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„Jeunesse Chretienne

Hier soll versucht werden, Prinzipielles über die französische Jugendbewegung, die „Jeunesse Chretienne“, zu sagen. Bei der Abfassung dieser Darstellung liegt mir kein Buch vor, ich berichte und urteile nach Gesehenem und Gehörtem, geschöpft aus einem eineinhalbjährigen Aufenthalt in Frankreich, bei dem ich Einblicke in diese Jugendbewegung gewinnen konnte. Ich besuchte Gruppenversammlungen, Führertagungen, ein Generalsekretariat in Paris, machte auch einen achttägigen Kurs mit, der die Teilnehmer in das Wesen dieser nach Geschlechtern und Berufen aufgegliederten großen Gemeinschaften einführte. Die Bezeichnung „Jugendbewegung“ ist verdient. Denn diese Verbände halten an dem Grundsatz fest, daß z. B. bei den Arbeitern das 25. Lebensjahr als Höchstalter der Mitglieder nicht überschritten werden darf. Wer älter wird, hat die Organisation zu verlassen, mag er auch in höchster leitender Stellung gestanden und sich um die Bewegung noch so große Verdienste erworben haben. Diese Praxis entspringt nicht einer Mißachtung des Alters, sie kommt aus einer wesentlichen Grundeinstellung. Alles Starre, Formenhafte wird prinzipiell abgelehnt. Wie mir ein Generalsekretär, ein ungefähr zwanzigjähriger Arbeiter, versicherte, wird die Bewegung sozusagen jedes Jahr wieder neu gegründet. Als ich ihn ersuchte, mich durch das Generalsekretariat zu führen und ich ihm meine Absicht verriet, die hier gesammelten Eindrücke und Erfahrungen in meinem künftigen Berufskreis in China verwerten zu wollen, antwortete er etwas besorgt: „Denken Sie, bitte, nicht daran, das hier Gesehene irgendwo einfach nachzuahmen. Auch hier in Frankreich istdie J. O. C. von heute — die Jeunesse ouvriere chretienne — nicht mehr die gleiche wie von gestern. Die Bewegung ist immerwährend in Fluß. Ihr Äußeres verändert sich. Die

Formen müssen der Zeit, den jeweiligen Verhältnissen eines Landes oder einer Klasse angepaßt werden. Das Wesentliche sind die großen, unveränderlichen Prinzipien.“

Aus dem Ausscheiden der jeweiligen obersten Altersschichten ergibt sich ein immerwährender Wechsel, eine ständige Erneuerung. Immer wieder müssen aus der heranwachsenden Jugend neue Kämpfer rekrutiert werden. Die Ausscheidenden werden in der L. O. C. (Christlichen Arbeiterliga) gesammelt. In allen Gliederungen, den Jungarbeitern der J. O. C, den Jungakademikern (J.I.C.), der Jung-Landvolkbewegung (J.A.C.) usw., handelt es sich um wirkliche Standesvereinigungen, nicht aus einem überbetonten Klassenbewußtsein, sondern weil sie das tatsächliche Milieu des Volkes nach den Grundsätzen der Bewegung zu formen haben. Da Milieu des Volkes ist in Klassen und Stände gegliedert, nur Angehörige dieser Klassen und Stände verstehen ganz die Nöte und Bedürfnisse ihrer Umwelt, und wieder nur Glieder dieser, Stände sind imstande, diese unmittelbare Umwelt wirksam zu beeinflussen. Die Bewegung folgt also dem Grundsatz, daß der einzelne Mensch wieder nur durch einen bestimmten anderen Menschen seines eigenen Standes am wirksamsten beeinflußt werden kann. Bei aller strengen Teilung nach Klassen und Ständen bestehen innerhalb der Bewegung zwischen den einzelnen Gliederungen gute Beziehungen. Die Verbände sind nach Geschlechtern getrennt, so daß die weiblichen Bünde ihre eigene Leitung und ihre eigenen Tagungen haben. Rechnung tragend der Tatsache, daß die Arbeiterin eben andere Bedürfnisse, eine andere seelische Veranlagung hat als der Arbeiter.

Als religiöse Bewegung lehnen es alle Gliederungen bewußt ab, politische Bewegung zu sein. Sie mögen durch ihr Dasein, durch die Vertretung ihrer Weltansdiauung indirekt Einfluß auf die Politik üben, vor allem auf die politische Arbeit ihrer Mitglieder, aber sie selbst sind nie Teilnehmer oder Werkzeuge der Politik.

In ihrem Titel „Jeunesse Chretienne“ liegt die Bedeutung auf dem Worte „Christlich“. Von Christus her, durch Christus und mit Christus wollen sie ihrem Beruf als christliche Menschen leben. Christus war Mensch, konkreter Mensch, Glied eines bestimmten Volkes; in dem ganz bestimmten Häuschen von Nazareth wuchs er als „der Sohn“ des Zimmermannes auf. Als solcher lebte er das Leben eines galiläischen Handwerkers, so unauffällig, so natürlich, so „arbeitermäßig“, daß sich seine Landsleute wunderten, als er in seinem Heimatstädtchen als Gesetzeslehrer auftrat. Nun fragt sich der christliche Jungarbeiter oder Jungakademiker: Wenn Christus in meinem Volke Mensch geworden wäre, in meinem Milieu als Arbeiter in „dieser“ Fabrik, in der Umgebung „dieser“ Menschen, wie hätte er dieses, mein Leben gelebt, meine Arbeit verrichtet, mit meinen Kameraden gesprochen? Er gab uns sein Beispiel mit seinen Leiden und Kämpfen gegen schlechte Mitmenschen, engherzige Autoritäten, gegen Neid und Haß und fiel ihnen schließlich als Mensch zum Opfer. Heute würden wir sagen: Er kam unter die Räder und wurde zermalmt. Aber gerade durch dieses Sterben vollbrachte er die Erlösung. Er starb für „seine“ Idee. Der französische Jungarbeiter wird nun dazu hingeleitet, dem Beispiel Christi mit seinem Leben in der Fabrik, an der Hobelbank konkret nachzufolgen, Christus in seiner Person neu leben zu lassen. So wird Christus dem Kämpfer in der „Jeunesse Chretienne“ eine Wirklichkeit auf Grund eines persönlichen Verhältnisses.

Diese aus tiefchristlicher Auffassung hervorkommende Einstellung tritt zunächst im praktischen Verhalten nicht betont hervor. Sie ist vielmehr rein praktisch ausgerichtet. Der Jungarbeiter sieht sich seine Werkstatt an. Findet er sie unhygienisch, unfreundlich, die Schutzvorrichtungen der Maschinen ungenügend, setzt er seine ganze Persönlichkeit ein, auf die Abstellung dieser Mißstände hinzuwirken. Das macht er nidit demonstrativ, er predigt nicht, er wirkt aus der Überzeugung von der hohen Würde eines jeden Menschen, auch des Arbeiters, als eines Bruders Christi, er trachtet mit seinen Kameraden zusammenzuarbeiten, um diese Mißstände zu beheben, seine Arbeit ist ihm nicht Mittel, unter jungen Leuten Proselyten für seine eigene Oberzeugung zu machen, sondern Aufgabe und Sendung. Schließt sich ihm jemand an, freut er sich, bleibt er ohne Erfolg, so lebt er doch seiner Sendung, so wie es ihm sein Vorbild gelehrt hat.

Die Jungarbeiter werden deshalb auf ganz konkrete Punkte bei den wöchentlichen Zusammenkünften hingewiesen: zum Beispiel Wohnung, Zahl der Parteien des Hauses, Stand der Parteien, ob Kranke da sind, ob Kinder da sind, ob Not im Hause ist, welche Hilfe usw. Von dem Jungarbeiter wird verlangt, auch wenn er oberster Leiter ist, daß er seine Hauptkraft der nächsten Umgebung widme. Ganz gleich, ob diese ihm feindlich, freundlich, gleichgültig gegenübersteht. Er muß nur trachten, ein guter Kamerad zu sein, kein Freudenverderber; freilich fest entschlossen, nichts Wesentliches von seiner Weltanschauung zu opfern.

Das große Grundgesetz der Tat lautet: „Voir, juger, agir“ ... sehen, beurteilen, handeln. Bevor der „Kämpfer“ überhaupt daran denkt, etwas zu unternehmen, muß er zunächst das Terrain kennenlernen. Darum will die Bewegung den jungen Menschen das „Sehen“ lernen. In den wöchentlichen Versammlungen wird er dafür geschult. Wenn dann für ihn ein möglichst umfassendes Bild der konkreten Verhältnisse eines ganz bestimmten Milieus vorliegt, hat der „Kämpfer“ die Möglichkeiten abzuwägen, wie Mißstände abzustellen sind oder etwas Neues einzuführen sei, dem Kameraden zu helfen ist als Bruder oder Schwester, gleich wo er „seelisch“ steht. Es werden Vorschläge gemacht; diese werden praktisch in der Woche ausgeführt, bei der nächsten Sitzung wird über die Erfolge und Mißerfolge beraten. Kommt man zur Einsicht, daß der Weg ungangbar ist, wird eben ein anderer Versuch gemacht, solange, bis man Erfolg hat. Das sind die zwei Prinzipien — „beurteilen“, das heißt den Situationsbericht, und „handeln“, also nicht theoretisieren. Was jetzt gemacht werden kann, wird eben jetzt gemacht.

Eine eigene Behandlung verdient die Stellung des Priesters in der Bewegung. Er ist zunächst „n u r“ geistlicher Beirat. Die technisdie Leitung liegt in den Händen von Laien. Das tritt schon lußerlich hervor. Bei einer Fflhrerinnentagung, der ich anwohnte, saßen am Präsidium auf der Bühne — die Tagung fand in einem Theatersaal statt — die Präsidentin mit zwei Sekretärinnen. Bescheiden in der Ecke der Bühne saß Abbe Guerin, der Generaldirektor, der, soweit ich mich erinnere, bei der ganzen Versammlung kaum [ ein Wort gesprochen hat. Die geistlichen Beiräte saßen rückwärts im Saal. Die Dis- ! kussion wurde von der Präsidentin eröffnet und vpn den Arbeiterinnen geführt. Ich habe später keiner so regen und verständnisvollen Diskussion auf einer Tagung mehr beigewohnt, auch nicht auf Priestertagungen. Wiederholt fragte ich meinen Nachbarn, einen geistlichen Beirat, wie man es fertig bringe, junge Fabrikarbeiterinnen zu solchenj tüchtigen Diskussionsrednerinnen heranzubilden. Die Antwort lautete: „Nur durch die Verantwortung!“ Jede Arbeiterin der Bewegung, die „Militantin“ ist, hat eine bestimmte konkrete Aufgabe zugewiesen, über die sie wöchentlich Rechenschaft ablegen muß. Mein Nachbar machte mich auf eine etwa sechzehnjährige Arbeiterin aufmerksam, die durch ihre treffliche Anteilnahme an der Debatte auffiel, und sagte mir: „Die da ist nicht imstande, einen Satz ganz fehlerfrei zu schreiben.“ Trotzdem war sie Führerin und eine tüchtige.

Bei den Jungakademikern saß bei einer Führertagung der Priester mitten unter den Studenten. Den Vorsitz führte ein Universi-tätsstudent. Der Priester sprach kaum ein Wort. Als einmal eine Frage zum Erörtern kam, die der Priester als unwichtig fallen zu lassen vorschlug, antwortete der Vorsitzende: „Hochwürden, was uns Universitätsstudenten interessiert und not tut, wissen wir am besten.“ Zu den Studenten gewandt, sagte er: „Deshalb fahren wir fort, über die Sache zu beraten.“ Der Geistliche zeigte nicht die geringste Überraschung und die Studenten kein Befremden. Diese Offenheit der jungen Leute wird geschätzt. Der Seelsorger überläßt die technischen Angelegenheiten ganz den jungen Leuten, beschäftigt sich aber um so eingehender mit den rein seelsorglichen Interessen und als theologischer Berater. Die jungen Leute suchen in ihm eben den „Priester“ und nicht den Organisator. Bei jener Jungakademikertagung behandelten sie in einer Sitzung eine rein religiöse Frage. Die Debatte dauerte ungefähr zwei Stunden. Während dieser Zeit sprach der Priester kein Wort, obwohl sich zwei entgegengesetzte Ansichten offenbarten, die jede schon häretische Färbung annahm: ruhig ließ der Geistliche die jungen Leute diskutieren. Als man nichts Neues mehr brachte, wandte sich der Vorsitzende an den Geistlichen mit der Frage: „Hochwürden, was sägen S i e zu unseren Ausführungen?“ In meisterhafter Rede stellte der Angeredete das Wesentliche der Diskussion heraus, zeigte auf die Gefahr jener Übertreibung in beiden Anschauungen, die sie in Gegensatz zum Dogma brachten; er tat dies in so feinsinniger Weise, daß man den Gesichtern . der jungen Studenten anmerkte, wie die Ausführungen des Priesters sie befriedigten. Die Priester wissen eben, daß junge Menschen nur für das eintreten, was sie sich selber erarbeitet haben. Andererseits wissen sie auch, daß die jungen Leute guten Willen % haben und deshalb Vertrauen verdienen. Die Seelsorger wollen eben lieber, um midi bildlich auszudrücken, „Lenker“ junger, feuriger „Pferde“ sein, die wohl von Zeit zu Zeit ausschlagen, als Hirten „williger Lämmer“ ohne Kraft und Energie. Freilich, man muß es verstehen, sie richtig zu lenken.

Die französische Jugendbewegung will Persönlichkeiten heranbilden. Besonders der „Kämpfer“ darf kein „Mitläufer“ sein. Es komnlit der Bewegung nicht sosehr darauf an, ihren Mitgliedern ein möglichst umfassendes theoretisches religiöses Wissen zu geben, aber sie will, daß die jungen Leute die für ihren Beruf und Stand wesentlichen Wahrheiten des Christentums mit ihrer ganzen Persönlichkeit erfassen, entschlossen, sie im täglichen Leben in die Tat umzusetzen. Einzelne religiöse Probleme werden gewöhnlich erst dann durchgearbeitet, wenn sie für den jungen Menschen irgendwie aktuell werden,

Es ist klar, daß diese Jugendbewegung auch in Frankreich Schwierigkeiten begegnet. Für sie spricht der Erfolg. Sie hilft schon die Lebensform des heutigen christlichen Frankreichs prägen.

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