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Freundschaft in Briefen

„Er musiziert wie ein Italiener und empfindet wie ein Deutscher“, schrieb einmal ein Musikkritiker über den Komponisten Wolf-Ferrari, und dieser Satz kennzeichnet nicht nur den Herzschlag der Musik dieses geistvollen Erneuerers des ßuffostils; er deutet auch den Kern seines Wesens. Schon sein deutscher Vater, der Münchner Maler August Wolf, hatte sich durch hervorragende Kopien italienischer Meister, die noch heute in der Münchner Schack-Galerie hängen, einen geachteten Namen gemacht. Seine Mütter war Venezianerin und hieß Ferrari, der deutsch-italienische Sohn nannte sich Wolf-Ferrari.

Nur die ungewöhnlich verehrende Liebe Er-mannos zum Vater vermochte es, daß der Knabe, dessen Herz von Kindheit an sich der Musik zugewandt hatte — er spielte mit neun Jahren als sogenanntes Wunderkind vollendet Beethoven uhd Bach —, sich scheinbar widerspruchslos dazu bestimmen ließ, Maler zu werden. Trotz seiner erfolgreichen Studien in Rom und München kommt in dem Jüngling, der in jeder Freistunde insgeheim über den Noten sitzt, immer elementarer der Musiker zum Durchbruch, als er sich in Bachs „wohltemperiertes Klavier“ vertieft. Der innere Aufruhr ist unaufhaltbar. Er betritt die Malerakademie nicht mehr und offenbart sich — nicht ohne Bedrückung, aber voller Verzweiflung — dem

Vater. Er weiß, daß er diesem eine große Lebenshoffnung zerstört. Nach schweren Tagen des Bangens trifft die Antwort des bestürzten, aber — entsagenden Vaters ein. „In Gottes Namen I“ schreibt er, für den Musikerdasein und unsagbares Elend gleichbedeutend sind. „Anstatt eines berühmten Malers mit viel Ehre und Geld, willst Du ein armer Musiker werden, der für eine Mark treppauf, treppab Klavierunterricht geben muß, um zu leben. Sei es darum, wenn es Dich glücklich macht!“

Nach beendetem Studium in der Kompositionsklasse Rheinbergers an der Münchner Akademie der Tonkunst (schon die Aufnahmeprüfung hatte er als Autodidakt bestanden) wirkte er vorerst als Chordirektor in Mailand. Dann gelingt dem Unermüdlichen 1902 mit der glänzenden Uraufführung seines Chorwerks „La Vita Nuova“ (nach Dante) in München der große Wurf, der ihm in der internationalen Musikwelt sofort einen Namen verschafft. Seine Vaterstadt Venedig versichert sich seiner umgehend durch die Berufung als Direktor des berühmten Konservatoriums Liceo musicale Benedetto Marcello „auf Lebenszeit“. Ein Jahr später erfolgt in München die Uraufführung seiner musikalischen Komödie „Die neugierigen Frauen“ (Text nach Goldoni), die ihn in die vorderste Reihe der Opernkomponisten stellt. Sein Ruhm ist für immer gesichert. — Neben vielen anderen musikalischen Schöpfungen reihte er Oper an Oper (unter anderem Die vier Grobiane, Susannens Geheimnis, Der Schmuck der Madonna, Die schalkhafte Witwe, Sly, Madama Boba), die den Weg über die Bühnen des In- und Auslandes machen.

Worin liegt das Geheimnis des anhaltenden Erfolges seiner Opern?

Wenn vor dem geöffneten Vorhang im Orchester die Töne aufklingen, mit denen er seinen Goldoni-Gestalten sprühendes Leben einhaucht, ist es, als ob man als Zuschauer vom Lächeln einer schalkhaften Welt angerührt wird; als offenbare sich, daß das Leben doch eigentlich heiter sei. Südländische Sinnenfreude und Grazie und deutsche Beseelung vereinigen sich auf das glücklichste. Zwei Jahrhunderte spannen sich zwischen ihm und der Commedia dell'Arte seines venezianischen Landsmannes Goldoni, den seine heiter-verspielte Künstlerseele in liebenswerter Geistesgemeinschaft ins Heute stellt. Mit absoluter Eigengesetzlichkeit durchdringt er, allen Stilproblemen zum Trotz, seine Opern melodiös mit neuzeitlicher Tonfärbung und spendet allen aus einem unerschöpflichen Born.

Diese unbefangen frohe Schaffensweise der heiter in sich ruhenden Künstlernatur wurde durch den Ausbruch des ersten Weltkrieges jäh unterbrochen. Er fühlte sich so sehr als Deutscher, wie er Italiener war. Beide Länder liebte er als Heimat, denn beiden dankte er seine Gaben in gleichem Maße. Daß sein Vater- und sein Mutterland nun in blutiger Fehde standen, brach ihm fast das Herz — ein Zwiespalt, mit dem der Empfindsame nicht fertig wurde.

Der nach unserer ersten Begegnung sich anbahnende Briefwechsel sollte sich zwischen den beiden Weltkriegen bald zu einer nahen brochenen Schriftverkehr, der bis in seiner Sterbemonat (Jänner 1948) wohl mehr als 200 Briefe umfaßte, liegen jener Zwiespalt unc jede aufkeimende Freude beschlossen, die sicr zwischen den neuen Werken in seiner fast kindlichen Seele abzeichnen. Denn im Grunde wai er ein Einsamer, der die Gesellschaft und di Menschen mied. Seine treue Lebensgefährtir Wilhelmine schütze „wie ein Carabiniero“ die Arbeit an jedem werdenden Werk, das Glück des Schaffensfreudigen gewährleistend, und fand in dieser entsagenden Rolle ihr eigenes.

Als 1938 die Stadt Halle die deutsche Urmit einer Feier verbinden wollte, lud er mich ein, dem festlichen Ereignis beizuwohnen. „Unsere Freundschaft in Briefen“, sehrieb er, „die in gegenseitiger Befruchtung so oft das Ihre getan, braucht einmal wieder eine nahe Lebensfeier, und mein geliebter Markusplatz soll den Abend über sein musikalisches Terrain dazu leihen...“ Die einzige Kulisse für „II campiello“ war nämlich der in leuchtenden Farben nachgebildete Markusplatz von Venedig und sein südlicher Himmel. — Als ich bei ihm eintrat, umarmte er mich spontan mit dem Temperament und der Grazie des Romanen, die seiner inneren Schlichtheit so wohl anstand. Es war nicht, als ob er mich in der nüchternen Stadt Halle, sondern auf der Piazza San Marco empfing. Hier fühlt sich der Maestro in seinem Lebensraum und Element.- Aber sonst blieb spürbar, daß das offizielle Gefeiertwerden diesem Bescheidenen und allem Pathetischen Abgewandten als Müßiggang erschien. Wenn er sein Werk beendet hat, überläßt er es seinem Schicksal. Dem großen Lorbeerkranz, . den die Stadtväter nach diesem rauschenden Abend spendeten, sollte indessen noch eine seltsame Bestimmung vorbehalten sein: mit ihm mußte Wolf-Ferrari bei seiner Rückkehr nach München die Bahnsperre in Halle passieren, umgeben von einem Schwärm neugieriger Premierenbesucher. Belustigt rief der Bahnbeamte den nachdrängenden Autogrammjägern zu: „Machen Sie Platz, der Herr will zu, einer großen Leiche!“ Einige Tage später erhielt ich zu meinem Erstaunen einen Brief von ihm aus — Venedig. Er schrieb, wie traurig recht der Spaßmacher bekommen sollte. In München habe er die ihn hart treffende Nachricht vom Tod seiner Mutter vorgefunden, die bis in ihr 90. Lebensjahr jede seiner Premieren mit tieferer Spannung erwartet hatte, als er selber. Nun habe er ihr bei der Bestattung den Lorbeerkranz, den er für „II Campiello“ erhalten, auf das Grab in Venedig gelegt ...

BnulriDSia :rfte seit dem Ausbruch des zweiten großen 'Krieges eines gesteigerten Zuspruchs, die wachsende Unruhe des in seinem Arbeits-rhythiv'.is wieder so empfindlich Aufgestörten zu mäßigen. So galt es denn zunächst, den verlorenen kindseligen Glauben an die Menschen behutsam in einen solchen an d e n Menschen zu wandeln. Wiederholt hielt er entgegen, daß Beethoven mit der Neunten die „ganze Welt“ gemeint habe. Am 9. Dezember 1939 schreibt er:

„Der vorige Krieg hat meint Schaffe volle sechs Jahre unterbrochen, trotzdem ich nicht im Feld war. Diesmal dürfte es nicht sein, da ich jetzt 64 alt bin. Es wäre sonst das absolute Ende meiner Musik, meines Lebens; denn ohne Schaffen hat mein Leben keinen Wert...“

Um sich innerlich den politischen Wirren zu entziehen, hatte er schon im Herbst eine Berufung als Professor der Komposition an das Mozarteum in Salzbürg angenommen. Hier kann er seine wachen Kräfte nutzbringend für die

Jugend einsetzen, der er sich mit verantwortlicher Hingabe widmet. „Wenn ich lehre, kümmere ich mich zuerst um die seelische Harmonie der Schüler, und dann erst um ihre geschriebenen Akkorde.“

Die Oper „Madama Boba“ ist beendet, dann aber ruht das künstlerische Schaffen. „Don Quichotte“ — so klagt er 1941 in seiner Verdüsterung — „hat solange für das Gute kämpfen können, als er ein Narr war; sobald er .gesund' wurde, war er erledigt. Hätte er aber nur eine Lilie in der Hand gehabt, wie ich, so hätte er — gar nichts vermocht...“

Im Sommer 1942 hatte er sich durch überspannte Arbeitsenergie eine Herzmuskelschwäche mit nachfolgender Lungenentzündung zugezogen, die ihn fast an den Rand des Grabes brachte. Vom Genesungslager, auf dem die Untätigkeit ihn quälte, schrieb er am 6. Juni:

„Der erste Brief nach meiner .Auferstehung' soll an Sie gerichtet werden, da Sie mir der Nächste sind. Ihre Teilnahme hat mir während meiner Krankheit — das heißt seitdem ich wieder über ein Bewußtsein verfügte — ungemein wohlgetan. In dem Brief an meine Frau schreiben Sie: ,Aber was treibt ihn so sehr, nicht ein wenig mehr der Be-i Schädlichkeit des Daseins zu leben, wo das Unbeschauliche einen schon genügend heimsucht.' Noch mehr der Beschaulichkeit leben, als ich es schon tue, wie könnte ich das, ohne dabei kaputtzugehen? Nur ist eben meine Beschaulichkeit sehr leidenschaftlich und folglich auch Leiden schaffend. Da ich keine andere Entladung im Tun besitze, als die Kunst, so ist mir die wunderbare Gabe verliehen, aus einer Gegenwart, die bloß Sehnsucht ist, in meiner Musik ein gegenwärtiges Glück zu gestalten, das man nur irrtümlicherweise als eine Widerspiegelung meines Glückes auffassen könnte. Es ist eben nur die Widerspiegelung jener Sehnsucht, die in der Musik als ein Vorhandenes, Erreichtes scheint. Wagner sagt einmal: Hätte ich das Leben, so brauchte ich nicht die Kunst. So denke ich auch; muß aber hinzufügen, daß ich unter Leben das Leben aller meine! ... So sieht meine Beschaulichkeit aus, und weil ich darunter zugrunde gehen würde, so schaffe ich mir musikalische Luftschlösser, in welche ich ein Bild jener Vollkommenheit male, die ich herbeisehne. Sonst bleibt nur die Flucht in die Liebe zu einzelnen: Frau, Freund usw. Nun haben Sie einen etwas langen Brief von einem, der noch vor vier Wochen dem Weg des Todes ausgewichen ist. Gespürt habe ich davon nichts. Um so mehr meine taofere Frau die einfach ganz wunderbar gewesen ist. Ohne ihre Tat wäre ich nicht mehr!“

Als er nun im Dezember 1942 seinen Landsitz in Planegg bei München verläßt, um „nach 30jährigem Landleben“ in München Wohnung zu nehmen, zieht er noch einmal die Summe einer in ihm sich schmerzlich abzeichnenden Vergangenheit. Aber schon liegt zwischen den Zeilen verborgen, daß er Frieden mit seiner Traumwelt schließt.

„ ... Ich lebte wie ein Mönch einer unvorhandenen Religion; und ich wußte es nicht. Die Welt war für mich schon längst versunken-, aber ich wußte es nicht. Ich lebte noch ungebrochen in mir. Die Musik gab mir jene Scheuklappen, die machten, daß ich mein Fremdsein in der Welt der praktischen Leute nicht bemerkte, da ich sie nicht eigentlich gewahr wurde. Ich hielt sie für glücklich und hielt keinen Menschen für völlig gemein und amusisch — trotz handgreiflichster Beweise. Es gibt ein Stück im Kasperltheater, wo folgendes vorkommt: Der Kaspar bekommt auf seinen Holzschädel einen fürchterlichen Schlag mit dem Prügel, da sagt er: ,lch höre Geräusch!' — Pause. Er bekommt einen zweiten, noch stärkeren: da sagt er: ,Es naht jemand!' — jetzt nochmals Pause. Zum Schluß bekommt er einen dritten, ganz heftigen Schlag; da sagt er: ,Wer weiß, ob schließlich nicht.. . ?' So, ohne den Satz zu Ende zu sprechen: aber er braucht so viel, um überhaupt zu zweifeln, ob das nicht wirklich Schläge waren ... So war ich lange, sehr lange. Mein Autoillusionismus war unbegrenzt, daher war ich innerlich vollkommen glücklich, jetzt lebe ich in der Stadt und werde die Sprache allmählich sprechen lernen, die auch der Durchschnitt einigermaßen verstehen kann; zuletzt, nach 30 Jahren Landleben, war ich den meisten ein Sonderling geworden, der nur noch als Marionette samt ihren Fäden mit der Welt zusammenhing. Diese Marionette hieß: Wolf-Ferrari. Denn die Leute hielten mich dafür . ..“

Abgeklärten Willens nimmt er von dieser leidfernen, heiter beschwingten Lebensperiode Abschied, seine Harmonie in eine neue, krausere Welt hinüberrettend — wie ein aus Mitleid wissend gewordener Parzival. Jener Brief birgt aber auch zugleich die Peripetie seines durch den zweiten Weltkrieg bedingten seelischen Tiefstandes, der sich in die SeLbstenfhüllung gerettet hat und so der Wende und der Ermunterung sich nicht mehr verschließt. Der Zug in die Stadt ist das äußere Merkmal dieses für ihn einschneidenden Vorgangs, wie denn überhaupt der eingezogen lebende Kämpfer nicht nur auf dem Podium, sondern auch im Umgang den souveränen Charme und die Würde eines Grand-seigneurs besaß. — Auch sein alter Humor bricht wieder durch. Als ich ihm als Gruß aus meinem Garten einige Äpfel sende, die für den Städter selten geworden sind, quittiert er sie mit den Worten, er verstehe jetzt Adam viel besser als vorher: Weder Schlange noch Eva seien heute nötig, um wegen eines Apfels zu sündigen. — Seinen Zorn über die Bombenflieger, die über München erscheinen, redet er sich jetzt hin und wieder von der Seele und meint, daß seine Verzweiflung über die Menschenteufel jede Angst

JcU hörte unlängst die MißaJ$e%0vBJg Beethoven im Radio und konnte dabei eine Stimme nicht zum Schweigen bringen, die dazwischensprach. Beethoven sagte: Benedicta qui venit in nomine domini, und die Stimme währenddem in einem fort: ,Bom-ben — vernichtet — versenkt' usw. Der Teufel spuckt — mit ck, nicht mit k — immer wieder in die Suppe . . . Ich würde gewiß nicht Bomben auf Städte werfen: eher Musik ...“

In diesem anhebenden seelischen Auftrieb gelingt ihm — neben der Oper ..Der Kuckuck von Theben“, die den Amphitryonstoff reizvoll abwandelt und in Hannover die Uraufführung erlebt — sein wohl schönstes Orchesterwerk überhaupt, das später auch in der Musikwelt als eines seiner hervorragendsten Meisterwerke bezeichnet wurde. Am 10. Juli 194? teilt er mit, daß er das Konzert für Violine und Orchester in D-dur beendet hat. Im Rundfunk konnte ich am 7. Jänner 1944 die Uraufführung miterleben und im Werk die Entschlüsselung der jahrelangen Dissonanz des Freundes wahrnehmen. So brauchte ich ihm nur mit einigen Worten die Mitfreude über den sieghaft zurückgelegten Weg kundtun. Wolf-Ferrari antwortete:

„Ihr Brief enthält einen Satz — eigentlich nur die kurze Schlußwendung eines Satzes, der mir mehr gegeben hat. als eine lange Unterhaltung es vermocht hätte. Sie wissen ja, wie tief mich das Problem quälte: Wie kann ich die Vorstellung des christlichen Gottes als gütigen Vater verbinden mit der anderen: des fürchterlichen Gottes mit dieser schrecklichen Welt, wie wir sie jetzt erleben und eigentlich durch die ganze Menschheitsgeschichte immer wieder bestätigt sehen, da sie wirklich eine Folterkammer ist? — Und nun geben Sie mir die Lösung, indem Sie mir schreiben: ,Aber am meisten freut es mich, daß Sie mitten im Kriege und hoch über den Trümmern sich zu dieser meisterhaften Leistung emporgehoben haben: Gott ist gut!' So nah war die Lösung, und ich sah sie nicht, wie die Mücke, die durch das Glas des Fensfers hinauswill, während daneben das andere Fenster offen ist ... Gott ist gut!“

Seine Briefe bezeugen fortan deutlich die endgültig vollzogene Wandlung, die ihn auch menschlich freimacht. In seinem musikalischen Schaffen fühlt er sich auf festem Grund — froh, einer Kunst zu dienen, die nicht „denken“ kann. „Die Musik ist göttlich einfältig“, schreibt er, „also die unbefangenste aller Künste. Unbefangenheit aber ist dem Bös%n fern, steht gewissermaßen vor dem Sündenfall.“ So gilt sein Schaffen in Hinkunft der Versöhnung unseres ruhelosen Sterns mit dem Schöpfer. Diese Erkenntnis wächst ihm neben den Trümmern der zweiten Weltkatastrophe zu.

„Ich sah an einem Turm in Venedig, zwischen den Ritzen seiner Mauern, wo gewiß wenig Humus vorhanden war, Gräser, grüne Gräser wachsen! So was sage ich während der jetzigen Sintflut! .. . Damals war ich selbst noch so sehr Dur-Mensch, daß ich Moll sogar in der Musik selten gebrauchte. Ich dachte, Dur müsse immer siegen. Allzulang blieb ich ein Kind und wollte eine Welt in Dur, nur in Dur. Diese Welt existiert auch: sie ist jene der Musik, Gott sei Dank. Aber sie gründet sich auf die andere, die vom Gott und vom Teufel zugleich ist. Was ist der Diabolus in Musica (die Tritonus-Dissonanz, vor der man im Mittelalter erschrak) dagegen?“ (27. September 1944).

Der endliche Friede macht sein Lebensglück wieder vollkommen. Das Jahr 1946 sieht ihn in Zürich. Und gleichsam, als möchte er nun von seinem neuen zuversichtlichen Weltgefühl etwas abgeben, schreibt er am 19. September von dort:

„ ... Ich wage es kaum, Ihnen zu sagen, der nicht hier sein kann, wie schön es hier ist, daß sich die Seele öffnet und recht atmen kann. Wie gern möchte ich Ihnen etwas von meiner jetzigen Stimmung mitgeben! Ich kann sie nur, wiederholt, mit dem Wort Zuversicht ausdrücken und tue damit nur bewußt dasselbe, was mein Herz oder meine Lunge tun. Wenn das Herz erst eine Vernunft brauchen würde, um zu schlagen, wie ginge es? Es schlägt blind, das ist es. Diese Blindheit ist der einzige Gewinn, den wir von der letzten Sintflut einheimsen können.“

Ein halbes Jahr später (7. Februar 1947) gibt ein Satz des wieder ganz in sich ruhenden Tonschöpf eis die Festigkeit seiner gewonnenen

Grundhaltung zu erkennen: „Der Komponist jener enormen Symphonie, in der wir leben, ist so übermenschlich, daß es nicht gesagt ist, daß wir die Organe besitzen, sie zu verstehen.“ Beglückt kehrt er nach 40jährigem Aufenthalt in Deutschland im Herbst des gleichen Jahres nach Venedig, seiner Geburtsstadt, für immer zurück. Der Ring seines Lebens schließt sich.

Am 2. Jänner 1948 erhalte ich den letzten Brief. Dieser Bericht des vor wenigen Monaten nach Venedig Heimgekehrten ist voller Pläne; nichts läßt darauf schließen, daß der Schreiber das letzte Mal die Feder angesetzt hat. Seine Zeilen klingen, als feiere er im Gleichnis noch einmal Versöhnung mit dem Auf und Ab des Lebens, in den Ruf aus: „Gott ist ein großer — Dichter.“ Den 72. Geburtstag begeht er am 12. Jänner in Frische und häuslicher Stille und arbeitet an einer Symphonie „Die Kirchen von Venedig“, die er diesen geliebten Räumen widmen will. Neun Tage später geht die Nachricht durch den Äther, daß ein Herzschlag das Leben Wolf-Ferraris endete.

Seine Witwe schrieb mir, daß er jung bis zuletzt geblieben sei und daß auch die kurzen Minuten seines Hinscheidens so harmonisch wie sein Leben gewesen seien, das mit den Worten ,.In Deinen Armen ...“ erlosch. Mit verhaltener Trauer fügte sie hinzu: „Ganz Venedig hat geweint, nur ich nicht...“

Das Staatsbegräbnis für den großen Sohn der Stadt gestaltete sich zu einer persönlichen Trauerfeier der Bürger Venedigs. Als die sterbliche Hülle auf dem Campo Santo der Gruft übergeben war und sein Orchester Melodien aus „II campiello“ spielte, sollten diese zum Grabgesang ihres Schöpfers werden: Aus eigenem Antrieb stimmten die trauernden Venezianer, die den Friedhof füllten, unter Schluchzen in den Hymnus auf die Lagunenstadt mit ein, so daß sich dieser improvisiert anschwellende Chorgesang mit seinen reinen Stimmen zu einer erschütternden Apotheose steigerte.

Über dem Grab wurde ein Denkmal mit einer der Totenmaske nachgebildeten Büste in Marmor errichtet und im Teatro Fenice die gleiche Büste in Bronze enthüllt. Der zur ewigen Werkpause abgerufene Tondichter aber hat sein reich erfülltes Lebenswerk über der Erde gelassen.

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