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Das Tier in der Schöpfungsordnung

DIE UNBEWEINTE KREATUR. Reflexionen über das Tier. Von Joseph Bernhart. Kösel-Verlag, München. 244 Seiten. Leinen. Preis 14.80 DM. - DAS OFFENBARE GEHEIMNIS. Darstellungen über das Leben der Insekten von Jean Henri Fabre. Herausgegeben von K. Guggenheim nnd Adolf Port mann. Artemis-Verlag, Zürich. 328 Seiten, zahlreiche Illustrationen. Leinen. Prei 18.50 DM. - MENSCH, TIER UND SCHÖPFUNG. Eine erkenntniskritische Studie über die Grundlagen des biologischen Weltbildes. Von A. Ch. v. Guttenberg. Styiia-Verlag, Graz. 110 Seiten. Preis 38 S. — VON TIER UND MENSCH. Eine Sammlung der schönsten Tiergeschichten. Herausgegeben von Jo Mihaly. Benziger-Verlag, Einsiedeln. 416 Seiten. Leinen. Preis 130 S. - DER TOD. DES GROSSEN OCHSEN. Die schönsten Tiergeschichten der zeitgenössischen Weltliteratur. Herausgegeben von W. A. Oerley. Paul-Neff-Verlag, Wien. 576 Seiten. Leinen. Preis 138 S. - DAS TIER. Internationale Tierillustrierte. Herausgegeben von B. Grzimek, H. Hediger, Konrad Lorenz. Verlag Hallwag, Stuttgart-Bern. Erscheinungsweise monatlich. Preis 12 S pro Nummer.

Aus ursprünglicher Gemeinschaft mit Pflanze und Tier hervorgewachsen, findet sich der Mensch der heutigen Hochzivilisation allein. Schrittweise, unvermerkt geschah es, das Innewerden kommt manch-chem wie ein Schock: Wir haben das Tier verloren. Unsere tyrannischen Träume verwirklichend, haben wir es auf der Reise in die neue Welt, in der möglichst alles vom Menschen für den Menschen gemacht sein will, zugleich mit anderen Scherben der alten Welt über Bord geschaufelt.

Die Wurzelgründe jener Welt, in der unsere Seele heranreifend mindestens eine Jahrmillion lang eingebettet war, wurden in jüngster Zeit, in historischer Sekundenschnelle, verlassen. Handelte es sich um eine Eierschale, die es fortzuwerfen galt, oder um eine Seinsordnung, der wir uns ohne böse Folgen nicht entziehen können? Gab uns nicht der Anblick des seinem eingeborenen Gesetz gemäß frei lebenden Tieres einst Kraft und Zuversicht, gab es uns nicht Lehren über das Sein, die nicht zuletzt in der Tiersymbolik aller Völker einen Niederschlag fanden? Im Erlebnis des Tieres fand für den Menschen pausenloser Anschauungsunterricht darüber statt, mit welch unerforschlicher Weisheit das Leben gelenkt wird, mit einer Weisheit, die uns zu einem der Attribute Gottes wurde.

Was ist davon geblieben? Domestizierte, versklavte Tierwesen, die (mit Ausnahme der selbstherrlichen Katze) ihren Adel verloren, zu Jammergestalten und Karikaturen ihrer frei lebenden Verwandten manipuliert durch menschliches Zweckstreben. Diese armen Wesen, die mehr über den Menschen sagen als über ihre verlorene wahre Natur, vermögen uns ebensowenig ehrfürchtig oder fromm zu stimmen wie Waschmaschinen oder Fernsehtruhen, die als Produkte unserer praktischen Vernunft keine Herz und Seele wärmende Begegnung erlauben. Wohin der Blick des Städters trifft, er sieht nur vom Menschen Gemachtes. Können wir das aushalten? Liegen hier Ursachen oder doch Mitursachen unseres Unbehagens, unserer Unbehaustheit, unseres Horrors vor dem, was als unser Werk noch über uns kommen mag?

Was tun? Es geht nicht darum, die moderne Menschheit in Waldläufer zu verwandeln. Die sich vermehrende Menschheit wird ihre Städte weiter vergrößern und neue gründen, die Industrie wird immer mehr produzieren, das ist ihre Aufgabe. Nur sentimentale Träumer können sich einen Weg zurück wünschen. Worauf es wirklich ankommt, ist der Durchgang durch den Engpaß unserer Selbstherrlichkeit, ist ein neues, erweitertes In-den-Blick-Nehmen der Natur, des Tieres, dessen Verhalten sich den Sinnen und dem Verstand sinnfällig darbietet. Hinausschauen über den Wall unserer Produkte müssen wir, sollen wir nicht dahinter zu Krustenwesen werden, von der göttlichen Seinsordnung abgekapselt, verschmorend im eigenen Saft, beheizt von der schwarzen Sonne unserer Hybris.

In dieser Situation, im Augenblick tiefsten Leidens am Verlust des Erlebnisses der Schöpfung als jenen Schoßes, der uns birgt, besinnen sich mit einemmal bedeutende Geister neu des Tieres, des Gefährten unseres bisherigen Daseins. Gerade in den letzten Wochen erreichten uns mehrere Bücher, die jedem, der sich mit der oben skizzierten Problematik näher beschäftigen will, wärmstens empfohlen seien.

Da sind die Reflexionen über das Tier von Joseph Bernhart unter dem vielsagenden Titel „Die unbeweinte Kreatur“ erschienen. Ein Weiser nach dem Maß der Harmonie mittelalterlicher Geistesfürsten ist Bernhart genannt worden, einer, der uns als Theologe, Philosoph, als Denker und Deuter tiefe Einsichten vermittelt. Die Fragen eines Pfarrers aus dem Bayrischen Wald, der über die Stellung des Tieres in theologischer Sicht nachdachte, hatten das nun vorliegende Werk angeregt. So ist ein Buch entstanden, das nicht allein dem suchenden Laien, sondern auch dem Priester und Erzieher, den Eltern und den Publizisten als Basis tieferen Verständnisses dienen will. In großartiger, erregender Schau entrollt er seine beiden Hauptthemen „Mensch und Tier in der Bibel“ und „Das Reich der Anima“, handelt er über Heilige und Tiere, über da Leiden der Tiere, über Sinn und Grenzen der Tierliebe. Er weist auf die Auffassung des Tieres als eines seelenlosen Apparates hin, die seit Descartes verhängnisvoll gewirkt hat, er verweist auf die Tierlehre des heiligen Augustinus, der (so wie später Goethe) das Unstofflich-Inwendige auch im Tier wahrnahm, er erinnert an den heiligen Paulus und an Jesus selbst, der „vorweg

schon die erlösende Gotteskraft auch für die niedere Kreatur bezeugte“. Ein Werk, fesselnd geschrieben zudem, das unseren gesamten Problemkreis umreißt.

Gleichzeitig kommt unter dem Titel „Das offenbare Geheimnis“ ein Auszug aus dem mehr als 4000 Seiten umfassenden Lebenswerk Jean Henri F a b r e s zu uns, der von 1823 bis 1915 lebte — mit unbegreiflicher Spätzündung entstand diese deutsche Übersetzung, denn in Frankreich gehören Fabres Bücher seit der Jahrhundertwende zum Gemeingut der Gebildeten. Er führt uns, zusammengesetzt aus unzählbaren Einzelbeobachtungen, das Leben hunderter Insekten vor, die er zum Großteil im Gebiet seines winzigen Landgutes in Serignan erforschte. Das für uns wichtigste Kennzeichen dieses außerordentlichen Mannes ist nicht sosehr das Talent, seine Details und Einsichten in einem romanhaft-spannenden Stil wiederzugeben, der die Lektüre zu einem reinen Genuß macht und anfänglich bei akademischen Fachgelehrten den Verdacht des Dilettantismus aufkommen ließ, sondern die vollendete Akribie seiner Arbeit und die absolute Wahrheitsliebe, die nur bewiesene Tatsachen gelten läßt. Zweitens aber, und dies scheint entscheidend, war Fabre derjenige Forscher, der in jüngster Zeit als erster, auf ungeheurem Anschauungsmaterial fußend und zugleich weltweite Wirkung erreichend, eine ge-

waltige Bresche in den evolutionistischen Transformismus schlug, dessen Tyrannis, wie Guttenberg es formuliert, die biologische Lehre und Forschung auf dem Weg über Lamarck, Darwin und Haeckel erlegen war, ohne daß er dabei, was wesentlich ist, irgendwelchen Synkretismen erlag. Der hohe Rang der Lebensordnungen, die Fabre erforschte, die Strenge, mit der das instinktive Verhalten und die ihm dienenden Gestaltungen von einer Generation zur andern sich vererben, die sinnvolle Fügung aller Geschehnisse des Insektenlebens, das wie von einem tieferen, unbewußten Wissen gelenkt wird — das war der große Gegenstand seines Forschens, schreibt Adolf Portmann darüber. Für Fabre hat sich der verborgene Grund dieser Ordnungen aber nicht zu einem „Unbewußten“ geformt, das dann als ein erklärender Faktor verwendet wird. Für ihn waren alle diese erstaunlichen Äußerungen des Insektenlebens das sichtbare, das offenbare Werk einer Schöpfermacht, deren Wirken unsere Vorstellung nicht zu fassen vermag. Vor ihm stand eine Ordnung von solcher Größe, daß er einst einem Fragenden wohk antworten durfte, er glaube nicht an Gott — er sehe Ihn! So groß war das Wunder, das er jeden Tag seine Lebens erforscht hat, setzt Portmann hinzu, daß er jeder Versuchung entrückt war, sich die Entstehung solcher hohen Ordnungsweisen als das Zusammen-

spiel zufälliger erblicher Varianten im Erbgeschehen mit der Auslese zu erklären.

Das aber ist der Kardinalpunkt unserer Fragestellung, auf den A. Ch. v. Guttenberg in seiner überaus verdienstvollen Broschüre „M ensch, Tier und Schöpfun g“, fußend auf reichstem Material, das er bis zu den Vorsokratikern zurückverfolgt, kenntnisreich eingeht. Er zieht Verbindungslinien etwa vom Sophisten Gorgias aus Lcontinoi (geb. 485 v. Chr.) bis zum heutigen Existentialismus, er entwickelt vor unseren Augen das ganze breite Bett des Positivismus und Scheinempirismus, vielfach sarkastisch die Bequemlichkeit entlarvend, mit der die Wissenschaft bis in die Gegenwart hinein immer wieder vorgefaßten Zielen nachstrebt, mit dem Ergebnis von Synkretismen mit umgekehrtem Vorzeichen.

Um den Kreis der Neubegegnung mit dem Tier zu runden, sei noch das kostbare Werk „Von Tier und Mensch“ erwähnt, in dein Schriftsteller, Künstler, Dichter zu Wort kommen, von alter Zeit bis zur Gegenwart, wobei sich das Erlebnis des Tieres einmal nicht wissenschaftlich, sondern rein menschlich, herznah, oft amüsant darstellt.

Dasselbe gilt von der großen Neff-Anthologie „Der Tod des großen Ochse n“, herausgegeben von W. A. Oerley. Hier sind die Tiererzählungen nach Ländern gereiht und vermitteln eine lebhafte Vorstellung von der Bedeutung, die das Phänomen Tier in verschiedenen Kultur- und Zivilisationsbereichen besitzt. Ganz besonders sei auf die großartige Illustrierte „Das Tie r“ (herausgegeben von Bernhard Grzimek, H. Hediger und Konrad Lorenz) hingewiesen. Diese reichbebilderte, moderne Zeitschrift, aus tiefstem Wissen um das Tier mit oft hinreißender Spannung und viel Humor gestaltet, bereitet mehr Freude und inneres reines Glück, als die meisten anderen Illustrierten es jemals zustande bringen.

Johann A. Bo eck

Zeit wie Ewigkeit

DIE SÖHNE HIOBS. Erzählungen. Von Edzard S c h a p e r. Jakob-Hegner-Verlag, Köln-OIten, 1962.138 Seiten. Preis 9.80 DM.

In einer der Erzählungen seines letzten Buches, die den Titel „Unser Vater Mal-chus“ trägt, setzt sich Schaper wieder einmal mit dem Problem Christentum und Gewalt auseinander. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Letzte aus dem Geschlecht des Malchus, jenes Knechtes des Hohen Rates der Juden, dem Petrus bei der Gefangennahme seines Herrn ein Ohr abhieb. „Er war das erste Opfer, das die Christen unter dem auserwählten Volk mit dem Schwert gefordert haben.“ Seither nun, heißt es in der Erzählung, sei jeder Erstgeborene der Nachkommen des Malchus mit einem verkrüppelten Ohr zur Welt gekommen.

In großartigen Auseinandersetzungen zwischen dem im 18. Jahrhundert — wegen Beihilfe von gesetzwidriger Auswanderung von Hugenotten — zum Tode verurteilten Schächter von Mölsheim, Malchus Ben Levi, und dem Franziskanerpater Menard, der ihn vor der Vollstreckung des Urteils bekehren soll, gibt Schaper tiefe Einblicke in das Wesen jüdischen Glaubens und in die spannungsgeladenen Beziehungen zwischen Christen- und Judentum. Immer wieder kommen die Partner in ihren Gesprächen auf den Widerstreit zwischen der Lehre Jesu, welche die Gewalt ächtet, und dem Handeln der Christen, die sich so oft der Gewalt bedient haben, um diese Lehre zu verbreiten und ihre Gegner zu vernichten. „Wie furchtbar“, sagte der Jude, „haben die, die Gott zu lieben vorgeben und die Offenbarung in Seinem Sohn empfangen zu haben meinen, gegen Gott gefrevelt, wenn sie gegen ihr eigenes Volk wüteten und das Volk, das der Allmächtige im Alten Bund zu Seinem auserwählten gemacht hat, im Namen eines neuen Bundes, den sie gar nicht halten, verfolgen!“ Und der Pater Menard sinniert, warum Gott die Schuld an den Unschuldigen verewigte und dem Geschlecht des Malchus durch Jahrhunderte zu tragen gab, was der, den der Herr sich zum Eckstein Seiner Kirche auserwählte, einmal offenkundig übel getan hatte. „Wartete vielleicht eine Liebe über zeitlichen Sinn und Verstand in der Ewigkeit für alle jene, denen Gott das Opfer aufgebürdet hatte, hier auf Erden das Zeichen des Malchus zu tragen, damit die Gewalt des Schwertes als ein Mittel des Heils ein für allemal sinnfällig auf Erden geächtet sei?“

In der Erzählung „Die Söhne Hiobs“ im gleichen Band schneidet Schaper — durch die Geschichte jenes anderen Knechtes des Hohen Rates, der Jesus im Verhör vor dem Hohenpriester schlug — eine höchst aktuelle Frage an, nämlich das Problem der Verantwortung der Söhne für die Schuld ihrer Väter. Wieder ist es die jüdische Welt, die er dem Leser vorstellt, die Welt des Alten Bundes, in welche die neue Lehre hineinbricht, die Liebe über das Gesetz stellend. In all diesen fernen Geschehnissen offenbaren sich wesentliche Bezüge zur Gegenwart, die zu bedenken sind und zu deren Lösung Schaper Ansätze aufzeigt.

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DER VIERTE KÖNIG. Roman. Von Edzard Schaper. Jakob-Hegner-Verlag, Köln-Olten, 1961. 264 Seiten. Leinen. Preis 15.80 DM.

Geschichtliche Wirklichkeit ist für Schaper immer zugleich auch Heils-geschichtc, „Einbruch der Ewigkeit in die Zeit“, das geheimnisvolle Wirken der Gnade hinein in die irdische Welt. Nirgendwo hat Schaper das erregender, dichter und köstlicher gestaltet, als in seinem neuen Roman „Der vierte König“.

Ein deutscher Major des zweiten Weltkriegs erzählt einigen Kameraden bei einem späteren Treffen, was er in dem orthodoxen Kloster von Swatogorsk in Estland während der Belagerung von Leningrad erlebt hat. Da sind die militärischen Probleme, der Kampf gegen die Partisanen und den gewaltigen russischen Winter; der Zusammenprall der Wehrmacht mit der verbrecherischen deutschen Zivilverwaltung, die brutal in die kleine, heile Welt des Klosters einbricht und alles zuschan-den macht Im Mittelpunkt aber steht die Begegnung mit dem alten, dem „heiligen“ Rußland, wie es im Leben der Mönche von Swatogorsk fortwirkt und in der Gestalt des Flüchtlings Wolodja, der im Kloster Zuflucht gefunden hat, seine Verkörperung findet. Wolodja erscheint als Sinnbild des „vierten Königs“, von dem eine alte russische Legende erzählt. Aber er ist auch, wirklich und wahrhaftig, jener „kleine russische König, der vierte von den heiligen Königen, der einmal aufbrach, als der Stern die Geburt des Erlösers verhieß...“. Und der dann auf seinen endlosen Wegen im Zeichen des Sterns das göttliche Kind versäumte, um erst zur Kreuzigung des Heilands zurechtzukommen.

Schapcrs Buch ist ein Meisterwerk der christlichen Literatur, in künstlerischer Hinsicht ebenso vollendet wie in den Aussagen, die uns eine oft mißverstandene Welt, deren Macht und Herrlichkeit sich auch in der Ohnmacht dokumentiert, ganz nahe bringt.

Anneliese D e m p f

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