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Otto Forst de Battaglia: Die Sobieski-Biographie

Der Schriftsteller Forst de Battaglia, der vor dem zweiten Weltkrieg besonders durch seine Arbeiten auf dem Gebiete der Genealogie bekannt war, dann aber vor den Häschern des Dritten Reiches in die Emigration gehen mußte und nun in der Schweiz lebt, brachte vor kurzem in dem altbewährten Verlag B e n z i g e r (Einsiedeln - Zürich) ein Werk über Sobieski heraus, das in seinen 380 Seiten eine ausführliche, moderne Lebensbeschreibung dieses großen Polenkönigs darstellt. Am 17. Juni hatte sich der Todestag des einstigen Türken-besiegers, der an der Befreiung Wiens entscheidenden Anteil hatte, zum 250. Male gejährt. Die Arbeit stellt die Erfüllung einer schon längst fällig gewesenen Aufgabe der Wissenschaft dar; denn die einzige ausführliche, die ganze Lebenszeit S,obieskis umfassende Biographie, die uns bis jetzt als Originalarbeit in deutscher Sprache allein zur Verfügung stand, war jene des Wiener Pfarrers Georg Rieder, die 1882 zum 200-Jahr-Gedenken an die Türkenbefreiung von Wien herausgekommen war und nach mehr als sechzig Jahren derzeit nicht mehr den heutigen Anforderungen genügen kann. Forst de Battaglia, der schon bisher durch seine Arbeiten zur polnischen Geschichte in deutscher oder polnischer Sprache die Geschichtsforschung bereichert hatte, war also

für das Werk einer einläßlichen und großen Biographie Sobieskis berufen. Er hat sich seine Aufgabe nicht leicht gemacht; in unermüdlicher fünfzehnjähriger Sucharbeit hat er die Akten und Urkunden der Archive durchstöbert und wertvolles Material zusammengetragen. Leider konnte das umfangreiche Verzeichnis des vom Verfasser benützten Schrifttums (der Sonderwerke sowohl wie der Zeitsdiriftenaufsätze) als auch der gedruckten Quellen in der vorliegenden Ausgabe des Werks nicht gebracht werden, um die Drucklegung nicht zu verzögern; dieser bedauernswerte Mangel erschwert eine selbständige Beurteilung der Einzelheiten des Werkes. Die sprachliche Darstellung der Arbeit ist ausgeprägt flüssig und betont die subjektive Stellungnahme des Verfassers. Man hat den Eindruck einen historischen Roman zu lesen; deshalb auch die Hoffnung auf ein baldiges Erscheinen des Quellen- und Schrifttumsnadiweises. Wie fast jeder der 21 Abschnitte dieser Sobieski - Biographie, erweitert und vertieft dieses neue Werk auch das Bild der österreichisch-polnischen Beziehungen in der Zeit der mehr als vierzig Jahre, da Sobieski im öffentlichen Leben Polens stand (1654—1696), noch mehr als es bisher im deutschsprachigen Schrifttum über jene Zeit des 17. Jahrhunderts geboten werden konnte.

Anton Tautscher: „Bankenverstaatlichung.“

Salzburg 1946, Otto Müller.

Das Werk untersucht eingehend und objektiv die Frage der staatlichen Kredidenkung und gelangt zu der Forderung nach Verstaatlichung der Kreditbanken. Das Leihkapital sucht und findet in freier Konkurrenz den Ort des höchsten Anteils am einheitlichen Kapitalzins. Wirtschaftszweige mit geringer Umschlaggeschwindigkeit des in ihnen arbeitenden Kapitals (Landwirtschaft, Gewerbe) kommen dabei gegenüber anderen (Handel, Industrie) zu kurz. Um allen Wirtschaftszweigen zu dem ihrer wirtschaftlichen Bedeutung entsprechenden Anteil am gesamten Leihkapital zu verhelfen, ist es notwendig, den Leihzins nach der Tragbarkeit für die einzelnen Wirtschaftszweige abzustufen. Dies geschah bisher durch Selbsthilfe (Genossenschaften) und durch Hilfe der öffentlichen Hand (Subventionen, Steuerbegünstigungen, Sonderkredite). Der Verfasser gelangt zu der Forderung der Verstaadichung der Notenbank sowie der Kreditbanken. Der Staat kann den Leihzins nach den Erfordernissen und Fähigkeiten der Kreditnehmer abstufen und so „die dauernde Steigerung des Ertrags 3er gesamten Volkswirtschaft in allen ihren Gliederungen erreichen.“

Die Rufe nach Planung, Lenkung, Verstaat-lidiung sind zumeist Kinder der Not. Auf die Dauer sind die natürlichen Wirtschaftsgesetze stärker als staatliche Lenkungsmaßnahmen, dde ihnen widersprechen. Denn die Volkswirtschaft des einzelnen Staates kann sich auf die Dauer von der freien Konkurrenz der Weltwirtschaft nicht abkapseln. Staatliche Planung und Lenkung sollen als Mittel der Volkswirtschaftspolitik neben ihnen einhergehen, wo es das Interesse der Allgemeinheit erfordert. Begibt sich der Staat der Vorteile, die die freie Wirtschaft neben ihren Nachteilen unbestritten hat, so muß die schönste Planung, die schönste Lenkung im Konkurrenzkampf zunichte werden. Auf die Möglichkeiten, die dem Staat zur Verfügung stehen, hat der Verfasser selbst hingewiesen. Mit solchen Mitteln kann und soll der Staat die schwächeren Wirtschaftssparten im Konkurrenzkampf um das Leihkapital stärken, ohne daß es der Ausschaltung des Kreditverteilungsapparats aus der Privatwirtschaft bedürfte. Dr. J a n d a

„Volkswirtschaftslehre.“ Von Hochschulprofessor Richard Kerschagl. Manzsche Buchhandlung. 2. Auflage. Wien 1946.

Eine durch den Einbrudi der Nationalsozialisten verzögerte Neuauflage der wohlbekannten, jetzt aber umgearbeiteten Einführung in die Hauptfragen der theoretischen Volkswirtschaftslehre. Der Verfasser wählte den Weg der Einzeldarstellung der wichtigsten Lehrsysteme mit knapper Angabe des wirtschaftsgeschichtlichen Hintergrundes. Die Ausführlichkeit wächst mit dem Näherkommen in die Gegenwart. So sind 20 Seiten dem Marxismus und den Soziali-sierungstheorien, ebenso viele der österreichischen Schule und ihrer Grenznutzenlehre eingeräumt, etwas mehr der Übersicht über die heute wieder so aktuellen Geld- und Währungstheorien, deren Darstellung begrüßt werden

wird, zumal die Fachliteratur schwer zu erhalten ist. In den letzten Jahrzehnten besch'-änk-ten sich die Autoren häufig nicht mehr auf die sorgfältig von anderen Forschungsgebieten geschiedene reine Volkswirtschaftslehre, sondern stellten ihre Auffassungen im Zusammenhange mit benachbarten Gebieten und auch mit praktisch-politischen Fragen dar. Der wachsende Druck der tatsächlichen Entwicklung drängte eben nach sowohl praktischen wie theoretischen Lösungen, so daß zum Beispiel Heinrich Pesch im Vorwort zu seinem Lehrbuch der Nationalökonomie freimütig sagt, er habe kein gelehrtes Werk schreiben wollen, sondern ein nützliches Buch; es wurde dennoch ein wissenschaftlidies Werk von hohem Range. Bei der Besprechung der modernen Autoren gebraucht nun Professor Kerschagl den Ausdruck Eklektizismus, obwohl es fraglich ist, ob er hier am Platze ist. Die Aussonderung der Soziologie als selbständiger Wissenschaft hat nicht verhindert, daß ihre Verknüpfung mit der Nationalökonomie immer wieder sichtbar wird, wie seit der Grenznutzen-lchre die Psychologie usw. eine rasch wachsende Anwendung auch bei den Fragen der Volkswirtschaftslehre findet, wobei die gegenseitige Förderung unverkennbar ist. Als Vertreter der modernen Theorien werden Gustav Cassel, Robert Liefmann, Othmar Spann, Heinrich Pesch, Adolf Weber und J. M. Keynes vorgeführt. Ein Vorzug des Buches ist es, daß die zahlreichen Österreicher, die vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart die Volkswirtschaftslehre durch viele wertvolle Beiträge bereichert haben, gebührend in den Vordergrund treten. Sie gehören allen geistigen Lagern und allen Zeitabschnitten an. Ihre Zahl und Qualität beweisen, daß unser Land stets über einen großen Schatz-wissenschaftlicher Talente verfügt. Unter den lebenden Gelehrten hätte meines Erachtens Professor Meßner die gleich ausführliche Darstellung verdient, wie andere Theoretiker ähnlicher Richtung sie mit vollem Recht gefunden haben.

Richard Schmitz

„Der Spiegel.“ Ursachen der heutigen Kulturprobleme. Von Christa Eva Heise. Verlag A. F. Göth, Wien 1946.

Das Buch will eän Bekenntnis sein vom Glück und von der Kraft des Katholizismus, von der Herrlichkeit, Weite und Fruchtbarkeit der katholischen Kirche. Der vielleicht langwierige und schmerzvolle Weg der Erkenntnis bis zu ihm liegt, wenn überhaupt, außerhalb“ und vor diesem Buch und wird, uns nur in schwarz-weiß gezeichneten Bildern, Skizzen und wohl auch Karikaturen, in einigen aufblitzenden Schlaglichtern angedeutet. Es will seine Uberzeugung kundtun, nicht aber die mühevollere Aufgabe des Uberzeugens sachlich auf sich nehmen. So wird es kaum gewinnen, eher verletzen, und unwillkürlich wird der denkende Leser die Partei des Bezichtigten ergreifen und seine Wenn und Aber zu dieser unbeschwerten Verteilung von Licht und Schatten anmerken. Ich habe mich an einen Katechesenvorschlag erinnert, in dem gar alle sieben Hauptsünden Julian dem Abtrün-

nigen zukommen müssen, damit auch in diesem

Fall das Prinzip der Methode, die Einheit der Anschauung gerettet wird — dasselbe wird hier versucht mit dem Preußen — und dem damit zusammengezwungenen Luthertum. Ist es ein Buch der Jugend, die schnell mit dem Wort fertig ist? Ist es ein altes Buch, das in Angst um sich selbst nicht mehr deuteln lassen will an einmal errungener Erkenntnis und nur ein blindes Ja auf seine Autorität hin verlangt? Ist es Übereifer eines Konvertiten? Ist die Bitterkeit vergangener Jahre an der Art des Buches schuld? Auf jeden Fall beeinträchtigt dies alles die Klarheit und Wahrheit eines solchen Spiegels. Um Diagnose und Rezept für die schwerkranke Gegenwart zu erstellen, genügt nicht eine wäßrige Mixtur mit etwas Geschichte, ^Psychologie und Apologie — das wäre Kurpfusdaerei, sosehr man vielleicht die Krankheit bedauert und die Köstlichkeit, der Gesundheit ersehnt. Jahrelang hat die katholisdie Wissenschaft sich gegen Rosenbens Schriften gewehrt. Nun sollte uns das Schicksal den Streidi spielen, daß wir selbst in ähnlicher Manier die Sie'haftigkeit unserer „Weltanschauung“ erweisen? Die heilige katholische Kirche hat dies nicht nötig! Die echte Liebe zu ihr verpflichtet vor allem zur ungeschmälerten Wahrheit, die nur ernstem und beharrlichem Fragen und Forchen zuteil wird.

Dr. Franz Jachym

„Alfred Coßmann, Ein Wiener Künstler, leben.“ österreichisdae Staatsdruckerei, 1945.

Mit Freude und Genugtuung nimmt man dieses prächtige Kunstbuch zur Hand, nicht nur weil es dem Schaffen eines der liebenswürdigsten und bedeutendsten graphischen Meister Österreichs gewidmet ist, sondern audi deshalb, weil eine heimische Druckerei damit den Beweis liefert, daß österreidi noch immer auf dem Gebiete künstlerisdaer Bildwiedergabe an der Spitze marschiert. Alfred Coßmann, der nunmehr 76jährige Meister, gehört zweifellos zu den größten jetzt lebenden Graphikern, dessen Ruf weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinausgedrungen ist. In der Einleitung des Werkes gibt der ungenannte Biograph ein überaus liebevoll gezeichnetes Bild der Jugend und künstlerischen Entwiddung des in Deutsch-Landsberg geborenen Künstlers, der später in Wien seine zweite Heimat gefunden und hier als freischaffender Künstler und als akademischer Lehrer der graphisdien Kunst Österreichs seinen Stempel aufgedrückt hat.

Vorbildlidi ist der Bildschmuck des Buches, der auf 64 Lichtdrucktafeln 182 der besten Arbeiten Coßmanns aus seinen verschiedenen Schaffensperioden bringt und es dem Kunstfreunde ermöglicht, sich in die subtile Kunst dieses hervorragenden Kupferstechers einzufühlen. Coßmanns Werk ist zu bekannt, als daß es noch einmal eingehender Behandlung bedürfte, aber man muß den Herausgebern dafür dankbar sein, daß sie dieses reiche Oeuvre zusammengetragen haben, damit man sich in die Einzelheiten dieser Meisterblätter vertiefen kann. Das Buch sollte in keiner Bibliothek österreichischer Kunstfreunde fehlen. Dr. Viktor T r a u t z 1

Oskar Wälterlin: „Entzaubertes Theater“. Verlag Opredat, Zürich, 1945.

Oskar Wälterlin, seit 1938 Direktor des Schauspielhauses Züridi, hat in diesem Vortrag, der sich in einfacher Sprache an weitere Kreise wendet, versucht, einen Typus des modernen Dramas unter dem einheitlidien Gesichtspunkt einer Desillusionierung oder Entzauberung zusammenzufassen. Er denkt dabei an eine Dramatik, die durch Shaw und Wedekind begonnen, ihren gegenwärtig stärksten Ausdruck in den Werken von Thorton Wilder, Brecht, Sherwood, Giraudoux und Claudel gefunden hat. Priesdey und Saroyan könnte man unter anderem noch hinzufügen. Auch Robert Ardrey reiht sich mit seinem „Leuchtfeuer“ in diese Gruppe ein. Entzauberung bedeutet dem Verfasser soviel wie „Aufgaben der Illusion“, der pathetischen Überredung. Nicht Bezauberung, sondern innere Sammlung, „Befreiung“, wie Wälterlin sagt, sei das Ziel dieser Dramen. Wenn ich den Verfasser richtig verstehe, dann sieht er den Unterschied des älteren Theaters der Bezauberung von dem entzauberten Theater darin, daß das ältere Theater feste Thesen und Programme dem Zuschauer aufdrängte, während das entzauberte Theater ganz auf den Menschen und auf die Betrachtung des Lebens eingestellt, den Apparat der großen theatralischen Darbietung gar nicht benötige. Thorton Wilders „Kleine Stadt“ hat ja dem Wiener Theaterpublikum ein solch entzaubertes Theater vorgespielt. Jedenfalls hat der Verfasser eine Grundfrage des modernen Dramas aufgegriffen und damit für viele eine gewisse Klärung in die Rätsel gebracht, die so manches englische oder amerikanische Stück aufgab. Im Vordergrunde steht bei Wälterlin der Theatermann. Es wäre interessant, auch die literarische und philosophische Seite dieser Dramatik aufzurollen. Dr. Robert M ü h 1 h t r

„Stadttheater.“ Novelle von Otto F. Beer. Erschienen in der Reihe „Stimme aus Österreich“. Verlag Erwin Müller, Wien.

In einer ansprechenden novellistischen Studie stellt der Verfasser zwei verschiedene Charaktere im selben Beruf einander gegenüber. Hier der begeisterte und begeisternde Dirigent, der launische und sensible Künstler, dort der kleinliche Pedant ohne große Linie, der „Arbeiter“ in der Kunst. In einer einfachen und anschaulichen Handlung treffen sich beide Gegensätze, am selben Theater engagiert, geraten in Konflikt' und lösen sich voneinander, nicht etwa im Bösen, sondern innerlich bereichert und gefördert.

Hans M. Loew

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