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Geschichte der deutschen Literatur von Goethes Tod bis zur Gegenwart

Den repräsentativen Darstellungen der Geschichte der neueren deutschen Literatur von Soergel bis Nadler schließt sich der nun vorliegende Band gleich bedeutend an. Aber noch mehr als das: die Art und Weise der Betrachtung hat sich von schon längst überholten Methoden entfernt und ist auch von der stammesgeschichtlichen eines Nadler abgerückt. Begreiflicherweise ergab die Beendigung des zweiten Weltkrieges, wie nicht minder dessen Ausgang, völlig neue Gesichtspunkte. Der neue Blickpunkt wurde vermittels der gewonnenen Distanz zu den historischen Ereignissen des 19. Jahrhunderts erstellt, und aus ihm ergab sich eine ernste, wenn auch würdevolle Ablehnung des Materialismus und ein Bekenntnis zu den ewigen Werten der Literatur des vergangenen Jahrhunderts, welche die transzendente kosmische Kraft in sich tragen, modische Zeitströmungen und deren Urteile zu überstehen. Die entwicklungsmäßigen Grundlagen bilden das Junge Deutschland in der Zeit um die Befreiungskriege, die Epoche des Vormärz und das Aufkommen des Realismus bis in die Gründerzeit. In konstruktiver Weise wird hier ein Fundament erbaut, auf dem sich das darauffolgende Halbjahrhundert weiterentwickelt oder verfällt, Den drei morphologischen Schichtungen werden an Inhalt und Form glänzende Essays vorangestellt, die weit mehr sind als die bloße Darstellung einer Literaturentwicklung und damit ein ebenso aufschlußreiches wie fesselndes Gemälde der jeweiligen Zeitabschnitte bieten. Der Leser erhält durch diese kulturkritischen Einführungen ein klares Bild von dem Nährboden, aus dem die verschiedenen Strömungen und Individualitäten entsprungen sind. Erfreulicherweise nimmt die österreichische Dichtung einen berechtigt breiten Raum ein und dies von berufenster Hand; hat doch der Verfasser als Wiener bereits vor Jahrzehnten seine Kompetenz hiezu in seinen Publikationen über Grillparzer und Stifter unter Beweis gestellt. Diesen beiden hervorragenden Dichtergestalten ist auch hier wieder der ihnen zukommende breitere Raum gegeben. In diesem Zusammenhang verdient auch das umfangreiche Kapitel über Charles Sealsfield (Karl Postl) besonders hervorgehoben zu werden. Als Parallele an Bedeutung ist andererseits im deutschen Sprachraum jenseits unserer Grenzen die Würdigung Jeremias Gott-helfs beachtenswert.

Die Fülle des stofflichen Materials, welches geboten wird und die rein sachliche Kenntnis, welche jeder Prüfung standhält, ist imponierend, selbst wenn man in Betracht zieht, daß der Verfasser In jahrzehntelangem, emsigem Fleiß die neuere deutsche Literatur auf den Universitäten zu Bonn, Lund, Stockholm, und zur Zeit Fribourg in der Schweiz zu seinem Spezialgebiet wählte. Alkers Urteile sind ebenso treffend wie zum Teil überraschend, so zum Beispiel, daß er sich nicht scheut, so seltsam es auch klingen mag, Franz Stelzhamer und Rainer Maria Rilke in einem Atem zu nennen und diese als die hervorragendsten österreichischen Lyriker nach Grillparzer wertet.

Immer wieder berücksichtigt Alker in besonderem Maße die „Seelenlage“ der dichterischen Individualitäten ebenso wie der jeweiligen Zeitläufte, ein Ausdruck, von ihm selbst geprägt, der, so sehr er ins Wesentliche trifft, vielleicht allzuoft wiederkehrt. Ein ebenso gutgelungener und wortbereichernder

Terminus ist das Adjektivum „blümerant“, welches sich die zahlreichen „Goldschnitt-Kitschiers“, die wie Unkraut zwischen den edlen Gewächsen Im Dichtergarten des 19. Jahrhunderts wuchern, gefallen lassen müssen.

Die Lektüre dieses Buches vermag nicht allein dem Literaturforscher neue Wege zu weisen, sondern auch dem Theaterfachmann durch die eingehende Behandlung der Dramenliteratur, der seinen Spielplan befruchtend bereichern und erweitern könnte. Aber auch dem wissenschaftlich nicht interessierten Leser, dem bloßen Genießer, vermag das Buch ein verläßlicher Ratgeber in der Wahl seiner Lektüre zu sein, was doppelt wertvoll macht. Als praktischem Handbuch fehlt bedauerlicherweise ein Register, welches unumgänglich nötig ist, und es ist zu hoffen, daß dieses am Schluß des Gesamtwerkes vorhanden sein wird. Mit Recht kann man nach diesem ansprechenden Vorschuß auf den zweiten Band gespannt sein, welcher die uns noch näher stehende zeitgenössische Literatur zum Inhalt haben wird. Für die lebenden Generationen der beiden Welterschütterungen wird die gesamt-kultur-literaturpsychologische Darstellung vermutlich nur noch fesselnder zu lesen sein, wie dies schon bei dem vorliegenden Band über das 19. Jahrhundert der Fall ist. Mit Alkers Buch ist mehr getan, als die bisherigen neueren Literaturgeschichten fortgesetzt zu haben; es ist eine empfindliche Lücke ausgefüllt, welche die Entwicklung der Gefühls- und Geisteslagen aufzeigt und den Widerschein im Spiegel der Literatur mit modernster Forschungsmethode in auf- und weiterbauendem Sinne durchdringt.

Franz Zell hausen

Neumond des Geistes. Dreimal Anklage und Verteidigung. Von Herbert C y s a r z. Linde-Verlag, Wien. 174 Seiten.

Das Buch vereinigt drei Aufsätze: Weltwende und Literatur, Kojlektivprobleme im neuen Geschichtsbild, Die Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus. Neumond soll heißen: Niemandsland zwischen der geendeten Neuzeit und einem neu anhebenden Weltalter, das der Verfasser ein kollektivistisches nennt. Die Grundfrage; Ist der Geist, die Hüllen des Gestern in die Gewänder des Morgen verwandelnd, zu retten? Ist das neue Weltalter eine Totgeburt? So grell die Anklage des Gestern und Heute, so gläubig die Utopie eines Morgen. Das erste Stück kommt nach einer Sichtung des heutigen Weltliteraturmarktes zum Schlüsse, daß die Realien den Gestaltungsmächten des Wortes weit vorauseilen und spricht der Literatur der anhebenden Epoche die Führungsrolle ab. Der zweite Aufsatz drängt auf die stete Bezogenheit der Historie auf das Leben, die Praxis, und beschuldigt den historischen Relativismus der Vorschubleistung des Totalitarismus. Der dritte Aufsatz scheidet Nationalismus von Nationalsozialismus, diesem absagend, jenen als Wert bejahend. Er bezichtigt den Radikalfaschismus, ein europafähiges Deutschland des Nationalismus in ein zu verdeutschendes Europa entstellt zu haben. Verfolgte der Nationalismus ein ökumenisches Ziel, so hätte der Nationalsozialismus die Völkerordnung zur Beute eines faschistischen Imperialismus gemacht. „Kein Morgen ohne Gestern“ ist das

Leitmotiv des Buches. Bewußt allen Parolen oder Schlagzeilen ausweichend, bemüht es sich, an Stelle des heute üblichen Anknüpfens an bereits Totes aus dem mißhandelten und entstellten Körper der Vergangenheit zu retten, was zum Aufbau eines lebendigen (nicht ideologischen) Kollektivismus (nicht Totalitarismus) geeignet scheint. — Der bekannte apokalyptische Telegramm- und En-gros-Stil des Verfassers, der oft mit großer Kraft des Zugriffs Epochen und Länder aufrafft, ist scheinbar das einzige Mittel, das schillernde Kaleidoskop, als welches dem Verfasser geschichtliches Geschehen im Sinne seiner lebensphilosophischen Bindung erscheint, sichtbar zu machen. Das Buch ist nicht Losung, sondern, wie es sich selbst nennt, „Anklage und Verteidigung“. Das Pathos der Anklage bestimmt den Ton des Buches, mißt der Verfasser doch In so vielen seiner Schriften die Gegenwart an seinen idealen Forderungen, um jene mit Schärfe zu verurteilen.

Dr. Robert M ü h 1 h e r

Die besten Novellen. Von Theodore Dreiser. Verlag Paul Zsolnay, Wien. 451 Seiten.

Vielen ist der Name Theodore Dreisers vor allem als der des Dichters „Einer amerikanischen Tragödie“ bekannt, und tatsächlich war es dieser große Roman, der seinem Autor, man könnte sagen über Nacht, einen ersten Platz in der Literaturgeschichte seiner Zeit erobert und gesichert hat. Dreiser war aber auch eine vollendeter Meister der Novelle, und seine „short stories“ gehören unstreitig zu dem Besten, was Amerika auf diesem Gebiete hervorgebracht hat. Der vorliegende Band bietet eine vorzügliche Auswahl dieser Novellen. Es sind lebensnahe und besinnliche Geschichten, geschrieben von einem Mann, dem tiefempfundenes Mitgefühl und ein von Herzen kommendes Verständnis für die Schwächen und Leiden seiner Mitmenschen die Feder führten. Kurt S t r a c h w i t z

Giuliano. Roman. Von Eduard Stucken. Verlag Paul Zsolnay. 468 Seiten.

Die weit verschlungene Fabel, die hier nicht nacherzählt werden kann, rankt sich um die Figur Giulianos, eines natürlichen Sprosses des Hauses Medici — eine Art Parsifal, hineingestellt in eine Umwelt, die den Atem des Lesers stocken macht, das Florenz der späten Renaissance. Phantastisch „böse“, zerspaltene, verkrampfte Wesen, allen irren Lüsten hingegeben, in unverständlicher Gärung zu widerspruchsvoll-widersinnigen Untaten getrieben. Die Geschichte der italienischen Renaissance ist an manisch-exzessiven Existenzen gewiß nicht arm: hier sind sie volliählig versammelt, zu einem wahren Hexenreigen vereint. Zuviel des Bösen! Vielleicht, daß eine letzte seelische Deutungs- und Gestaltungskraft, ein höchster Zauber der Sprache diese Welt hätte erträglich machen, ihr eine Art von künstlerischer Weihe hätte verleihen können. Wenn diese Möglichkeit bestand, so ist sie leider nicht genützt worden. Carl von Peez

Der Ritt auf dem Einhorn. Ein Märchen-almanach. Von Ernst Scheibelreiter. Illustriert von Oskar Laske. Berglandverlag, Wien. 216 Seiten.

Die Rahmenerzählung will wieder zu Ehren kommen. Nach Wilhelm v. Hauffs fernen Tagen war sie verschollen, fast verfemt, doch haben in den allerletzten Jahren Hans Nüchtern („Das Herz des Hidalgo“) und Franz Nabl („Johannes Krantz“) sehr beachtenswerte Proben dieser Erzählweise geboten, und nun tritt Ernst Scheibelreiter noch näher an Hauff heran, indem er eine Sammlung von 26 Märchen in eine Erzählung fügt, die sie zusammenhalten und ihnen jeweils die richtige Tönung geben soll. Längst schon hat der Verfasser sich als ein vornehmlich dichterischer Mensch erwiesen, dem das Fabulieren angeboren ist. So gelingen ihm auch diese Märchen ZU Überraschend schönen Kunstwerken, die aber nicht für Kinder bestimmt sind, sondern in poetischer Umkleidung sehr tiefe, ernste Wahrheiten für die Großen enthalten. Manche von ihnen, wie etwa das unendlich reizvolle Märchen „Versuchung von oben“, gehören zum Schönsten, das uns auf diesem Gebiet geschenkt wurde. Die Atmosphäre, in der das ganze Buch lebt, ist der stille, dunkle Zauber des Waldviertels, den die ansonsten etwas schematisch wirkende Rahmenerzählung entfaltet und mit Glück festhält. Er gibt dem gedankenreichen Werk, das einen Schatz an Lebensweisheit birgt, Stimmung und heimatlichen Farbenglanz.

Paul Thun-Hohenstein

Deutsches Wörterbuch. Bearbeitet von Dr. E. Brenner. Verlag Leitner & Co., Wels. 488 Seiten.

Während die Meinungen über das neu zu schaffende amtliche österreichische Wörterbuch entbrannten, ist von privater Seite ein heimisches Wörterbuch aufgelegt worden. Angeregt vom Meinungsstreit, sucht man natürlich vor allem: Berücksichtigung heimischen Sprachgutes und Gebrauches; Einfluß des Mundartlichen und dessen Wertung; Form der Rechtschreibung fremdsprachiger Ausbrücke. Das vorliegende Werk verwendet in seinen rund 900 Spalten, mit dem Duden verglichen, die heimische Form an erster Stelle. Dabei ist aber keineswegs engstirnig vorgegangen worden; die österreichische Toleranz beweist sich beispielsweise am Vorrang der „Schlagsahne“ vor „Obers“; der Duden kennt „Schlagobers“ überhaupt nicht. Das gleiche gilt vom Paradeis(er); im Duden steht dieser Ausdruck auch nicht hinter „Tomate“. Nur bei uns verwendete Worte, wie „Schlankel“, tragen bei Brenner nachfolgend den Vermerk: (österr.). Viel vom Sprachgut der Mundart, die mitunter ein Jungborn der Schriftsprache ist, wurde übernommen; dabei ist vor den Grenzen kein Halt gemacht worden — so sind auch schweizerische Ausdrücke zu finden. Die Fremdworte sind, durchaus richtig, in der Originalrechtschreibung verzeichnet. Besonders gut finden wir Groß-, Klein-und Zusammenschreibung hervorgehoben. Zwei Anhänge bringen Übertragungen fremdsprachiger Ausdrücke und Aufschlüsselung der neuestens so angeschwollenen Abkürzungen. Schließlich ist dem Werk ein knapper, aber ausreichender sprachkundlicher Abschnitt vorausgesetzt. So ist ein wirklich unvoreingenommener, trefflicher und für alle, die um den Sprachgebrauch Sorge tragen, brauchbarer Behelf entstanden.

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