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Anthologien und Almanache

Von dem umfassenden lyrischen Sammelwerk, das Friedrich Sacher im Donau - Verlag, Wien, erscheinen läßt, liegt der erste Band vor. Das Hausbuch Österreich!scher Lyrik „U n- sterbliches Lied” tritt, wie die Ankündigung sagt, ohne betonten literarhistorischen Ehrgeiz, ohne toten Ballast und gelehrten Anspruch in Form eines Volks- und Hausbuches auf. Dies bedingt, daß die mittelhochdeutschen Texte in modernen Übertragungen dargeboten werden, daß die Rechtschreibung aller Gedichte vereinheitlicht wurde, daß sich der Herausgeber sogar Streichungen und Umstellungen ganzer Strophen gestattete. Diese Art det Textbehandlung setzt beim Leser ein beträchtliches Maß an Vertrauen in die Fähigkeiten und die Gewissenhaftigkeit des Herausgebers voraus. Dodi wer das eminente Sachwissen und die Subtilität Sachers kennt, weiß — und findet in dem Band bestätigt —, mit welch sorgsamer Hand alle diese Eingriffe vorgenommen wurden. Der erste Band, über 400 Seiten stark (Halbleinen, Dünndruckausgabe), umfaßt die österreichische Lyrik von Kürnberger bis Hofmannsthal. Die beiden noch folgenden Bände schließen an und werden bis in die jüngste Gegenwart führen. Dem gediegenen, wohlausgestatteten Werk kann man nur gutes Gelingen und weite Verbreitung wünschen.

Die Stimmen unserer Jüngsten klingen uns aus der Anthologie „D ie Sammlung” (Ullstein-Verlag, Wien) entgegen. Der junge Herausgeber, HansM. Loew, selbst schriftstellerisch tätig, will seinen jungen Dichterkollegen eine Gelegenheit geben, bekanntzuwerden und eine breitere Leserschicht mit den Impulsen und Zielen der Jugend vertraut zu machen. Die nach den einzelnen Autoren geordnete Anthologie hat 31 Beiträge. Etwa zwei Drittel gehören zu den Geburtsjahrgängen 1920 bis 1925, die übrigen sind älter, reichen aber kaum über den Jahrgang 1910 hinab. Helle und dunklere Stimmen, ruhige und aufgeregte, vorsichtig tastende und sehr selbstbewußte sprechen uns an — wie eben Jugend spricht. Es wäre unbillig, auf Grund der je drei bis fünf Gedichte, mit denen der Großteil der jungen Autoren vertreten ist, einzelne herauszugreifen. Fast ebenso aufschlußreich wie die Lektüre der Gedichte ist die der biographischen Notizen am Schluß des Bandes, die erst das Bild runden. Knapp die Hälfte der jungen Autoren steht in festen Berufen, die andere Hälfte studiert oder lebt „als freier Schriftsteller”. Wer die heutigen Verhältnisse dieser Jugend kennt, weiß, was sich hinter dieser Bezeichnung oft verbirgt: Wieviel Not, Ehrgeiz und Idealismus ...

Zum kommenden Goethe-Jahr hat ich als erster der Bellaria-Verlag gemeldet mit einem Goethe-Almanach. Der Titel ist bescheiden gewählt: es steckt viel gründliche Arbeit in dem 400 Seiten umfassenden Band, viel Schönes, Unbekanntes und Originales. Die Titel der einzelnen Abteilungen geben die beste Übersicht: Der unbekannte Goethe, Goethe schreibt Briefe, Europa schreibt an Goethe, Erauen um Goethe, Goethe im Urteil seiner Zeitgenossen. Dann folgt eine lange Reihe von Einzeluntersu drangen über Goethe und Bekenntnisse zeitgenössischer Schriftsteller zum Statthalter der deutschen Humanitätsidee. Daß hiezu nicht alle in gleichem Maß berufen sind — wer möchte daran zweifeln? „Wer wagt es, über Goethe zu schreiben? Insekten mögen den Koloß umsummen, ich aber nicht. Ich ziehe den Hut und halte den Mund.” Dies schrieb Bernhard Shaw dem rührigen Verlag als Antwort auf die Bitte um einen Beitrag.

Weder ein bestimmtes Thema noch den Leser erschöpfend — so präsentiert sich uns zum dritten Male in gefällig duftigem Gewand der Agathon-Almanach auf das Jahr 1948. Er unterscheidet sich in seiner Anlage durch nichts von allen anderen literarischen Almanachen — und wiegt doch leichter in der Hand und hat doch sein ganzes eigenes Gesicht. Hier ist ein Stück Literatur, gesehen durch ein Temperament (wenn wir ein Wort der naturalistischen Ästhetik variieren dürfen). Es ist das Temperament, der Kunstgeschmack seines Herausgebers L. W. Rochowanski, der die Auswahl und die gesamte Anordnung besorgte. Einige Erstdrucke von Briefen aus den Städtischen Sammlungen der Gemeinde Wien seien besonders erwähnt (R. Kralik, Alfons Petzold, Theodor Storm und andere).

Über einen Großteil der seit .1938 im Ausland erschienenen deutschen Literatur informiert uns das Zehnjahrbuch des Verlages Bermann-Fischer, Wien-Stockholm. Wer sieben Jahre lang hinter dem braunen Vorhang gelebt hat, wird in dem über 400 Seiten umfassenden Band viel Neues, meist gänzlich Unbekanntes finden. 1936 wurde dieser Verlag, gleichsam als österreichische Sezession des Berliner S.-Fischer-Verlages, gegründet. Neben den bekannten, im Dritten Reih unerwünschten Autoren bradite er das gesamte Lebenswerk (in deutsher Übersetzung) von Bernhard Shaw, Paul Claudel, Jean Giono, Paul Valciry, Nikolaj Berdjaeff und vieler anderer europäischer Autoren mit. Der Verlag ist der einzige, der mit seinen Autoren in die Emigration ging, dort das Dritte Reih überlebt hat und nun, um niht Unwesentliches bereichert, nah zehn Jahren zurückkehrt und einen stolzen Rechenschaftsbericht ablegen kann. Zwei Sätze aus dem Almanah seien festgehalten, weihe die Generallinie charakterisieren. Auf der ersten Textseite steht (in Thomas Manns Essay „Dieser Friede”, 1938): „Österreich fiel. Es war niht der .Anschluß’, den man der Republik auch in seiner mildesten, bloß ökonomischen Form verweigert hatte, es war die E roberung”. Und auf der letzten Seite findet sih der Satz: „Ihr (der Freiheitskämpfer) Vorbild wird den Deutshen niht verlorengehen, wenn sie nur einsehen lernen, daß Mann und Frau im Kampf um Freiheit und Reht — niht des Kollektivs, sondern aller Einzelnen! — über berehtigte und gar über unberechtigte Bedenken hinweg zum höhsten Wagnis sih erheben müssen.”

Herz ln der Wüste. Historischer Roman von Franz Josef Kollerici. Verlag Herder, Wien 1948.

Aus diesem umfangreihen, aber knapp und wie im Holzschnitt erzählten Roman können wir mancherlei lernen: das 11. Jahrhundert steht leibhaftig vor uns auf, wir erfahren die Lebeni- shicksale des hl. Bruno von Köln und die Geschichte seines Werkes, der Begründung des Karthäuserordens, die Päpste und Gegenpäpste jener Zeit schreiten lebensvoll durhs ganze Buch, und die schweren Kämpfe zwishen geistliher und weltlicher Gewalt in Deutshland, Frankreih und Italien zeigen die Irrungen und Wirkungen einer Epohe von gottfernen und gottnahen Menshen, die einander niht verstanden. Viel können wir aus diesem Buh erfahren, und doh bleibt sein reiher geschichtlicher Gehalt nur Hintergrund und Umriß, denn es kommt dem Verfasser auf etwas völlig anderes an, auf etwas, das zeitlos ist und, wie alles Zeitlose, gerade in kampferfüllten, verworrenen Epochen Wirkungskraft hat, ja Zuflucht zu sein und Hilfe zu geben vermag. Im Titel des Budies klingt es an. Es ist die Sehnsucht nah dem Alleinsein mit dem Schöpfer, die in jedem irnerlihen Menshen lebt und zuzeiten lustvoll und schmerzhaft aufblüht, in reihen Seelen aber wie eine starke Quelle hervorbriht und nie mehr versiegt. Brunos Seele war reich, ihr Sehnen nah der „Wüste” ein lebenslanges Heimweh. Aber die Menshen verlangen immer wieder nah ihm, die Päpste sowohl wie seine früheren Shüler, die ihn niht vergessen können, und am Ende seines Lebens ist es gar ein Papst, der auch einst sein Shüler gewesen. Bruno muß es schmerzlich lernen, inmitten des fordernden Lebens sein Herz, nur sein Herz in die Wüste zu tragen, um mit dem kurzen Anruf „O bonitas! O sancta trinitas!” sein ganzes Ih gesammelc vor Gott zu bringen. — Der stille Lebensweg einer auserwählten Seele führt durch eine uns ferne Zeit, die aber leidensvoll aufgewühlt und zerrissen ist, niht anders als unsere heutige. Dieser Vergleich drängt ih auf, mit ihm aber auch der trostreihe Gedanke, daß es nie darauf ankommt, sih in eine räumliche und zeitliche Abgeschiedenheit einzukapseln, um mit Gott allein m sein, daß es uns vielmehr möglich, ja notwendig ist, unser „Herz in der Wüste” zu halten, am mitten im Brausen der Welt die Stimme dessen zu hören, der nur in der Einsamkeit uns spriht.

Ein junger Mensh hat dieses einzigartig shöne Buh geshrieben: kein Wunder, daß die knappe, kernige Sprache, die es führt, aus den Kämpfen eines längstvergangenen Jahrhunderts vernehmlih herüberklingt in unser 20., in die äußeren und inneren Kämpfe, die heute unser aller Leben erfüllen und beherrshen. Die Formung ist heutig, heutig auh die Art, das vielfältige Geschehen in klaren Bildern vor uns ab- rollen zu lassen. Wir haben in den letzten Jahrzehnten viele neue Spielarten des Romans erlebt: den Roman einer Stadt, einer Seeschlacht, eines Jahrhunderts, um nur einige zu nennen. Hier erleben wir wieder den Roman einer Mcn- shenseele, freilich niht einer gefallenen, wi shon in tausend Romanen, sondern einer „gestiegenen” Seele, und es ist niht das geringste Verdienst dieses Werkes, daß es zeigt, wie sehr den Menshen aller Zeiten, auh den hochgemuten Menshen, das Wissen um eine solche Seele und der Umgang mit ihr nottiut.

Die Liebe höret nimmer auf… Das Wirken unserer Ordensshwestern für Kranke, Arme und Kinder. Von P. Dr. Robert Svoboda O. S. C. Verlag Herder, Wien 1948. 320 Seiten.

In diesem Buhe sind Selbstzeugnisse in Dsterreih wirkender weibliher Ordens- genossenshaften gesammelt. Die Ordensfrauen berihten selbst über Entstehung, Ziel und Wirken ihrer Kongregationen, In gedrängter Schau bietet sih dar, was in Krankenpflege, Fürsorgewesen und in der Kindererziehung in hundert Jahren, teils in noh größeren Zeitabschnitten, geleistet worden ist. Es ist interessant, einmal von der Innenseite her mit diesen segensreihen Einrichtungen bekanntzuwerden. Die ältesten Krankenshwestern sind die „Liserln” (Elisabethinen) in Wien III, die seit 1710 ihr Spital versorgen, das jetzt etwa 260 Kranke aufnehmen kann. Die bewährten „Herz-Jesu-Shwestern” (seit 1873 in Wien) haben einer Jahresstatistik nah allein in öffentlichen Krankenhäusern, abgesehen von der übrigen Tätigkeit, zwölf Stationen mit 602 Schwestern versorgt. Es wurden 44.408 Kranke in 147.789 Pflegetagen und 41.148 Nahtwahen betreut, außerdem 182.126 ambulatorish Behandelte mitversorgt. — Aus dem Buhe lernen wir fünf Gliederungen der „Barmherzigen Schwestern” kennen. Die „Barmherzigen Shwestern von Gumpendorf” haben, um nur eine Zahl zu nennen, im letzten Kriegs, jahre 3555 Kriegsgefangene und andere Soldaten in 95.025 Verpflegstagen betreut. — Ausnahmslos haben die geistlichen Shwestern unter dem Nationalsozialismus schwer gelitten. Der Grazer Kongregation der Barmherzigen Shwestern, der 1938 62 blühende Anstalten gehörten, die dem Wohle der Kranken und Alten gewidmet oder Stätten der Erziehung waren, gehören jetzt erst wieder 45 Niederlassungen, in denen man von vorn beginnen muß.

Bereits seit 100 Jahren greifen die „Guten Hirtinnen” in die soziale Fürsorge ein. 1854 übernahmen sie in Wiener Neudorf 150 weibliche Sträflinge, 1939 wurden 11.300 Strafgefangene und 1600 Arbeitshausinsassen betreut. Von der Verbotszeit shwer betroffen, bauen sie nunmehr auf und verfügen seit 1946 wieder über ein Noviziat, in dem shon eine ansehnliche Schar opferbereiter Menshen ausgebildet wird. Weit über katholische Kreise hinaus ist auh das Wirken der „Caritas Socialis” bekannt, die gegenwärtig in der Bahnhofsmission und Flühtlingsfünorge und von jeher in der Ge- shlehtskrankenpflege (Klosterneuburg) Hervorragendes leistet. Gerade die shlihte Leistung der „Caritaj Socialis” wäre, zahlenmäßig unterbaut, besonders eindrucksvoll.

Überhaupt hätte man sih durchgehend eine deutlichere Veranschaulichung der objektiven Leistung gewünscht, wenn darunter vielleiht auh die Wesensshau ein wenig gelitten hätta. Immerhin ist die genaue Zeihnung der Eigenart der vershiedenen Genossenshaften und ihre historische Entwicklung für den aufschlußreich, der nur ein ungefähres Bild vom Wirken der Klosterfrauen hat. Die schlichten Darstellungen zeugen für die Leistungsfähigkeit, geboren aus der ungeteilten Hingabe an den Geist, für die Fruchtbarkeit echter Nächstenliebe und für die Zeitaufgeshlossenheit der Shwestern, die sih dem Umbruch gewachsen zeigten. Besonders anziehend dürfte .dieses Sammelwerk für junge Menschen sein, die den Ruf der Stunde nah tätiger, selbstloser Nächstenliebe verstanden haben und ihn mit ihrem ganzen Leben verwirklichen wollen. Diesen wird es wertvolle Anregung zur Lebensgestaltung bieten.

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