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Schwarz auf weiß — und farbig

Es ist eigentlich noch gar nicht so lange her, daß wir eine „Filmliteratur“ haben. Jahrzehntelang genügten der Masse die grellbunten biographischen Traktätchen — fehlerhaft und kritiklos und immer am Rande von Schund und Schmutz tänzelnd.

Filmkunde und Filmwissenschaft haben wir, von einzelnen Vorgängern abgesehen, erst seit dem zweiten Weltkrieg. Sie ist gerade in unseren Tagen erfreulich im Wachsen.

Eine abundante Darstellung der Situation in Europa vermittelt der Dokumente-Verlag Offenburg in Baden mit „Der Filfi in Europa“ (104 Seiten, illustriert). Zonale Quer- und kritische Längsschnitte, von erstrangigen Aestheten, Praktikern und Wirtschaftlern verfaßt, vermitteln ein verläßliches Bild der Lage und der Problematik des europäischen Films (und acht außereuropäischer Zonen).

Eine pikante Idee, die Spannungen zwischen Presse und Film, ist in dem „S t e c h k o n t a k t“, herausgegeben von der deutschen London-Film in Hamburg durch Karl Klär (182 Seiten), recht interessant und amüsant geformt, obwohl stellenweise eine gewisse verkrampfte Lustigkeit dem Nutzeffekt Abbruch tut.

Stilvoller, vom Umschlag bis zur höchst originellen graphischen Durchgestaltung, ist die hintergründige Heiterkeit des Buches „? y e s, o u i, o. k., njet“ (Oesterreichische Staatsdruckerei, 383 Seiten), mit dem Ernst Marboe dem denkwürdigen Hindernisrennen um den Oesterreich-Film „1. April 2000“ vom ersten Götterfunken bis zur Premiere ein Monument gesetzt hat, in dem Frau Austria nicht gramvoll verhüllt, sondern als weise, schmunzelnde Dame Kobold erscheint.

Dem lorbeergeschmückten österreichischen Film „Die letzte Brücke“ hat sein Drehbuchautor Norbert Kunze in dem gleichnamigen Roman (Eduard Wancura Verlag, Wien-Stuttgart, 192 Seiten, illustriert) ein Werk zur Seite gestellt, das in seiner straffen, szenenartig fortschreitenden „Dramaturgie“ seine Herkunft nicht verleugnen kann, im ganzen aber doch Eigenständigkeit und literarischen Rang darstellt.

In bestechendem, neuem Kleid (glänzender, graubrauner Plastikumschlag mit Blaudruck) präsentiert sich der 8. Jahrgang des „Oesterreichischen Filmalmanachs“ (Herausgeber Harry Nestor, Wien IV, Kleine Neugasse 4, Druck Astoria, Wien X.). Es ist der „Lehmann“ des heimischen Films mit allen Fachinstitutionen, Organisationen, Kinos und Filmschaffenden, darüber hinaus diesmal mit interessanten Aufsätzen xa Filmwissenschaft und Technik.

An Prachtausgaben ist die Filmliteratur noch ärmer als an ernster Literatur. Um so größeres Aufsehen muß eine Prunk-Edition machen, die diese beiden Raritäten vereinigt: Walt Disney: „Die Wüste lebt“, I. Band der „Entdeckungsreisen im Reiche der Natur“. In der Sammlung Belauschte Schöpfung im farbigen Bild. Herausgeber Armand A. Bigle, deutsche Uebertragung der englischen und französischen Urtexte von Margarete Montgelas, Carl Gabler Ges. m. b. H., München, 75 Seiten mit zahlreichen Farbphotos. 243 S.

Aus dem weltberühmten Film sind die schönsten und aufregendsten Bilder entnommen — sie leuchten, auf edelstem Papier und in vollendeter technischer Wiedergabe, fast noch berückender als die Filmszenen. Die Texte, teils poetische Essays, teils fachgerechte Abhandlungen erstrangiger Forscher, haben literarischen Eigenwert. Sie haben folgende prominente Schriftsteller und Gelehrte zu Verfassern: Marcel Ayme, Louis Bromfield, Albert Camus, Paul Eipper, Julian Huxley, Francois Mauriac, Andre Maurois und Henry de Montherlant.

Ich kenne kein Werk der heutigen Filmliteratur, das dieser bedeutenden, in Text und Bild, Inhalt und Ausstattung gleichermaßen beispielgebenden Edition auch nur die Hand reichen könnte.

Der Reiher. Roman. Von Charles M o r g a n. Aus dem Englischen von Herbert E. Herlitschka. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1954. 261 Seiten. Preis 11.80 DM.

Morgan, einer der bedeutendsten lebenden Romanciers Englands, hat hier ein menschlich packendes Motiv gewählt. Einige Jahre nach dem Ende des letzten Krieges kommt Philip Sturgess, ein Amerikaner, nach England, um seinen ehemaligen Kameraden Julian zu besuchen. Während des Krieges waren die beiden Offiziere und wurden mit zwei anderen Kameraden im besetzten Frankreich von einer Geheimorganisation französischer Widerstandskämpfer vor den Deutschen versteckt und unte. vielen Gefahren von einem Ort zum andern, die sogenannte „Flußlinie“ entlang, bis zur rettenden Grenze befördert. Nun ruft Philip wieder die Erinnerung an diese Ereignisse wach, besonders an einen seltsamen Kameraden mit dem Spitznamen „der Reiher“, eines Mannes, den sie alle wegen seines bezaubernden Wesens liebten, der aber ein gewaltsames Ende fand. Er machte sich durch verschiedene Handlungen verdächtig, so daß ihn die anderen für einen deutschen Spion halten mußten. Als sie alle auf dem Speicher eines Hauses in einem französischen Ort versteckt waren, fiel er von Julians Hand. Doch sein Schatten steht nun zwischen den Freunden, vor allem Philip kommt nicht los von ihm, er rekonstruiert das Vergangene in Gedanken und auch in vielen Gesprächen mit einer jungen Dame, die er im Hause Julians kennengelernt hat und die er liebt. Da erfährt er zuletzt von ihr, wer eigentlich dieser geheimnisvolle „Reiher“ war. Diese Eröffnung läßt ihn die lastende Schwere seiner Verantwortung spüren und stürzt ihn in einen Seelenkonflikt, der den Verzicht auf die geliebte Frau gebieterisch zu fordern scheint. Aber ihre verstehende Liebe verzeiht ihm und ermöglicht die befreiende Lösung. — Der Roman zählt zum Besten, was Morgan geschaffen hat. Er ist sehr kunstvoll so aufgebaut, daß die Spannung des Lesers immer aufs neue belebt wird und die Gestalt des „Reihers“, in die zwielichtige Sphäre rler Erinnerung gehoben, immer mehr fesselt. Schilderungen und Gespräche werden, wie wir es bei Morgan gewohnt sind, mit subtiler Psychologie gestaltet. Des Dichters abgeklärte, echt humane Gesinnung tritt deutlich zutage. Auch der Schluß, der für geringere Könner zu einer gefährlichen Klippe hätte werden können, ist ihm überzeugend gelungen.

Die Schwanenchronik. Roman. Von Paul W i 11 e m s. Biederstein-Verlag, München. 331 Seiten.

Mit diesem Buch hat es für den Referenten seine eigene Bewandtnis: ich bekam es zur Besprechung, las es und war nicht sonderlich beeindruckt. Als es dann besprochen werden sollte, war es nicht mehr da — einer von den guten Freunden hatte es sich ausgeborgt, auf Dauer natürlich, wie das schon so ist, und es war nicht einmal festzustellen, bei wem es nun im Regal stand. Und eben in diesem Augenblick begann das Gelesene wirksam zu werden wie Parfüm in einem verlassenen Zimmer. Halbe, reizende Erinnerungen tauchten auf an eine in zierliche Allegorien geknüpfte Handlung, die halb ernsthaft, halb spielerisch, wieder einmal den Zusammenstoß von Kultur und Zivilisation oder ähnliches behandelte; überraschend entzückende Bildchen waren haften geblieben — von Gärten, in denen sich Faune und Einhörner tummelten, von einem Mädchen, das im Teich kleine Süßwassersirenen fing, die dann zu Hause im Aquarium traurige Lieder singen, einige Skurrilitäten von einer verlorenen Hand, die sich selbständig wie eine Spinne bewegte, Episoden von schönen Damen und allerhand anderes. Und plötzlich stellte es sich heraus, daß das kleine Buch auf irgendeine Weise eben doch Eindrücke hinterlassen hatte. Im Nachhinein nahm es den Charakter einer kostbaren Kuriosität an, die vielleicht nicht jedermanns Geschmack sein würde, um deren Verlust es aber doch schade war. — Ich versuchte jahrelang, dem Buch wieder auf die Spur zu kommen, aber ich hatte den Autor, den Verlag und sogar den Titel vergessen; an Hand der Erinnerungsbruchstücke allein gelang es nicht, die Spur aufzunehmen — keiner der Bekannten hatte es gelesen und seine Extravaganz hatte es gewiß auch nicht weit verbreitet. Es tat mir immer leid darum, immer mehr sogar, weil es in der Reminiszenz immer kostbarer wurde. Und dann, fast vier Jahre später, packte den bibliophilen Freund die Reue und es tauchte wieder' auf, ganz zufällig. Ich las es gespannt zum zweitenmal. Aber natürlich, wie das schon geht, die Vorstellung von ihm war besser als es selbst. Ich werde die „Schwanenchronik“ wieder verborgen und hoffe, daß es mir mit ihr wieder so geht wie damals. le-doch es täte mir leid, hätte ich sie überhaupt nie gelesen.

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