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Sterne auf Erden

WIEN IN DEN DUNKLEN JAHREN des Krieges. Die Politik war zum Glauben erklärt, der Glaube als irrwegige Politik bezeichnet. Damals, um 1940, bedingt durch die äußere und nicht geringere innere seelische Bedrängung, entstand das „Theologische Laienjahr’ für Akademiker und Maturanten, eingerichtet vom Erzbischöflichen Seelsorgeamt. Drei Jahre später kam die „Glaubensschule” auch für Menschen ohne höhere Vorbildung. Während die herrschenden Mächte hofften, Priestermangel auf der einen und dirigierte Erziehung auf der anderen Seite würden über kurz das religiöse Leben zersetzen, nahm die Zahl der Besucher des theologischen Laienjahres ebenso zu wie die der Glaubensschüler. Während sich im Kern der bedrohten Glaubensgemeinschaft auf diese Art eine Schutztruppe bildete, mit nichts bewaffnet als der heißen Hingabe an die Offenbarungen der Religion und dem Willen, dieser mehr zu dienen als dem Menschen; während sich für einen Ausfall, für einen Abfall dutzende Menschen meldeten, zeigte sich auch im Kirchenbesuch die wundersame, von den Glaubensver- kehrern nicht erwartete Tatsache, daß die Teilnahme am kirchlichen Leben immer weitere Kreise erfaßte. Es unterliegt keinem Zweifel, daß in der Bedrückung jener Jahre ein Hinweis von oben enthalten war.

DER HINWEIS VON OBEN packte nicht allein die Städte, welche Vernichtung peitschte. Sehnsuchtsrufe kamen auch vom Lande her, auf geheimnisvolle Weise hatte sich die Kunde in Wien weitergesprochen. In den Märkten und Dörfern, auch in zerstreuten Weilern rührten sich die Menschen. Aber erst nach dem Kriege, 1950, konnte man diesem Bedürfnis durch die Errichtung der „Fernkurse für theologische Laienbildung” nachkommen, die im Rahmen des Oesterreichischen Seelsorgeinstituts eingerichtet wurden. Alle österreichischen Bischöfe stimmten dieser Einrichtung zu. Die Dozenten kamen vorwiegend aus den theologischen Fakultäten der einzelnen Universitäten und den diözesanen Priesterseminaren. Es gibt kaum einen Bezirk in Oesterreich, aus dem kein Teilnehmer an den Fernkursen verzeichnet worden wäre. Jedem, wo immer er auch wohne, ist durch diese Kurse die Möglichkeit eröffnet, sich auf systematische Weise theologische Kenntnisse anzueignen.

THEOLOGISCHE KENNTNISSE in dieser Welt? Man sieht schon da und dort ein ungläubiges Lächeln, Gotteswissenschaft in einer Welt, die laut ausposaunend täglich Beispiele ihrer Gottlosigkeit gibt? Sind nicht die Kenntnisse, wenn schon nicht des letzten Mode- tanz’es und Schlagers, so doch die Kenntnisse des Lebenshaltungsindex, des Schaukelspiels der Löhne und Preise, die Bekränzung des Götzen Lebensstandard jenes Wissen, das in erster Linie vonnöten ist? Wai sollen denn die Sterne dort oben am Himmel und die Welt, die stille, sich nur in den Herzen verkündende, gegenüber den Neonstreifen über dem motorenüberbrüllten Asphalt? Nun, wir haben diese Frage, die sich aufdrängt, einigen Menschen gestellt, die an den Kursen teilgenommen. Wir erwarteten keine tiefgründigen Weisheiten. Aber seien wir ehrlich: Eben deswegen, weil uns keine philosophischen Brocken wiedergekäut wurden, sondern weil das von Sternen beschienene Herz sprach, haben wir oft, sehr oft, anstatt ein Wort einzuwerfen, stillgeschwiegen. Da ist beispielsweise die Studentin aus Innsbruck. „Es ist klar’, so sagt sie, „daß nur ein auf breiter Basis aufgebautes, tief verankertes Wissen um die ge- offenbarte Wahrheit und um die Sendung der Kirche jungen Akademikern die Möglichkeit gibt, im rechten Augenblick das rechte Wort zu finden, die Dunkelheit anderer aufzuhellen…”

DIE DUNKELHEIT AUFZUHELLEN schien dem ehemaligen Fallschirmspringer von Monte Cassino in seiner Art am gemäßesten, wenn er, wie er erzählt, „überheblich und frivol” ausgesuchte Bibelstellen den Kameraden vorlas, als Beweis, wie sehr die „jüdische Religion’ für „deutsche Menschen” untragbar sei. Dann war der Soldat POW 068426 MF, also Kriegsgefangener. „1952 fiel mir an unserer Pfarrkirchentür ein Plakat für den ,Fernkurs’ auf”, erzählt der einstige Kriegsgefangene, der nunmehr Kauf mann war. „1954 sah ich zum zweitenmal die Ankündigungen… spezielles Interesse hatte ich nicht… nur … zur Vertiefung des religiösen Wissens… Ich lernte mit großem Eifer und ich diente. Dafür wurde mir armem Gefangenen die Frohbotschaft verkündet. ,Ich dien’ war als Wappenspruch des Regimentes Middle Sex in Aegypten auf ein Education Centre gemalt … Jawohl, ich dien’ in der Nachfolge.” Das war die Glaubensschule des Prisoner of War Nr. 068426 MF.

ZUM BESUCHE DER GLAUBENSSCHULE entschloß sich die Arbeiterin Hermine V. am Fließband einer Wiener Fabrik. „Als ich nach der Schulzeit ins Berufsleben trat, erkannte ich, daß mein Wissen über Religion sehr gering sei. Ich konnte die verschiedenen falschen Behauptungen nicht widerlegen. Für die verschiedensten Kurse nahm ich mir Zeit, warum nicht zum Besuche einer Glaubensschule?” Ob sie nicht gefunden habe, daß die religiöse Gleichgültigkeit in ihren Kreisen sehr verbreitet sei?

„Die religiöse Gleichgültigkeit ist gar nicht so sehr verbreitet, wie man meint. Es fehlt nicht immer nur am Willen, sondern oft vorher: an richtiger Erkenntnis. Ja, das Leben wird lebenswerter … der Mensch ist doch mehr als eine Maschine, besitzt Leib und Seele. Laßt diese nicht verkümmern!”

Das sagte Hermine V., Arbeiterin in Wien. Sie hätte eine Gesellschaftsreise machen können. Sie suchte die Gesellschaft Gleichgesinnter in einem Heime in den österreichischen Alpen und lernte, daß die weiteste Reise für viele jene zu sich selbst ist. Aehnliches sagte auch der Arzt Dr. B. „In allen Gebieten erweist sich immer mehr das Grundgesetz der Pastoralmedizin (Niedermeyer) als gültig: Nur das sittlich Erlaubte ist auch ärztlich richtig.” Und ein Kollege, im südlichen Randgebiet Wiens wirkend, meinte: „Ich bekomme Woche für Woche neue Drogenproben, Monat für Monat eine Zeitschrift mit neuen Errungenschaften der Medizin, aber ich habe immer etwas vermißt, das uns Aerzte daran mahnt, daß wir der Schöpfung dienen sollen. Endlich fand ich es. Wir haben uns mit allem Wissen zu sehr auf uns und zuwenig auf den verlassen, der über uns ist. Nach meinem offiziellen Doktordinlom habe ich also — erfreulicherweise noch rechtzeitig — ein inoffizielles erhalten.”

ALS ETN DOKTORDIPLOM kann die Eignung zur missio canonica. welche die Bischöfe den Absolventen des ,.Fernkurses für theologische Laienbildung”, die alle vorgesehe nen Prüfungen mit Erfolg abgelegt haben, schließlich zuerkennen, nicht gewertet werden, und das soll sie auch nicht. Die Aufgabe ist viel weiter gesteckt. „Je mehr Nichttheologen mit entsprechender Vorbildung sich ein durch gründliches und eindringliches Studium umfassendes religiöses Wissen erwerben, desto besser ist das nicht nur für den Stand der Laien und die Erfüllung seiner Missionsaufgabe, sondern auch für den Priester, den Seelsorger, das religiöse Leben selber. Es wäre sehr kurzsichtig, darin eine Konkurrenz für den in der Seelsorge arbeitenden Priester zu sehen”, schrieb Erzbischof DDr. Franz König. Es ist aus der Praxis erwiesen worden, daß manche Menschen, besonders die Eltern in den Industriegebieten, welche Kinder zur Schule schicken, eher bei Erziehungskonflikten geneigt sind, sich mit einem Laienkatecheten auszusprechen. Auch die Fragen einzelner Schüler sind diesem gegenüber mitunter offenherziger. All das kann freilich immer nur von Fall zu Fall entschieden und nur reiflich abgewogen werden. Ein Ziel muß alle Bekenner und Verkünder beherrschen: Wir dienen.

DER FERNKURS DES DIENENS IM GLAUBEN wird wieder am 15. März beginnen und bis zum 15. Juni dauern. Er wird wieder in zwei Zweigen stattfinden r dem für Akademiker ;und Maturanten und dem für Teilnehmer ohne Matura. Der Lehrstoff wird, wie man im Sek re- tariat in Wien am Stephansplatz 3 erfährt, in Form von Skripten (schriftlichen Unterlagen) zugesandt. Je eine Studienwoche im Sommer des ersten und zweiten Jahres führt Dozenten und Teilnehmer zusammen. Die Bedingungen zur Aufnahme sind: Maturazeugnis oder Schul- abgangszeugnis; schriftliche Empfehlung eines Priesters aus der zuständigen Diözese; Wohn- oder Arbeitsort außerhalb Wiens; die Ueber- nahme einer Verpflichtung, an der Veranstaltung im Laufe von zweieinviertel Jahren teilzunehmen (Ablegung von Prüfungen nicht Bedingung). Regiebeitrag: 20 S monatlich. Das Sekretariat hat auch Prospekte vorrätig. Dort, in der Inneren Stadt, konnten wir einige Ziffern erfahren. Seit Bestehen des Fernkurses haben an ihm 2151 Personen teilgenommen; davon waren 1254 Akademiker und Maturanten, 821 Nichtmaturanten und 76 Klosterkommunikanten. Von den Diözesen führt (im Zweige der Akademiker und Maturanten) St. Pölten mit 19 Prozent vor Wien-Land mit 17 und Linz mit 16,6 Prozent. Das Ausland ist immerhin mit 5,5 Prozent beteiligt. Nach den Berufen aufgegliedert waren 58,2 Prozent Angestellte (Volks-, Hauptschul- und Religionslehrer, Beamte, Privat- und Industrieangestellte, Ingenieure, Techniker, Chemiker und soziale Berufe); ihnen folgen Akademiker (Aerzte, Juristen) mit 14,1 Prozent. Es gibt unter den Teilnehmern mehr als 5 Prozent Hausfrauen. — Bei den Nichtmaturanten stellt die Diözese Wien-Land die höchste Teilnehmerziffer, gefolgt von Linz und Seckau (23 Prozent, 15,8 Prozent, 14,2 Prozent). Hier, bei den Nichtmaturanten führen ebenfalls die Angestellten (52,2 Prozent) vor den Selbständigen (10,2 Prozent). Die Hausfrauenziffer ist fast doppelt so groß als in der Akademiker- gruppe, gleich gefolgt von den Arbeitern. Altersmäßig gehören bei dem ersten Zweig die meisten der Altersstufen 20 und 30 an (3 8,8 Prozent), das gleiche gilt für die Nichtmaturanten (33,3 Prozent). Sind das nur Ziffern? Es sind Schicksale.’ Tritt man aus dem altergrauen Portal des Hauses Stephansplatz 3, braust das Leben der Großstadt um uns. Aber steinern und himmelragend wie ein Denkmal über alle Zeiten, das sich in Nöten wshrte und wehrte, steht der Domturm vor uns, Svmbol des Glaubens, des Lehrens und Lernens.

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