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Von Büchern und Zeitschriften

Im Geistesleben des deutschen Volkes hat die Monatsschrift, von der hier die Rede sei, seit ihrer Gründung eine Rolle gespielt, wie sie wenig anderen Publikationen zukam. Als um die Zeit des Vatikanischen Konzils „Die Stimmen aus Maria Laach“ ihr Erscheinen begannen, war es ihre Sendung, den Irrtümern einer leidenschaftlich erregten Umwelt und Kräften zu begegnen, die die Säkularisierung des gesamten geistigen Lebens erringen zu müssen glaubten. Verantwortungsbewußte Männer sahen den Augenblick gekommen, sich mit der heraufkommenden neuen Lebens- und Weltauffassung sachlich-kritisch auseinanderzusetzen und das christliche Weltbild klar vor aller Öffentlichkeit herauszustellen und zu vertiefen. Es galt aber auch zu sagen, was die Wissenschaft wirklich wußte und auf sicheren Grundlagen zu sagen hatte. Es waren ausgezeichnete Männer des Jesuitenordens, Literaten und Gelehrte vornehmen Ranges, die das Werk begannen. Es kam dies von selbst, aus einer inneren Notwendigkeit und Folge, daß aus den bekannten Heften mit dem roten Umschlag die „Stimmen der Zeit“ wurden. Der neue Titel sprach es aus, daß es darum ginge, „die neue Zeit zu deuten, zu werten und in ihr zu leben, der Wahrheit zurrt Zeugnis“.

Wie sehr den „Stimmen der Zeit“ dies als ihre Aufgabe und Verantwortung aufgelastet war, zeigten aufs neue die Ereignisse nach 1933. Es galt nicht nur, den geistigen Kampf gegen eine feindselige Übermacht zu führen, sondern auch die Form zu finden, wie die fundamentalen Wahrheiten des Christentums und der Sitte dargestellt werden sollten, um an Klarheit und Entschiedenheit nicht zu verlieren und dem ungleich stärkeren Feind nicht Handhaben zu geben.

„Kurz nach der Röhm-Affäre“ — berichtet das Vorwort der eben jetzt wieder erschienenen Monatsschrift — „wagte ein Mitarbeiter, P. Overmans, in einem Rückblick auf die Ereignisse den Satz, wichtiger noch als die geschickteste Führung durch Propaganda von oben sei für ein Volk, daß es auch in den dunkelsten Stunden seiner Geschichte das klare Bewußtsein der sittlichen G r u n d f o r d e r u n g e n des Staatslebens nicht verliere (November 1934). Die Folge war der erste offene Zusammenstoß mit der Staatsgewalt. Genau ein Jahr später erschien der Artikel von P. Lippert ,Mit Geduld — mit Gewalt'. Die ernsten Wahrheiten über Gefahr und Fluch der Gewalt, die den ganzen Beitrag durchzogen, wurden mit einem vi er-monatigen Verbot der Zeitschrift , geahndet.

Bis zum Kriegsjahr 1941 war es noch möglich, die Hefte erscheinen zu lassen. Dann aber brach die offene Gewalt ein. Nach mehreren Hausdurchsuchungen und Einschüchterungsversuchen anderer Art wurde am 18. April das Haus der Schriftleitung in München von der Gestapo besetzt, die Bewohner vertrieben, Haus, Vermögen und Bücherei beschlagnahmt und enteignet. Als Grund wurde angegeben, P. Lippert — der damals schon viereinhalb Jahre tot war — habe sich hochverräterischer Äußerungen schuldig gemacht; jede weitere Auskunft über Zeitpunkt und Inhalt dieser Äußerungen wurde jetzt und später verweigert. Einen Monat darauf wurde der Zeitschrift — natürlich „aus Gründen der Papierersparnis!“ — gleich vielen anderen Blättern die Druckerlaubnis entzogen.“

Man darf von einem literarischen Ereignis sprechen, daß nun die „Stimmen der Zeit“ wieder auf dem Plan erscheinen. Der Verlag Herder in Freiburg i. Br. legt dem Oktoberheft den Beginn des 72. Jahrganges vor. Sofort bei der Ankündigung erfolgten 100.CO0 Bestellungen; aber nur 20..000 Exemplare können infolge der Papierknappheit gedruckt werden. Aus dem alten Stab der Schriftleitung fehlt mancher große Name. P. Alfred D e 1 p ist vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 2. Februar 1945 in Berlin hingerichtet worden. Am 2. Juli 1945 starb in Stuttgart P. Constantin N o p p e 1. Fern der Heimat verschied am 15. August

Jakob Overmans, der auf einer für die Zeitschrift unternommenen Orientreise in Kairo vom Krieg überrascht worden war. Am 15. Jänner 1946 wurde Josef Kreit-maier, der von 1927 bis 1936 Herausgeber und Hauptschriftleiter der Zeitschrift war, durch den Tod von mehrjährigem Leiden erlöst.

Zu ihrem Wiedererstehen konnten die „Stimmen der Zeit“ keine eindrucksvollere Eröffnung wählen als den Aufsatz, den Alfred Delp, dieser Blutzeuge katholischer Publizität, vor seinem Tode geschrieben hat. P. Delp hatte sidi in den schwerbewegten Jahren mit der geistigen Situation in seinem Buche „Tragische Existenz“ auseinandergesetzt. Darin schaut er ganz tief in die seelischen Abgründe der Menschheit und zeigt die Irrwege der geistigen Existenz der Zeit. Gerade er, der sich so tief verbunden wußte mit der wahren Idee alles Geschehens und Daseins, wußte es am besten zu deuten in jenem schmalen Band, der unter dem Titel „Der Mensch in der Geschichte“ 1941 erschien. Hier zeigt er den Mensdien, der nicht irgendwo noch kreist und herumtappt, sondern aus der Zeit und dem Jetzt den Weg zum Letzten gefunden hat, ohne jedoch den Kontakt mit der Welt zu verlieren, in der er die Wege Gottes zu kennen und deuten weiß.

In den Tagen zwischen Verurteilung und Hinrichtung im Gefängnis zu Tegel stand er auf der Höhe seines irdischen Lebens im endgültigen Sinne des Wortes, Einleitung einer wundervollen Meditation über das „Vaterunser“ die ergreifenden Worte:

„Auf dieser absoluten Höhe des Daseins, auf der ich nun angekommen bin, verlieren viele bisher geläufige Worte ihren Sinn und ihren Wert. Ich mag sie nicht einmal mehr hören. Das alles liegt so weit unten. Ich sitze da oben auf meiner Klippe und warte, ob und bis einer kommt und mich hinunterstößt. Die Zeit hat hier oben Engelsflügel bekommen; man hört sie leise rauschen, verhalten und ehrfürchtig vor der absoluten Forderung dieser Höhe. Das gleiche geschieht weit unten und hört sich an wie das ferne Tosen und Toben eines eingeengten Stromes. Zu eng lies, zu eng für die wahren Maße und Aufträge. Das war ja immer die heimliche Ahnung und Meinung: alles sei zu eng. — Zu den Worten, die hier oben ihre Gültigkeit behalten und ihren Sinn neu enthüllen, gehören die Worte der alten Gebete, vor allem die Gebetsworte, die der Herr uns gelehrt hat.“

Fern von allem menschlichen Geschehen und hlnüberblickend zur Absolutheit Gottes redet er von seinem Reiche, anknüpfend an die Vaterunserbitten, in denen das menschliche Dasein in seiner letzten Tiefe immer angesprochen ist.

„Daß der Mensch in Gottesgnade sei und die Welt in Gottesordnung: das ist das Reich Gottes. Die Uberwindung der menschlichen Not durch Gottesfülle, die Sprengung der menschlichen Grenze durch Gotteskraft, die Bändigung der menschlichen Wildheit durch Gotteszucht: das alles ist das Reich Gottes. Es geschieht im Menschen und von und unter den Menschen. Es ist eine stille Gnade und drängt doch zu Wort und Tat und existiert doch auch als Werk und Ordnung. Um alles, was uns heute fehlt, beten wir in dieser Bitte. Die große Sinnerfüllung des Lebens liegt in der Begegnung mit Gott.“

Aber immer geht es darum, daß der Mensch über sich und seine Erdhaftigkeit hinauskommt, daß er den Ruf Gottes versteht, der ihn hinausführt in die freie Begegnung mit dem fordernden und verpflichtenden Gesetz:

„Der Mensch muß sich hinter sich gelassen haben, wenn er zu sich selbst kommen will. Man muß diesen Abschnitt einmal vollzogen haben, um von seinem Segen sprechen zu können. Daß es sich um einen Segen handelt, geht aus der Wonne hervor, die dieser freien Hingabe gegeben ist. Wie im Himmel. Es handelt sich hier gewiß auch um die Aussage der absoluten Gültigkeit, aber mehr um das andere. Der Wille Gottes im Himmel ist die Selbstbejahung Gottes durch Gott und die Bejahung Gottes durch die Seligen.“

So verschließt der so vollkommen Ge-1 reifte Jms zum. letzten Moment seines Lebens nicht die Augen vor dem Geschehen der Zeit. Es sind die Worte eines wahrhaften Märtyrers. Der Tan, der mit dem Vaterunsergedanken angegeben wird, klingt durch das ganze noble Heft, in dem wir unter anderen Max Pribilla, Johann B. Wiedemann, Georg Lill wiedertreffen.

Dr. L e u t n e r

Faust. Urfaust. Paralipomena. Von Johann Wolfgang v. Goethe. Mit Einführung, Inhaltsangabe und Wörterbuch. Sammlung „Die literarische Perlenschnur“. Bd. I. österreichischer Verlag für Belletristik und Wissenschaft. Linz und Wien 1946. 656 Seiten.

Der Einsatz, den der neue Verlag mit einer Faustausgabe als ersten Band seiner Sammelreihe „Die literarische Perlenschnur“ wagt, ist hoch. Die größte deutsche Dichtung an den Beginn zu stellen, läßt auch in der Folge Wertvolles an Literaturgut erwarten. Die dem Abdruck der Tragödie vorangestellte Einführung, die sich zuerst mit dem geschichtlichen Faust und seiner Legende beschäftigt, indem sie die Uberlieferungskreise und die gesamte Faustliteratur angibt, führt weiterhin über die Behandlung der Entstehungsgeschichte des Dramas und der auf sie wirkenden Einflüsse zur Darlegung der Kunstgestalt und der der Dichtung innewohnenden Kernprobleme. Neu ist die räumliche, sehr instruktive Gegenüberstellung einer Inhaltsangabe und entsprechender Merkverse aus dem Dramentext. Dem Abdruck der Tragödie I. und II. Teil, des Urfausts und der Paralipomena reihen sich ein Wörterbuch und eine kleine Auswahl aus dem Schrifttum zu Faust an; eine Auswahl, die dem ersten Eindruck nach vielleicht etwas beengt erscheint, jedoch die Grenzen wahrt, die die Ausgabe in ihrem Ziel verfolgt. Denn was hier vorliegt, ist der Versuch einer modernen und populären Faustausgabe, die, ohne den Ansprudi auf strenge Wissenschaftlichkeit zu erheben, der großen Masse der geistig interessierten Leserschaft ohne Jede höhere bildungsmäßige Voraussetzung durch Heranbringung alles Wissensnotwendigen das Verständnis zur Dichtung ebnet. Indem sich der Schwerpunkt der erläuternden Betrachtungsweise von der verstandesmäßigen Deutung zur intuitiven Schau verschiebt, wird hier der natürlichen Einbildungskraft der menschlichen Seele, der Erlebensund Erleidensbereitschaft des Herzens jener Entscheid eingeräumt, der aus des Dichters eigenen, in Faustens Mund gelegten Worten spricht, die eine Brücke schlagen von dem Großen und Verehrten zu jedem unbefangenen, den Erschütterungen der Seele willig auf getanen Herzen: „Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen.“ F. Vetter.

Das Wesen der „Affekte“. Von Robert Heller. Verlag Wilh. Braumüller, Wien.

Eine Monographie über das psycho-physische Grenzgebiet des Gefühlslebens. Es handelt sich demnach um eine Materie, deren Bedeutung für das persönliche Leben wie für die gesamte Kultur immer deutlicher hervortritt. Vielfach m ch wissenschaftliches Neuland, dürfen trotz der bedeutenden Schwierigkeit der Forschung auf diesem Gebiet noch wichtige neue Erkenntnisse erwartet werden. In letzter Linie freilich ist c as Wesen der Affekte, ein metaphysisches Proble n, welches einer restlosen rationalen Erschließung stets Widerstand leisten wird. Dieses „Vorurteil“ wird auch aus der Lektüre vorliegender Arbeit bestätigt, deren Vorstoß in die tiefere Problematik gegenüber dem Niveau mandicr Vergleichsarbeiten besonders hervorgehoben zu werden verdient. Der Autor klassifiziert die Gefühle, systemisiert sie in einfache höhere und komplizierte und erklärt durdi genaue Analysen ihr Wesen als geistigen Vorgang, wobei er der Ansicht von Physiologen und einigen Psychologen wirksam entgegentritt, welche das Wesentliche der Affektbildung in organfunktionel:en Vorgängen suchen wollen In diesen Feststellungen liegt der Fortschritt und besondere Wert der Arbeit. Aufmerksam folgt man den analytischen Ausführungen über höhere Gefühle, wie Ästhetik, Ethik, Sexualität usw., ohne ihnen im Detail durchwegs beipflichten zu können. Manche wertvolle Ergänzung und Aufklärung dürfte aus dem angekündigten Buch über die Rolle des Gefühlslebens für Wissenschaft, Philosophie und Religion zu erwarten sein.

Dr. F. R i t s c h 1

Neue Kleinschriften.des Verlages Herder,

Freiburg/Breisgau, 1946.

Unter diesem Titel erscheinen im Verlag Herder laufend kurze Darstellungen zur Vertiefung der religiösen Erkenntnis und des Wissens. Säe sind zum Teil redit ansprechend, aber es läßt sich doch nicht leugnen, daß wir einer neuen, auf richtigen Quellen aufbauenden Darstellung der christlichen Lehre und Weltanschauung bedürfen.

„Kalaf-Ati.“ Neue Wiener Rätseldiditungen von Siegmund A. B o n d y. Verlag Adolf Holzhausens Nfg., Wien.

S. A. Bondy legt uns in seinem Bändchen Rätseldichtungen eine in gleicher Weise literarisch interessante wie gedanklich anregende Arbeit vor. Die poetisdie Form unterliegt nirgends der zugrunde liegenden Idee und die reine Zweckbestimmung des Rätsels wird mit viel einfühlendem Verstehen zugunsten eines ästhetischen Gesamteindruckes überwunden. Es gelingt dem Verfasser, das Rätsel kunstvoll in verschiedene Dichtungsarten zu kleiden. Wir finden Lieder, Elegien, Oden und Satiren und müssen die Sprachbeherrschung in Sonetten, Stanzen, Terzinen bewundern. So verbindet sich für den Leser die Freude am Gedankenspiel mit dem Genuß der poetisdien Form. Ein Buch, das wohl nicht in einem Atemzuge gelesen werden kann, das man aber nie onbelohnt in Stunden der Ruhe und Entspannung zur Hand nimmt.

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