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Der tiefere Sinn der Geschichte

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Zu dem Budie von Reinhold Schneider: Macht und Gnade. Gestalten, Bilder und Werte in der Geschichte. Verlag A. Pustet, Graz, österreichische Lizenzausgabe 1949. 373 Seiten.

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Zu dem Budie von Reinhold Schneider: Macht und Gnade. Gestalten, Bilder und Werte in der Geschichte. Verlag A. Pustet, Graz, österreichische Lizenzausgabe 1949. 373 Seiten.

Fast eia halbes Hundert nur lose miteinander verknüpfter Aufsätze, beglückend, schier ein wenig verwirrend, zugleich durch den Reichtum ihrer Aspekte, und doch ein in sich geschlossenes Ganzes als vielfältige Variationen einer einzigen Grundmelodie. Eine Sinndeutung der Historie, von völlig anderer Art freilich, als sie der Philosoph gestaltet, indem er es unternimmt, den geschichtlichen Prozeß als Entfaltung einer Idee zu begreifen. Eine Geschichtstheologie vielmehr, emporgewachsen aus gläubiger Versenkung in das Geheimnis des Kreuzes, gereift im Ringen mit Schuld und Schicksal des eigenen Volkes. Nicht zufällig — denn in letzter Tiefe durchlebte Not will verborgen bleiben vor. der Welt, und das Allerpersönlichste sucht den fremden Spiegel, um sich durch ihn zu offenbaren — tritt in den Gemälden, die Reinhold Schneider vor unserem geistigen Auge erstehen läßt, das Zentrum Europas durchaus in den Hintergrund gegenüber den Ländern an der Peripherie, ja selbst jenseits des christlichabendländischen Kulturkreises: England, Spanien, Rußland. Es seien wenigstens die Titel der bedeutsamsten dieser Studien erwähnt: „Kreuz und Geschichte“, „Heinrich VIII. und Englands Durchbruch zur Macht“, „Zum Gedächtnis der Gnadenpilger“, „Cromwell und die Krone", „Die Inschrift von Melrose Abbey"; „Schuld und Sühne der Konquistadoren“, „Ein Drama Calderons“, „Das Ethos Spaniens", „Die geistige Gestalt des heiligen Johannes vom Kreuz“, „Altrussischer Glaube", „Das Gebet in der Geschichte“, „Der Starez“. England in seiner eigentümlichen Zwiegesichtigkeit, erst unter dem Kreuz dereinst erwacht zur nationalen Existenz, später entfremdet diesem Mutterboden und doch nie völlig gelöst von ihm durch eine „Reformation“, vermöge deren der Staat die Vormacht über den Glauben erlangte; Spanien, umwittert von der Tragik einer Machtentfaltung im Dienste des Glaubens, die durch eben diesen Glauben gerichtet wird; das russische Starzen- tum, weitabgewandt in seiner Einsamkeit und

Österreich in der Arktis. Payer und Wey- precht entdecken das Franz-Josephs-Land. Erinnerungsschrift an die österreichisch-ungarische Nordpolexpedition vor 75 Jahren. Herausgegeben von der Payer-Weyprecht-Gemeinde. Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, Wien.

Es ist ein packend geschriebenes Ehrenbuch, den beiden großen Österreichern Payer und Weyprecht sowie seinen getreuen Stabs- und Mannschaftspersonen gewidmet, mit denen der Leser die Reisevorbereitungen, den Abschied von der Heimat, die Fahrt des „Tegetthoff“ bis in die erste Eisbarriere und durch diese in die unbekannte, rätselvolle Eisregion erlebt, in der die Forscher eine Lösung mancher Fragen erhofften. Das Schiff wird bald zum „-unfreiwilligen Passagier“ des Eises, und doch hing alles weit weniger vom geheimnisvollen Drohen des Eises als von der unnachgiebigen Zuversicht und dem innigen Glauben sowie dem unbedingten Vertrauen dieser prächtigen Menschen zu den beiden Expeditionsleitern Payer und Weyprecht ab. In diesem Glauben und Vertrauen, in der Treue und absoluten Disziplin, die sie trotz größter Gefahr, trotz Not und völliger Aussichtslosigkeit der Lage hielten, lag der Sieg, die glückliche Rückkehr nach mehr als zweijähriger Abwesenheit. Die Schilderungen der bezaubernden Erscheinungen des Nordlichtes, der furchtbaren Gewalt der Eismassen, die das Schiff zu erdrücken drohten, sind ebenso gewaltig wie der erte Eindruck vom strahlenden Alpenland, dem die Helden die Namen des Herrschers und großzügigen Förderers der Expedition - gaben: Kaiser-Franz-Josephs-Land. Drei Schlittenreisen in die Wüsten der Arktis mit allen Erlebnissen gleichen einem Epos für sich, würdig einer dramatischen oder filmischen Behandlung. 1000 Meilen entfernt von der nördlichsten menschlichen Siedlung war der Ausgangspunkt des Rückmarsches, der 96 Tage währte. Während des Rückmarsches, der ganz aussichtslos schien, erblickte die Mannschaft in der Rückkehr nach dem „Tegetthoff“ ihre einzige, wenn auch hoffnungslose Zuflucht. Weyprecht dringt in die Erschöpften, ihre Rettung in mannhafter Ausdauer zu suchen, nicht im Schiffe, nach vorwärts, nie zurück. Diese ergreifende Szene hat Payer in einem Gemälde verewigt, das die Wiener Universität schmückt. Das Ergebnis der Nordpolexpedition blieb eine entscheidende Tat für Forschung und Wissenschaft. Uns ist sie eine stolze Erinnerung an vergangene große Tage, der Jugend sei das uns vorliegende Epos ein Ansporn zu gleichgroßen Leistungen auf verschiedensten Wissensgebieten zur Ehre Österreichs. Der kleinen Payer-Weyprecht-Gemeinde, die Persönlichkeiten von. Rang und hohem Ansehen vereinigt, sei allerwärmster Dank für dieses erquickende Erinnerungsbüchlein gesagt, das auch in den kleinsten Bibliotheken Aufnahme finden möge, jedem Leser zur wahren Freude.

Stille vor Gott, aber geschichtsmächtig zugleich wie kaum eine andere Erscheinung durch die geballte Kraft des Gebets. Ist doch, wie Schneider in seinem Essay „Das Schweigen" sagt, die „Seele des Menschen in einem höheren Sinne Schauplatz der Geschichte, als es die Schlachtfelder sind“, jener Geschichte, „deren eigentlicher Inhalt nicht der Aufgang und Untergang der Staaten ist, sondern der Aufgang des Reiches Gottes und das Gericht an den Feinden dieses Reiches“. Damit ist Geschichte wieder erlebt als Kampf des Gottesstaates mit dem Erdstaat; und wie die Augustinischen Begriffe civitas dei und terrena unbeschadet ihrer obschon nur zeichenhaften Realisierung in Kirche und Staat die beiden Welten des Glaubens und des Unglaubens verkörpern, so „Macht“ und „Gnade“ bei Schneider. Wenn aber in der Geschichte der Widerspruch zwischen Irdischem und Jenseitigem ausgetragen wird, dann kann ihr Ziel nur „die endgültige Entscheidung, nicht die Entfaltung der Kräfte“ sein. Mit elementarer Wucht bricht sich hier eine eschatologische Sicht der Dinge Bahn; die im Weltgeschehen wirksamen immanenten Faktoren, die verstandesmäßig erfaßbaren gleicherweise wie die irrationalen — denn auch das Genie wird in die ihm gesetzten Schranken verwiesen: „es steht nicht über der christlichen Ethik, sondern es ist unlösbar an sip gebunden und empfängt nur von ihr einen Sinn“ —, verlieren jenes Schwergewicht, das eine dem Diesseits verhaftete Betrachtungsweise ihnen beimessen zu sollen meint: „Der Gläubige weiß, daß die ganze Zeit der Geschichte Adventzeit ist." Nicht als ob die dem Menschen im Raume dieser Welt gestellten konkreten Gegenwartsaufgaben relativiert werden dürften; er wird vielmehr gerade dann, wenn er mit der Ewigkeit verbunden ist, das rechte, ihm gemäße Verhältnis zur Erde wiederfinden. In solchen Menschen aber „siegt das Kreuz über die Welt, und die Zeiten werden ihm nichts entgegensetzen können, was es nicht überwindet“.

Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes. Von Hugo von Hofmannsthal. Bermann-Fischer-Verlag, Wien.

Im Frühjahr 1902 hatte der mit dem Dichter befreundete Komponist Clemens Freiherr zu Franckenstein in London eine Aufführung des altenglischen „Everyman“ gesehen und Hofmannsthal ausführlich darüber berichtet. Hierauf schrieb der Dichter: „Everyman hat mir einen sehr großen Eindruck gemacht, nicht so sehr der Text, weil ich ziemlich viele wunderschöne solche Moralitäten und mysteres kenne, aber diesmal habe ich einen besonderen Genuß gehabt durch Deine genauen szenischen Angaben, die mir ein fortwährendes Bühnenbild gegeben haben. Die Engländer sind sehr glücklich, sich hier nicht an sehr Fernes, sondern an die Belebung des Altchristlichen durch die modernen Präraffaeliten anlehnen zu können ... Ich glaube, daß unser Theater nach Ähnlichem drängt: eine Bühne, die nicht zu sein prätendiert, sondern sich begnügt, zu bedeuten, synthetische, sparsame Gebärden usw.“ Aus dieser Anregung ist dann der Salzburger „Jedermann“ entstanden, der in vielen Aufführungen Zuschauer aus aller Welt erschüttert hat — und den oberösterreichische Bauern so sehr als ihr Eigen empfanden, daß sie ihn in ihre Mundart übertrugen und wie ein altes österreichisches Stück spielen. — Die vorliegende Neuausgabe ist besonders sorgfältig ausgestattet und mit den ausdrucksvollen Holzschnitten von Prof. Erwin Lang geschmückt. Dr. H A. Fiechtner

Das Herz aller Dinge. Von Graham Greene. Übersetzt von W. Puchheim. P.-Zsolnay-Verlag, Wien.

Der neue Roman Graham Greenes (ausführlich besprochen in der „Furche“ Nr. 39 vom 25. September 1948), ein Hauptwerk der christlichen Dichtung der Gegenwart, in welchem mit schärfster Realistik die (fast unvermeidliche) Verstrickung eines Menschen in mehrfache Todsünde, sein klar vorbereiteter Selbstmord und seine Rettung vor der Verdammnis dennoch als wahrscheinlich dargestellt ist, liegt nun in deutscher Übersetzung vor. Die präzisen Stilmittel und die kalt-faszinierende Diktion Greenes leben unmittelbar aus dem Geist der englischen Sprache. Trotzdem ist dem Übersetzer eine wohlausgewogene Umschreibung gelungen, die dazu beitragen kann, dieses wachrüttelnde, erregende Buch auch in unserem Lebensbereich weit zu verbreiten.

St. Gebhard. Ein Bildwerk von Alf S t ä g e r. Photokunst-Verlag Risch-Lau, Bregenz.

Neben der umfangreichen gediegenen Festschrift zur St.-Gebhard-Tausendjahrfeier „Bewahren und Bewähren“, die Dr. Arnulf Ben- z e r besorgte, erscheint nun auch ein Photokunstbuch des jungen Vorarlberger Lichtbild- ners Alf S t ä g e r. Geht die Festschrift schon weit über den gewöhnlichen Rahmen hinaus, indem sie neben prächtigem Bildermaterial wertvolle historische Studien und nicht zeitgebundene Dichtung vermittelt, so stellt Stägers Werk einen neuartigen Beitrag zur Verbreitung der reichhaltigen bildenden Kunst um die Person und den Wirkungskreis des heiligen Gebhard dar. Von dreißig Bildstudien — Total- und Detailansichten — ragen besonders diejenigen hervor, die sich um die Wiedergabe von plastischen Kunstwerken bemühen. Herzhaft-ehrfürchtig ist der knappe Begleittext des Autors, der durch Vignetten Maria W. M i 11 i o r e s unterstützt wird. Der Liebhaber der zeichnerischen Schwarzweißkunst findet hier Kabinettstücke einer einfallsreichen ernst- bis humorvollen, mit leichter Hand begabten Künstlerin, die sich in Vorarlberg auch in anderen Disziplinen schon verdient machte. Wir haben es im vorliegenden Werk zweifellos mit einer Novität auf dem Gebiet photographischer Publikation katholischer Kunstwerke im Bodenseegebiet zu tun. Dem Verlag und dem Lichtbildner, der sich bedeutenden Aufgaben gewachsen zeigt, wissen sich alle Kunstfreunde zu Dank verpflichtet.

Verbrannt von Gotte Feuer. Der Lebensroman Giordano Brunos. Von F. Spund . Festungsverlag, Salzburg.

Der Verfasser sieht in der vielumstrittenen Persönlichkeit Brunos, der mit seinem Ordensnamen Giordano in die Geschichte 'einging, so etwas wt einen philosophischen Heiligen. All solchen hat ihn ja auch Karl Jaspers in seinen Basler Vorlesungen bezeichnet und als markanr ten Typus philosophischen Glaubens gewertet. Gleich einem Sokrates wäre er von spießbürgerlichem Unverstand dem Tode überliefert worden. Abgesehen von dem Problematischen de Ketzerverbrennung und dem tragischen Schicksal ihrer Opfer, bleibt aber doch zu fragen, ob in Bruno Gottes Feuer brannte? Selbst wenn man die von ihm beleidigte Kirche nicht sprechen läßt, wird man in dem auch innerlich Ruhelosen nicht so sehr das Leuchten des Numinosen, son dem eher die im Flug durch ein vermeintlich unendliches Weltall in Brand geratene Natur erkennen müssen, deren Antriebskräfte aus dem Zerfall der mittelalterlichen Welt stammen. Der hier gebotene Lebensroman beschwert sich nicht zu sehr mit solchen Entscheidungen, er bringt in guter Erzählung das abenteueriche Leben seines Helden, erwähnt auch dessen schriftstellerisches Wirken, versucht sich in den ideengeschichtlichen Zusammenhängen, vermeidet alle Tendenz und ist nicht zuletzt gerade dadurch gutes Zeitgemälde. Interessant ist, daß der Verfasser an die Möglichkeit glaubt, Bruno wäre nur „in effigie“, das heißt nur eine ihm gleichende Puppe, verbrannt worden. Mocenigo, der ihn der Inquisition angezeigt hatte, habe dies später bereut und so viel Einfluß gehabt, die Exekution im letzten Moment zu verhindern.

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