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VON NEUEN BUCHERN

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„Die Bhil in Zentralindien.“ Von Wilhelm Köppers, Jahrgang VII1948 der Wiener Beiträge zur Kulturgeschichte und Linguistik. Verlag Ferdinand Berger, Horn-Wien, 1948, 352 Seiten und XVI Tafeln

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„Die Bhil in Zentralindien.“ Von Wilhelm Köppers, Jahrgang VII1948 der Wiener Beiträge zur Kulturgeschichte und Linguistik. Verlag Ferdinand Berger, Horn-Wien, 1948, 352 Seiten und XVI Tafeln

Der Verfasser, Ordinarius für Völkerkunde an der Wiener Universität und anerkannter Indologe, unternahm 193839, als er nach dem gewaltsamen Anschluß Österreichs an Hitler- Deutschland von dem Orte seiner Lehrtätigkeit entfernt worden war, mit ausländischer Unterstützung eine mehrmonatige Forschungsreise zu den- zentralindischen Bhil, über die er zunächst in einem mehr für breitere Kreise berechneten Buche „Geheimnisse des Dschungels“ Stocker, Luzern 1947 einen aufschlußreichen und spannenden Bericht erstattete. Jetzt liegt nun die reiche Ausbeute dieser Expedition auch in wissenschaftlicher Form vor, die eine ganze Reihe auh für Fachleute bisher unbekannter Tatsachen zutage förderte, die für die weitere Forschung von großer Bedeutung sein werden.

Die Bhil gehören, ebenso wie die Chenchu und Reddi, über die ein Schüler Köppers’, der in Haiderabad wirkende Dr. Fürer-Haimendorf vor kurzem eingehende Darstellungen veröffentlichte, zu der ältesten, jedenfalls vordrawidischen und vormundaischen Bevölkerung Indiens, die sich auch rassisch von diesen jüngeren Völkerschichten und den Hindu unterscheidet und mit den Wedda auf Ceylon Zusammenhängen dürfte. Wohl weist die geistige und materielle Kultur der Bhil, einem primitiven Ackerbau- und Jägervolk, -schon mancherlei drawidische und mundaische Einflüsse auf und nahm auch viel von den Hindu an, aber es gelang Köppers immer wieder, zu zeigen, daß sich darunter eine ältere Sdiicht von Anschauungen, Sitten und Gebräuchen befindet, die ihre Parallelen bei den ältesten ethnologisch greifbaren Völkern, den sogenannten Urvölkern, haben.

Dies gilt vor allem von ihrem Glauben an einen persönlichen Schöpfergott Bhagwan, der trotz seines Sanskritnamens, nicht von den Hindu übernommen sein kann, da diese schon längst zu einem spiritualistischen Monotheismus Pantheismus übergegangen find. Daneben spielt noch die Erdmutter, die alte Jungfraumutter der mutterrechtlichen Völker, eine selbständige Rolle. Dagegen scheint ihr Sohn, der Heilbringer, nicht auf, ein Zeichen, daß auch die Muttergottheit, übrigens ähnlich wie bei den Chenchu, ein wahrscheinlich von den Munda übernommenes Fremdgut vorstellt. Eine noch jüngere Göttin ist die indische Durga, die aber bei den Bhil bei weitem nicht den sonst so blutrünstigen Charakter trägt. Während Bhagwan und die Erdmutter keinen „Stein“ haben, sind die übrigen Gottheiten der Bhil, soweit sie überhaupt diesen Namen verdienen, da sie alle von Bhagwan erschaffen sind und von ihm abhängen, das heißt zum größten Teil dem indischen Pantheon entnommen sind, durch Steine dargestellt, die mit Blut der Opfertiere bestrichen werden, wenn man ihre Hilfe sucht. Auch unterscheidet man zwischen „reinen“ und „Blutgöttern“, das sind solche, die blutige Opfer verlangen, während die „reinen“ mit pflanzlidien Produkten, Schmelzbutter und Weihrauch Vorlieb nehmen. Während d;e „steinlosen“ Götter jedenfalls die älteste Sdiicht vorstellen, äußert sich in dem Unterschied zwischen „reinen“ und „Blutgöttern“ der hinduistische und mundaische Einfluß,’ da die „Blutgötter“ fast ausschließlich weibliche Gottheiten sind.

Die Bhil sind ein ausgesprochen vaterrechu. liches Volk, doch zeigen sich in der Bevor- zug-ung des Mutterbruders, der fakultativen Dienstehe und der freien Gattenwahl des Mädchens auch deutliche Einflüsse mutterrechtlichen Denkens. Totemismus ist nidit nachweisbar, einige Spuren alter Jugendweihen finden sich im Hochzeitsritus. Sehr ausführlich schildert Köppers, vielfach mit den Gesängen im Urtext, bei deren Aufnahme ihm der Missionar Jungblut zur Seite stand, die zahlreichen Festlichkeiten der Bhil, die eine Unmenge wichtiger Symbole enthalten und zum Teil weltweite Beziehungen erkennen lassen. Von Bedeutung ist auch, daß bei den Bhil der Zauberer nur bei einigen besonderen Gelegenheiten und dann bei Krankenheilungen eine größere Rolle spielt. Schwarze Magie kommt überhaupt nicht vor. Die sittlichen Anschauungen dieses von den englischen Verwaltungsbeamten als „criminal tribe“ bezeichneten Volkes sind erstaunlich hoch und entsprechen vielfach jenen, die Gusinde und Köppers auch bei den Feuerländern festgestellt haben.

Am stärksten unterlagen die Bhil im Bestattungsritual dem hinduistischen Einfluß. Sie üben jetzt Verbrennung und legen die Leiche auf den Scheiterhaufen in Rückenlage mit dem Kopf nach Norden. Im Hause wird aber die Leiche noch mit dem Gesicht nach Westen oder Süden gelegt, was auf die früher geübte Art der Bestattung durch Beerdigung in Seitenlage schließen läßt. Auch die Verehrung der Nar- bada, des zweiten heiligen Flusses Indiens, ist ein von den Hindu Gangesverehrung übernommener Brauch.

Diese Andeutungen müssen im Rahmen einer Besprechung genügen, um die Bedeutung dieser Publikation deutlich zu machen, die nicht nur neues und wichtiges Material für eine ganze Reihe noch ungelöster Fragen bietet, sondern auch wertvolle Hinweise auf ihre Lösung enthält. Zu bedauern ist nur, daß aus verlagstechnischen Gründen eine Anzahl wichtiger Kapitel; so vor allem der Bhagwanglaube und das Hochzeitsritual, worüber Köppers bereits in verschiedenen wissenschaftlichen Zeitschriften gehandelt hat, in dieses zusammenfassende Buch nidit aufgenommen werden konnten. Das anthropologische Material wurde den Wiener Fadigelehrten zur Auswertung übergeben. Dagegen findet der Linguist im Buche Köppers’ wertvolles Material und größere Texte der Bhilsprache, die zwar ein Dialekt des Gujarati ist, aber noch erkennen läßt, daß die Bhil, ebenso wie die Chenchu und Reddi, eine eigene Sprache besaßen, bevor sie von den arischen Eroberern unterworfen wurde.

Vom Kaiserreich zur Republik. Österreichs Kampf um die Demokratie. Von Richard Charmatz. Jedermann-Verlag, Wien.

In seinem Vorwort sagt der Verfasser, er sei redlich bemüht gewesen, „Licht und Schatten gerecht zu verteilen“, fügt jedoch hinzu: „Eine absolut objektive Geschichtsschreibung gibt es allerdings nicht.“. Dieses späte Werk des Historikers, dessen Persönlichkeit sich hoher Achtung erfreut, bestätigt seine Resignation. Die Offenheit, mit der er seinen persönlichen liberalen Standpunkt hervorkehrt, entwaffnet, darum soll hier auch nicht dagegen polemisiert werden; denn Treue in der Gesinnung ehrt ihren Träger erst recht in einer Zeit, die so oft das Gegenteil erleben läßt. Die Darstellung der innerpolitischen Entwicklung seit 1918 freilich erweckt so viele Bedenken, daß man ein Buch schreiben müßte, um sie alle in geordneter Weise zur Geltung zu bringen. Manche Einzelheiten sind ungenau, anderes ist einseitig. Trotz allem ist Charmatz Buch zu begrüßen, weil es hoffentlich die Historiker zwingt, sich mit der neueren Geschichte unseres Vaterlandes, namentlich aber der ersten Republik, zu beschäftigen, der sie bisher fast ängstlich auswichen.

Theorie der allgemeinen Wirtschaftspolitik und Wirtschaftslenkung. Von Th. Pütz. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1948.

Die Tatsache, daß Bedarf und Deckung auseinanderfallen und die Produktion sich nicht dem Konsum anzupassen vermag, ist heute, eine Folge des katastrophalen Gütermangels, zu einem der elementaren Probleme der Wirtschaftspolitik geworden. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn sich die Versuche häufen, der Wirtschaftslenkung, welche Erzeugung und Verbrauch um des Menschenwillen einander zuordnen will, einen theoretischen Unterbau zu geben. Prof. Pütz, Ordinarius in Innsbruck, unternimmt es im vorliegenden Werk, eine solche Theorie zu schaffen. Diesem Vorhaben dient audi der erste Teil des Buches, welcher zwar der Wirtschaftspolitik, aber nur in Blickrichtung auf das Problem ihrer Lenkbarkeit, gewidmet ist. Gleichzeitig will der Verfasser aus dem ökonomischen und sozialen Sachverhalt heraus eine theoretische Rechtfertigung der Wirtschaftslenkung schaffen. Dabei ist er bemüht, die Wirtschaft als eigenwertigen wenn auch zielverbundenen Kulturbereich zu verstehen und aus dieser Meinung eine Linie zu beziehen, die von der Systemlosigkeit des ökonomischen Liberalismus einschließlich des Interventionismus ebensoweit entfernt ist, wie vom sozialistischmarxistischen Experiment. Wenn sich Prof. Pütz auch stark auf Ansichten stützt, die im letzten Jahrzehnt in Deutschland publiziert wurden, man braucht nur die Literaturhinweise zu beachten, kann der Einfluß von Keynes und seiner Schule nicht ganz verborgen bleiben. Das gilt vor allem für jenen Teil der Arbeit, welcher sich mit der Bedeutung des Bedarfes und seiner ökonomischen Wirksamkeit befaßt. Es ist eben nicht zu verkennen, daß die moderne Wirtschaftslenkung schon bei den Motiven und ersten Ursachen des wirtschaftlichen Handelns ansetzt und insoweit auch Bedarfs- und Bedürfnis- Lenkung sein muß. Die Bedeutung des Werkes liegt darin, daß es, in Fortsetzung der notwendigen Diskussion über alle jene Fragen, die irgendwie mit dem Problem der Wirtschaftsführung Zusammenhängen, eine gelungene schematische allgemeintheoretische Darstellung bietet. Darüber hinaus stellt es auch noch eine beachtliche und gut geordnete Materialsammlung dar.

Spaziergänge durch Alt-Wien. II. Band. Von E. Tomek. Verlag Herder, Wien 1948.

Nach dem bereits 1927 im Verlag „Styria“ erschienenen I. Band liegt nun der längst erwartete II. Band vor. Wiederum ist der Stephans- dom mit seinem reichen und interessanten Schatz an historischen und kulturellen Denkmälern der Ausgangspunkt für wissenschaftlich-gründliche und anschaulich-gemeinverständliche Darstellungen des Lebens und Wirkens berühmter Persönlichkeiten. Originaltexte, klar übersetzte lateinische Inschriften und eine wahre Fülle historischer Details lassen ein buntes und lebendiges Gemälde kirchlicher und weltlicher Geschichte Wiens vom Anfang der Neuzeit bis zum letzten Glanzfest, dem XXIII. Eucharistischen Weltkongreß im Jahre 1912, erstehen.

Wissenschaft und Weltbild. Vierteljahrsschrift für alle Gebiete der Forschung. Verlag Herold, Wien.

Das letzte Heft des ersten Jahrganges wird eingeleitet durch einen Artikel von Alois D e m p f über „Die Kultursoziologie der Gegenwart“. Toynbee, Grousset, Dawson, Mannheim und vor allem Sorokin, der bedeutende Kulturkritiker der Haward-Universität, werden konfrontiert. Diese geistesgeschichtliche Note wird fortgesetzt in Seidlers Aufsatz über „Der österreichische Geist und der Osten“, der den Blick auf die große Zeit österreichischer Orientforschung im 19. Jahrhundert richtet, auf die Epoche Hammer-Purgstalls, Prokesch-Ostens und Fall- merayers, die zugleich dichterische Deutung und Verklärung im Werk Grillparzers und Stifters findet. Josef Casper beleuchtet das tausendjährige antagonale Verhältnis zwischen Islam und Christentum historisch, theologisch und missionsgeschichtlich. Die geistesgeschichtliche Komponente des Heftes wird abgeschlossen durch einen materialreichen Bericht von O. Forst-Bat- t a g 1 i a über die „Polnische Geschichtsdeutuixj gestern und heute“. — Eine Sonderwürdigung verdiente F i e ch tn e r s Aufsatz über „Weg und Standort der neuen Musik“. — Von den naturwissenschaftlichen Themen wird das größte allgemeine Interesse wohl Wilfried D a i m s Bericht über seine Experimente auf dem Gebiet der Traumtelepathie finden. Die hier vermerkten Ergebnisse bewußter, unter strengster Kontrolle durchgeführten Übertragungen von Vorstellungen und Bildern erstellen Ansatzpunkte für die Psychologie, Philosophie, Theologie und nicht zuletzt auch die Kunstgeschichte. — Im ganzen ein reiches Heft mit beachtenswerten Inhalten. Begrüßenswert ist die Mitteilung des Verlages: der Bezugspreis der Zeitschrift wird im zweiten Jahrgang um ein Viertel gesenkt, so daß es nunmehr auch Studenten möglich sein sollte, die Hefte zu erwerben.

Phaidros. Zeitschrift für die Freunde des Buches und der schönen’ Künste. Herausgegeben von der österr. Nationalbibliothek, H.-Bauer-Verlag, Wien 1948. II. Jahrgang, Folge 1.

Die angesehene und sorgfältig ausgestattete Zeitschrift eröffnet ihren zweiten Jahrgang mit einem Gerhart Hauptmann-Heft. Der besonderen Aufgabe des „Phaidros“ entsprechend, ist die Mehrzahl der Beiträge den Beziehungen Hauptmanns zum Wiener Kulturleben gewidmet: zur Nationalbibliothek, zur Akademie der Wissenschaften, zum Burgtheater, schließlich auch, anläßlich des Verbotes und der ersten Aufführung der „Weber“ 1903 am Carltheater, zur Wiener Zensur. Den Schwerpunkt des Heftes bildet eine gründliche, vor allem philosophisch fundierte Studie von Robert Miihlher über das Bild des Menschen bei Gerhart Hauptmann „Prometheus- Luzifer“, in welcher sich auch interessante Belege für die Grundformel von Hauptmanns Werk finden. „Antiker Mythos, gedeutet durch Paracelsus und Böhme, visiert auf den dionysischen Weltaspekt“. Über die Entstehung der .Atriden- Tetralogie und ihre Vorläufer berichtet Joseph Gregor, über Gerhart Hauptmanns letztes Lebensjahr erzählt Hans von Hülsen und berichtigt damit eine Reihe von Gerüchten und Zeitungsnachrichten. Ein Fragment aus „Der Große Traum“ und eine Reihe von Bildtafeln, von denen nicht alle so gelungen sind wie die der vorhergegangenen Hefte, vervollständigen diese für alle Gerhart Hauptmann-Freunde empfehlenswerte Folge.

Thomas-Morus-Bücherei

Die Lilien auf dem Felde. Drei Reden. Von Sören Kierkegaard. — Freiherr und Maß. Von Adalbert Stifter. — Der Abfall vom Abendland. Dokumente. Von Donoso Cortes. — Die Erzählung vom Antichrist. Von Wladimir Solowjow. — Der christliche Kampf. Von Aurelius Augustinus. Thomas-Morus- Presse im Verlag Herder, Wien.

Anknüpfend an verschiedene ähnliche Buchreihen verdienen die Ausgaben der „Thomas. Morus-Bücherei“ die Aufmerksamkeit weiterer Kreise. Sie stellen einen wertvollen Behelf überall dort dar, wo Gesamtausgaben nicht zur Hand sind, älteres wertvolles Gedankengut bisher un- gehoiben blieb oder in deutscher Übersetzung nicht zugänglich war. Die Bändchen werden in ihrer hübschen Ausführung für Geschenkzwecke sicherlich großen Anklang finden.

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