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Der Weg der Naturwissenschaft

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Zu dem Buche: „Die Naturwissenschaft auf dem Wege zur Religion.“ Von Bernhard Bavink. Thomas-Morus-Verlag, Basel.

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Zu dem Buche: „Die Naturwissenschaft auf dem Wege zur Religion.“ Von Bernhard Bavink. Thomas-Morus-Verlag, Basel.

Das Wenk des viel zu früh verstorbenen Philosophen und Naturwissenschaftlers zeigt auch Bavinls bedeutende theologische Kenntnisse. Den Theologen ist diese Arbeit auch in erster Linie gewidmet, sie kann als wertvoller Beitrag zu einer „Theologie des Schöpfungsglaubens“ angesehen wenden. Wie so viele Philosophen der Gegenwart, geht Bavink den Weg von der Naturwissenschaft zu einer induktiven Metaphysik. Wir kennen sein großes Anliegen: die Überwindung des Materialismus, des Atheismus, des Apsydiismus. Selbst einer der größten „Spezialisten de Universalistnus“, wie sie Bavink für unsere Zeit fordert, geht er von der Physik aus, um von hier aus die letzten, entscheidenden Fragen nach „Leben und Seele, Gott und Willensfreiheit? zu lösen. Aber Bavink ist zu sehr exakter Wissenschaftler, als daß er irgendeine Frage apriorisch zu lösen versucht. Immer finden wir sein einschränkendes „vielleicht“, immer ist er sich bewußt, daß die Forschung mit Riesenschritten vorwärtsschreitet, daß morgen überholt sein kann, was heute für gesichertes Wissensgut angesehen wird. Darum lehnt er auch den Vorwurf ab, eine „apologetische“ Tendenz zu verfolgen oder gar einen neuen „physikotheologi,sehen“ Gottesbeweis liefern zu wollen. Für ihn ist „der Glaube an Gott nicht Ergebnis, sondern Voraussetzung“.

Und dennoch weist uns Bavink den Weg zu Gott; oder besser gesagt: seine Darstellung der Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung.

Nach einer Darlegung des mechanistischen Weltbildes und seiner Widerlegung führt uns der Verfasser in die moderne Physik und Kosmologie ein. In einfacher Sprache macht er uns mit den schwierigen Problemen bekannt, immer hinweisend auf die Bedeutung physikalischer Erkenntnisse für die Metaphysik: für das Raum- Zeit-Problem, für die Frage nach der Substanz und Kausalität. In scharfer Ablehnung jedes reinen Apriorismus kantischer Art sieht Bavink „den klassischen Substanzbegriff aufgehoben“, den Determinismus des Laplaceschen Bildes als „eine bloße Schimäre“. Das bedeutungsvolle Kausalitätsproblem beleuchtet Bavink im Gegensatz zu vielen ähnlichen Darstellungen auch unter dem Aspekt des metaphysischen Kontingenzproblems. Darum ist er imstande, für den ganzen Fragenkomplex eine viel zufriedenstellendere Lösung vorzuschlagen. Raum und Zeit werden als reale Bestimmungen der Welt erkannt, für deren Vermessung die euklidische Geometrie und die althergebrachte, nach „Jahren“ rechnende Zeitskala versagen dürfte. Das Grundiproblem der Biologie sieht Bavink nur unter Zuhilfenahme des Gestalt’begriffes lösbar. Aber schon in dem physikalischen Bereich kommt nicht etwa dem „Wirkungselement“ eine selbständig Existenz zu; es existiert nur als „Element einer umfassenderen Gestalt oder Form, die eigentlich das Reale ist“. In diese „hierarchische“ Ganzheitsordnung ist auch der Mensch eingebaut. Das Willensproblem ist daher „von dem Problem der physikalischen Gesetzlichkeit nicht nur durch eine, sondern durch zwei Stufen geschieden“. Die Willenshandlungen sind „aus der unmittelbaren Daseinskontingenz heraus“ verstanden und insofern „frei“. Diese „Freiheit“ sieht Bavink in Analogie zu der Freiheit der „einzelnen Elementarakte der ganzen Schöpfung“. So zeigt Bavink, worum es sich eigentlich handelt: nicht um ein Problem der empirischen Psychologie, sondern um ein Problem der Metaphysik und Theologie. Das Willensfreiheitsproblem mündet ein in das Gottesproblem: „Denn es handelt lieh eben darum, wie sich das, was unser Wille (von sich aus) bestimmt, eingliedert in die Gesamtheit der Weltsetzungen überhaupt.“ Als letztes und schwierigstes Problem, „das im Grunde allein das religiöse Fragen lohnt“, sieht Bavink das „Problem zwischen dem Willen Gottes und dem geschöpflichen Einzelwillen“ an. Es ist das „altbekannte Problem der Theodizee oder des Weltübels“. Bavink nennt es das Kontingenzproblem unter dem Gesichtspunkt des Werturteils.

Mit Friedrich Dessauer, der die Schweizer Neuauflage des Werkes Bavinks einleitet, können wir sagen: „Gewiß werden viele von uns und viele Leser in dem einen oder anderen Punkt anders denken und andere Schlüsse ziehen. Aber keiner wird ohne Gewinn bei Bavink in die Lehre gehen.“ Der Philosoph und Naturforscher muß den Standpunkt Bavinks kennen, wenn er zu eigenen Lösungen kommen will.

Entwicklung und Aufbau der menschlichen Gefühle. Von Martin Keilhacker. Verlag Josef Habbel, Regensburg.

Der Autor, Professor für Psychologie und Pädagogik an der Universität München, Bearbeiter cbarakterologischer und ausdruckspsychologischer Fragen, legt hier eine Studie über den ontogenetiseben sowie phylogenetischen Aufbau der Gefühle vor. Im Vordergrund steht die Entwicklung der menschlichen Gefühle. Er steigt auf von den funktionalen Gefühlen zu den Affekten, sozialen Gefühlen, Ich-Gefühlen und Selbstgefühlen, den geistigen Gefühlen, und bringt in einem Anhang die Furchtgefühle (Angst-Furcht-Ehrfurcht) als Beispiele für einen Gefühlsstammbaum. — Die kleine Broschüre ist ein dankenswerter Beitrag zur Psychologie des Gefühlslebens, die noch ganz in ihren Anfängen steckt und doch für den Aufbau der Persönlichkeit so wichtig ist. Es ist versucht worden, die Mannigfaltigkeit der Gefühle in eine bestimmte Ordnung (Empifindungs-Trieb- Persönlichkeitsgefühle) zu bringen, und somit ist wieder ein Baustein zu einer wissenschaftlichen Anthropologie erbracht. Interessant ist die psychologische Ergänzung der Beschreibung der „existentiellen“ Gefühle, die un-s die Analysen der Existenzphilosophen nahegebracht haben.

Nach der Sühne. Roman von G. Ellert. F. Speidelsche Verlagsbuchhandlung, Wien.

Die Neuauflage dieses Werkes ist durch seinen literarischen Wert voll gerechtfertigt. Was auch die beliebten historischen Romane Ellerts aus- zeichnet, der klare Blick für das ewig Menschliche über aller Zeitbedingtheit, erweist sich in diesem Gegenwartsroman als ein besonderer künstlerischer Vorzug. Es geht hier um das Problem des entlassenen Sträflings. Valerio d’Orba, der einen Totschlag lange Jahre im Gefängnis gebüßt hat, muß nach der Sühne noch einen bitteren Weg gehen und um seinen Platz in der menschlichen Gesellschaft gegen Verständnislosigkeit und Vorurteile kämpfen. Fast zerbricht er in diesem verzweifelten Ringen, doch der Liebe einer Frau gelingt es schließlich, ihm den Frieden zu geben. Die Handlung, die ln Rom, Genua und in der italienischen Berglandschaft ab- rollt, wird mit spannender dramatischer Steigerung und tiefer Seelenkenntnis erzählt. Der Roman gehört zum Besten, was Ellert geschrieben hat.

Perlen und schwarze Tränen. Von Vincent Brun. — Interview mit dem Tode. Nossack. (Beide: Krüger-Verlag, Hamburg.)

Allen jenen, de.cn Ruf nach Gestaltung des Zeiterlebens nicht verstummt, werden diese beiden Romane einiges zu sagen haben. Zwar ist das Werk Bruns, der seinerzeit aus Österreich emigrierte und jetzt als Berichterstatter des Londoner Rundfunks in England ansässig ist, kein Roman im strengen Sinne; es ist ein Mosaik von bedrückenden Tnaumbildem, die mitunter plötzlich von der Wirklichkeit losgerissen scheinen und wieder in dieser münden, ein Schillern existentialistischer Probleme, im Stile stark expressionistisch. London zur Zeit der Ardennenischlacht und der V 2: eine Lockerung sittlicher Begriffe, ein Leben von einer Nacht zur andern und hinter allem verborgen aber fühlbar die Frage: „Was dann?“ Brun weicht auch krassen Schilderungen in den Beziehungen der Geschlechter nicht aus; die Großstadt wirkt hier und zu jener Zeit nur uh Rauschmittel nach intensivstem geistigem Druck, Ob diese Menschen ihre Leidenschaften angesichts weltgeschichtlicher Geschehnisse ernst nehmen, ob sie nicht das Häßliche mit dem Wahren verwechseln, das bleibt eine unbeantwortete Frage. — Anders N o s s a c k. Auch hier ei:- gewisser visionärer Zug, mitunter an E. T. A. Hoffmann, an Poe erinnernd. Aber das gibt nur den ungefähren Begriff einer Seelendiagnose aus dem Jahre 1943, zur Zeit des Untergangs Hamburgs und nachher. Insofern eine Ergänzung des erstgenannten Buches, die „andere Seite“. Es beweist darüber hinaus, daß die vielberufene Gestaltung der Zeit auch ohne Tendenz auskom- men kann. Die Erzählungen sind deutlich mit der Natur verbunden und beziehen von dort Kraft, die Nöte des Tages zu tragen, nicht zu genießen, zu arbeiten. Das vorläufige Ergebnis einer erbarmungslosen Epoche ist der Begriff einer Zwischenexistenz, eines Übergangs. Von diesem Buche könnte einmal eine Gesamtdarstellung größeren Zuschnitts ausgehen.

Switbert Lobisser. Von H. Egger. Leykam-Verlag, Graz.

In den „Beiträgen zur Kunst Steiermarks und Kärntens“ erschien als Band VII in zweiter Auflage eine Würdigung Switbert Lohissers, wobei sich Egger auf die Holzschnitte des toten Meisters beschränkte, also auf jenes Gebiet, in dem der Kärntner Künstler wohl eine Sonderstellung im zeitgenössischen Kunstschaffen einnimmt. Seine bäuerliche Kruftnatur, die ihn im Leben die Schranken seines selbstgewählten Berufes niiederreißen ließ, kommt in dieser künstlerischen Technik zur besten Geltung. Beeinflußt durch die Kunst des deutschen Holzschnittes des 16. Jahrhunderts, unbeeinflußt durch die italienische Renaissance, die er in Rom kennengelernt hatte, ließ Lobisser sein frohes und doch wieder besinnliches Wesen in seinen Blättern frei ausströmen, ein echtes Kind seiner Kärntner Heimat, in dem sich Naturnähe mit übersprudelndem Humor und Märchenphantastik vermählte. Für ihn ist es kennzeichnend, daß er in seinen wundervollen religiösen Holzschnitten den Passionsszenen und den Leiden der Märtyrer auswich und in seine gemütvoll gestalteten Themen das heimische Brauchtum einbezog. — H. Egger gibt in diesem schönen Buche ein genaues Verzeichnis der Holzschnitte des Künstlers und fügt ihm eine Auswahl der bedeutendsten Blätter in schönen Reproduktionen bei, die es gestatten, sich wirklich in das graphische Schaffen Lohissers zu vertiefen. Der Nachdruck der Einleitung der ersten Ausg®be wirkt durch die einleitende Zeile als merkwürdiger Anachronismus, den sich der Herausgeber aus Gründen des guten Geschmacks hätte ersparen können.

Stimme der Heimat. Ein österreichisches Volksliederbuch. Herausigegeben von G. Kotek und R. Zoder. österr. Bundesverlag, Wien.

Wenn zwei Volksliedforscher wie Dr. Kotek und Prof. Zoder ein österreichisches Volksliederbuch in die Öffentlichkeit bringen, so ist dies nicht ein summarisches Ergebnis eifriger, gewissenhafter Sammlertätigkeit, sondern eine ganz kleine, allerdings wohldurchdachte Auslese aus einer tausendfachen Fülle von gesammelten Volkliedern — das Ergebnis jahrzehntelanger Forschertätigkeit. Vielleicht ist das besondere an diesem Volksliedband, daß er nichts „Besonderes“ das heißt nichts wesentlich Neues an Volksliedern enthält, sondern vielmehr, und zwar bewußt, bekannte Volkslieder, die noch im Volke leben, die sich gleichsam als Volksgut „bewährt“ haben. Diese Volkslieder sind in der ursprünglichen Form, wie sie vom Sammler gehört und aufgezeichnet wurden, ohne Zutaten in ihrer Natur der Zwei- oder Dreistimmigkeit aufgenommen. Dem Sinne der verdienten Sammler entspricht es, die „Stimme der Heimat“, der in Bälde ein zweiter Band unter dem Titel „Im Heimgarten“ folgen wird, zu singendem Leben zu erwecken, nach dem Beispiele der Herausgeber, die selbst durch von ihnen in ganz Österreich betreuten Volksliedgruppen, im Rundfunk und im Volksgesangverein für die lebendige Verbreitung des österreichischen Volkliedes sorgen werden.

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