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Prosa aus österreichischen Verlagen

Jagd im Nebel. Roman. Von Graham Greene. Paul-Zsolnay-Verlag, Hamburg. 338 Seiten.

Dieses Buch Greenes, das auf dem Schutzumschlag als einer seiner „spannendsten Romane“ bezeichnet wird, ist in erster Linie ein hervorragendes Gemälde Englands. Mit ein paar Strichen, ein paar Worten gelingt es Greene, dieses Land zu zeichnen, Dieses Land mit seinen Grubenbesitzern, reich und vorsichtig, seinen Bergarbeitern, seinen Gewerkschaftssekretären, seiner Sonntagsruhe, seiner puritanischen Traurigkeit, seiner nationalen Disziplin, seiner Sattheit, seinen Slums, seinen hobbies, seiner Noblesse und — seinem Nebel, diesem typischen englischen Nebel, der alles in ein seltsames Zwielicht taucht. Dieses Plastischwerden Englands, ist das eigentliche Erlebnis dieses Buches, und nicht diese Jagd zweier feindlicher ausländischer Agenten nach der englischen Kohle, die ihre Parteien zur Kriegführung benötigen, die — scheinbar — den Hauptinhalt des Romans ausmacht. Und deshalb ist es auch möglich, über den unmöglichen Schluß des Buches, einem kitschigen Happy-End, wie er nur in schlechtesten Filmen vorkommt, hinwegzusehen.

Die große Heimsuchung. Novelle. Von Johann F a b r i c i u s. Ins Deutsche übersetzt von Robert S t ö h 1. Paul-Zsolnay-Verlag, Wien.

„Die große Heimsuchung“ ist eine ergreifende Novelle des bekannten niederländischen Romanciers, der den größten Teil 6eines Lebens in den niederländischen Besitzungen, in Java, verbracht hat, wo auch diese Novelle spielt. In seinem einfachen erzählenden Stil, der den Leser von Anfang bis zum letzten Wort fesselt, gibt er ein schönes Gemälde von der Seele des javanischen Volkes, mit ihrer tiefen Religiosität und mit ihren für den Europäer so oft unbegreiflichen Ausbrüdien der wildesten Leidenschaft.

Die Novelle ist die Geschichte des javanischen Bauern Wongso, dessen Sohn ein Tanzmädchen von zweifelhaftem Ruf heiratet. Die Dorfbewohner hassen die fremde Frau, die den geliebten Mann, um ihn nicht weiter ins Unglück zu stürzen, verläßt. Der Sohn, der seine Frau sucht, wird schließlich wahnsinnig und bringt durch einen „Amoklauf“ das ganze Dorf in Entsetzen, bis er von seinem Vater getötet wird. Von Schuldgefühlen geplagt, wird der alte Bauer Pfleger von Pestkranken, in der Hoffnung, den Tod zu finden. Als aber die Pest an ihm vorübergeht und er auch keine innere Ruhe findet, nimmt er schließlich seine Zuflucht zum „Großen Berg“, wo er in Fasten und Betrachtung geläutert wird.

Besonderes Lob gebührt dem Übersetzer, dem es gelungen ist, die Zartheit und Kraft de6 Originalwerkes in der Transkription zu bewahren und so den ganzen Zauber Javas dem deutschsprachigen Leser vor Augen zu führen. Henri C. A. B a 1 j o n

König Volk. Von Robert Ho hl bäum. Pilgram-Verlag, Salzburg. 413 Seiten.

Wenn der Autor tatsächlich versucht hat, in diesem Roman, wie es auf dem Waschzettel heißt, ein „Kolossalgemälde der Französischen Revolution“ zu entwerfen, so kann man nur sagen, daß der Versuch mißglückt ist. Was dabei herauskam, ist eine wirre Sammlung schematisch hingeworfener Szenen, denen der Autor, trotz seiner „zackigen“ Sprache, keine Realität zu geben vermag. Sie spiegeln lediglich die Geschichtsauffassung wider, die unter dem Regime de6 Hakenkreuzes vorgeschrieben war. Daß die Versailler Hofgesellschaft nur einen Bruchteil des französischen Adels umfaßte, der, in seiner überwiegenden Mehrheit, die Blüte der Nation verkörpert hat, bleibt für Hohlbaum außer Betracht. Sein Ideal ist das entwurzelte, seiner natürlichen Ordnung beraubte Volk, die Masse, die „im Rauschen des Windes, im Glanz des Himmels“ eine neue Religion findet und gläubigvertrauend des „Führers“ harrt, der ihr den Weg weisen wird ins „Tausendjährige Reich“. Diese unzweideutige Tendenz glaubt der Autor noch in der Schlußszene unterstreichen zu müssen, in der er einen deutschen Baron unter dem französischen Fallbeil sterben läßt. Der wackere Mann ist nicht allein, da er die Stufen der Guillotine betritt; „seine Ahnen folgen ihm im gleichen Takt des Schrittes ... im Rhythmus der ehernen Klänge...“ Erstaunlich, daß Hohlbaum den Text zu diesen „ehernen Klängen“ nicht gleich beigefügt hat. Aber vermutlich hielt er das bei dem Kreis von Lesern, für die sein Buch bestimmt ist, nicht für nötig; sie kennen ihn ja wohl noch.

Kurt Strachwitz

Die schwarzen Götter. Roman von Friedrich Lorenz. Erasmus-Verlag, Wien. 415 Seiten.

Die seltsamen Gebilde von Indianerreduktionen, die im 17. und 18. Jahrhundert in

Südamerika unter der Leitung von Jesuiten bestanden und allgemein unter der Bezeichnung „Jesuitenstaat Paraguay“ bekannt sind, haben seit jeher weitestes Interesse gefunden. Begreiflich: war dieses Gemeinwesen doch der einzig wirklich christliche Staat, der jemals existierte und — vielleicht eben deshalb — der einzig wahrhaft soziale. Der bekannte Publizist Füllöp-Miller — ein Protestant — hat in seinem großen Werk über die Jesuiten dieser Leistung unverhohlen seine Bewunderung gezollt. Ebenso der österreichische Dramatiker Hochwälder in einem Bühnenstück, das erfolgreich über die Bretter der „Burg“ ging. Und in allerjüngster Zeit der Wiener Publizist Friedrich Lorenz in seinem Roman „Die schwarzen Götter“.

In breiten Bildern wird dem Leser zuerst die Entdeckung der Neuen Welt, ihre Teilung in eine spanische und eine portugiesische Machtsphäre, die Schwierigkeiten der Kolonisation in Südamerika geschildert, bis der Autor in der zweiten Hälfte seines Buches die Entstehung des „Jesuitenstaates“, sein Leben und seinen schließlichen Untergang durch die Mißgunst der Mächte und Menschen zeichnet.

Der Autor hat, dies' ist sofort ersichtlich, ein gewisses Quellenstudium betrieben. So gelang es ihm, die geschichtliche Wahrheit fast durchwegs in bemerkenswerter Objektivität darzustellen. Die Bekehrung des Ignatius von Loyola ist allerdings zu sehr vom Blickpunkt der reinen Psychologie betrachtet, ebenso ist die Darstellung der Morallehre des Jesuiten

Molina nicht einwandfrei. Einige andere kleine Fehler — Klemens VII. zum Beispiel war kein Borgia, sondern ein Medici — sind nicht sinnstörend.

Viele Leser, die durch die Lektüre dieses Romans zum erstenmal etwas über die Geschichte dieses seltsamen christlichen Staates erfahren, werden ihn beeindruckt aus den Händen legen. Dr. Raimund Schiffner

Kein Tag kommt zurück. Roman. Von Juliane Kay. Luckmann - Verlag, Wien. 509 Seiten.

Dieser Zeit- und Entwicklungsroman, der das Schicksal einer altösterreichischen Bürgerfamilie von den letzten Frieflen6jahren unter Kaiser Franz Joseph bis in die Tage nach dem zweiten Weltkrieg schildert, unterscheidet' sich wohltuend von Darstellungen ähnlicher Art, denn der Autorin ergeht 6ich weder in den Gefilden der Psychoanalyse, noch klagt sie eine dem Verfall preisgegebene Gesellschaftsordnung oder moderne Strömungen an, sondern gestaltet mit tiefem Wissen tun Glanz und Schönheit einer vergangenen Epoche wirklichkeitsnah und der Gegenwart aufgeschlossen den seelischen Konflikt jener Generation, die, zwischen gestern und heute 6tehend, den Weg ins Neue zu finden hat. Originelle Vergleiche und eine Reihe bald tragischer, bald heiterer Episoden geben der Handlung Farbe und Leben, aber auch die Anmut und Tiefe wahrer Dichtung.

Alfred Buttlar M o 6 c o n

Der spanische Gärtner. Roman. Von A. J. Cronin. Paul-Zsolnay-Verlag. 269 Seiten.

Der amerikanische Konsul Harrington Brande ist ein einsamer, vom Leben enttäuschter Mann. Es ist dem pedantischen, verschlossenen Menschen nicht gelungen, 6ich die Liebe seiner Frau zu erhalten. Sein ganzes Innenleben ist seither seinem kleinen, kränklichen Sohn Nicholas zugewendet. Mit Widerwillen betritt er den kleinen spanischen Ort San Jorge, in den versetzt zu werden, ihm eine neue Enttäuschung bereitet. Hier begegnet er den beiden Menschen, die auf seine nähere Zukur>#t entscheidenden Einfluß nehmen: dem D/ener Garcia, einem abgefeimten (wie dem Leser scheinen will allzu abgefeimten) Schurken und Jose, dem „spanischen Gärtner“. Mit der Gestalt dieses jungen, warmherzigen, selbstlosen Menschen, der zu Nicholas eine aufrichtige und von .dem innerlich vereinsamten Knaben warm erwiderte Zuneigung faßt, ist Cronin die beste und zugleich erfreulichste Charaktertype des Buches gelungen. Jose, durch 3rande abwegiger Instinkte verdächtigt, fällt einem tragischen Geschick zum Opfer, Garcia entpuppt sich als Verbrecher und

Drahtzieher der Intrige gegen Jose. Nicholas aber ist innerlich dem bisher bestimmenden Einfluß des Vaters entwachsen, dem er eine mit verstehendem Mitleid verbundene Zuneigung bewahrt, gleichzeitig sich der fernen Mutter zuwendend. Hier, gegen das Ende zu, liegen die schönsten Partien des Buches, das im übrigen nicht alle6 gibt, was man 6ich von einem „Cronin“ erwarten mag.

Carl Peez

Digna, die Magd. Roman. Von Gottfried Julius Poitschek. Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 1951. 354 Seiten.

Irgendwo in den Alpen, an der Grenz-scheide zweier Völker, liegt Hochgalden, grünt Gaphai, hausen die Larcher: Namen — wie aus mystischer Ferne, herb wie der Jochwind, der das Lied des Werdens und Vergehens singt. Bilder von dramatischer Wucht, denen nur wenige andere — wie jene Ober-koflers oder Zahns — an die Seite zu stellen sind, entrollt der heimische Autor, der gelegentlich einer Vorlesung während der letzten Buchwoche sein Besessensein von den Bergen bekannte. Besessen — oder noch besser; begnadet, geläutert und geweiht von ihnen: da kann auch heute noch in der arg verunkrauteten Bauerndichtung die blaue Glockenblume läuten. Hanns Salaschek

Balthasar oder Ein junger Herr geht auf die Reise. Von Erich B e r 11 e f f. Paul-Neff-Verlag, Wien, Berlin 1950, 253 Seiten.

In eine Rahmenhandlung ist die Erzählung eines satirischen Märchens eingebaut, die im geselligen Kreise auf einem Schlosse voa einem Schriftsteller begonnen und von verschiedenen Personen fortgesetzt wird. Der Held des Märchens, ein junger Prinz namens Balthasar, muß sich nach dem Tode seines Vaters verehelichen und zieht nun aus, die ferne Prinzessin, die seinem Wunschbild entsprechen soll, zu suchen. Als er endlich nach vielen Jahren doch zu seiner Prinzessin gelangt, wird ihm die Gewißheit, daß sein Leben verfehlt war. — Mit beachtlichem satirischem Talent stellt der Autor am Beispiel von Balthasars Erlebnissen in den Märchenreichen die menschlichen Schwächen, Verirrungen und Selbsttäuschungen bloß und zeigt sie wie in einem Zerrspiegel. Das ganze Leben wird als fragwürdig hingestellt, und es ist überaus bezeichnend für den Skeptizismus, aus dem das Buch entstanden ist, daß die Frage nach Gott nur gestreift wird. (Die Menschen des überzivilisierten Staates wollen Gott in einem Raumschiff erreichen.) Manches ist sehr witzig und psychologisch treffend karikiert, doch gibt es auch ziemlich flache Stellen. Ein sicherer weltanschaulicher Standpunkt fehlt. Die einzelnen Kapitel des Märchens stehen, mit Ausnähme des letzten, das ein alternder, resignierender Mann erzählt und das pessimistisch ausklingt, nur in sehr lockerer innerer Beziehung zu der ziemlich farblosen Rahmenhandlung. Der Stil genügt nur bescheidenen Ansprüchen. Dr. Theo Trümmer

Grünbüsche und Graugestein. Geschichten aus dem Waldland. Von Franz Schmutz-Höbarthen. österreichischer Agrarverlag, Wien. 96 Seiten. S 16.—.

Sieben liebenswürdige Skizzen aus dem Waldviertel, mit verträumter Besinnlichkeit erzählt, doch auch mit viel behaglichem Humoi. Den meisten liegen Erinnerungen an eine im Waldland verlebte Kindheit zugrunde, die nun den gereiften Mann durchs Leben begleiten, an das bäuerliche Elternhaus, an allerlei ergötzliche Dorfgestalten, an kleine Bubenerlebni6se. Aus den Landschaftsschilderungen, die selbst bei einzelnen unvergeßlichen Bäumen zärtlich verweilen, spricht uns allenthalben große Heimatliebe innig an. Die letzte dieser Geschichten, „Der Hochzeitsschreiner“, verdichtet 6ich zum ergreifenden Bericht eines eigenartigen Künstler6chick6als. Das Bändchen ist mit etlichen, zum Teil recht kräftigen Holzschnitten, geschmückt.

Hans Brecka

Das geheime Brot. Roman von Johannes Mario S i m m e 1. Paul-Zsolnay-Verlag, Wien. 318 Seiten.

Was die Romane und Erzählungen des jungen österreichischen Schriftstellers Johannes Mario Simmel vor allem auszeichnen und 6ie vielfach von der literarischen Produktion seiner Generation unterscheiden, ist der Grundton eines kühnen Optimismus, der trotz der Kraßheiten, die das zeitgenössische Milieu bedingt, immer wieder transparent wird. Dabei ist dieser Optimismus keine fatalistische Pose, wie sie bei einer Nachkriegsjugend so oft anzutreffen ist, sondern durchaus glaubhaft, kraftvoll und konstruktiv.

Ganz in diesem Sinne ist auch Simmeis zweiter Roman. „Das geheime Brot“, gehalten. Verzweifelte Menschen, Strandgut der großen Krieg6flut, gewinnen durch Arbeit an einem gemeinsamen Projekt, dem Bau eines Hauses, wieder inneren Halt und Lebensmut.

Der Stil dieses Buches ist wohl etwas salopp und man merkt ihm die Verführungen des Tagesjournalism.us, mit denen der Autor kämpft, zu deutlich an, vielleicht ist auch die Story etwas zu konstruiert; im ganzen gesehen, ist dieser Roman jedoch zweifellos ein positives literarisches Dokument unserer Zeit.

Dr. Hans M. Loew

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