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Der Bogen des Konstantin

In einem kurzen Vorwort nennt Werner Kaegi diese erregende Schrift einen „Aufruf“, der uns bewegen soll, unser Bild des Mittelalters zu überprüfen. Wenn in diesem Vorwort Heers Schrift dem berühmten Aufsatz des Novalis „Die Christenheit oder Europa“ gegenübergestellt wird, so ist ihr einmal ein ungewöhlicher Rang zuerkannt, es ist aber auch eine gewisse Verwandtschaft bezeichnet. Wie der Aufsatz des Novalis, hat Heers Aufruf einen visionären Zug, geht er, wenigstens mit dem letzten Appell, der sich unmittelbar an uns, unsere Frömmigkeit, unsere Verantwortung vor der Geschichte wendet, über die der historischen Wissenschaft gezogene Grenze hinaus; denn ein leidenschaftliches Zeitgefühl, ein unerbittliches Forschen nach dem Wesen dieser unserer Zeit, nach dem Charakter ihrer Erscheinung im großen geschichtlichen Zusammenhang, führt Heer die Feder. Hat aber Novalis geahnt und gesehen, so sucht Heer sorgfältig nachzuweisen, prüfend zu begründen; hat Novalis im Widerspruch zu gewissen Vorstellungen seiner Zeitgenossen das Mittelalter verklärt und die Menschen zu dessen Idealen zurückwenden wollen, so stellt Heer die poetische Glorie einer in höherem oder geringerem Grade vollzogenen christlichen Ordnung in Frage: „Es gab, streng genommen, nie ein christliches Europa, wohl aber gab es ein weites und reiches Christsein in Europa“; dieses auf Christus bezogene Dasein war gegründet in der Kirche, lebte, wirkte, strahlte in den Kräften der Stille, des Gebets, des Opfers, des Zeugnisses, „in Klöstern und Kongregationen, in Pfarrhäusern und Spinnstuben, Schlössern und Katen“.

Das heißt aber doch, daß das Christsein nicht von den Mächtigen getragen wurde, nicht von den Repräsentanten, den sichtbar Verantwortlichen. Die christliche Geschichte Europas erscheint als „Experiment“, ein tausendjähriges — und gescheitertes — Bemühen, „das Reich Gottes mit allen Mitteln der Gewalt und der Gewalten an sich zu reißen“. In diesem Sinne beginnt Heer seine Schrift mit dem lapidaren Satz: „Die Geschichte des Abendlandes liegt hinter uns.“ Es ist, in seiner Schau, dieser Vorgang: „Das Vaterland auf Erden stellt ihn (den Glauben) in seinen Dienst und verzehrt allmählich das Vaterland im Himmel.“ Symbol dieses Wollens, dessen Großartigkeit an keiner Stelle geleugnet wird, könnte der Bogen des Konstantin sein, der höchst verschiedenartige Bauglieder zusammenschloß. „Der Bogen des Konstantin war sichtlich überspannt worden.“ Er zerbröckelt, und die freiwerdenden Elemente, „antiker Pantheismus und Immanentismus, neu-europäischer Rationalismus, Materialismus, und Sentimentalismus“ entfalten aufs neue ihre Kräfte: das ist die Gefahr der Stunde. Im Kirchlichen sieht Heer Ende und Wende zwischen Papst Gregor XVI., der Enzyklika „Mirari vos“ vom 15. August 1832, und der Enzyklika „Mystici Corporis“ vom 29. Juli 1942: die erste das „erschreckende Dokument“ der „Großen Ordnung“, die gerettet werden sollte und nicht mehr zu retten ist, die zweite Aufforderung an die Gläubigen, „frei den blutigen Spuren unseres Königs zu folgen“.

Friedrich Heer weiß, daß er erst einen Anfang macht: die Frage nach dem eigentlichen religiösen Gehalt der Zeiten, nach der Wechselwirkung zwischen christlichen und widerchristlichen Kräften, nach der innersten ohjektiven Wahrheit des Seins (um die in diesem Entwurf alles geht), kann “in ausreichendem Grade noch nicht beantwortet werden, weil die Vorarbeiten noch nicht geleistet sind.

Und doch bietet Friedrich Heer in knappstem Aufriß eine überwältigende Fülle von Einzelheiten, die, im Lichte seiner Konzeption, wie im Relief aufleuchten. Das Wesentliche ist: er sieht immer das Ganze: „den geschlossenen intim-innerlichen Zusammenhang der europäischen Geschichte, in dem Augustin und Luther und Voltaire, Thomas und Descartes und Kant... zusammengehören“. Ohne Scholastik keine kritische Philosophie, aber auch keine Aufklärung, zu der hier ein „offenes Bekenntnis“ abgelegt wird. „A^les was wir heute an wissenschaftlicher Sauberkeit, an Gewissensfreiheit, an staatsbürgerlichen Rechten besitzen, ist undenkbar ohne die Aufklärung“. Aber auch die religiösen Begriffe, Erfahrungen und Erlebnisse sind „erst wiedergeboren worden zwischen Pascal, Kierkegaard, Newman und Bernanos im Feuer der Aufklärung“.

Das Ganze kann nur sehen, wer Gerechtigkeit übt: so wird Luther als Beweger seines Jahrhunderts verstanden aus der Antwort, die ihm die großen Heiligen seiner Zeit, Johann vom Kreuz, Therese von Avila und Ignatius, gaben; so erscheinen die Nonkonformisten, die das Nein zur Staatsreligion und Staatskonfession sprachen, in ihrem geschichtlichen Recht, doch ohne daß ihre, dem Geschick der Orthodoxie parallel laufende Tragödie verschwiegen wird: aus der religiösen Revolution wird eine politische; so ist es in England und Frankreich, ist es in atemberaubender Schnelle im modernen Rußland geschehen. Eine Umwertung wird vollzogen, die etwas Bestürzendes, Verwirrendes haben kann: wird aber der ursprüngliche Widerspruch gesehen, der im „Experiment“ selbst steckt, so erscheint auch der Umriß einer neuen, radikal-religiösen, weit ins Zukünftige sich ausbreitenden Daseinsweise; denn die Feststellung des Endes bedeutet ja nur die Ahnung des eben möglich gewordenen Anfangs: Geschichte soll keineswegs aufgegeben, sie soll nur ganz von innen her ergriffen werden im Sinne der Entscheidung, als deren weisende Zeichen Franz von Assisi, Ignatius von Loyola (als Verkünder unversehrbarer Freiheit) und Therese von Lisieux im Sinne eines tief in die Glaubensgestalt reichenden Verzichts, im Sinne rückhaltloser kindlicher Hingabe gefeiert werden. Was war die Unruhe der Zeit vom 16. bis zum 19. Jahrhundert? Es war der Versuch, „für Gott neue Namen zu finden“, die nicht befleckt waren von' der konstantinischen Säkularisation: einen Namen, den das während der Hoch-Zeit „christlicher“ Macht vernachlässigte Volk nachsprechen könnte und der sich als „unversehrbar“ erweisen würde.

Eine Umwertung dieser Art kann nicht ohne Widerspruch bleiben. Es fehlt nicht an bedeutenden Werken, die ein gegensätzliches Bild entfalten (wie: Werner Henneke: Formwandel und Probleme des Abendlandes, Biberach). Aber echte Schau, die sich aus einem brennenden Kontakt mit dem Geschichtlichen entzündet, wie- die Friedrich Heers, legitimiert sich schon aus der Fülle und Intensität des Erkannten, aus der Gegenwärtigkeit und Gleichzeitigkeit der Details, aus der Intimität des Wissens und Fragens. Heer ist es gelungen, in diesem schmalen Bande sein ganzes Anliegen uns, der Zeit sichtbar zu machen. Hier ist offenbar ein Tor aufgebrochen, das aus der Trümmerwüste der Zeit ins Neue führt: in eine Aera, von der wir nichts wissen und zu wissen brauchen, als daß Gottes Gebot über sie herrscht und daß er uns aus ihr, aus der Verantwortung für sie, einfordern wird. Dr. Reinhold Schneider

Die dunkle Nacht der Seele. Von Johannes vom Kreuz. Sämtliche Dichtungen. Aus dem Spanischen übertragen und eingeleitet von Felix Braun, Otto-Müller-Verlag, Salzburg. 1952. 87 Seiten.

Die Aufgabe, der religiösen Lyrik des heiligen Johannes vom Kreuz als deutscher Ucbersetzer gerecht zu werden, ist so schwierig und ist bisher so wenig befriedigend gelöst worden, daß man für jeden Versuch, sich wieder an sie zu wagen, besonders dankbar sein muß. Neuestens A ein solcher Versuch von dem 1947 mit dem Literaturpreis der Stadt Wien und 1951 mit dem Oesterreichischen Staatspreis für Dichtung ausgezeichneten Oesterreicher Felix Braun unternommen worden, für den er zugleich den dichterischen Niederschlag einer inneren Wandlung bedeutet, die sich aus „dunkler Nacht“ zu neuer Helle bewegt. Gegenüber anderen Uebertragungen der Dichtung des großen spanischen Mystikers zeichnen sich diejenigen Felix Brauns durch das Bemühen um möglichste Treue in der formalen — Versmaß und Reim betreffenden — Wiedergabe des Originals aus, allerdings um den Preis mancher Gewaltsamkeiten. Gequält-heiten, Unebenheiten, gehäufter poetischer Lizenzen und Sinnverdunkelungen. Daneben aber, besonders im „Geistlichen Gesang“ und in der „Liebesflamme“, gibt es Strophen, . die als so gelungen gelten können, daß einem daran erst aufleuchtet, was eine solche Nachdichtung eigentlich bieten müßte. Es berührt sympathisch, daß Felix Braun selbst von seiner Leistung nicht voll befriedigt scheint, wie dies sein „Nachwort“ andeutet. So bleibt zu hoffen, daß er sich um das Ideal, diese einzigartige Welt eines ganz übernatürlichen Glanzes in deutscher Sprache zu erschließen, in einer „zweiten verbesserten Auflage“ noch weiter bemühen wird.

The Episcopal Colleagues of Archbishop Thomas Becfcet. By David K n o w 1 e s, F. B. A. Cambridge Üniversity Press. 190 pp.

Zur Untersuchung des Streites Heinrichs II. mit der Kirche in England steht dem Historiker ein außerordentlich reichhaltiges Quellenmaterial zur Verfügung, und ' dementsprechend zahlreich sind auch die im Laufe der letzten hundert Jahre veröffentlichten Studien über jenen Abschnitt der englischen Kirchengeschichte. Aber eben der gewaltige Umfang des vorhandenen Materials, wie seine Unübersichtlichkeit, gibt der Forschung immer wieder Anlaß, sich mit den Einzelheiten eines Disputs zu beschäftigen, dessen tragische und folgenschwere Bedeutung heute, aus einem Abstand von nahezu acht Jahrhunderten, noch klarer wahrnehmbar ist, als dies vielleicht früher der Fall e war. Er bildete auch den Gegenstand der Vorlesungen, die Dr. Knowles, Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Cambridge, als Gast in Oxford gehalten hat, und die, ergänzt durch wichtige Anmerkungen und Quellenhinweise, im vorliegenden Band zusammengefaßt sind. Insbesondere die Haltung der Bischöfe bei den Versammlungen von Westminster, Clarendon und Norwicb, und die verhängnisvolle Rolle, die Gilbert von London, Roger von York und Hilarius von Chichester in kritischer Stunde gespielt haben, finden hier in knapper Form eine präzise und streng objektive Würdigung.

Kurt Strachwitz

Jugend auf der Flucht 1933 bis 1948. Fünfzehn Jahre im Spiegel des Schweizerischen Hilfswerkes für Emigrantenkinder. Von Nettie Sutro. Mit einem Vorwort von Albert Schweitzer. Europa-Verlag, Zürich. 288 Seiten.

„Es hilft nichts“, sagt Dr. phil. Nettie Sutro im Vorspruch. „So ist es gewesen und so muß es unser Jahrhundert verantworten.“ — Eine sinnlose, brutale Verfolgung hatte von 1933 an Millionen Menschen aller Konfessionen und Parteien von Haus und Hof getrieben, in die Konzentrationslager gesperrt, die Entwichenen in wirrer Flucht über die. ganze Erde hin verstreut. Wie ihre Väter so sind die Kinder, von den Familien getrennt, heimatlos umhergeirrt — wenige so glücklich, die rettende Schweiz zu , erreichen. Von diesen Kindern erzählt das sehr sachliche und schlichte, aber von tiefer, unpathetischer Menschenliebe getragene Buch — von ihren Schicksalen und von der Hilfe, die ihnen das SHEK (Schweizerische Hilfswerk für Emigrantenkinder) angedeihen ließ. Dieses Liebeswerk hat von 1933 bis 1948 etwa 10.000 Flüchtlingskinder (in der Mehrzahl israelitischen Glaubens) in seiner Obhut gehabt. Es mußte nicht nur für die physische Existenz dieser Unglücklichen gesorgt werden, was allein schon für eine auf privater Opferbereitschaft aufgebaute Institution eine schwer zu bewältigende Aufgabe war. Viel beeindruckender ist noch der Bericht von der seelischen Anleitung und Betreuung der Schützlinge, von der sorgenreichen und mühevollen Einzelarbeit, die darauf gerichtet war, diese Kinder der menschlichen Gemeinschaft seelisch unversehrt zu erhalten. Hier ist ein großes Werk der Nächstenliebe in sinnvoller und praktischer Zusammenarbeit geleistet worden. Carl Peez

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