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Swami Upadhyaya Brahmabandhav

Häresien sind im Grunde fast immer Ergebnisse falscher Betonung von Wahrheiten. Jede Wahrheit ruht auf einer höchsten Spannung zwischen Gegensätzen, die, sobald jene Spannkraft nachläßt und sie das Gleichgewicht verlieren, in Irrtümer zerfallen.

Hermann Bahr: „Zauberstab“ (Tagebücher)

Im Laufe der zweitausendjährigen Geschichte der Kirche hat sich vor allem unter dem Einfluß der griechisch-römischen Kultur die Äußerung des kirchlichen Lebens und die formale Seite der kirchlichen Lehre zu abendländisch bestimmten Formen herauskristallisiert. Im Hellenismus fand das junge Christentum die ersten Formen theologischer Wissenschaft. Die scholastische Philosophie und die Theologie haben heute die festumrissene aristotelische Fassung, die sich selbst im Katechismus widerspiegelt.

Solange die Kirche in Erfüllung des Missionsauftrags Christi nicht zur entscheidenden Auseinandersetzung mit der religiösen Ideenwelt der heidnischen Kulturvölker antrat, hatte die Frage der formalen Seite der Glaubenslehre rein theoretische Bedeutung. Aber schon seit geraumer Zeit ist die Frage, ob sich der Inhalt der katholischen Lehre in die Form östlichen Denkens gießen] läßt, zur Lebensfrage der Kirche für den nahen und fernen Orient geworden. — Die Bedeutung dieser Frage, ihre Schwere und die Gefahren um sie können abstrakte Erörterungen weit weniger verdeutlichen als das Lebensbild eines katholischen Inders, der mit überragendem Geist und unerhörtem Mut sich an sie heranwagte und — scheiterte. Es ist Swami Upadhyaya Brahmabandhav.

Bhawani Charan Banerji — so hieß ursprünglich Upadhyaya — wurde 1S61 als Sohn eines Polizeiinspektors, eines Hoch-kastbrahmanen, in Kalkutta geboren. Nach der Volksschule und der Hinduschule studierte er mit glänzendem Erfolg an der Hooglyschule und dann am Metropolitan-kolleg in Kalkutta. Jugendlichen Exzessen^ hielt er sich fern. Ein Jahr war er Professor an der schottischen Freikirche. In dieser Zeit trat er in deh Kreis der geistig führenden Männer Indiens. Der Gründer der indischen Freiheitsbewegung Brahma Samaj, Babu Keschab Tschander Sen (1886), packte durch seine Begeisterung für Christus den jungen Stürmer. Der hindu-istiscfye Aszet Ramakrishna Parmahansa und sein Altersgenosse, der Apostel des Vedantismus, Swami Vivekananda, stärkten sein Wissen und seine Liebe zu indischem Geistesgut. Auch in einem gleichgesinnten Kreisj dem „Adlcrnest“, verkehrte er viel, gründete selbst den Klub „Concord“ und gab für ihn eine Wochenschrift heraus, die sich zu der bedeutsamen Kulturschrift „Ost und West“ entwickelte. Im Herbst 1888 trat er als Professor für Sanskrit in die Hochschule „Union Academy“ von Sindh (Haiderabad) ein.

Im] Mai 1890 verkündete er plötzlich, daß er sich entschlossen habe, Christ zu werdtn und alle weltliche Arbeit aufzugeben, um nur noch für das Christentum zu wirken. Im Klub „Concord“ hatte er an den Bibellesungen des protestantischen und später zum katholischen Glauben konvertierten Missionars Townsend teil-genotnmen und in Sindh sich einem ähnlichen Zirkel angeschlossen. Seine Freunde taten vergeblich alles, um ihm abzuraten. Am 26. Februar ließ er sich vom Angli-kaner Heaton taufen. Das bedeutete Bruch mit seiner ganzen Umwelt. „Bhwami ist nun allein mit dem Einzigen“, schreibt sein Freund. „Er hat alles verkauft, um die Perle des Lebens einzutauschen. Er ist hungrig und durstig, niemand ist da, der ihm hilft. In einer armseligen Wohnung bringt er seine Zeit mit Studien und Gebet zu, hinter dem großen Lehrer der Akademie den Hur kehrend und sein karges Mahl in der Küche bereitend, während der wütende Mob Kot und Steine in seine Behausung wirft.“

Upadhyaya hatte bei der Taufe nur Christus gesucht. Die Lektüre von Brunos „Catholic Belief“ („Katholischer Glaube“) führte ihn zum Portal der katholischen Kirche. P. Bruder S. J. nahm ihn am 1. September 1891 zu Karachi in die Kirche auf. Als Namenspatron wählte er sich den heiligen Theophilus — Brahmabandhav.

Von diesem Tage an betrachtete er die Taufe des Indertums als seine Lebensaufgabe. Doch er wollte das Christentum in Indien seines europäischen Gewandes entkleiden, aus einer Erkenntnis, die er mit den Worten ausdrückte: „Vielen ist Christ synonym mit Hut und Hose, ein Mann der Fremde, der Rindfleisch und Schweinefleisch ißt, der beim Essen sich der Gabel, des Messers und des Löffels bedient... Christentum ist nicht gleich Europäer-tum.“ Er ging von dem Standpunkt aus, daß eine Vermählung zwischen Hindutum und Christentum möglich sei, weil die philosophischen Grundlagen des Hinduismus, die Vedantaphilosophie, monotheistisch sei. Upadhyaya war sich des Wagnisses bewußt. Auf die Frage: Kann der Vedantismus mit dem Christentum ausgesöhnt werden? antwortete er: „Die Welt sagt: Nein — Upadhyaya sagt: Ja!“ Mit rücksichtsloser Klarheit forderte er einen indischen Klerus und Episkopat und erblickte den Grund des eklatanten Mißerfolges der indischen Mission in dem rein europäischen Charakter, in dem sie sich Indien zeigte.

Zunächst aber lag dem Neubekehrten daran, dem Fortschreiten des Rationalismus in Indien Halt zu gebieten. Sein Eintritt in die katholische Kirche hatte in Sindh einen Sturm ausgelöst. Einflußreiche Männer hielten Vorträge gegen das Christentuni. Antichristliche Literatur aus Europa und Amerika wurde in den Dienst der Propaganda gestellt. Upadhyaya- ging zum Angriff vor. Er schrieb 1893 eine Abhandlung über die Existenz Gottes. Die religiösen Fragen und die Frage der Kirche wurden Tagesgespräch. Brahmamissionarc wurden eingesetzt, Theosophen aus England, Schule, Presse, Katheder und Redner-bühnc in den Dienst genommen, um die von Upadhyaya begonnene Bewegung aufzuhalten. Auch die Theosophin Anny Besant trat auf den Plan. Upadhyaya forderte sie in einem offenen Brief in die geistige Arena, Sie wich aus — er verfolgte sie von Ort zu Ort mit Reden gegen die Theosophie, bis sie schließlich auf eine Privatunterredung einging. Unter den Gebildeten machte sich eine Bewegung zum Katholizismus geltend. Um dieser entgegenzukommen, wurde 1893 der Sanskritprofessor P. Hegglin 9. J. nach Sindh entsandt.

Im Dezember 1894 überraschte Upadhyaya die Welt mit der Erklärung, er habe das Leben eines indischen Bettelmönchs (Bhikschu Sanyasi) angenommen. Er legte nun auch das gelbe Gewand eines indischen Büßers an, lebte als Armer von Almosen, ging barhaupt und barfuß einher und nährte sich nur von Pflanzennahrung und Wasser. Er ging noch weiter. In einer romantischen Gegend bei Jabalpur errichtete er mit kirchlicher Erlaubnis ein Matha (Kloster) einheimischer Sanyasis, von denen die einen ein kontemplatives Leben der Gottversenkung und Selbstverleugnung führten, die anderen als Bettelmönch die katholische Wahrheit bis in die dunkelsten Winkel Indiens tragen sollten. Sie sollten ebenso in der Vedantaphilosophie wie in der Philosophie des heiligen Thomas bewandert sein. Mit drei Mönchen begann er anfangs 1893. Upadhyaya selbst durchwanderte jetzt die indischen Hauptstädte, hielt Konferenzen über Glauben an Gott und die indischen Religionen. In privaten Religionsgesprächcn suchte er gebildete Inder zu gewinnen. 1900 erschien die Zeitschrift „Sophia“ in Englisch, mit wohltuender Eindringlichkeit geschrieben Jede Seite zeugte von der umfassenden Bildung und literarischen Gestaltungskraft dieses geistvollen Mannes. Kampf gegen den aus Europa. eindringenden Geist und die Darstellung des Christentums im Gewände der Vedanta waren neben den politischen die Hauptziele der Wochenschrift.

Eine Zeitlang stand Upadhyaya .mit Ra-bindranath Tagore in Verbindung und gründete mit ihm die bekannte Hinduschule Shantiniketan. Aber schon nach einem Jahr trennte sich Upadhyaya von ihm und gründete eine eigene Schule. Er erließ auch einen Aufruf zur Gründung eines indischen Nationalkollegs. Schon träumte er von einer völligen Verschmelzung der christlichen Theologie mit der indischen Philosophie.

Aber das Jahr der Jahrhundertwende war sein Schicksals jähr. Von manchen weitschauenden kirchlichen Kreisen gefördert, staiiden aRdere bestimmende Persönlichkeiten seinen Plänen und Ideen kritisch gegenüber. Die Gedankengänge waren zu gewaltig, zu'weitgreifend, zu neu, um nicht auch manchen als Gefahr für die Einheit des Glaubens zu erscheinen. Sicher ist auch, daß Upadhyaya zu weit vorstieß und nicht immer scharf genug die einzuhaltenden Grenzen sah. Dazu verletzte er auch die Nichtinder durch seine europafeindliche Haltung und seine- Kritik des Europäismus im Missionsbetrieb.

Da trafen ihn die Maßregeln der kirdr-lichen Vorgesetzten. Die „Sophia“ wurde kirchlich verboren, ihm selbst wurde die schriftstellerische Tätigkeit in theologischen Fragen untersagt. Er fügte sich „als getreuer, gehorsamer Sohn der Kirche“, wie er schrieb. Die „Sophia“ stellte nach sechsmonatiger Lebenszeit ihr Erscheinen ein Als Upadhyaya bald nachher eine neue Zeitschrift, „Das zwanzigste Jahrhundert“, gründet, trifft sie das gleiche Schicksal. Er aber gibt seine Ideen nicht auf, sondern beruft sich auf P. de Nobili und Beschi, die 200 Jahre zuvor die gleichen Ideen verfochten und nach bitteren Kämpfen gerechtfertigt wurden. Doch er ist tief in die Krisis geschleudert, sein glühender Eifer erlahmt in ihm. Der kirchlichen Stütze entbehrend, von Widerspruch und Zweifeln gequält, wird er von diesem Widerspruch, aus seinem Gegensatz zu europäischem Wesen, wieder dem Hinduismus zugedrängt. Aber er will in der katholischen Kirche sein und bleiben. Noch am 6. Juni 1904 schreibt er an seinen Freund Khemchand:

„Ich kann an die Möglichkeit denken, die Keuschheit zu verlieren; ich könnte Ehebruch begehen; aber was meinen Glauben betrifft, ist mir nie ein Zweifel in den Sinn gekommen ... Seit meiner Taufe war ich niemals, auch keinen Augenblick — ich übertreibe nicht —, versucht, die von Gott verliehene Autorität des Papstes über meinen Glauben und meine Sitten zu bezweifeln. Einem einzelnen Würdenträger zu widersprechen und nach gebührender Unterwerfung Berufung einzulegen, um zu prüfen, ob diese Einzelbehörde mit dem höchsten Inhaber der Gewalt übereinstimmt, ist keine Untreue. Ihr in Christus ergebener B. Upadhyaya.“

Ende September 1902 bricht Upadhyaya als bettelarmer Mönch nach Europa auf. Er fährt zunächst nach Rom, beichtet in St. Peter und betet am Grabe des heiligen Petrus. Zum Papst kommt er nicht. Sehnsüchtig sieht er zum Vatikan hinauf. Dann reist er weiter nach England, spricht in London, Oxford und Cambridge im gelben Mönchsgewand. Kardinal Vaughan läßt ihn im „Tablet“ sein Ideen vertreten, die in Indien im „Examiner“ eine ablehnende Kritik erfahren. Der Kontakt mit der westlichen Kultur macht Upadhyaya — entgegen allen Erwartungen — noch mehr zum Inder und geschworenen Feind der materialistischen Kultur Europas. Zurückgekehrt, stürzt der ungestüme Mann sich ganz in die indische Unabhängigkeitsbewegung und kommt so in Konflikt mit der Regierung. Seine Verhaftung steht bevor. Ein altes Leiden aber zwingt ihn, vorher sich einer Operation , zu unterziehen. An ihren Folgen stirbt derv46jährige plötzlich am 27. Oktober 1907. Der herbeigerufene Priester, P. Bergmann S J., kommt zu spät. Ergeben in sein Schicksal hatte Upadhyaya, rückblickend auf sein Leben, wenige Stunden zuvor seinerr Freunde, Professor Vasvani, gesagt: „Wundervoll waren die Wechselfälle meines Lebens — wundervoll ist mein Glaube.“

Es ist nicht leicht, in der verhängnisschweren Tragik dieses Menschenschickals ganz gerecht zu sein. An Upadhyayas reine und edle Absicht kann nicht der leiseste Zweifel heran. In seinem Irren war er da* Opfer des Schwergewichts seines Indertums.

Einmal auf sich selbst gestellt, einsam und verlassen, mußte er im Dickicht hinduisti-scher Philosoph.e sich verirren. Wir dürfen aber mit Recht fragen, ob es soweit gekommen wäre, wenn jene Tadler, die aus ihrer subjektiven Gesinnung heraus gegen Upadhyaya Stellung nahmen, bei aller Grundsatzfestigkeit liebevoller gewesen wären, mehr Verstehen für die Größe der Idee und mehr katholischen Universalismus gezeigt und der Entwicklung der Dinge klug vorausgeschaut hätten. Upadhyayas Verhängnis war es, daß er ein Menschenalter zu früh gelebt hat, als der Europäismus noch starr an den alten Formen festhielt. Es mußte ein Benedikt XV. kommen und ein Pius XI. sprechen, um auch in Ostasien die Eigenart der Völker voll und ganz in der Kirche zur Geltung zu bringen.

Upadhyaya ist tot und doch lebt er noch. Seine Schüler griffen die Ideen des Meisters auf. Die Zeitschrift „The light of the East“ (seit 1922), die der Inder Permanand in Haiderabad erscheinen läßt, die Schule für Hinduknaben, die der katholische Brahmane Sannyasi Brahamachari Animananda gründete, zeigen die Fruchtbarkeit der Idee. Die Jesuiten Wilhelm Wallace (t 1922) und Dandoy verfolgten gleiche Ziele. Auf dem Marianischen Kongreß für Gesamtindien zu Madras 1921 wurde dem toten Upadhyaya die verdiente Ehrenrettung zuteil. Neben P. Dandoy setzte der indische Priester Thomas Resolutionen durch, die sich voll und ganz mit den Bestrebungen Upadhyayas decken. Ihn bezeichnet er als Vorbild und Kronzeugen, „der die christliche Religion in indische Formen zu kleiden und das christliche Mönchsideal in indischem Gewände zu realisieren trachtete“. Jetzt war die Stunde reif geworden. Benedikt XV. hatte 1919 seine Enzyklika „Maximum illud“ veröffentlicht.

Zwei Welten standen im Leben Upadhyayas einander gegenüber, die sich nicht verstanden hatten. Animananda, der treue Schüler des Toten, hit uns das vom Hauch indischer Farbenglut übergossene Lebensbild seines Meisters geschenkt. Er zeigt die Fehler und Irrungen auf beiden Seiten und schließt sein Werk mit den ergreifenden Worten:

„In den Einöden der heiligen Bharata (Indien) hörte man einen süßen Ton und manche tapfere Seele folgte ihm, wohin immer er sie führte Sie kreuzten Hügel und Täler, Wüsten und Seen, arm und barfuß und freundlos und verloren, bis sie kamen zum Land des Friedens und der Wahrheit. Einer von der heiligen Gesellschaft hielt ein geheimnisvolles Feldzeichen in seiner Hand, das eine seltsame Devise auf jeder Seite trug — seltsam, weil die eine der andern zu widersprechen schien. Der sah die eine Seite und jener die andere, und so sagten sie sich harte Dinge über ihn. Er ••ber, ruhig in der Kraft, die Wahrheit und Oberzeugung gebiert, kümmerte sich nicht um sie, sondern ging hinüber in das Land, wo die Bösen zu stören aufhören und die Müden zur Ruhe kommen.“

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