatfront“, deren wortreicher Mut sich in qualifizierten Schikanen auf den heimatlichen Kasernenhöfen abreagieren mußte.

6. Schließlich fehlt den „Halbstarken“, wie den Snobs der gehobenen Schichten, fast durchweg ein Bezug auf überweltliche Werte. Wenn es für sie eine Moral gibt, dann ist es die Moral des Dschungels, eine Zweckmoral oder ein „Ethos“ des Gehorchens gegenüber dem „Chef“, der sich, weil im Besitz des stärkeren Bizeps, wenn notwendig Gehorsam zu erzwingen weif Sind wir nun gezwungen, wie hypnotisiert, da Aufweichen unseres Volkskörpers zu dulden Gesetzliche Maßnahmen allein genügen offen sichtlich nicht mehr. Handelt es sich doch um eine gesellschaftsstrukturelle Erscheinung.

Was aber vorerst geboten erscheint, das ist die unverzügliche Behinderung des weiteren Anwachsens und Umsichgreifens der Seuche. Das aber heißt: vor allem Abbau jener Bedingungen deren Vorhandensein in unserem Land wesentlich zur Konstitution eines jugendlichen Talmi-

Gangstertums beigetragen hat. Auf der anderen Seite tut not, die vorhandenen Jugendorganisationen, insbesondere so weit sie bekenntnismäßig ausgerichtet sind, nachhaltig, vom Gesetz her und insbesondere finanziell zu unterstützen.

Was man unseren Jugendorganisationen an Unterstützungen bietet — den politischen und den „konfessionellen“ — steht in keinem Verhältnis zu den vorhandenen Mitteln und ist völlig unzureichend. Man könnte — in Kenntnis einiger Subventionszahlen — sagen: provokatorisch niedrig!

Bleiben wir bei den Zahlen. Ich habe einige Ziffein für die größte österreichische Jugendorganisation, die Katholische Jugend, ermittelt:

Diözese (Land) Subventionsgeber 1954 1955

Wien i .,„,. „ Land Wien ....... null (!) null (!)

Land Niederösterreich . . 10.ÖOO— 10.000.—

St. Pölten . . . Land Niederösterreich . . 10.000— 10.000.—

Tirol . J,.,...... Land Tirol ....... 1.000— (!) mir unbekannt

Vorarlberg ......i Land Vorarlberg ..... null (siehe Wien) null

Kärnten . ......., Land Kärnten . ... . 5.500.— mir unbekannt

Burgenland......., Land Burgenland .... 6.000.— , null (siehe Wien)

Oberösterreich ..... Land Oberösterreich . . 23.000.— 23.000.—

Salzburg........, Land Salzburg ..... . 6.000.— mir unbekannt

Wenn man diese Ziffern überliest, muß man den Eindruck gewinnen, daß die Katholische Jugend (für die anderen Organisationen habe ich keine Ziffern) außerhalb des Gesetzes zu stehen “scheint.

Wie willig ist man dagegen in den Finanzausschüssen, wenn es darum geht, Anstalten zu unterstützen, in denen jugendliche Rechtsbrecher verwahrt werden. Wäre es nicht besser, der (vor allem im Wahlkampf) so oft zitierten „lieben“ Jugend nicht erst zu gedenken, wenn sie gestrauchelt ist, sondern sich zuvorderst jener Institutionen anzunehmen, die ihre vornehmste Aufgabe etwa darin sehen, die Jugend auf eine absolut gültige Moral hin zu verpflichten (sie sei dieser oder jener Art) und von der Straße abzuziehen? Während oft leichtsinnig über Millionen disponiert wird (man erinnere sich mancher Luxusbauvorhaben wie der Opernpassage), müssen die hauptamtlich bestellten Funktionäre der Jugendorganisationen um einen Hungerlohn ihre Pflicht tun, die doch kein Hobby ist, sondern letzten Endes Dienst am Vaterland, das sich seiner Jugend oft nur dann erinnert, wenn sie zu den Waffen gerufen wird.

Glaubt man denn wirklich, daß man in den neun Monaten Bundesheerdienst in der Lage sein wird, das nachzuholen, was man vorher bei der außerschulischen und nachschulischen Erziehung \ _r-säumt hat? Ich glaube, daß die Erhaltung eines Rekruten mehr kostet als der Betrag ausmacht, den manche Bundesländer den großen Jugendorganisationen gewähren. Man sage nicht: Es mangelt an Geld! Wenn das Heer steht, wird genug Geld da sein. Aber die Gemeinschaften der Jugend hungert man aus, um gleichzeitig aufzuschreien, wenn die Folgen des Versagens (eines staatspolitischen Versagens!) allzudeutlich sichtbar werden.

Aber nicht nur die Behörden sollten sich um die Jugendverbände und um die Jugendpflege kümmern. Auch die Erwachsenen sollten es tun. Nicht allein mittels Geldzuwendungen, sondern durch Anteilnahme, da, wo sie nützlich ist. Das gilt besonders für die beamteten Erzieher, die schließlich ihre Pflichten nicht allein durch einen Stundenplan begrenzen lassen dürfen. Wieviele Lehrer sind in deli Jugendver-bänden tätig, wieviele Akademiker stellen für die Bildungsarbeit der Jugendgemeinschaften ihre Sachkenntnisse zur Verfügung?

Wie sieht es mit den Jugendheimen aus! Auch im katholischen Bereich. In welch elenden Löchern müssen oft Jugendgruppen in den einzelnen Pfarren hausen. Und daneben steht der leere Pfarrhof, der wie eine Gruft konserviert wird. Wie werden etwa die Gruppen der KAJ zuweilen behandelt, wenn sie es wagen, da und dort in den Abendstunden die geheiligte Ruhe eines Pfarrhofes zu stören. Wer die Dinge nicht glaubt, der höre sich einmal die Klagen der Jugendführer an. Und er wird verstehen, wenn die jungen Menschen — der Schikanen und der grotesken Darstellungen christlicher „Liebe“ müde — die Jugendgruppen verlassen und sich in Klubs und Spelunken unterhalten.

Trotz Gegenpropaganda der Interessenten, die sich bestbezahlte Interviewer halten können, ist es nun so, daß eine bestimmte Sorte von Filmen und Zeitungen in einem negativen Sinn „stilbildend“ wirkt. Hat man schon die Möglichkeiten untersucht, um Filme, die der Gangsterschulung dienen, zu verbieten? Sind die Dunkelmänner, die da ihre Geschäfte mit der Seele und dem Leben der jungen Menschen machen, doch stärker? Warum sperrt mar etwa den Lehrling ein, der einem Kameraden -wie gelernt — das Messer in die Brust rennt, una warum versichert man sieh nicht jener, die Filme herstellen, die eine attraktive Aufforderung darstellen, das Gesetz zu brechen? Ist das nicht eine Form der doppelten Moral? Oder noch mehr: Hochverrat!

Es wird doch so viel „enthüllt“. Warum findet sich nicht ein findiger Reporter, der einmal in die unternehmerische Unterwelt hineinleuchtet? Das wäre ein Unterfangen, das mit Politik nichts zu tun hätte.

Warum werden nicht die obskuren Lokale geschlossen, die sich allmählich zu Akademien zur Heranbildung von Gangstern entwickeln? Wie wird die Moped- und Motorradraserei geahndet? Wenn ein kleiner Bub im Wiener Stadtpark den Rasen betritt, ist sofort ein Repräsentant der öffentlichen Ordnung zur Stelle und interpretiert die „gegenständlichen“ Verfügungen. Gleiche intensive Betreuung kann man aber nicht feststellen, wenn die Straße zur Rennbahn gemacht wird und sich halbstarke Amokläufer auf Kosten der Gesundheit, wenn nicht desLebens, der Umwelt betätigen dürfen.

Das Problem der Jugendverwahrlosung hat es mmer gegeben. Und wird es stets geben. Was wir heute erleben, die Verwahrlosung der jungen Arbeiter als Folge gesteigerter Konsumchancen, ist aber kein unlösbares Problem.

Ein weiteres Gewährenlassen aber kann einen Staatsnotstand besonderer Art schaffen!

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