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Warnruf an die Welt

19451960198020002020

Le péril mental. De M. Verdun SJ. Préface du professeur J. Lhermitte. Un volume de .448 pages et de 60 pages de gravures. Preis 1200 Francs. In: Animus et anima, collection dirigée par Léon Barbes et Emile Marmy, professeurs aux Facultés Catholiques de Lyon. E. Vitte, éditeur,

19451960198020002020

Le péril mental. De M. Verdun SJ. Préface du professeur J. Lhermitte. Un volume de .448 pages et de 60 pages de gravures. Preis 1200 Francs. In: Animus et anima, collection dirigée par Léon Barbes et Emile Marmy, professeurs aux Facultés Catholiques de Lyon. E. Vitte, éditeur,

Paris

Der Autor, Professor am Institut Catholique de Paris, Priester der Gesellschaft Jesu, Ancien Interne des Höpitaux de Paris, ist durch seine gründliche allgemein-medizinische und fachärzt.lich- psychiatrische Vorbildung berufen wie selten einer, einen Warnruf an die Welt vom Standpunkt der psychischen Hygiene ergehen zu lassen. Die Zahlen sind erschütternd: 100.000 Voll-

invalide durch Psychosen und Defektzustände in psychiatrischer Anstaltspflege mit zirka 5000 Zugängen pro Jahr, ungerechnet 5000 bis 6000 Jugendliche in Erziehungsanstalten für Psychopathen, und etwa die zehnfache Zahl von psychisch Anbrüchigen in freiem Verkehr innerhalb der Gesellschaft; in anderen Ländern ebenfalls entsprechende Zahlen, vor allem in den Vereinigten Staaten.

P. Verdun analysiert die Ursachen für diese ständig wachsende geistige Gefahr in diesem Werke im Lichte moderner Tiefenpsychologie, Konstitutions- und Vererbungsforschung, sowohl hinsichtlich der endogen- anlagemäßigen wie der e x o g e n - mwe|tmäßigen Verursachungsfaktoren.

Hierbei widmet P. Verdun besondere Aufmerksamkeit dem endogen-anlagemäßigen Faktor. Er zeigt an Hand zahlreicher Beispiele berühmter Persönlichkeiten aus Geschichte und Gegenwart die große Gefahr, die daraus entsteht, wenn Psychopathen eine bedeutende Rolle im öffentlichen Leben spielen. Die beigegebenen, sehr aufschlußreichen Porträts sind mit kurzen biographischen Angaben erläutert, die meist außerordentlich treffend sind. Hierbei wird in erster Linie die psychophysische Konstitution im Sinne der von Kretschmer erforschten Zusammenhänge zwischen Körperbau und Charakter erörtert.

Unter den solcherart charakterologisch dargestellten Persönlichkeiten finden wir Balzac, Cagliöstro, Mirabeau, Santerre, Luther, Calvin, Savonarola, Danton, Robespierre, Sieyes, Voltaire, Renan, Rousseau, Marat, Lenin, Hitler und zahlreiche andere.

Das Werk ist mindest ne ausgezeichnete Einführung in die Typologie der Psychopathen, speziell der genialen Psychopathen. Die beiden Sdtäaßkaftrtel hehandebt dl Lö oogsv wehe füw das Problem der psychischen Gefährdung. Das vorletzte die radikalen and unmenschlichen Versuche des Selektionismus (Euthanasie, Sterilisation, Eheverbote) und das letzte den Versuch einer menschlichen Lösung: Schutz der Gefährdeten vor den Gefahren der sozialen Umwelt, Schutz vor Gefährdung durch krankhafte Persönlichkeiten (Verwahrung usw.).

Anscheinend etwas zu große Bedeutung legt der Verfasser den anthropometrischen Untersuchungsmethoden besonders als Grundlage der Begutachtung bei; auf der anderen Seite wird etwas zuwenig die metaphysische Seite der religiösen Entwurzelung berücksichtigt.

Auf jeden Fall handelt es sich um ein sehr wertvolles Werk für das Studium brennender Gegenwartsfragen der psychischen Hygiene.

Univ.-Prof. DDDr. A. Niedermeyer

F,rziehst du so? Ernste Wahrheiten, mit Humor gewürzt. Zusammengestellt von B u k i. Texte von Robert Eidl und P. P. Heinevetter. Illustrationen von Gottfried Pils. Franz1Sales-Ve’rlag, Eichstätt- Wien. Preis 29.40 S.

Pädagogik, aufs köstlichste dargestellt, ist Gegenstand des kleinen Buches, dessen Titel die rhetorische Frage bildet: „Erziehst du so?" Durch eine Umkehr des Gedankens führt der Autor zum Richtigen hin. Das geschieht so: die Ueberschrif- ten lauten zum Beispiel: „Mittel, die Kinder den Neid zu lehren", „Mittel, sich bei den Kindern verhaßt zu machen", „.Mittel, den Kindern Geiz beizubringen" usw. Dann folgt ein (falsches), Gebot und ein ebenso verkehrtes Gedicht. Jedesmal wird das erzieherisch Unrichtige mit einer lustigen Zeichnung wiedergegeben. Und den Schluß bildet immer die vernünftige, gute Folgerung. Für das schwere Amt der Eltern und Erzieher kann man sich keinen amüsanteren Lehrgang denken!

Dr. Friedrich Wallisch

Katholischer Geist in Oesterreich. Von Eugen Thurnher. Verlag Eugen Ruß, Bregenz. 136 Seiten. Preis 19.66 S.

Di Frage nach der Wechselbeziehung von

Glaube und dichterischem Schaffen stellt sich von Zeit zu Zeit immer aufs neue. Gerade jetzt, nach den furchtbaren Erschütterungen des Krieges, nach Wert- und Sinntäuschung, ist es angezeigt, die Forschungen von Braig, Cysarz, Katann, von List und Suchy fortzusetzan. Wir haben eine knappe Literaturgeschichte der letzten 50 Jahre vor uns und mit iht schließt sich eine oft gefühlte Lücke. Thurnher, der aus der öffentlichen Publizistik kommt, verfügt aus kritischer Literaturbetrachtung über den Stoff, über den Weitblick, der zu diesem Thema nötig ist. Besonders muß die Beachtung des Zeitschrift-enwesens, der Zeitung gedankt werden, weil das gewöhnlich bei den Literaturgeschichten nicht richtig ins Blickfeld gestellt ist.

Hanns Salaschek

Ueber die Gerechtigkeit. Von Josef Pieper. Hochlandbücherei. Köselverlag, München. Zweite Auflage. 143 Seiten, Preis 5.40 DM.

Jeder Soziologe, Diplomat und Staatsmann, jeder, der in der Oeffentlichkeit verantwortlich mit Menschen und Menschenrechten umzugehen hat, jeder Erzieher sollte dieses Büchlein, lesen, — er sollte es meditieren. Da es nicht lang ist, braucht sich keiner zu entschuldigen, er habe dazu keine Zeit. Und der Erfolg der geringen Mühe wäre groß. Schon die Schlußsätze dieser Untersuchung der

„Gerechtigkeit" könnten zum Lesen verlocken, wenn Pieper den hl. Thomas von Aquin zitiert: „Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist die Mutter der Auflösung" und „Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit." Wie vielfältig ist das, was wir einander schulden (debitum): an Sachbezügen und an Proportionen der klugen Verteilung dessen, was Ordnung herstellt. Und ohne Sachlichkeit keine Ordnung, ohne Ordnung keine Gerechtigkeit und ohne sie kein mitmenschliches Leben auf dieser Erde. Dann aber —- Barmherzigkeit! -— Pieper verbindet scholastisches Wissen mit der Gabe der einfachen, beneidenswerten Dar- stellungskunst in vollendeter Sprache.

Diego Hanns G o e t ’ OP.

Fugger und Hanse. Von G. Freiherr von P ö J-

n i t z. J. B. C. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen. 236 Seiten, Preis 11.50 DM.

Die beiden großen Wirtschaftsmächte des deutschen Raumes, die Hanse und die oberdeutschen Kaufleute — an deren Spitze wieder die Fugger — sind Gegenstand oftmaliger und sehr eingehender Forschungen gewesen. Freiherr von Pölnitz hat es unternommen, die höchst interessanten Wechselbeziehungen zwischen Hanse und den Fuggern, deren Beeinflussung durch die gesamteuropäische Entwicklung und durch den Expansionsdrang des oberdeutschen Hauses darzulegen. So wird ein sehr verzweigtes Netz von Rivalitäten, zeitweisen Einvernehmen und Querverbindungen dargestellt. Weit über die Grenze des römisch-deutschen Reiches greift dieses Spiel um die Wirtschaftsvormacht hinaus — die Könige von Dänemark, England, Ungarn und Spanien, sogar schon der russische Zar sind darin engagiert. Beide Wirtschaftsmächte sind schließlich daran gescheitert, daß ihnen die energische und konsequente Hilfe fehlte, welche die Nationalstaaten des Westens ihren Handelsrepräsentanten angedeihen ließen. Die Fugger sind im Gegenteil durch ihre Rolle als Staatsbankiers bekanntlidi später in den spanischen Konkurs hineingezogen worden. — Die hochinteressante Arbeit des Direktors des Augsburger Fugger-Archivs ist ein wertvoller Beitrag zur europäischen Wirtschaftsgeschichte des 16. Jahrhunderts. Carl Peez

Die Frau, nach der man sich sehnt. Roman. Von Max Brod. Paul Zsolnay Verlag, 344 Seiten, und Oesterreichische Buchgemeinschaft, Wien, 350 Seiten. Preis 74 S.

Das ‘Werkverzeichnis von Max Brod präsentiert sich als eine merkwürdige Mischung von Buchtiteln, wie „Tycho Brahes Weg zu Gott", „Heidentum, Christentum, Judentum", die große Kafka- Biograpliie —- und anderseits „Zauberreich der Liehe", „Die Frau, die nicht enttäuscht" und der obige. Seit seiner Emigration nach Israel im

Jahre 1939 tritt der religiöse Dichter und Denker Max Brod immer mehr in den Vordergrund, sein Name bekam auch als Bewahrer, Herausgeber und Interpret der Werke von Franz Kafka guten Klang. Daher wirkt die Edition des- Romans „Die Frau, nach der man sich sehnt" aus dem Jahre 1927 (84. Tausend!) — gleichzeitig in zwei Verlagen — ein wenig wie ein Anachronismus. Ein Abenteurer der Liebe, der österreichische Offizier Erwin Mayreder, „erlebt" drei Frauen: die kühl- leidenschaftfiche Dorothy, die junge Masaryk- Schülerin Agnes und die hemmungslose Russin Stascha. Keiner dieser drei Frauen, die ihr Gefühl vorbehaltlos verschenken, ist der traurige „Held", dem manch autobiographischer Zug des jungen Dichters eigen sein mag, gewachsen, und am Schluß bleibt er ausgebrannt, als ein Gestrandeter des Lebens und der Liebe, zurück. Das alles ist meisterhaft erzählt und strömt jenen Parfümgeruch „Fin de siècle" aus, der uns aus anderen Werken von Prager und Wiener Zeitgenossen Brods wohlbekannt ist.

sehen werden — um so weniger, als es der Fall war, als Leo XIII. entgegen manchen Bedenken das vatikanische Archiv der wissenschaftlichen Forschung freigab. Wir wollen am Begriff „Nation“ nicht mäkeln; er begegnet auch in der Gegenwart bei Max Scheler, Johannes Meßner, Sieger, Toynbee verschiedenen Auffassungen. Es kommt auf die Sache an. Stammliche, staatliche und kirchliche Grenzen — die öfter auch zusammenfallen — schaffen immer Gemeinsamkeiten, die den Menschen innerhalb des Grenzgebietes in irgendeiner Hinsicht ein besonderes Gepräge geben, wodurch sie sich von den ändern unterscheiden. Aber es wäre verfehlt und widerspräche aller Tatsächlichkeit, die Menschen innerhalb eines oft willkürlich gezogenen Gürtels für stammlich, sprachlich, ideell als autark zu erklären. In keiner dieser Hinsichten gibt es Grenzen, sondern nur Uebergänge und Verbundenheiten. Keine stammlichen, denn bayrisch-österreichisch sind alle diesseits wie jenseits des Inns, der Salzach, des Karwendel- und Wettersteingebirges, alemannisch die den Vorarlbergern angrenzenden Bayern und Schweizer; keine sprachlichen Grenzen, denn Deutsch wird in Bern, Salurn und Marburg bis Hamburg gesprochen; keine ideellen, denn es gibt religiös, wissenschaftlich und technisch über den ganzen Erdkreis keine Grenzen. Es gibt vielleicht bei Großstaaten einen wirtschaftlichen Autarkismus, aber keinen geistigen und existentiellen. Es ist daher widersprüchlich, alle diese Beziehungen in einen Gegensatz zu den staatlichen zu setzen. Sie sind darin inkommensurabel so wie etwa das Körpergewicht eines Menschen und seine Weltanschauung. Man kann Eigenstaatlichkeit einerseits, Stammeserbe, Sprache, Geistigkeit, Weltanschauung anderseits nicht in die Begriffe von Ueber- und Unterordnung pressen.

Wir wollen nur den einen Gesichtspunkt der Sprache hervorheben, weil er zu besonderer Verwirrung Anlaß gibt, nicht nur bei den Besatzungsmächten, die 1945 in Unkenntnis der Sachlage hinter „deutsch“ politische Aspirationen witterten, sondern auch bei Oesterreichern, die es besser hätten wissen können. Es hat acht Jahre gebraucht, bis die Unterrichtsverwaltung den farblosen Ausdruck „Unterrichtssprache“ in den Zeugnissen dufch die Charakterisierung als deutsche, slowenische, kroatische ersetzen durfte. — Die deutsche Sprache wird von 91 Millionen Menschen gesprochen, davon von 82 Millionen im geschlossenen Sprachgebiet von Oesterreich, Deutschland, Schweiz und den angrenzenden anderen Ländern; Oesterreich hat daran einen Anteil von 6K Millionen. Sie ist sicherlich eine überösterreichische Gegebenheit. Worauf es indessen ankommt, ist nicht der Verkehrswert der Sprache, sondern die mit und in der Sprache liegende Formkraft des Geistes, die gerade in unseren Tagen der Wiedererweckung eines Karl Kraus und eines Fer dinand Ebner deutlich gesehen wird. Es ist nicht so, als ob derselbe Gegenstand zum Unterschied von Franzosen, Italienern, Slawen eine andere lautliche Bezeichnung erhielte, sondern der Gegenstand wird vielfach durch die sprachliche Fassung erst konstituiert; das geht — wie Weisgerber dargetan hat — so weit, daß die Sprache sogar in die Sinnesauffassung eingreift und z. B. bestimmt, wie wir (zum Unterschied von anderen Sprachgruppen) Farben sehen. Erst recht wird die Sprache bestimmend für Anschauungen, Wertungen, die Geistigkeit einer Sprachgruppe. Man konnte geradezu sagen, die — vermeintlich auf sich gestellte — Logik sei so sprachgebunden, daß etwa Inder, Chinesen und gewisse Primitivvölker eine andere Logik hätten. Darum bemüht sich die neue Logistik, das Denken von der Sprache modo mathematico unabhängig zu machen.

Geprägtes Wort ist Formung des Geistes und an dieser Formung haben alle Anteil, die sie lernen und sich ihrer bedienen, sie schafft — scheinbar äußerlich — daS geistige Band aller Sprachgenossen. Das gilt für die kleineren Kreise der Mundartengebiete wie für die übergreifende Gemein- und Hochsprache. In künstlerischer Formung findet das Sprachwerk den Niederschlag in der Literatur. Wie in allem geistigen Leben, vollzieht sich unter Sprachgenossen ein geistiger Verkehr in Geben und Nehmen. Ohne Goethe und Schiller gäbe es keinen Grillparzer. Nicht anders verhält es sich in den übrigen Geistesbewegungen, z. B. in der Musik; wie sehr Haydn, Mozart, Beethoven (den wir doch als einen der Unsern in Anspruch nehmen) auf spätere deutsche und außerdeutsche Musik gewirkt haben, sie selbst ruhen auf dem Werk von Händel und Bach. Nicht mit Unrecht wird als Kennzeichen österreichischer Art weltweite Offenheit und Aufgeschlossenheit genannt und es wäre für unsere Geistes- kultur verhängnisvoll, sich nun in einer Ghettostellung abzukapseln.

Es gibt kaum etwas Tragischeres als das Opfer einer Sprachverwirrung zu werden, den Kulturgehalt des Deutschen mit dem Politischen zu vermengen. Unsere besten Oesterreicher waren und sind sich der Verbundenheit mit dem gesamtdeutschen Kulturniveau bewußt. Wenn das nun von besonderer Seite für andere Zwecke ausgedeutet wird, so darf man darum doch nicht zum eigenen Schaden das Gut des gemeinsamen Kulturbesitzes preisgeben wollen, von dessen Substanz wir gelebt haben, leben und leben werden. Wir könnten es auch gar nicht, selbst wenn wir wollten, aber schon die Geste des Verzichts ziemt dem aufgeschlossenen Oesterreicher am allerwenigsten. Die Vermengung des Sprachlich-Stammlichen mit dem Politischen wird allerdings durch die Bezeichnung „national“ oder „völkisch“ unterstützt. Setzte man dafür — wie es die amtlichen Lehrpläne für die Mittelschulen aus 1935 getan haben — „volkstreu“ ein, so wäre jeder partei- oder sonstwie politische Beigeschmack ferngehalten.

Und nun muß noch etwas gesagt werden, das tatsächlich ins Politische hinüberführt. Wir haben mit der westdeutschen Bundesrepublik einen mehrfachen Verkehr, nicht nur den ideellen in Literatur, Philosophie, Weltanschauung, sondern auch einen eminent wirtschaftlichen, dessen Ausfall unseren Lebensnerv empfindlich berühren würde. Was soll nun der Einwand, daß wir von 1938 bis 1945 genug von den „Segnungen“ des „Deutschen Reiches“ verspürt hätten, um ein- für allemal kuriert zu sein? Wer hat uns unter die Knute genommen, die Tausende ins

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